Lyra & Fenris - Moonbound   Kapitel 18

Der Atem vor dem Blutmond


Während sich der Himmel über Rosevil unheilvoll verfärbt und der Blutmond seinen Aufstieg ankündigt, wird Lyra vor eine Entscheidung gedrängt, die keinen Aufschub duldet. Im scheinbar sicheren Pfarrhaus ringt Samuel mit Schuld, Begehren und der Erkenntnis, dass Lyras Platz nicht länger an geschützten Mauern ist, sondern an der Seite der Bestie, die sie liebt. Als dunkle Omen Gestalt annehmen und die Wächterin ihren Einfluss offenbart, beginnt Lyras Flucht zurück in den Wald - verfolgt von schwarzer Magie, lebendigen Schatten und dem Gefühl, dass jede Minute über Leben oder Verlust entscheidet.
Im Herzen der Wildnis, unter einem blutroten Himmel, treffen Angst, Hingabe und uralte Kräfte aufeinander. Dort, wo Mensch und Monster einander finden, entscheidet sich, ob Liebe stark genug ist, einen Fluch aufzuhalten - oder ob der Blutmond alles verschlingen wird.


Samuel löst seinen Blick von der drohenden Schwärze des Himmels und kehrt mit mechanischen Schritten zum Herd zurück. Die Gedanken jagen in seinem Kopf wie aufgescheuchte Krähen umher, während er den schweren Löffel in den Topf taucht. Das leise Schaben des Metalls auf dem Topfboden ist das einzige Geräusch in der Küche, abgesehen von dem fernen Prasseln der Dusche, das ihm wie das Ticken einer unerbittlichen Uhr vorkommt.

 

Er rührt den Eintopf um, beobachtet die aufsteigenden Dampfschwaden, doch er sieht nicht die Nahrung, die er für Lyra bereitet. Er sieht die blutrote Scheibe des Mondes, die sich bereits hinter dem Horizont wie eine offene Wunde formt.

 

Die Zeit der Reinigung, der warmen Mauern und der kurzen Rast ist ein Luxus, den sie sich eigentlich nicht mehr leisten können. Samuel weiß, dass jede Minute, die Lyra hier in der Sicherheit des Pfarrhauses verbringt, eine Minute ist, in der die Dunkelheit im Wald an Boden gewinnt. Er muss sie zurückbringen. Er muss sie zurück in die Arme der Bestie führen, bevor der Himmel endgültig aufreißt und das Licht des Blutmonds die Erde in ein wahnsinniges Rot taucht.

 

Wenn der Mond seinen Zenit erreicht, wird Fenris’ Wille wie Glas unter einem Vorschlaghammer zerbrechen. Die animalische Raserei wird keine Gnade kennen, es sei denn, Lyra ist bei ihm - als sein Anker, als seine letzte Verbindung zu einer Welt, die nicht aus Zähnen und Krallen besteht. Samuel spürt eine tiefe Schuld in seiner Brust; er schickt diese Frau, die er fast wie eine Tochter betrachtet, direkt in das Auge eines übernatürlichen Hurrikans.

 

„Vergib mir“, flüstert er in den aufsteigenden Dampf der Suppe.

 

Seine Knöchel treten weiß hervor, während er den Löffel fester umklammert. Er darf nicht zögern. Er muss Lyra füttern, sie einkleiden und sie dann wie ein Opferlamm - oder eine Kriegerin - zurück in den Schlund des Waldes fahren. Die Krypta muss warten, bis sie das Lager am Waldrand gesichert haben. Er muss sicherstellen, dass sie bei Fenris ist, wenn der erste Strahl des blutigen Lichts die Baumkronen berührt. Denn wenn sie zu spät kommen, wird es keine Krypta mehr geben, die sie retten können, und keine Seele, die es wert wäre, befreit zu werden.

 

Er schaltet die Herdplatte aus. Die Zeit des Wartens ist vorbei. Die Stille im Haus fühlt sich plötzlich nicht mehr geborgen an, sondern wie der angehaltene Atem eines Henkers.

 

Die Badezimmertür schwingt mit einem leisen Quietschen auf, und ein Schwall von warmem, duftendem Dampf ergießt sich in den kühlen Flur, wie der Atem eines erwachenden Frühlings inmitten eines Grabmals.

 

Lyra tritt heraus.

 

Sie trägt nichts als ein schweres, weißes Handtuch, das sie hastig um ihren Körper geschlungen hat. Der Stoff presst sich an ihre noch feuchte Haut und offenbart die zierlichen, aber dennoch kraftvollen Kurven ihres Körpers, während ihre nackten Schultern im fahlen Licht der Flurlampen wie Elfenbein schimmern. Ihre Haare sind schwer von der Nässe, dunkle Strähnen kleben an ihrem Hals und lassen kleine Wassertropfen über ihr Schlüsselbein abwärts wandern, wo sie im weichen Gewebe des Handtuchs verschwinden.

 

Samuel, der eben noch mit der väterlichen Sorge eines Beschützers den Kochlöffel schwang, erstarrt. Er sieht sie an, und für einen Augenblick setzt sein Herzschlag aus. Der Gedanke, sie sei wie eine Tochter für ihn, zerfällt zu Staub unter der Wucht ihrer bloßen Präsenz.

 

Ohne den schwarzen Kajal, der ihre Augen zuvor wie dunkle Abgründe umrahmt hatte, wirkt ihr Gesicht vollkommen verändert. Sie ist ungeschminkt, ihre Züge sind weich und von der Hitze des Wassers zartrosa angehaucht. Es ist eine rohe, entwaffnende Schönheit, die ihn völlig unvorbereitet trifft. In ihrer Verletzlichkeit liegt eine unfassbare Macht; sie wirkt nicht länger wie die gehetzte Jägerin, sondern wie eine antike Göttin, die gerade den Wellen entstiegen ist.

