Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 17
Die Stille vor dem Blutmond
Zwischen Fell und Haut, Wärme und Fluch, bleibt ihnen nur ein gestohlener Augenblick.
Fenris hält Wache im violetten Zwielicht des Waldes, während Lyra spürt, dass Geborgenheit und Verderben näher beieinanderliegen, als ihr lieb ist.
Ein Zeichen wird gesetzt.
Ein Versprechen geschändet.
Und der Blutmond wirft bereits seinen roten Schatten über eine Liebe, die alles zu verlieren droht.
Das erste graue Licht des Morgens kriecht nicht über den Horizont; es sickert wie zäher, aschfahler Schleim durch das dichte Blätterdach. Fenris schlägt die Augen auf. Das Smaragdgrün seiner Iris glüht in der unnatürlichen Dämmerung auf, während die Instinkte des Raubtieres sofort von Null auf Hundert schnellen. Er rührt sich nicht, unterdrückt sogar das kleinste Zittern seiner gewaltigen Muskeln, denn er spürt die zerbrechliche Last an seiner Flanke.
Lyra.
Sie schläft noch, tief versunken in einer Erschöpfung, die weit über das Körperliche hinausgeht. Sie liegt eng an ihn geschmiegt, ihr bleiches Gesicht halb in seinem dunklen, dichten Nackenfell vergraben. Während der eisigen Stunden der Nacht war er ihr Hort, ihr lebendiger Ofen; er hat seinen massiven Körper schützend um sie gewunden, hat sie mit seiner animalischen Hitze vor dem Erfrieren bewahrt. Der schwere Gehrock liegt wie eine vergessene Haut über ihren Beinen, doch es ist sein Fell, das sie wirklich wärmt.
Ein tiefer, fast schmerzhafter Beschützerinstinkt brandet in ihm auf, als er ihren gleichmäßigen Atem an seiner Haut spürt. Doch die Idylle ist vergiftet.
Fenris hebt langsam den massiven Kopf. Seine Nüstern beben, ziehen die kalte Morgenluft ein. Er wittert es sofort. Der Wald riecht nicht nach taufrischem Moos oder erwachendem Leben. Er riecht nach statischer Elektrizität, nach verbranntem Ozon und einer modrigen, uralten Bosheit, die wie eine unsichtbare Decke über der Welt liegt.
Er blickt sich um. Der Tag beginnt dunkler, als es das Gesetz der Natur erlaubt. Es ist keine Morgenröte, die durch die Stämme bricht, sondern ein bedrückendes, violettes Zwielicht, das eher an eine ewige Abenddämmerung erinnert. Die Vögel schweigen. Selbst der Wind scheint den Atem anzuhalten. Die Zeit scheint in einer unheilvollen Schleife gefangen zu sein, als hätte die Wächterin den Lauf der Gestirne angehalten, um ihr dunkles Spiel zu vollenden.
Ein tiefes, warnendes Grollen vibriert tief in Fenris’ Brustkorb - so leise, dass es Lyra nicht weckt, aber stark genug, um die Luft um sie herum erzittern zu lassen. Er spürt die Gefahr nicht nur in der Luft, er spürt sie im Boden. Irgendetwas nähert sich der Lichtung, etwas, das nicht aus Fleisch und Blut besteht, sondern aus dem reinen Willen zur Vernichtung.
Das Ritualwasser von Samuel hat sie gebunden, ja - er fühlt Lyras Herzschlag fast so deutlich wie seinen eigenen -, aber es hat sie auch wie ein Leuchtfeuer in der spirituellen Finsternis markiert. Sie sind nicht mehr verborgen.
Fenris spannt die Sehnen seiner Läufe an. Er ist bereit, dieses kleine Stück Paradies mit jedem Tropfen seines verfluchten Blutes zu verteidigen, doch die unnatürliche Dunkelheit lässt selbst in der Bestie ein unheimliches Frösteln aufsteigen. Die Jägerin ist nun zur Beute geworden, und der Wald selbst scheint sich gegen sie zu verschwören.
Fenris verharrt einen Moment in absoluter Reglosigkeit, während die unnatürliche Finsternis vor den Grenzen der Lichtung wie ein gieriges Tier lauert. Er spürt Lyras Wärme, die sich wie ein seidiger Schleier über seine Flanke legt. In seinem Inneren tobt ein Sturm aus archaischem Beschützerinstinkt und einer Zärtlichkeit, die so menschlich ist, dass sie sein wolfsähnliches Herz beinahe zerreißt.
Er muss sie wecken. Die Gefahr atmet bereits im Nacken der Bäume.
Ganz vorsichtig, mit einer Behutsamkeit, die man einem Raubtier seiner Größe niemals zutrauen würde, senkt er seinen massiven Kopf. Seine feuchte, schwarze Nase berührt ihre Wange, dort, wo die Spuren des getrockneten Blutes und des Kajals wie die Ruinen einer vergangenen Schlacht wirken. Er stößt sie sanft an, ein Hauch von warmem Atem streift ihr Ohr.
Lyra gibt nur ein leises, kehliges Seufzen von sich. Ihre Lider flattern kaum merklich, doch sie sinkt sofort wieder zurück in den tiefen, bleiernen Schlaf der Erschöpfung. Ein kleines, unbewusstes Lächeln umspielt ihre Lippen, als würde sie in ihrem Traum noch immer die ekstatische Verbindung der vergangenen Nacht spüren.
Fenris beobachtet sie. Wenn er jetzt Hände hätte, würde er ihr Gesicht rahmen, ihre Haut liebkosen, bis sie die Augen öffnet. Wenn er Lippen hätte, würde er ihr einen Kuss auf die Schläfe brennen, einen Kuss, der all seine Dankbarkeit und sein tiefes, sündiges Begehren besiegelt. Doch er ist in dieser pelzigen Hülle gefangen, ein Gefangener seiner eigenen Wildheit. Das Verlangen, sie menschlich zu berühren, ist eine Qual, die heißer brennt als die Wunden der Wächterin.
Er stupst sie erneut an, diesmal ein wenig beharrlicher. Lyra bewegt sich nur leicht, reckt und räkelt ihre Glieder in einer unbewusst erotischen Geste, die den Gehrock noch weiter von ihrem Körper gleiten lässt. Ihre nackte Haut schimmert im fahlen, violetten Zwielicht wie fahler Marmor. Das Verlangen, sie einfach nur zu betrachten, ist groß, doch das Grollen der nahenden Finsternis lässt ihm keine Wahl.
Er wird ein bisschen fester. Er schiebt seine Schnauze unter ihre Schulter und drückt sie bestimmt nach oben. Es ist ein sanfter Zwang, eine Erinnerung daran, dass der Wald nicht länger ihr Heiligtum ist.
„Wach auf, meine Jägerin“, fleht er stumm in ihrem Geist.
Endlich schlagen ihre Augen auf. Die dunklen Pupillen weiten sich, während sie aus dem Rausch der Träume zurück in die unheimliche Realität der Lichtung gerissen wird. Sie sieht direkt in das smaragdgrüne Feuer seiner Augen und begreift sofort, dass die Dämmerung, die sie umgibt, kein natürlicher Morgen ist.