 

Sie ist so unsagbar schön, dass es Samuel fast körperlich schmerzt. Die erotische Spannung, die Lyra wie eine Aura umgibt, füllt den engen Raum des Flurs aus und lässt die Luft zwischen ihnen vibrieren. Er sieht die feinen Wassertropfen auf ihrer Oberlippe, das Beben ihres Brustkorbs beim Atmen und die Tiefe ihrer blauen Augen, die ihn nun direkt und ohne Maske ansehen. Für einen sündigen Moment vergisst er den Blutmond, die Wächterin und sogar das drohende Verderben. Er sieht nur die Frau, die bereit ist, für eine monströse Liebe alles zu opfern - und er versteht in diesem Augenblick, warum Fenris lieber die Welt brennen sehen würde, als sie aufzugeben.

 

Lyra bemerkt seinen starren Blick, doch sie wendet sich nicht ab. Die Stille zwischen ihnen dehnt sich, beladen mit einer neuen, gefährlichen Intensität, während das Wasser von ihrem Haar auf den Holzboden tropft.

 

„Samuel?“, flüstert sie heiser, und der Klang ihrer Stimme bricht den Bann, der ihn gefangen hielt.

 

Samuel schluckt schwer, während der trockene Hals ihm das Atmen verweigert. Er weiß, dass er wegschauen sollte, dass die Heiligkeit seines Amtes und die Schwere ihrer Mission keinen Raum für solche Gedanken lassen dürfen. Doch sein Körper gehorcht ihm nicht. Er tritt einen Schritt auf sie zu, die Distanz zwischen der kühlen Vernunft des Priesters und der brennenden Realität der Frau schrumpft auf ein gefährliches Minimum.

 

Mit einer Hand, die nur mühsam ihre Ruhe bewahrt, zieht er ein kleines, an einer Lederkordel hängendes Amulett aus seiner Tasche. Es ist aus geschwärztem Silber, ein uraltes Siegel, das im dämmrigen Licht des Flurs fast zu pulsieren scheint.

 

„Komm her“, flüstert er, und seine Stimme ist eine Oktave tiefer, rauer als zuvor.

 

Lyra zögert nicht. Sie tritt näher, bis er die Hitze ihres Körpers spüren kann, die nach dem Bad von ihr ausstrahlt wie von einem glühenden Kern. Er hebt das Amulett an und legt die Kordel um ihren Nacken. Dabei streifen seine Fingerspitzen unweigerlich ihre feuchte, erhitzte Haut. Es ist nur eine flüchtige Berührung, doch sie wirkt wie ein elektrischer Entladungsstoß. Die weiche Textur ihres Nackens, die Kühle der nassen Haarsträhnen und die unglaubliche Wärme ihrer Haut lassen Samuels Puls in seinen Schläfen hämmern.

 

Seine Finger verweilen einen Wimpernschlag zu lange an ihrem Hals, ordnen eine dunkle Locke, während sein Daumen ganz sacht über die Linie ihres Wirbels streicht. Lyra schließt für einen Moment die Augen, ein tiefes Einatmen lässt das Handtuch über ihrer Brust gefährlich beben. Die dunkle Erotik des Augenblicks ist so dicht, dass man sie beinahe greifen kann - ein verbotener Moment des Innehaltens, während draußen die Welt auf ihr Ende wartet.

 

„Es wird dich schützen“, murmelt er, doch seine Augen ruhen nicht auf dem Silber, sondern auf ihren Lippen. „Es ist das Letzte, was ich dir geben kann, bevor wir uns der Finsternis stellen.“

 

Er löst seine Hand, doch die Spur seiner Berührung brennt auf ihrer Haut wie ein Brandmal. Lyra sieht ihn an, und in diesem Blick liegt ein stummes Verständnis für die Last, die sie beide tragen. Sie ist nicht länger nur das Mädchen, das Hilfe suchte; sie ist das Zentrum eines Sturms, der Männer - ob Priester oder Bestie - gleichermaßen in seinen Bann zieht.

 

„Danke, Samuel“, sagt sie leise, und das Silberamulett ruht nun direkt auf der Stelle, wo ihr Herz gegen die Rippen schlägt.

 

Samuel tritt einen Schritt zurück, der Zauber bricht, doch die Spannung bleibt wie ein Nachbeben im Raum hängen.

 

„Zieh dich an“, sagt er, nun wieder mit der gewohnten Strenge, auch wenn seine Augen noch immer ein wenig zu glänzen scheinen. „Die Suppe steht in der Küche. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.“

 

Samuel weist mit einer knappen Geste zum Ende des Korridors. „Dort“, sagt er, und seine Stimme klingt belegt, als müsse er die eben erlebte Nähe erst gewaltsam aus seinem System verdrängen. „Nimm dir, was du brauchst. Es wird dir zu groß sein, aber es wird dich warm halten.“

 

Lyra nickt stumm, die feuchte Schwere des Handtuchs auf ihrer Haut spürend, und geht den Flur entlang. Als sie die Schwelle zum Schlafzimmer überschreitet, hat sie das Gefühl, nicht nur einen Raum, sondern das innerste Heiligtum eines Fremden zu betreten. Während der Rest des Hauses in kühler, fast klinischer Moderne glänzte, ist dieses Zimmer ein Abgrund aus Schatten und Melancholie.