Anstatt aufzuspringen, anstatt der Panik nachzugeben, die wie kalter Nebel nach ihr greift, entscheidet Lyra sich für den Widerstand der Zärtlichkeit. Sie lässt sich tiefer in das dichte, warme Fell an Fenris’ Flanke sinken. Es ist eine bewusste Hingabe an den Moment, ein trotziges Festhalten an der ekstatischen Geborgenheit, die nur er ihr schenken kann.
Sie schließt die Augen und vergräbt ihre Finger tief in seiner schwarzen Mähne. Die Fasern seines Fells sind rau und weich zugleich, durchdrungen von der Hitze seines massiven Körpers. Lyra streichelt ihn mit langsamen, andächtigen Bewegungen, spürt die kraftvolle Wölbung seiner Rippen und das stetige, donnernde Pochen seines Herzens. Für diesen winzigen Augenblick lässt sie zu, dass alle Sorgen - die blutigen Spiegel, die bernsteinfarbenen Augen im Unterholz und die drohende Rückkehr der Wächterin - wie ferner Donner hinter dem Horizont verblassen.
Fenris gibt ein tiefes, kehliges Seufzen von sich, das durch ihr gesamtes Skelett vibriert. Er senkt seinen Kopf wieder und legt ihn schwer auf ihre Schenkel, während er die Augen schließt. Das smaragdgrüne Licht seiner Iris erlischt fast vollständig unter seinen Lidern, während er sich voll und ganz der Berührung seiner Jägerin hingibt. In dieser Stille sind sie kein Fluchbeladener und keine Gejagte mehr; sie sind zwei Seelen, die in der Dunkelheit der Welt eine lodernde Flamme der Zugehörigkeit gefunden haben.
Die Luft zwischen ihnen ist geladen mit einer rohen, archaischen Erotik, die keiner Berührung von Haut auf Haut bedarf, um alles zu verzehren. Das bloße Wissen um seine Nähe, der Geruch nach wildem Moschus und der Duft des violetten Ritualwassers, das noch immer auf ihrer Haut klebt, berauscht sie mehr als jeder Wein. Lyra spürt, wie ihre eigene Atmung sich dem langsamen, schweren Rhythmus der Bestie anpasst.
„Nur noch einen Augenblick“, flüstert sie, und ihr Atem verliert sich im dichten Pelz seines Nackens. „Nur wir.“
Sie genießen diese kostbare, gestohlene Zeit, während die Welt um sie herum den Atem anhält. Es ist die Ruhe vor dem alles entscheidenden Sturm, ein kurzer Frieden in einem Krieg, der längst ihre Herzen erreicht hat. Fenris leckt ihr sacht über das Handgelenk - eine Geste, die so voller Demut und wilder Liebe ist, dass Lyra eine Träne über die Wange rinnt, die sofort im Fell der Bestie verschwindet.
Fenris stößt ein tiefes, fast schmerzvolles Grollen aus, das wie ein Beben durch Lyras Brustkorb wandert. Er genießt die Wärme ihrer zarten Hand in seinem Fell, die sündige Vertrautheit ihrer Nähe, doch der Krieger in ihm ist erwacht. Er spürt, wie die unnatürliche Finsternis jenseits der Lichtung wie eine Schlinge zugezogen wird. Das violette Zwielicht ist kein bloßes Wetterphänomen; es ist der Atem der Wächterin, der den Wald vergiftet.
Mit einer Bestimmtheit, die keine Widerrede duldet, hebt er das Haupt von ihrem Schoß. Seine Bewegungen sind noch immer von einer bleiernen Schwere gezeichnet, die Muskeln zittern unter der Last des Fluches, doch sein Blick ist klar und schneidend wie grünes Glas. Er fixiert Lyra, und in der Tiefe seiner smaragdgrünen Augen brennt eine mahnende Dringlichkeit.
Er schiebt seine Schnauze sanft, aber bestimmt unter ihre Hände, um den körperlichen Kontakt zu unterbrechen. Es ist ein rituelles Lösen, ein Opfer, das er bringen muss, um sie zu bewahren. Lyra spürt das Aufbäumen seiner animalischen Kraft, ein Glimmen im Blut, das durch das Fleisch und das Ritualwasser genährt wurde. Er ist nicht bei voller Stärke - die Wunden an seinen Körper pochen noch immer in einem dunklen Rhythmus -, doch für das, was er vorhat, wird es reichen müssen.
Lass mich los, Lyra, hallt sein Gedanke in ihrem Verstand wider, rau und gebieterisch wie das Rauschen uralter Eichen. Die Schatten rücken näher. Ich muss die Grenzen unseres Heiligtums sichern, bevor sie uns den Atem stehlen.
Er richtet sich ganz auf, seine Gestalt wirkt in der unheimlichen Dämmerung noch gewaltiger, eine dunkle Silhouette gegen das kranke Violett des Himmels. Er wittert die Finsternis, seine Nüstern beben vor unterdrückter Wildheit. Er ist bereit, sich dem entgegenzustellen, was dort draußen lauert - sei es der fremde Wolf oder die rachsüchtige Präsenz der Hexe selbst.
Lyra sieht ihn an, ihre Haut brennt noch immer dort, wo sein Fell sie berührt hat. Die erotische Spannung der Nacht weicht nun einer kalten, messerscharfen Wachsamkeit. Sie versteht, dass seine Liebe zu ihr nun die Form von Stahl und Instinkt annimmt. Er will nicht nur ihr Liebhaber sein; er ist ihr Schild.
Fenris macht einen ersten, prüfenden Schritt auf den Rand der Lichtung zu. Seine Krallen graben sich tief in das Moos, und eine elektrische Aura beginnt sein Fell zu umspielen, als würde die Magie der Urquelle in ihm auf sein Kommando warten. Er dreht den Kopf noch einmal kurz zu ihr zurück, ein letzter, besitzergreifender Blick, der ihr sagt, dass er eher den Wald niederbrennen wird, als zuzulassen, dass ihr etwas geschieht.
Die Stille, die Fenris hinterlässt, ist nicht friedlich; sie ist ein gähnender Abgrund, der Lyra mit kalten, unsichtbaren Händen umschlingt. Sobald seine massive, hitzeabstrahlende Gestalt zwischen den schwarzen Stämmen verschwunden ist, bricht die harte Realität über sie herein wie eine Lawine aus Eis. Das violette Zwielicht des Waldes wirkt nun nicht mehr mystisch, sondern feindselig, ein Grabmal für eine Frau, die alles für die Liebe einer Bestie geopfert hat.
Ihr Körper beginnt gegen sie zu rebellieren. Die erotische Ekstase, die sie noch vor kurzem in Trance hielt, weicht dem banalen, grausamen Schrei nach Überleben. Ihre Kehle fühlt sich an wie mit Sandpapier ausgekleidet, jeder Atemzug in der frostigen Luft brennt wie Feuer in ihrer Lunge. Der Durst ist eine brennende Pein, und in ihrem Magen klafft eine Leere, die so tief ist, dass ihr schwindelig wird.
Mit klammen, fast gefühllosen Fingern kriecht sie zu der Reisetasche, die sie so achtlos ins Moos geworfen hat. „Bitte“, flüstert sie, und ihre Stimme ist nur noch ein krächzendes Echo ihrer selbst. Sie reißt den Reißverschluss auf und wühlt fieberhaft im Inneren.
Ihre Hände stoßen auf Stoff. Sie fühlt das kühle Leinen eines ihrer Kleider, die grobe Wolle eines Pullovers und dann - der Geruch von Fenris - die schweren, nach Stoff und Moschus duftenden Hemden des Mannes, den sie so verzweifelt zurücksehnt. Sie drückt eines seiner Hemden für einen Moment an ihr Gesicht, sucht Trost in seinem Duft, doch der Stoff löscht keinen Durst. Sie wühlt tiefer, tastet nach dem harten Plastik einer Wasserflasche oder der glatten Oberfläche einer Konserve, doch ihre Finger finden nur weitere Stofflagen und das kalte Klirren der Goldmünzen am Boden der Tasche.
Gold. Ein Vermögen liegt in ihren Händen, und es ist in diesem Moment wertloser als ein einziger Schluck Wasser.
Verzweifelt lässt sie die Tasche los und blickt sich um. Der Wald um die Lichtung herum wirkt wie versteinert. Die Blätter der Farne hängen schlaff und grau herab, überzogen von einem unnatürlichen Frost, der nach Verfall schmeckt. Es gibt keinen Bach, kein Tau auf den Blättern, das nicht vergiftet wirkt. Das Wasser der Quelle, das Fenris heilte, ist im Boden versickert oder hat sich in das unantastbare Licht der Barriere verwandelt - für Lyra ist es unerreichbar.
Die Kälte beginnt, tiefer zu kriechen. Sie klettert an ihren nackten Beinen hoch, setzt sich in ihre Gelenke und lässt ihre Knochen erzittern. Sie zieht den schweren Gehrock enger um sich, doch der Stoff ist feucht vom Nebel und schwer von der Magie der Nacht; er wärmt sie nicht mehr, er wiegt bleiern auf ihren schmalen Schultern.
Sie ist allein. Eine verlorene Priesterin in einem verfluchten Hain, umgeben von Reichtum und Kleidern eines Mannes, der vielleicht nie wieder als Mensch zu ihr zurückkehren wird. Der Hunger wird zu einem dumpfen Schmerz, doch es ist die Einsamkeit, die sie am meisten frieren lässt. Sie starrt in das violette Dunkel, dorthin, wo Fenris verschwunden ist, und fragt sich, ob sie stark genug ist, diesen Tag zu überstehen, wenn der Wald ihr nichts als Staub und Schatten bietet.
Die Realität schneidet durch den Nebel ihrer Erschöpfung wie ein chirurgisches Skalpell. Lyra starrt auf ihre zitternden Hände, die noch immer den Duft von Fenris’ Fell und das klebrige Versprechen des Ritualwassers tragen. Sie ist eine Königin ohne Reich, eine Geliebte in einem Palast aus Schlamm und sterbenden Farnen. Die Romantik der Nacht ist der nackten, hässlichen Notwendigkeit des Überlebens gewichen.
Sie streicht sich mit einer fahrigen Bewegung durch das feuchte, verklettete Haar. Die Strähnen kleben an ihrer Stirn, schwer vom Tau und den Rückständen ihrer Flucht. Das Wasser der Quelle hat Fenris’ Wunden geschlossen, doch es kann ihren Durst nicht löschen; die Magie der Bindung hat ihre Seelen verschmolzen, doch sie füllt nicht ihren Magen.
„Ich kann dich so nicht retten“, flüstert sie in die feindselige, violette Stille. Ihre Stimme klingt fremd, rau vor Durst und der Kälte, die wie flüssiges Blei in ihren Knochen sitzt.
Sie blickt auf die geöffnete Reisetasche. Die Seidenhemden von Fenris und ihre eigenen Kleider wirken hier draußen wie hämische Relikte einer Zivilisation, die sie längst ausgespuckt hat. Sie braucht keinen Luxus. Sie braucht Substanz. Sie braucht Decken, die dick genug sind, um den heraufziehenden Frost der Wächterin abzuwehren. Sie braucht Vorräte, Kanister mit Wasser und die Sicherheit von Stahl und Feuer.
Und sie weiß, dass es nur einen Ort gibt, an dem sie das alles findet - und dieser Ort ist eine Todesfalle.
Rosevil. Die Stadt der geisterhaften Schatten und der blutbespudelten Spiegel.
Ein Schauer läuft über ihren Rücken, der nichts mit der Außentemperatur zu tun hat. Zurückzukehren bedeutet, sich wieder in das Sichtfeld der Hexe zu begeben. Es bedeutet, die Lichtung zu verlassen, auf der Fenris über sie wacht, und sich schutzlos dem asphaltenen Labyrinth zu stellen. Doch wenn sie hierbleibt, wird sie zur Last. Sie wird schwächer werden, bis sie nur noch ein zerbrechliches Bündel aus Haut und Knochen ist, das Fenris mehr Sorgen bereitet als Schutz bietet.
Die sinnliche Schwere der letzten Stunden verwandelt sich in eine grimmige, fast hasserfüllte Entschlossenheit. Sie wird nicht als Opfer enden. Sie wird die Jägerin sein, die alles beschafft, was ihr Rudel zum Überleben braucht.
Mühsam erhebt sie sich. Ihre Knie knacken, und der schwere Gehrock zieht sie nach unten, doch sie strafft die Schultern. Sie muss zurück. Ein letztes Mal muss sie in den Schlund der Bestie greifen, die sich ihre Heimatstadt nennt. Sie muss Samuel finden, Vorräte rauben und sich wappnen für einen Winter, der nicht von Gott, sondern von einem Fluch gesandt wurde.
Sie wirft einen letzten, sehnsuchtsvollen Blick in die Dunkelheit des Waldes, dorthin, wo Fenris patrouilliert. Er wird spüren, dass sie geht. Er wird den Schmerz der Trennung in seinem Blut fühlen, genau wie sie.
Das violette Zwielicht kriecht wie kalte Finger über Lyras nackte Haut, während sie erneut in der Reisetasche wühlt. Die bittere Notwendigkeit hat die ekstatische Träumerei vertrieben. Ihre Finger schließen sich um den groben, schweren Stoff eines schwarzen Strickpullovers. Er ist groß, fast zu weit für ihre zierliche Gestalt, doch er verspricht die einzige Wärme, die sie jetzt finden kann.
Mit zitternden Gliedern streift sie den schweren Gehrock von ihren Schultern. Für einen kurzen, gefährlichen Moment steht sie fast entblößt in der feindseligen Stille der Lichtung. Die Kälte beißt gierig in ihre Brust, lässt ihre Haut schmerzhaft prickeln und erinnert sie an die schutzlose Fragilität ihres menschlichen Seins. Hastig streift sie den schwarzen Pullover über den Kopf. Die Wolle kratzt auf ihrer Haut, ein rauer Kontrast zu der sanften Wildheit von Fenris’ Fell, doch sie saugt die restliche Körperhitze gierig auf. Dann schlüpft sie wieder in den Mantel - Fenris’ Mantel -, der sie wie eine Rüstung aus dunkler Geschichte und animalischem Moschus umschließt.
Sie greift nach den Autoschlüsseln; das kalte Metall fühlt sich in ihrer Handfläche wie ein Talisman an. Daneben die Goldmünzen, die schwer und verheißungsvoll in ihrer Tasche klirren. Es ist das Lösegeld für ihr Überleben, das Blutgeld für die Vorräte, die sie aus der sterbenden Stadt reißen muss.