 

Die Wände sind in einem so tiefen Anthrazit gestrichen, dass sie das spärliche Licht der heraufziehenden Dämmerung förmlich verschlucken. Ein dicker, dunkelgrauer Teppich schluckt das Geräusch ihrer Schritte, als würde sie über weichen Waldboden wandern. Das Zimmer atmet eine schwere, fast klösterliche Stille aus; es gibt hier keine Ablenkung, nur die reine Konzentration auf die Dunkelheit. Es ist das Schlafzimmer eines Mannes, der mit Dämonen ringt und keinen Trost im Hellen findet.

 

Lyra tritt an den massiven Kleiderschrank aus dunklem Holz. Als sie die Türen öffnet, schlägt ihr ein Duft entgegen, der so anders ist als der von Fenris: Er riecht nach altem Papier, trockenem Zedernholz und einer Spur von kaltem Weihrauch. Sie wühlt durch die ordentlich gefalteten Stapel und zieht einen schweren, grob gestrickten schwarzen Pullover heraus. Er fühlt sich rau und verlässlich an. Dazu wählt sie eine dunkle Jeans, wohlwissend, dass sie den Gürtel eng schnallen muss, um den Stoff an ihren schmalen Hüften zu halten.

 

Während sie das Handtuch fallen lässt und in Samuels Kleidung schlüpft, fühlt sie sich merkwürdig verwandelt. Die Jeans ist grob und männlich, der Pullover umhüllt sie wie ein Kokon aus Wolle, seine Ärmel reichen weit über ihre Fingerspitzen. Es ist eine dunkle Verkleidung, eine Rüstung aus dem Schrank eines Priesters, der längst aufgehört hat, an Wunder zu glauben.

 

Sie sieht in den dunklen Spiegel an der Wand. Das Silberamulett, das Samuel ihr eben umgelegt hat, schimmert auf dem schwarzen Strick des Pullovers wie ein einsames Auge in der Nacht. Sie wirkt jetzt weniger wie eine Gejagte, sondern wie eine Schattenwandlerin, bereit, in die Krypta hinabzusteigen. Doch in der Düsternis dieses Zimmers, umgeben von Samuels Geruch und der Schwere seiner Geheimnisse, spürt sie auch die Gefahr: Sie verliert sich zwischen zwei Männern, von denen der eine sie mit Wildheit und der andere mit einer stillen, verbotenen Leidenschaft begehrt.

 

Sie streicht sich das nasse Haar aus dem Gesicht und tritt zurück in den Flur, wo der Duft des Eintopfs und das Ticken der Uhr sie an die rinnende Zeit erinnern.

 

Lyra tritt zurück in die Küche. Die zu weiten Ärmel von Samuels schwarzem Pullover hat sie hochgekrempelt, doch der schwere Stoff scheint sie dennoch fast zu verschlingen, eine dunkle Hülle für ihren zerbrechlichen Körper. Samuel deutet schweigend auf den schlichten Holztisch. Dort dampft eine Schale mit dem Eintopf, daneben steht ein Glas mit klarem Wasser und ein Stück dunkles, krustiges Brot.

 

Sie setzt sich, und die erste Berührung mit dem warmen Löffel lässt ihren Körper erzittern. Als sie isst, spürt sie, wie das Leben langsam in ihre Glieder zurückkehrt, wie die wohlige Wärme der Suppe den eisigen Kern in ihrem Inneren schmelzen lässt. Samuel steht am anderen Ende des Tisches, die Arme verschränkt, sein Blick fest auf sie gerichtet. Er wartet nicht, bis sie den letzten Löffel zum Mund führt. Die Zeit ist ein Luxus, den sie längst verspielt haben.

 

„Du musst zurück, Lyra“, sagt er, und seine Stimme schneidet durch die Stille wie eine kalte Klinge. „Sofort.“

 

Lyra hält inne, ein Stück Brot in der Hand. Sie sieht ihn fragend an, das Silberamulett an ihrem Hals schimmert im flichtenden Kerzenschein.

 

„Der Himmel...“, Samuel macht eine vage Geste zum Fenster, wo das Grau der Wolken bereits beginnt, sich in ein unnatürliches, schmutziges Ocker zu verfärben. „Er ist zu verdächtig. Die Atmosphäre ist geladen mit einer Bosheit, die ich so noch nie gespürt habe. Der Blutmond wird heute Nacht aufsteigen, und wenn das geschieht, wird die Grenze zwischen dem Mann und dem Tier in Fenris dünner sein als ein Spinnwebfaden.“

 

Er tritt einen Schritt näher, sein Gesicht ist halb in tiefe Schatten getaucht. „Er darf nicht allein sein, wenn das rote Licht die Baumkronen berührt. Ohne dich als seinen Anker wird der Fluch ihn vollständig verschlingen. Er braucht deine Nähe, dein Blut, dein Versprechen, um nicht im Wahnsinn der Verwandlung verloren zu gehen. Seine Kräfte sind geschwächt, und die Wächterin wird diesen Moment der Verletzlichkeit nutzen.“

 

Lyra spürt, wie die Angst erneut nach ihrem Herzen greift, doch diesmal ist sie gepaart mit einer brennenden Entschlossenheit. Die Vorstellung von Fenris, wie er einsam im Wald gegen die animalische Raserei kämpft, während der Himmel über ihm blutet, ist unerträglich.

 

„Ich habe alles gepackt“, fährt Samuel fort und deutet auf die Körbe an der Tür. „Nimm den Wagen. Fahr, solange der Nebel dir noch eine Gasse lässt. Ich werde hierbleiben und mich auf die Krypta vorbereiten, aber dein Platz ist jetzt bei ihm. Sei sein Licht, Lyra, bevor der Mond alles in Finsternis taucht.“

 

Lyra trinkt das Glas Wasser in einem Zug leer und steht auf. Die dunkle Bindung zu Fenris pulsiert in ihrem Inneren wie ein zweiter Herzschlag. Sie weiß, dass sie sich in die Höhle des Löwen begibt, doch sie weiß auch, dass sie ohne ihn ohnehin verloren ist.