Lyra wirft keinen Blick zurück. Sie weiß, dass sie stehen bleiben würde, wenn sie noch einmal in die Tiefe des Waldes sähe, dorthin, wo ihr Herz in der Gestalt eines Wolfes wacht. Mit schnellen, entschlossenen Schritten lässt sie das matte Licht der Quelle hinter sich.
Der Waldrand empfängt sie mit einer Mauer aus Dunkelheit. Der Nebel ist hier so dicht geworden, dass er wie eine lebendige Substanz wirkt, ein milchiges Weiß, das sich um die schwarzen, knorrigen Stämme windet wie die Finger eines Ertrinkenden. Die Sichtweite schrumpft auf wenige Meter; die vertrauten Pfade sind unter dem grauen Schleier verschwunden. Jeder Schritt auf dem modrigen Boden klingt hohl, als würde sie über ein Massengrab aus Laub wandern.
Ihre Sinne sind bis zum Zerreißpunkt gespannt. Die Wärme der Nacht ist einer messerscharfen Paranoia gewichen. Sie hört das Tropfen des Nebels von den Nadeln der Tannen, das wie leises Flüstern hinter ihr herzieht. Der Wald atmet - schwer, feucht und voller Geheimnisse, die nicht für das menschliche Auge bestimmt sind.
Sie spürt die Augen, die sie aus dem Dickicht fixieren. Es ist nicht Fenris, das weiß sie. Es ist die Bosheit der Wächterin, die in den Schatten lauert und darauf wartet, dass sie die schützende Grenze der Lichtung weit genug hinter sich gelassen hat. Doch Lyra krallt ihre Finger um den Schlüsselbund und presst die Lippen zusammen. Sie ist nicht mehr die zerbrechliche Frau, die sie gestern noch war. Sie ist die Gefährtin der Bestie, und sie wird sich ihren Weg durch diesen Nebel erzwingen.
Lyra tritt aus dem schlingenden Griff der Tannenäste auf den schmalen Asphaltstreifen, der wie eine vergessene Narbe die Wildnis durchschneidet. Der Waldrand liegt nun hinter ihr, doch die Freiheit schmeckt nach Eisen und Angst. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite kauert ihr alter Käfer im dämmrigen Violett der unnatürlichen Dämmerung - eine kleine, metallene Insel der Normalität, die jedoch plötzlich vollkommen fremd wirkt.
Ein eisiger Schauer kriecht ihre Wirbelsäule hinauf, heftiger als der Frost des Morgens. Etwas stimmt nicht.
Die Fenster des Wagens sind nicht von außen mit Reif überzogen oder vom Nebel benetzt. Sie sind von innen beschlagen. Ein dichter, weißlicher Schleier legt sich gegen das Glas, und dicke Tropfen rinnen in langsamen, trägen Bahnen an der Innenseite der Frontscheibe herab. Es ist das untrügliche Zeichen von Wärme in einer eiskalten Welt. Es ist das Kondenswasser eines Atems.
Jemand - oder etwas - sitzt in ihrem Auto.
Lyra erstarrt mitten auf der Fahrbahn. Das Gold in ihrer Tasche scheint plötzlich bleischwer zu werden, und das Metall der Schlüssel schneidet schmerzhaft in ihre Handfläche. Das Klopfen ihres Herzens hallt in der unnatürlichen Stille der Straße wider, ein hektischer Rhythmus vibrierenden Terror umschlägt. Fenris ist weit weg im Dickicht, und sie steht hier, schutzlos zwischen dem Wald und diesem metallenen Käfig.
Trotz des lähmenden Entsetzens zwingen ihre Füße sie voran. Es gibt kein Zurück. Sie braucht den Wagen, sie braucht die Flucht. Mit angehaltenem Atem tritt sie an die Fahrertür. Der dichte Beschlag ist so undurchsichtig wie Milchglas. Verzweifelt hebt sie die Hand, um den Dunst wegzuwischen, doch ihre Finger treffen nur auf die unnachgiebige, kalte Außenseite der Scheibe. Das Hindernis liegt dahinter, unerreichbar für ihre Berührung.
Sie presst ihr Gesicht fast gegen das Glas, versucht verzweifelt, einen Schatten, einen Umriss oder das Funkeln von Augen im Inneren zu erspähen. Doch der weiße Dunst hütet sein Geheimnis mit grausamer Effizienz. Es riecht hier draußen plötzlich nicht mehr nach Wald; durch die Türdichtungen sickert ein Hauch von etwas Süßlichem, Schwerem - wie verwelkende Gardenien und das Aroma von heißem, menschlichem Schweiß.
Ihre Hand zittert, als sie den Schlüssel zum Schloss führt. Sie spürt eine dunkle Vibration, die vom Blech des Wagens ausgeht, ein rhythmisches Pulsieren, das fast wie ein zweiter, dunkler Herzschlag wirkt. Wer auch immer dort drinnen wartet, hat die Kälte der Nacht bereits durch die bloße Präsenz seines Lebens besiegt.
Lyra packt den Türgriff, bereit für einen Kampf oder den Zusammenbruch. Doch die Tür leistet keinen Widerstand. Sie schwingt mit einem geisterhaften Quietschen auf - ein stummes Geständnis ihrer eigenen kopflosen Panik, die sie gestern zur Flucht trieb. Sie hat sie tatsächlich unverschlossen gelassen, ein offenes Tor in ihre verletzliche Welt.
Noch bevor sie den Innenraum ganz überblicken kann, explodiert eine schwarze Wolke aus dem Wageninneren. Mit einem krächzenden Schrei, der wie das Schaben von Metall auf Knochen klingt, schießt eine riesige Krähe an ihrem Kopf vorbei. Lyra duckt sich instinktiv weg, spürt den harten Windstoß der Schwingen und den modrigen Geruch von Federn und Verfall. Der Vogel kreist einmal drohend über dem Käfer, bevor er im violetten Nebel verschwindet, als wäre er nie da gewesen.
Zitternd richtet sich Lyra auf und starrt auf den Beifahrersitz. Der Dunst im Inneren verzieht sich langsam durch die offene Tür, doch was er enthüllt, lässt das Blut in ihren Adern gefrieren.
Dort liegt ein grobes Stück Baumstamm, die Rinde noch feucht, als wäre es gerade erst dem Wald entrissen worden. Es ist ein Altar der Verzweiflung. Lyra erkennt die Schnitzereien sofort - es ist Fenris’ Handschrift, eine Botschaft aus einer Zeit, die Äonen entfernt scheint, obwohl sie erst gestern existierte. Mit der rauen Präzision eines Mannes, der um seine Menschlichkeit kämpft, hat er einen Pfeil in das Holz geritzt, gefolgt von einem Herzen. Ein Symbol der Hoffnung, ein Versprechen auf eine Zukunft, die sie sich gemeinsam erträumt hatten. Daneben prangt ein Wolfskopf, das Wappen seiner Seele.
Doch die Nachricht ist geschändet worden.
Inmitten des Wolfskopfes, genau dort, wo das Auge des Tieres in das Holz geritzt wurde, steckt nun ein Messer. Die Klinge ist schmal, schwarz wie Obsidian und bis zum Heft im Stamm versenkt. An der Stelle, an der der Stahl das Holz durchbohrt hat, quillt eine dicke, dunkle Flüssigkeit hervor. Es ist kein Harz. Es ist frisches, pulsierendes Blut, das den Wolfskopf in ein grausiges Rot taucht und in zähen Tropfen auf den Sitzbezug rinnt.
Lyra spürt, wie ihr der Magen nach oben steigt. Sie schluckt hart gegen den metallischen Geschmack von Galle und Tränen. Sie hat dieses Geschenk nie gesehen. Gestern, in ihrer blinden Angst um ihn, war sie an diesem Zeichen seiner Liebe vorbeigerannt, ohne es eines Blickes zu würdigen. Und nun hat die Wächterin es gefunden.
Die Nachricht der Hexe ist unmissverständlich: Das Herz ist bereits durchbohrt. Der Wolf ist zum Sterben markiert.
Die die Wärme des Morgens, die noch in ihrem Körper von Fenris' Nähe nachhallte, wird von einer eisigen, messerscharfen Wut verdrängt. Das blutige Messer ist nicht nur eine Drohung; es ist eine Verhöhnung ihrer Liebe. Die Wächterin will ihr zeigen, dass sie jeden Brief, jedes Geschenk und jede Berührung korrumpieren kann.
Lyra streckt die Hand nach dem Messergriff aus, ihre Finger zittern so sehr, dass sie das Leder des Sitzes streifen. Die Luft im Käfer ist plötzlich erfüllt vom Duft verwelkter Gardenien - dem Parfüm der Hexe.
Lyra streckt die zitternden Finger aus, das Fleisch ihrer Handfläche sehnt sich fast schmerzhaft danach, die Entweihung ungeschehen zu machen. Doch noch bevor ihre Haut den schwarzen Griff des Messers berührt, schlägt ihr eine Welle entgegen, die kälter ist als der Tod selbst. Es ist keine physische Kälte; es ist ein bösartiger Entzug von jeglichem Leben, ein eisiger Windhauch aus einem Grab, der die Poren ihrer Haut augenblicklich verschließt. Ihre Hand zuckt zurück, als hätte sie nach einer giftigen Natter gegriffen.
Ein entsetztes Keuchen entweicht ihrer Kehle. Sie weiß instinktiv: Wenn sie diesen Stahl berührt, wird die Dunkelheit der Wächterin direkt in ihre Blutbahn kriechen und das Licht ihrer Seele auslöschen.
„Nicht heute“, flüstert sie mit zusammengepressten Zähnen, während ihre Augen von dem blutigen Wolfskopf auf dem Holz zu dem leeren Beifahrersitz flackern.
Mit einer fast gewaltsamen Entschlossenheit packt sie den Rand der Tür und schlägt sie zu. Das metallische Dröhnen hallt wie ein Schuss durch die unheimliche Stille des Waldrandes. Sie weigert sich, das geschändete Geschenk länger anzusehen. Sie rennt um die Schnauze des Käfers herum, ihre Stiefel wirbeln den feuchten Dreck der Fahrbahn auf, und sie reißt die Fahrertür auf.
Sie lässt sich in den Sitz fallen, ihr Körper zittert so heftig, dass sie Mühe hat, den Zündschlüssel in das Schloss zu führen. Die Luft im Wagen ist schwer und stickig, gesättigt mit dem Duft von Blut, Holz und dieser unerträglichen, süßlichen Note von Gardenien, die wie ein Gift in ihren Lungen brennt.
Sie dreht den Schlüssel. Der Motor des Käfers hustet, stottert kurz in der kalten Morgenluft, als wolle er gegen die Last der Magie aufbegehren, und erwacht dann mit einem rauen, röhrenden Knall zum Leben. Lyra legt den Gang ein, ohne ein weiteres Mal nach rechts zu blicken, dorthin, wo das Messer im Herzen des Wolfes steckt.
Sie tritt das Gaspedal durch. Die Reifen drehen auf dem nassen Asphalt kurz durch, bevor der Wagen nach vorne schießt und sie von der Grenze des Waldes wegträgt. Der Rückspiegel zeigt ihr nur noch den wallenden, violetten Nebel, der die Lichtung und den Mann, den sie dort zurückgelassen hat, wie ein Leichentuch verschlingt.
Sie fährt wie eine Besessene. Die Welt draußen zieht als verwischter Albtraum an ihr vorbei - graue Hecken, skelettartige Bäume und die ersten Vorboten der Stadt, die sich im fahlen Zwielicht wie bösartige Wucherungen ausbreiten. Jede Faser ihres Seins ist auf ein einziges Ziel ausgerichtet: Samuel.
Er ist der Einzige, der versteht, was dieses Messer bedeutet. Er ist der Einzige, der ihr helfen kann, die Vorräte zu finden und die Barrieren zu stärken, bevor die Wächterin ihren finalen Zug macht. Während sie den Käfer durch die gewundenen Straßen in Richtung des Pfarrhauses jagt, spürt sie das Gewicht des Goldes in ihrer Tasche und das Pochen ihres eigenen Herzens, das nun im Gleichtakt mit der Wut einer Frau schlägt, die nichts mehr zu verlieren hat.
Mit kreischenden Reifen kommt der Käfer vor dem steinernen Koloss der Kirche zum Stehen. Lyra reißt die Fahrertür auf, noch bevor der Motor ganz verstummt ist. Die Luft hier im Zentrum von Rosevil schmeckt nach abgestandenem Weihrauch und herannahendem Unwetter. In einem verzweifelten Laufschritt eilt sie über den gepflasterten Vorplatz, den schweren Gehrock fest um ihren Körper gewickelt, während ihr Atem in kleinen, gehetzten Wolken in der kalten Luft gefriert.
Sie erreicht die massive, eisenbeschlagene Eichentür und stemmt sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegen. Mit einem tiefen, klagenden Ächzen gibt das Holz nach und Lyra stolpert in das dämmrige Kirchenschiff.
Hier drinnen herrscht eine unnatürliche, fast greifbare Stille. Das Licht der hohen Buntglasfenster fällt nur spärlich auf die leeren Kirchenbänke und zeichnet blutrote und tieflila Schatten auf den kalten Steinboden. Lyras Augen jagen durch den Raum, suchen nach dem einzigen Anker, der ihr in diesem Wahnsinn geblieben ist.
Am hinteren Ende, nahe dem Altarraum, entdeckt sie ihn. Samuel sitzt an einem kleinen, massiven Holztisch, der von einer einzigen, flackernden Kerze beleuchtet wird. Er wirkt gealtert, seine Züge sind tief in Schatten getaucht, während er über ein gewaltiges, in dunkles Leder gebundenes Buch gebeugt ist. Seine Finger fahren die vergilbten Zeilen nach, als würde er eine Landkarte durch die Hölle suchen.
„Samuel!“, bricht es aus ihr heraus. Ihre Stimme hallt von den hohen Gewölbedecken wider und klingt in der Heiligkeit des Raumes fast wie ein Schrei.
Er blickt nicht sofort auf, doch seine Schultern straffen sich. Als er schließlich den Kopf hebt, spiegelt sich in seinen Augen eine dunkle Vorahnung wider. Er schließt das Buch mit einem dumpfen Schlag, der den Staub der Jahrhunderte aufwirbelt.