 

Die Kälte der Straße peitscht Lyra entgegen, als sie gemeinsam mit Samuel das schützende Pfarrhaus verlässt. Der Wind hat sich zu einem unruhigen Heulen gesteigert, das durch die Gassen von Rosevil jagt und an ihren Kleidern zerrt. Doch als sie den Käfer erreichen, der verlassen unter einer flackernden Straßenlaterne steht, erstarrt Lyra.

 

Das Metall des Wagens ist fast vollständig unter einem Teppich aus schwarzen Federn begraben. Tausende von ihnen kleben am Lack, am Glas und an den Reifen, als wären sie Teil einer unheiligen Haut. Das Unheimlichste daran ist jedoch ihre Starre: Trotz der heftigen Sturmböen, die Lyras Haar ins Gesicht peitschen, rührt sich keine einzige Feder. Sie trotzen dem Wind, festgehalten von einer unsichtbaren, bösartigen Magie, die den Wagen wie ein Leichentuch markiert hat.

 

Samuel stellt die schweren Körbe mit einem hohlen Klingen auf den Boden. Sein Blick jagt über die Dächer der umliegenden Häuser, taucht in die tiefen Schatten der Dachrinnen ein. Er sucht nach den gelben Augen der Krähen, nach dem Flattern von Schwingen, doch dort ist nichts als die leere, ockerfarbene Dunkelheit. Seine Kiefer mahlen aufeinander. Er weiß, dass die Spione der Wächterin nicht physisch anwesend sein müssen, um ihren Schrecken zu verbreiten. Die Federn sind ein Fluch, ein Omen, das den Wagen für die Jagd freigibt.

 

„Sie weiß, dass du gehst“, murmelt er, und seine Stimme wird vom Wind fast davongetragen.

 

Lyra sieht ihn an, ihre Augen weit vor Entsetzen. „Was bedeutet das, Samuel?“

 

Er antwortet nicht direkt. Seine Vermutung ist zu düster, um sie laut auszusprechen - die Krähen sind nicht mehr nur Beobachter; sie beginnen, die Realität um sie herum zu verweben. Mit einer entschlossenen Bewegung greift er durch das offene Fenster auf den Beifahrersitz. Er packt das blutende Stück Baumstamm, das Messer noch immer tief im Auge des Wolfes versenkt. Ein kurzes Zischen ertönt, als seine geweihten Hände das Holz berühren, und ein Ausdruck von tiefem Ekel huscht über sein Gesicht.

 

„Fahr, Lyra! Jetzt!“, befiehlt er, und die Härte in seinem Ton lässt keinen Raum für Zögern. Er wuchtet die Körbe mit den Vorräten auf den Rücksitz, wobei einige der schwarzen Federn an seinen Ärmeln hängen bleiben wie verbrannte Haut.

 

Er tritt einen Schritt zurück, den geschändeten Stamm fest in den Armen haltend. Das Blut, das aus dem Schnitzwerk quillt, benetzt nun seine Priesterkleidung. „Ich werde dieses Machwerk verbrennen. In geheiligtem Feuer. Ich werde die Verbindung kappen, die sie durch diesen Stahl zu seinem Herzen geschmiedet hat. Aber du musst bei ihm sein, bevor das erste Licht des Blutmonds den Wald erreicht.“

 

Lyra steigt ein, ihre Finger zittern am Zündschlüssel. Die Präsenz der schwarzen Federn auf der Windschutzscheibe wirkt wie ein Filter, der die Welt draußen noch dunkler und bedrohlicher erscheinen lässt.

 

„Verbrenn es, Samuel“, flüstert sie, während der Motor des Käfers aufheult. „Verbrenn den Schmerz.“

 

Als sie anfährt und die Reifen über das Pflaster wirbeln, sieht sie im Rückspiegel, wie Samuel mit dem blutenden Holz in der Dunkelheit der Kirche verschwindet. Er wirkt wie ein Schatten, der gegen eine Flut aus Blut und Federn ankämpft.

 

Lyra sitzt hinter dem Steuer, das Herz ein rasender Taktgeber gegen die unheimliche Stille der Kabine. Der Geruch von Samuels Waschmittel und die fremde Schwere seines Pullovers vermischen sich mit der süßlichen Korruption, die noch immer im Wagen hängt. Sie presst die Lippen zusammen und greift nach dem Hebel der Scheibenwischer. Sie muss diese Schwärze von ihrem Sichtfeld tilgen, sie muss die Welt jenseits dieser Federn sehen können.

 

Mit einem mechanischen Ächzen setzen sich die Wischerblätter in Bewegung. Doch anstatt die Federn einfach beiseite zu schieben, geschieht etwas, das Lyras Verstand bis an den Rand des Wahnsinns treibt.

 

Die schwarzen Federn wirbeln nicht davon. Sie gleiten nicht über das Glas, wie es der Wind oder die Schwerkraft verlangen würden. Stattdessen beginnen sie auf der Windschutzscheibe zu tanzen, ein wirbelndes, orchestrales Chaos aus tiefstem Schwarz. Es wirkt, als besäßen sie ein kollektives Bewusstsein, eine dunkle Intelligenz, die durch das metallische Schaben der Wischer erst recht geweckt wurde. Sie ziehen sich zusammen, verhaken sich ineinander, verschmelzen zu einer amorphen Masse aus Schatten und Keratin.