„Lyra“, flüstert er, und seine Stimme ist rau vor Erschöpfung. „Du hättest nicht zurückkehren dürfen.“
„Ich hatte keine Wahl“, stößt sie hervor, während sie auf ihn zuhastet. Sie bleibt keuchend vor dem Tisch stehen, ihre Hände zittern so stark, dass sie sie im Stoff ihres Pullovers vergraben muss. „Sie war in meinem Wagen, Samuel. Die Wächterin… oder ihre Schatten. Auf dem Beifahrersitz liegt ein Stück Baumstamm. Fenris hat es für mich hinterlassen, er hat Symbole hineingeritzt… ein Herz, einen Pfeil… einen Wolfskopf.“
Sie schluckt hart, und das Bild des blutigen Stahls brennt erneut vor ihrem inneren Auge. „Aber da steckt jetzt ein Messer darin. Ein schwarzes Messer, direkt im Auge des Wolfes. Es blutet, Samuel. Das Holz blutet, als wäre es lebendiges Fleisch. Und eine Krähe… sie war im Inneren des Wagens, als würde sie die Nachricht bewachen.“
Samuel erbleicht. Er stützt sich mit den flachen Händen auf das aufgeschlagene Buch, und für einen Moment scheint das Kerzenlicht in seinem Gesicht zu flackern, als würde ein kalter Windzug durch das geschlossene Gebäude fahren. Die dunkle Romantik ihrer Erzählung, das Bild des geschändeten Liebespfands, lässt die Luft in der Kirche dick und schwer werden.
„Das Messer im Auge“, murmelt er, und seine Stimme zittert vor unterdrücktem Grauen. „Sie markiert ihn nicht nur zum Sterben, Lyra. Sie will seinen Geist blenden. Sie will, dass er dich nicht mehr erkennt, wenn der Fluch seinen Höhepunkt erreicht.“
Samuel wendet sich wortlos ab, seine Schritte klingen hohl auf den kalten Steinplatten, während er zu dem schweren Holztisch zurückkehrt. Es ist, als lastre das gesamte Gewicht des drohenden Unheils auf seinen schmalen Schultern. Er kniet sich nieder und zerrt mit einer Anstrengung, die ihn keuchen lässt, ein zweites, noch gewaltigeres Buch unter dem Tisch hervor. Es ist in rußgeschwärztes Leder gebunden, dessen Kanten mit angelaufenem Silber beschlagen sind - ein Werk, das so alt wirkt, als stamme es aus der Zeit, bevor die Stadt Rosevil ihren Namen erhielt.
Er legt es auf die Tischplatte, wobei eine Wolke aus Staub und dem Geruch nach Verfall aufwirbelt. Samuel beginnt zu blättern. Das Pergament knistert wie trockenes Herbstlaub unter seinen zitternden Fingern. Er atmet schwer, ein rasselndes Geräusch, das in der unheimlichen Stille der Kirche wie ein böses Omen wirkt. Seine Augen jagen über kryptische Runen und verblasste Illustrationen von zerstückelten Seelen und brennenden Wäldern.
„Es ist schlimmer, als ich befürchtet habe“, murmelt er, ohne aufzublicken. Sein Gesicht ist im flackernden Kerzenschein nur noch eine Maske aus tiefen Furchen und bleicher Haut. „Die Wächterin greift nicht nur nach seinem Leben, Lyra. Sie webt den Schmerz seiner Vergangenheit in die Klinge ein. Das Messer im Wolfskopf ist ein Siegel, das nur an dem Ort gebrochen werden kann, an dem der Verrat seinen Anfang nahm.“
Er hält inne, sein Finger bleibt auf einer Zeichnung liegen, die eine dunkle, unterirdische Gewölbestruktur zeigt. Ein Schauer durchläuft seinen Körper, und er sieht Lyra mit einem Blick an, der so voller Bedauern ist, dass es ihr das Herz zuschnürt.
„Es gibt keinen anderen Weg“, sagt er heiser. „Wir müssen da ansetzen, wo Fenris damals aufgehört hat. Wir müssen zurück in die Tiefe. In die Krypta unter der alten Kathedrale, in der er als Restaurator gearbeitet hat, bevor der Fluch ihn in die Wildnis trieb.“
Lyra spürt, wie die Kälte der Krypta bereits jetzt nach ihren Knöcheln greift. Jener Ort, an dem Fenris die verborgenen Inschriften freigelegt hatte, die niemals das Licht der Welt hätten erblicken dürfen. Jener Ort, an dem er zum ersten Mal den Atem der Wächterin im Nacken spürte.
„Dort unten“, fährt Samuel fort und seine Stimme sinkt zu einem verschwörerischen Wispern, „ist das Echo seines menschlichen Ichs noch immer in den Steinen gefangen. Nur dort können wir die Verbindung zwischen dem Messer im Wagen und seinem Herzen trennen. Aber sei gewarnt: Die Krypta gehört ihr. Sie ist ihr Thronsaal aus Stein und Moder.“
Lyra presst die Lippen zusammen. Die Vorstellung, in die dunklen Eingeweide der Stadt hinabzusteigen, während die Wächterin bereits Jagd auf sie macht, ist entsetzlich. Doch der Gedanke an Fenris, der blind vor Schmerz im Wald zurückgeblieben ist, gibt ihr eine grimmige Stärke.
Samuel schlägt das gewaltige Buch zu. Der dumpfe Schlag hallt wie ein Urteil durch das leere Kirchenschiff und wirbelt eine letzte Wolke aus altem Staub auf, die im spärlichen Licht der Kerze tanzt. Mit einer fast schon rituellen Sorgfalt verstaut er das schwere Werk wieder in seinem Versteck unter dem massiven Tisch, als wolle er die dunklen Geheimnisse darin schnellstmöglich wieder wegsperren.
Als er sich aufrichtet, sieht er Lyra an. Sie steht da wie eine gespannte Bogensehne, die Augen weit und fiebrig vor Tatendrang. Ihre Finger krallen sich in den schwarzen Strickpullover, und ihr ganzer Körper scheint sich bereits in Richtung der schweren Eichentür zu lehnen, bereit, den Kampf gegen die Finsternis in den Eingeweiden der Stadt aufzunehmen.
Doch Samuel rührt sich nicht. Er betrachtet ihr blasses, gezeichnetes Gesicht, den verlaufenen Kajal und die klebrigen Spuren von Blut und Wald, die sie wie eine Kriegsbemalung trägt. Ein tiefer Schatten von Mitgefühl legt sich über seine Züge, und er schüttelt langsam, fast bedächtig, den Kopf.
„Nein, Lyra“, sagt er, und seine Stimme ist zwar leise, aber von einer unerschütterlichen Autorität. „Nicht so. Wenn du diesen Weg in die Krypta antrittst, während du am Ende deiner Kräfte bist, wird die Wächterin dich verschlingen, noch bevor du die erste Stufe der Treppe erreicht hast.“
Lyra will protestieren, will ihm sagen, dass Fenris keine Zeit hat, doch Samuel hebt die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen.