 

Lyra starrt mit geweiteten Augen durch das Glas, die Hände so fest um das Lenkrad geklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortreten. Vor ihren Augen formt sich aus dem Chaos eine Gestalt. Zuerst ein spitzer, dolchartiger Schnabel, dann die harten Konturen von Schwingen, und schließlich die bösartig glänzenden, gelben Augen.

 

Es ist keine bloße Ansammlung von Federn mehr. Es ist eine gewaltige Krähe, die direkt auf ihrer Windschutzscheibe hockt, ein Geschöpf aus dem Albtraum der Wächterin. Die Krallen des Vogels kratzen über das Glas - ein Geräusch, das Lyra bis ins Mark erschüttert, wie ein Messer, das über ihre eigene Seele fährt.

 

Für einen Moment hält die Kreatur inne. Sie legt den Kopf schräg und fixiert Lyra mit einem Blick, der so voller hasserfülltem Wissen ist, dass Lyra das Atmen vergisst. Es ist, als würde die Hexe selbst durch diese leblosen Augen direkt in Lyras sündige Sehnsucht starren.

 

Dann, mit einem explosionsartigen Krächzen, das das Glas fast zum Bersten bringt, stößt sich die Krähe ab. Sie entfaltet ihre Schwingen und schießt wie ein schwarzer Pfeil in den ockerfarbenen Himmel empor. Der Sog ihres Abflugs ist so stark, dass der Käfer leicht erzittert.

 

Die Scheibe ist nun frei, doch das Bild der Kreatur hat sich in Lyras Netzhaut gebrannt. Der Weg vor ihr ist klar, doch sie weiß, dass die Krähe nun dem Wald entgegenfliegt - ein gefiederter Bote des Unheils, der Fenris ankündigt, dass die Jägerin auf dem Weg ist.

 

Lyra tritt das Gaspedal bis zum Boden durch. Die Reifen schreien auf, als sie den Käfer aus der Stadt jagt, dem blutenden Horizont entgegen. Die dunkle Romantik ihrer Reise wird nun zu einem Wettlauf gegen die Astronomie und den Zorn einer verschmähten Macht.

 

Das dumpfe Grollen des Motors erstirbt und hinterlässt eine Stille, die so schwer wiegt wie das heraufziehende Unheil. Lyra parkt den Käfer am äußersten Rand der Zivilisation, dort, wo der Asphalt unter der Gier des wuchernden Unterholzes nachgibt. Bevor sie überhaupt die Tür öffnet, spürt sie es: Jene bösartige Aufmerksamkeit, die wie eine kalte Nadel in ihrem Nacken sticht.

 

Ein Rascheln durchbricht die unnatürliche Ruhe der Hecken, die den Wald wie ein verfilzter Schutzwall säumen. Dort, auf einem verdorrten Ast, sitzt sie. Die Krähe. Ein Geschöpf aus Ruß und dunkler Magie, dessen gelbe Augen im ockerfarbenen Zwielicht leuchten wie zwei kleine Sonnen des Wahnsinns. Sie beobachtet nicht bloß; sie lauert. Sie ist der ausgestreckte Finger der Wächterin, bereit, die Wege der Liebenden abzuschneiden.

 

Mit hastigen, fast fiebrigen Bewegungen greift Lyra auf den Rücksitz. Sie zerrt die Körbe mit den Vorräten, dem Kocher und der wärmenden Decke heraus. Das Gewicht des Überlebens zerrt an ihren Armen, doch das Adrenalin peitscht sie voran. Ein kurzes, metallisches Klicken - sie verschließt den Käfer, ein letztes Bollwerk der Moderne, das sie nun hinter sich lässt. Sie vergräbt den Schlüssel tief in der Tasche von Samuels Jeans, spürt das kalte Metall gegen ihren Oberschenkel und taucht ein in das dichte Grün der Tannen.

 

Kaum hat sie den ersten Schritt unter das schützende Blätterdach getan, bricht das Grauen los.

Ein heiseres, hasserfülltes Krächzen zerreißt die Luft direkt über ihrem Kopf. Lyra duckt sich instinktiv weg, als ein Schatten über sie hinwegfegt. Der Flügelschlag der Krähe klingt nicht nach Federn, sondern nach dem Schlagen von schwerem, schwarzem Samt gegen Stein. Die Kreatur greift an. Mit ausgefahrenen Krallen und weit aufgerissenem Schnabel stößt sie aus den Baumkronen herab, ein schwarzer Blitz der Missgunst.

 

„Verschwinde!“, schreit Lyra, ihre Stimme ein brüchiges Echo ihrer Verzweiflung.

 

Sie hebt einen der Körbe wie einen Schild über ihren Kopf, während sie blindlings tiefer in das Dickicht stolpert. Die Krähe lässt nicht locker. Sie kreist in unmöglichen Winkeln zwischen den engen Stämmen, stürzt sich immer wieder auf Lyras Gesicht, versucht ihre Augen zu erreichen, ihre Haut zu zerfetzen. Jedes Mal, wenn die Schwingen Lyras Wange streifen, hinterlassen sie einen Hauch von Grabeskälte und den Geruch nach verwelkenden Gardenien.

 

Die Magie der Wächterin will verhindern, dass Lyra das Zentrum des Waldes erreicht. Sie will verhindern, dass das Licht ihrer Hingabe die Bestie in Fenris erreicht, bevor der Blutmond sein Urteil spricht.