„Komm mit mir“, befiehlt er sanft und deutet auf die kleine Tür, die zum Pfarrhaus führt. „Du wirst zuerst zu mir kommen. Du wirst den Dreck und das Blut der letzten Nacht unter einer heißen Dusche von deiner Haut waschen. Du wirst frische Kleidung anziehen - Kleidung, die nicht nach Angst und Jagd riecht. Und du wirst essen und trinken.“
Er tritt einen Schritt auf sie zu und sieht ihr fest in die Augen. „Dein Körper ist der Tempel, der Fenris’ letzte Hoffnung birgt. Wenn du vor Hunger zitterst und vor Kälte starr bist, kannst du ihm nicht helfen. Die Dunkelheit nährt sich von deiner Erschöpfung. Wir werden uns wappnen, Lyra. Mit Brot, mit Wasser und mit der Wärme, die dir die Wildnis entzogen hat.“
In Lyra tobt ein innerer Kampf. Der Drang, zu Fenris zurückzukehren und den Fluch zu brechen, ist ein brennender Schmerz in ihrer Brust, doch die bleierne Müdigkeit in ihren Gliedern gibt Samuel recht. Ihre Knie zittern, und der Durst in ihrer Kehle ist mittlerweile so schlimm, dass jedes Wort schmerzt.
Sie lässt die Schultern sinken und nickt kaum merklich. Das Versprechen von heißem Wasser und einer kurzen Flucht aus der Grausamkeit der Realität ist zu verlockend, um es auszuschlagen. Während sie Samuel in die privaten Räume des Pfarrhauses folgt, spürt sie, wie die Anspannung der Flucht ganz langsam einer dumpfen Hoffnung weicht - der Hoffnung, dass sie gestärkt genug sein wird, um das Messer im Herzen des Wolfes zu zerbrechen.
Lyra folgt Samuel über den kurzen, windgepeitschten Pfad, der die Kirche mit dem Pfarrhaus verbindet. Als er die schwere Tür entriegelt und sie eintreten lässt, schlägt ihr eine Welle entgegen, die sie fast taumeln lässt: wohlige, beinahe mütterliche Wärme. Es ist kein gewöhnliches Heizen gegen den herbstlichen Frost; es fühlt sich an, als würde das Haus selbst sie in eine schützende Decke hüllen. Ein langes, zitterndes Seufzen entweicht ihren Lippen, und für einen Wimpernschlag fallen die Qualen der letzten Stunden von ihr ab.
Samuel sieht über die Schulter zurück und schenkt ihr ein schmales, wissendes Lächeln. „Hier bist du sicher, Lyra. Zumindest für die Dauer eines Atemzugs.“
Er geht voraus, und Lyra folgt ihm tiefer in das Innere des Hauses. Ihre Augen wandern unstet umher, und ein leises Staunen mischt sich in ihre Erschöpfung. Das Pfarrhaus entspricht in keiner Weise dem klischeehaften Bild eines kirchlichen Heims. Es gibt hier keine schweren, staubigen Brokatvorhänge oder dunkle Eichenmöbel, die nach Weihrauch und Buße riechen. Stattdessen ist das Interieur von einer kühlen, fast skandinavischen Moderne geprägt - klare Linien, Glas, helles Holz und indirektes Licht, das die Schatten sanft vertreibt.
Doch etwas anderes fällt ihr noch deutlicher auf: die Abwesenheit des Heiligen. Sie sucht nach einem Kruzifix an den Wänden, nach Marienstatuen oder Rosenkränzen, doch da ist nichts. Keine Kreuze, keine Ikonen. Es wirkt eher wie das Refugium eines Gelehrten oder eines Ästheten als das eines Mannes Gottes. In dieser sterilen Perfektion wirkt Samuels Wissen über Flüche und Bestien noch weitaus unheimlicher.
Samuel bleibt vor einer matten Glastür stehen und drückt die Klinke nach unten. „Hier“, sagt er leise. „Nimm dir die Zeit, die dein Körper verlangt.“
Lyra tritt in das Badezimmer und hält unwillkürlich den Atem an. Es ist ein Tempel der Reinheit. Großflächige, schiefergraue Fliesen, eine freistehende, tiefweiße Badewanne und eine geräumige Regendusche mit Glaswänden dominieren den Raum. Alles glänzt, alles ist makellos sauber und einladend. Es ist das genaue Gegenteil von ihrem eigenen Heim am Rande des Friedhofs, wo der Schimmel in den Ecken der alten Rohre fraß und der Geruch von feuchter Erde immer durch die Dichtungen kroch. Hier gibt es keine Geister der Vergangenheit, nur das Versprechen von flüssiger Erlösung.
Sie starrt auf ihr Spiegelbild im großen, beleuchteten Wandspiegel. Die Frau, die ihr entgegenblickt - mit dem blutverschmierten Gesicht, den wilden Haaren und dem schwarzen Pullover, der nach Fenris riecht - wirkt wie ein Fremdkörper in dieser klinischen Idylle.
„Handtücher liegen bereit“, sagt Samuel noch, bevor er die Tür hinter sich zuzieht und sie mit dem sanften Rauschen der Belüftung allein lässt.
Lyra tritt an das Waschbecken und legt die zitternden Hände auf den kühlen Rand. Das Wasser lockt sie, ein Element, das den Schmutz der Welt abwaschen kann, doch sie weiß, dass das, was sie in der letzten Nacht erlebt hat, tiefer unter die Haut gegangen ist als jeder Dreck.
Lyra steht allein in der sterilen Stille des Badezimmers, das wie eine Schleuse zwischen der Hölle draußen und einer flüchtigen Reinheit wirkt. Mit Fingern, die noch immer leicht zittern, greift sie nach dem Saum des schweren schwarzen Pullovers.
Stück für Stück schält sie sich aus ihrer Rüstung. Erst der feuchte Gehrock, der Pullover, der so intensiv nach Fenris und dem feuchten Wald riecht, landet mit einem dumpfen Schlag auf den schiefergrauen Fliesen. Dann die Jeans, die vom Schlamm der Lichtung versteift ist, und schließlich ihr Slip und BH. Sie lässt die Stoffe einfach zu Boden fallen, wo sie wie die abgestreifte Haut einer Schlange liegen bleiben. In diesem Moment fühlt es sich an, als würde sie die letzten zwei Tage von sich werfen - die blutigen Runen an ihrem Spiegel, den Gestank von Tod in ihrem Haus, die lähmende Angst vor der Wächterin. Jede Last, die auf ihren schmalen, bleichen Schultern gelastet hat, scheint für einen Wimpernschlag an Gewicht zu verlieren, als sie nackt und schutzlos in das künstliche Licht tritt.
Sie geht auf die gläserne Duschkabine zu. Ihre Haut wirkt in der hellen Beleuchtung fast transluzent, wie feinster Marmor, der von den Strapazen der Nacht gezeichnet ist. Als sie die Armatur dreht, antwortet die Technik mit einem leisen Zischen. Lyra streckt die Hand aus, lässt die ersten kalten Tropfen über ihre Fingerkuppen perlen, bis das Wasser umschlägt und dampfende, fast schmerzhafte Wärme ihre Haut erreicht. Sie tritt unter den Strahl.
Das heiße Wasser bricht über sie herein wie eine gnädige Flut. Es prallt auf ihre Schultern, rinnt in heißen Bächen über ihren Rücken und spült den getrockneten Schlamm, den Schweiß und das Fenris Blut von ihren Poren. Lyra schließt die Augen und legt den Kopf in den Nacken. Die Welt draußen - der verfluchte Wald, der blutende Baumstamm im Käfer, die drohende Krypta - verschwimmt hinter einem Vorhang aus Dampf und prasselndem Wasser.