 

Lyra keucht, ihre Lungen brennen, und Samuels schwerer Pullover ist bereits von Dornen gezeichnet. Doch sie rennt weiter. Die dunkle Romantik ihrer Mission treibt sie an; jeder Angriff des Vogels befeuert nur ihren Trotz. Sie ist die Braut der Bestie, und kein gefiederter Dämon wird sie daran hindern, ihren Platz an Fenris’ Flanke einzunehmen, wenn der Himmel zu bluten beginnt.


Im Garten hinter dem Pfarrhaus tanzen die Flammen gierig an den Wänden einer alten Feuerschale empor. Samuel steht unbeweglich davor, das Gesicht von der Hitze gerötet, während seine Augen das Schauspiel der Vernichtung fixieren. Das Holzstück, das eben noch die blutige Spur des Verrats trug, bricht nun unter der Gewalt des Feuers zusammen. Das schwarze Messer hat er mit einer Zange in die glühenden Kohlen gestoßen, bis der Stahl anfing, wie eine bösartige Seele dunkelviolett zu glühen.

 

Er atmet tief ein, und der bittere Rauch von verbranntem Holz und verfluchtem Blut füllt seine Lungen. Es ist ein schwerer, ritueller Geruch. Samuel weiß, dass das Verbrennen dieses Symbols nur ein winziger Sieg ist. Sie haben etwas geweckt - oder vielmehr: Sie haben den schlafenden Schmerz einer ganzen Ära aufgerissen. Das Pendel des Schicksals ist ins Schwingen geraten, und keine Gebete, keine geweihten Waffen werden es nun noch aufhalten können.

 

Als die letzte Flamme zu einer aschgrauen Glut zusammensinkt, kehrt er ins Haus zurück. Die moderne Stille der Räume wirkt nun fast wie ein Hohn auf die uralte Gewalt, die draußen im Wald tobt. Samuel beginnt mechanisch, den Tisch abzuräumen. Er nimmt Lyras leere Schale, wischt einen Tropfen Suppe vom hellen Holz, doch sein Geist ist längst nicht mehr in der Gegenwart.

 

Seine Gedanken wandern zurück, Jahrzehnte, Jahrhunderte tief in die Eingeweide der Geschichte von Rosevil. Er erinnert sich an die Legenden, die in den verbotenen Büchern der Krypta atmen. Er sieht die Stadt vor sich, wie sie einmal war - ein friedliches Nest, unwissend über den Abgrund, auf dem sie erbaut wurde.

 

Er denkt an den Grafen, jenen stolzen Vorfahren, dessen Name heute nur noch hinter vorgehaltener Hand geflüstert wird. Der Graf war kein böser Mann, doch er war ein Sklave seiner eigenen Wollust. Seine Leidenschaft war das Feuer, das Rosevil letztlich in die Schatten stürzte. Die Wächterin - damals noch ein Wesen von schmerzhafter, ätherischer Schönheit - war seine Geliebte gewesen. Eine Frau, die nicht ganz von dieser Welt stammte, eine Priesterin der alten Mächte, die ihm verfallen war.

 

Samuel sieht die Bilder vor seinem inneren Auge: Die geheimen Treffen in der Krypta, die Berührungen, die nach Sünde und Ewigkeit schmeckten. Doch der Graf hatte die Macht unterschätzt, die er in sein Bett geladen hatte. Als er versuchte, sich von ihr zu lösen, als er das Menschliche dem Übernatürlichen vorzog, verwandelte sich ihre Liebe in jenem Moment in den Fluch, der nun Fenris und Lyra jagt. Die Geliebte wurde zum Kerkermeister, die Zärtlichkeit zur eisernen Kette.

 

„Alles wiederholt sich“, murmelt Samuel und lässt den feuchten Lappen sinken.

 

Die dunkle Erotik jener vergangenen Tage spiegelt sich in der Gegenwart wider. Fenris und Lyra sind nur die neuen Spieler in einem uralten Drama aus Begehren und Bestrafung. Der Graf fiel seiner Lust zum Opfer, und nun muss Samuel zusehen, wie eine neue Liebe versucht, die Trümmer dieser Vergangenheit zu überleben.

 

Samuel tritt an die Scheibe, die Stirn gegen das kühne Glas gepresst, als könne die Kälte seine fiebrigen Gedanken beruhigen. Es ist gerade erst Nachmittag, die Uhren behaupten beharrlich, das Leben müsse noch pulsieren, doch die Realität straft sie Lügen. Draußen herrscht eine Finsternis, die nicht vom Stand der Sonne diktiert wird, sondern von einer tieferen, bösartigeren Quelle.

 

Rosevil wirkt nicht mehr nur wie eine sterbende Stadt; sie ist bereits ein Kadaver, starr und kalt unter dem Leichentuch eines Nebels, der so dicht ist, dass er die Häuserzeilen buchstäblich aus der Existenz löscht. Kein Hund wagt es, die Stille mit einem Bellen zu stören, keine Menschenseele verirrt sich auf den Asphalt. Die Straßen sind verwaist, ein modernes Pompeji, das nicht unter Asche, sondern unter dem Fluch des Vergessens begraben liegt.

 

Ein plötzlicher, gewaltiger Windstoß peitscht gegen das Haus. Samuel beobachtet, wie die skelettartigen Arme der Bäume sich unter der unsichtbaren Last biegen und krümmen, als würden sie vor Schmerz stöhnen. Es ist ein wildes, fast animalisches Wiegen, das den Aufruhr der Natur widerspiegelt. Und dann geschieht es: Der bleierne Wolkenteppich, der den Horizont seit Tagen versiegelt hat, beginnt langsam, geisterhaft aufzureißen.

 

Samuel hält den Atem an. Hinter den zerfetzten Wolkenfetzen offenbart sich nicht das zarte Blau eines Spätnachmittags, sondern ein rissiges, unnatürliches Leuchten. Er weiß, was das bedeutet. Er spürt es im Mark seiner Knochen, in jedem Gebet, das ihm jemals über die Lippen kam.

 

„Der Blutmond“, flüstert er, und seine Stimme bricht in der Leere des Zimmers.

 

Seit Generationen hat sich dieses Himmelsphänomen nicht mehr über dieser verfluchten Region gezeigt. Es ist ein kosmisches Signal, das Erwachen der tiefsten Instinkte, das Aufflammen der dunklen Begierden, die der Graf einst entfesselte. Das schmutzige Ocker des Himmels beginnt nun, in ein tiefes, bedrohliches Karminrot umzuschlagen, als würde eine unsichtbare Wunde am Firmament aufbrechen und ihr Licht wie geronnenes Blut über die Welt ergießen.

 

Dieser Mond ist das Auge der Wächterin, das sich nun weit öffnet, um das Ende ihres Rachefeldzugs zu beobachten. Er ist der Taktgeber für die Verwandlung, der Fenris in den Abgrund der Bestialität reißen und Lyra in die Verzweiflung stürzen wird. Samuel spürt, wie die moderne Welt um ihn herum verblasst - das Glas, der Stahl, die Elektrizität -, bis nur noch der uralte Krieg zwischen Mensch, Monster und Magie übrig bleibt.

 

Das Blut am Himmel ist ein Versprechen auf Gewalt und eine leidenschaftliche, tödliche Hingabe. Samuel weiß, dass er Lyra direkt in das Herz dieses roten Infernos geschickt hat. Er kreuzt die Arme vor der Brust, während das erste rötliche Licht den Küchenboden berührt wie die Spur einer Opferung.


Lyra stolpert tiefer in das labyrinthartige Herz des Waldes. Das Gewicht der Körbe zerrt schmerzhaft an ihren Sehnen, und Samuels großer Pullover bleibt immer wieder an den dornigen Klauen der Brombeerbüsche hängen, als wolle der Wald selbst sie festhalten. Über ihr, wie ein flügelschlagendes Damoklesschwert, kreist die Krähe. Ihr Krächzen hat sich verändert; es ist kein bloßer Schrei mehr, es ist ein rhythmisches, hämisches Geräusch, das wie ein trockenes, bösartiges Lachen in Lyras Ohren hallt.

 

„Fenris!“, schreit sie, und ihr Ruf bricht sich an den feuchten Stämmen der uralten Eichen. „Fenris, wo bist du?“

 

Das Lachen der Krähe wird lauter, gellender, während sie im Sturzflug immer wieder ihre Wangen streift. Lyra spürt den Luftzug des Todes, das Versprechen der Wächterin, sie niemals ihr Ziel erreichen zu lassen.

Doch dann verändert sich die Atmosphäre. Der Boden beginnt zu vibrieren, ein dumpfes Grollen kündigt etwas an, das mächtiger ist als der Sturm. Aus dem tiefen, violetten Schatten zwischen zwei massiven Tannen bricht er hervor.

 

Fenris.

 

Trotz der tiefen Wunden an seinen Flanken, trotz der Erschöpfung, die in jedem seiner Schritte liegen müsste, wirkt er wie eine Naturgewalt aus Pelz und Zorn. Sein Erscheinen ist eine Explosion aus animalischer Urkraft. Er rennt nicht nur; er jagt mit einer Geschwindigkeit, die das menschliche Auge kaum erfassen kann. Er prescht so dicht an Lyra vorbei, dass der Sog seines massiven Körpers sie fast von den Füßen reißt. Sie taumelt, die Körbe schwingen gefährlich, doch ihr Blick ist starr auf das schwarze Ungeheuer gerichtet, das sich schützend vor sie wirft.

 

Mit einem gewaltigen Satz schnellt Fenris in die Luft. Seine Kiefer klappen wie eine stählerne Falle zusammen, nur Millimeter von den Schwingen der Krähe entfernt. Ein kurzes, brutales Gerangel entbrennt in der Luft - ein Chaos aus schwarzen Federn und aufblitzenden Reißzähnen. Die Krähe stößt einen gellenden Schrei aus, als Fenris’ Klauen ihren Leib streifen. Der Wolf grollt, ein tiefes, erdiges Beben, das deutlich macht: Er wird eher diese Welt in Stücke reißen, als zuzulassen, dass ihr ein Leid geschieht.

 

Die Krähe erkennt die aussichtslose Lage. Mit einem letzten, hasserfüllten Flattern löst sie sich aus dem Kampf und schießt steil nach oben, bis sie im dichten, ockerfarbenen Nebel des Kronendachs verschwindet. Ihr Lachen ist verstummt, ersetzt durch ein verzweifeltes Krächzen in der Ferne.

 

Stille legt sich über die Lichtung, unterbrochen nur vom schweren, rasselnden Atem des Wolfes. Fenris landet schwerfällig auf allen vieren, seine Flanken heben und senken sich hektisch. Er dreht sich zu Lyra um. Sein Fell ist gesträubt, seine Augen glühen in einem Smaragdgrün, das so intensiv ist, dass es die aufziehende Dunkelheit durchschneidet. In seinem Blick liegt eine wilde, besitzergreifende Zärtlichkeit, die Lyra den Atem raubt.

 

Fenris verharrt noch einen Moment mit gesträubtem Nacken, die Ohren flach angelegt, während sein Blick den Pfad der Krähe am Himmel fixiert, bis die letzte Feder im Dunst verschwunden ist. Dann wendet er sich Lyra zu. Das wilde, raubtierhafte Glimmen in seinen Augen mildert sich, als er ihre zitternde Gestalt in Samuels viel zu großem Pullover wahrnimmt.