Sie spürt, wie die unerbittliche Kälte, die sich bis in das Mark ihrer Knochen gefressen hatte, langsam weicht. Ihre Muskeln, die stundenlang wie zum Zerreißen gespannte Drahtseile unter Druck standen, geben endlich nach. Die wohlige Wärme dringt tief in ihr Fleisch ein, lockert die Verspannungen und lässt sie zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder tief durchatmen. In dieser feuchten Dunkelheit hinter ihren Lidern existiert nur noch das Gefühl der Erlösung. Sie ist nicht mehr die Gejagte, nicht mehr die Heilerin; sie ist einfach nur ein menschliches Wesen, das versucht, die Dunkelheit der Welt von seiner Seele zu waschen.
Doch während das Wasser an ihr herabfließt, vermischt sich der Dampf mit dem verblassenden Duft des Amethyst-Elixiers, und eine dunkle, erotische Sehnsucht flammt in der Hitze auf. Sie spürt das Phantombild von Fenris’ rauer Zunge auf ihrer Haut, eine Erinnerung, die das heiße Wasser fast wie eine Berührung seiner Hände wirken lässt.
Während das stete Prasseln des Wassers im Badezimmer wie ein ferner, reinigender Regen widerhallt, herrscht in der Küche des Pfarrhauses eine geschäftige, fast schon rituelle Stille. Samuel bewegt sich mit einer Präzision, die verrät, dass er schon oft Vorbereitungen für Reisen in die Dunkelheit getroffen hat. Auf dem Herd erwärmt er eine schwere Suppe vom Vortag; der würzige Dampf von Wurzelgemüse und Kräutern füllt den Raum und bildet einen scharfen Kontrast zu dem modrigen Geruch des Verfalls, den Lyra mit sich ins Haus gebracht hat.
Mit Bedacht greift er nach einem großen, geflochtenen Weidenkorb. Seine Hände, die eben noch in staubigen Manuskripten blätterten, greifen nun nach den Grundlagen des nackten Überlebens. Er füllt den Korb mit Brot, getrocknetem Fleisch und konservierten Vorräten - Dinge, die nicht verderben und die ihr in der feindseligen Kälte des Waldes die nötige Kraft geben werden. Ein zweiter Korb folgt sogleich; in diesen packt er einen kompakten Gaskocher, kleine Töpfe und Metallbecher. Es ist das Werkzeug für ein karges Lagerfeuer in einer Welt, in der normales Holz vielleicht nicht mehr brennen will.
Samuel verlässt die Küche und tritt in sein Wohnzimmer. Er greift nach einer schweren, anthrazitfarbenen Wolldecke, die über der Lehne seines Sessels liegt, und faltet sie mit einer fast schon zärtlichen Sorgfalt zusammen. Ein kleines, festes Kissen von seiner Couch wandert dazu, flankiert von einem Stapel frischer, flauschiger Handtücher. Er weiß, dass Lyra in der Krypta oder im Wald auf nichts als hartem Stein und gefrorener Erde ruhen wird, wenn sie nicht dieses kleine Stück Zivilisation bei sich trägt.
Im Flur öffnet er einen der modernen Einbauschränke, die so gar nicht zu dem uralten Fundament der Kirche passen wollen. Er holt dicke, weiße Stumpenkerzen und mehrere Packungen Zündhölzer hervor. In diesem Moment hält er inne. Das rhythmische Plätschern der Dusche dringt gedämpft durch die Wände zu ihm durch - ein Geräusch von Leben und Reinigung in einem Haus, das viel zu oft nur das Echo von Gebeten und Tod beherbergt.
Ein seltenes, zufriedenes Lächeln stiehlt sich auf seine schmalen Lippen. Es ist das Lächeln eines Strategen, der weiß, dass seine wichtigste Kriegerin gerade ihre Rüstung aus Erschöpfung ablegt, um sich neu zu wappnen. Er geht zurück in die Küche und verstaut die Kerzen und Zündhölzer behutsam zwischen den Vorräten. Licht und Feuer - die elementarsten Waffen gegen die Schatten der Wächterin.
Er blickt auf die vollgepackten Körbe und die bereitgelegte Ausrüstung. Es ist ein Überlebenspaket für eine Reise, von der niemand weiß, ob es eine Wiederkehr gibt. Doch solange das Wasser im Bad noch fließt, schenkt er ihr diese letzten Minuten der Illusion von Sicherheit, bevor er sie zurück in den Schlund des Unheils schicken muss.
Samuel tritt an das hohe Küchenfenster, die Fingerspitzen leicht gegen das kühle Glas gepresst. Er starrt hinaus in das Herz von Rosevil, doch was er sieht, ist keine Stadt, die einem neuen Tag entgegenblickt. Die Welt da draußen wirkt wie in Agonie erstarrt, als würde sie sich weigern, jemals wieder aus dieser unnatürlichen Nacht zu erwachen.
Der Nebel wallt in dichten, zähen Kaskaden durch die Gassen, verschlingt die Laternenmasten und lässt die Umrisse der Nachbarhäuser wie drohende Monolithen erscheinen. Die Wolken hängen tief, eine schwere Decke aus Ruß und dunklem Schiefer, die jeden Funken Hoffnung erstickt. Es ist ein Himmel, der nicht atmet, sondern drückt.
Doch es ist nicht nur die Finsternis, die Samuel den Atem raubt. Er blickt nach oben, dorthin, wo hinter der grauen Wolkenwand ein unheilvolles Glimmen lauert. Er hat die alten Schriften studiert; er kennt die Zyklen der Verderbnis. Er weiß mit einer unumstößlichen, grausamen Gewissheit, dass diese Nacht kein gewöhnliches Ende finden wird.
Ein Blutmond wird aufziehen.
Ein Schauer, kalt wie Grabeserde, läuft über seinen Rücken. Ein Blutmond ist in diesen Breitengraden kein astronomisches Ereignis, sondern ein kosmisches Sakrileg. Wenn der Mond sich in das tiefe, rostige Rot von geronnenem Blut taucht, erreicht die Macht der Wächterin ihren Zenit. Die Grenze zwischen den Welten wird dünn wie Pergament, und der Fluch, der auf Fenris lastet, wird sich in eine Bestie verwandeln, die keine Gnade mehr kennt. Die rote Aura wird das Tier in ihm peitschen, den Hunger ins Unermessliche steigern und die letzte Barriere seiner Menschlichkeit niederreißen.
„Gott steh uns bei“, flüstert Samuel, und sein warmer Atem lässt die Scheibe beschlagen, wodurch das düstere Panorama draußen nur noch verschwommener und bedrohlicher wirkt.
Die Sorge grabt sich wie eine tiefe Furche in seine Stirn. Er denkt an das blutende Messer im Käfer und an Lyra, die im Badezimmer versucht, die Schatten von ihrer Seele zu waschen. Sie ahnt noch nichts von der himmlischen Hinrichtung, die ihnen bevorsteht. Der Blutmond wird die Krypta in ein Schlachthaus der Träume verwandeln.
Er wendet sich vom Fenster ab, doch das Bild des verborgenen, roten Auges am Himmel bleibt in seinem Kopf. Er muss schneller handeln. Die Zeit der Vorbereitungen läuft ab, während der Kosmos sich bereits gegen sie verschworen hat.