 

Er tritt auf sie zu, nicht mit der Wucht eines Angreifers, sondern mit einer fast schon schmerzhaften Behutsamkeit. Er senkt seinen massiven Kopf und schiebt seine feuchte, warme Schnauze sanft unter ihre Oberarme. Es ist ein bestimmter, drängender Kontakt. Er spürt ihren beschleunigten Herzschlag durch den Stoff des Pullovers, und ein tiefes, beruhigendes Brummen vibriert in seiner Brust, das wie eine dunkle Basssaite durch Lyras gesamten Körper schwingt.

 

Ohne den körperlichen Kontakt zu unterbrechen, führt er sie. Er drängt sie sacht, aber unnachgiebig vom offenen Zentrum der Lichtung weg, dorthin, wo das Unterholz am dichtesten ist und die uralten Wurzeln einer massiven Buche eine natürliche Nische geformt haben. Jeder seiner Schritte ist trotz der Verletzungen von einer animalischen Eleganz geprägt, die Lyra schwindlig werden lässt. Die erotische Spannung, die zwischen der Frau und der Bestie wie statische Elektrizität in der Luft hängt, wird durch die drohende Gefahr nur noch verstärkt.

 

Er führt sie an den Rand der Dunkelheit, in den Schutz der tief hängenden Äste, wo das ockerfarbene Zwielicht kaum noch hinkommt. Hier, in dieser verborgenen Senke, hat er den Boden mit trockenem Moos und Farnen vorbereitet - ein provisorisches Nest inmitten des Chaos. Es ist sein Heiligtum, der einzige Ort, den der Blick der Wächterin noch nicht vollständig durchdrungen hat.

 

Als sie den geschützten Bereich erreichen, bleibt Fenris stehen und sieht sie aus seinen smaragdgrünen Augen an. Er stupst sie erneut an, diesmal gegen ihre Knie, eine stumme Aufforderung, sich niederzulassen und die schweren Körbe endlich abzusetzen. In seinem Blick liegt ein Flehen, das Lyra bis ins Mark erschüttert: Sei sicher. Hier kann ich dich bewahren.

 

Lyra lässt die Körbe ins Moos gleiten und sinkt selbst auf die Knie. Die Kälte des Waldes scheint hier draußen zu bleiben, ausgesperrt durch die schiere Präsenz des Wolfes, der sich nun wie ein lebendiger Schutzwall um sie herumlegt. Sein Fell streift ihre Haut, eine raue, heiße Verheißung, während über ihnen der Himmel endgültig die Farbe von frischem Blut annimmt.

 

Lyra lässt den Blick schweifen, während sie in die Knie sinkt. Diese improvisierte Zuflucht, gewebt aus dem Geflecht herabhängender Äste, duftendem Laub und weichem, dunklem Moos, wirkt in diesem Moment wie der kostbarste Palast der Erde. Es ist eine Höhle der Geborgenheit, ein kleiner, heiliger Raum, den Fenris für sie aus der Feindseligkeit der Welt gerissen hat. Das dichte Blätterdach filtert das unheimliche, rote Leuchten des Himmels zu einem sanften, weinroten Schimmer, der die Konturen ihres gemeinsamen Verstecks in ein geheimnisvolles Licht taucht.

 

Ein zitterndes, aber ehrliches Lächeln stiehlt sich auf Lyras Lippen. Die Erschöpfung, der Schrecken der Flucht und die Drohung des Blutmonds verblassen für einen Wimpernschlag gegen die schiere Intensität seiner Gegenwart.

 

Sie sieht Fenris direkt an. Der gewaltige Wolfskopf ist nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt, sein warmer, rasselnder Atem streift ihre Haut und vertreibt die letzte Kälte, die Samuel im Pfarrhaus nicht erreichen konnte. Mit einer fast andächtigen Langsamkeit hebt sie ihre Hände. Ihre Finger, noch immer ein wenig taub vom Tragen der Körbe, vergraben sich tief in dem dicken, rauen Nackenfell, das nach Freiheit, Erde und einer gefährlichen, dunklen Wildheit riecht.

 

Sie nimmt seinen massiven Kopf sanft in ihre Hände, die Handflächen schmiegend gegen die starken Kieferknochen gepresst. Es ist eine Geste von so tiefer Vertrautheit und leidenschaftlicher Hingabe, dass die Zeit um sie herum einfach aufhört zu existieren. Fenris gibt ein leises, kehliges Wimmern von sich - ein Klang, der so menschlich in seiner Verletzlichkeit ist, dass es Lyra das Herz zerreißt.

 

Dann beugt sie sich vor. Ihre Lippen, weich und brennend vor Sehnsucht, treffen auf seine dunkle, samtige Schnauze. Es ist ein Kuss, der alle Grenzen zwischen den Spezies, zwischen Fluch und Segen, zwischen Licht und Dunkelheit sprengt.

 

Lyra schließt die Augen. In dieser Berührung liegt alles: ihr Versprechen, ihn niemals aufzugeben, ihr Dank für ihren Schutz und eine tiefe Liebe, die jenseits aller Worte liegt. Sie spürt das Pochen seines Blutes unter der Haut, die Hitze seines Körpers, die auf sie übergeht, und den unbändigen Willen der Bestie, die in diesem einen Moment zahm vor ihrer Liebe wird.

 

Sie genießt diesen Augenblick der absoluten Verbundenheit, während draußen der Wald im Sturm erbebt. In dieser kleinen Höhle gibt es nur sie beide - die Heilerin und ihren Wolf, gefangen in einem Schicksal, das im Begriff ist, heute Nacht in Blut geschrieben zu werden.