Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 19
Die Nacht, in der die Bestie siegte
Der Blutmond erhebt sich über dem Wald von Rosevil - und mit ihm erwacht der Fluch in Fenris. Während Lyra verzweifelt versucht, den Mann hinter der Bestie festzuhalten, kippt die Nacht in ein blutrotes Grauen. Liebe wird zur Gefahr, Nähe zur Prüfung, und ein einziger Augenblick entscheidet über Menschlichkeit oder Verderben. Als Fenris der Dunkelheit erneut verfällt, bleibt Lyra nichts als ein Schwur gegen die Wächterin - und die bittere Erkenntnis, dass der Kampf gerade erst begonnen hat.
Fenris löst sich nur widerstrebend aus der berauschenden Wärme ihrer Berührung. Ein tiefes, unruhiges Knurren vibriert in seiner Kehle, als er sich aus dem schützenden Nest erhebt und ins Freie tritt. Lyra sieht ihm nach, wie seine gewaltige Silhouette gegen das kränkliche Licht der Dämmerung gezeichnet wird.
Draußen vollzieht sich eine schreckliche Verwandlung der Welt. Der Sturm, der eben noch wie eine Furie an den Baumwipfeln riss, ebbt nun zu einem unheimlichen Flüstern ab. Es ist keine Beruhigung, sondern das Erstarren der Natur vor einem noch größeren Grauen. Der Nebel, der bisher alles in gnädiges Grau gehüllt hat, beginnt sich zu lichten, zerrissen von einem unsichtbaren Atem.
Hinter der aufbrechenden, schmutzig-grauen Wolkenschicht schält sich der Mond hervor. Er ist kein silberner Wächter der Nacht mehr. Er ist eine massive, glühende Scheibe aus frischem Venengewebe und Karmin, die ihr unheilvolles Licht wie eine ansteckende Krankheit über das Geäst ergießt. Jedes Mal, wenn die Wolken ein weiteres Stück dieses Himmelsauges freigeben, zuckt Fenris zusammen.
Seine Nervosität ist greifbar. Er tritt von einer Pfote auf die andere, sein Schwanz peitscht unruhig gegen seine Flanken, und seine Ohren spielen hektisch in alle Richtungen. Er wirkt wie ein Gefangener, der das Rasseln der Ketten hört, die ihn gleich in die Tiefe ziehen werden. Die animalische Angst in seinen Augen vermischt sich mit einer wilden Raserei, die unter seiner Haut zu kochen beginnt.
Lyra tritt an den Rand des Unterschlupfs. Sie sieht nicht nur ein Tier vor sich; sie sieht den Mann, den sie liebt, gefangen in diesem Pelz, gefangen in dieser Agonie. Sie spricht zu ihm, ihre Stimme leise und fest, ein Anker in der herannahenden Flut des Wahnsinns.
„Fenris, sieh mich an“, sagt sie, und sie redet mit ihm, als stünde er dort in seiner menschlichen Gestalt, nackt und verwundbar vor ihr. „Ich weiß, dass du es spürst. Ich weiß, dass das Blut im Himmel nach dir ruft. Aber du bist nicht allein. Hörst du mich? Ich gehe nirgendwohin.“
Sie tritt einen Schritt aus dem Moos heraus auf den harten, nadelbedeckten Boden. Das rote Licht des Blutmonds trifft ihr Gesicht und lässt ihre Haut wie glühendes Metall erscheinen.
„Kämpf nicht gegen mich, Fenris. Kämpf mit mir. Der Mond mag die Bestie wecken, aber er kann nicht löschen, wer du im Inneren bist. Du bist mehr als dieser Fluch. Du bist der Mann, der mir diesen Ort gebaut hat. Du bist derjenige, der mich gerettet hat.“
Fenris hält in seiner rastlosen Bewegung inne. Er dreht den Kopf zu ihr, und das glühende Smaragd seiner Augen trifft auf das Blau der ihren. Für einen Moment scheint das rote Licht des Mondes an der Barriere ihrer Liebe abzuprallen. Doch das schmerzhafte Knacken seiner Gelenke verrät ihr, dass die Zeit der Worte fast abgelaufen ist.
Der Himmel über dem Wald von Rosevil vollzieht sein finales, grausames Spektakel. Die graue Wolkendecke zerbirst nicht einfach; sie scheint zu schmelzen, als würde die Schwärze des Kosmos durch eine glühende, tiefrote Lava ersetzt, die in zähen Bahnen am Firmament herabfließt. Es ist ein Licht, das nicht von dieser Welt stammt - ein unheiliges Karmin, das alles Lebendige in den Schatten einer brennenden Hölle taucht.
Fenris’ Unruhe schlägt nun in nackte, unkontrollierbare Agonie um. Er wendet sich ruckartig von Lyra ab, als könne er ihre bloße Anwesenheit nicht mehr ertragen. Seine massiven Pfoten pflügen durch das nasse Laub, während er mit einer raubtierhaften Rastlosigkeit hin und her jagt. Ein kehliges, tiefes Grollen entspringt seiner Brust, das nichts Menschliches mehr an sich hat. Es ist das Geräusch von brechendem Eis und mahlendem Stein.
„Fenris, bitte!“, ruft Lyra, ihre Stimme zittert gegen das Heulen des Windes an, der wieder aufgezogen ist und nach verbranntem Blut schmeckt. „Sieh mich an! Bleib bei mir!“
Sie macht einen verzweifelten Schritt auf ihn zu, die Hand ausgestreckt, in der Hoffnung, dass die Wärme ihrer Haut den heraufziehenden Wahnsinn bannen könnte. Doch als sie ihn erreicht, geschieht das Entsetzliche.
Der Mann, der eben noch mit zärtlicher Hingabe ihren Kuss genoss, ist verschwunden.
Fenris fährt herum, doch in seinen Augen brennt kein Smaragd mehr. Sie sind nun zwei glühende Schlote aus flüssigem Bernstein, in denen die Vernunft dem Blutdurst gewichen ist. Er fletscht die Zähne, und der Speichel fädenziehend von seinen Lefzen zeugt von einem Hunger, der uralt und unersättlich ist. Die dunkle Erotik ihrer Bindung schlägt in eine tödliche Gefahr um.
Er reagiert nicht auf ihre Worte. Er reagiert auf die Bewegung, auf das schlagende Herz in ihrer Brust, auf den Geruch von Leben, den die Bestie nun als Beute markiert hat. Mit einem markerschütternden Knurren duckt er sich tief auf den Boden, die Sehnen an seinen Läufen spannen sich wie Drahtseile. Er fixiert Lyra, als wäre sie eine Fremde, ein Opfer, das es zu reißen gilt.
„Fenris... ich bin es...“, flüstert sie, während sie unwillkürlich einen Schritt zurückweicht.
Doch der Wolf macht einen Satz nach vorn. Es ist kein schützendes Drängen mehr; es ist ein Angriff. Er schnappt nach der Luft, wo eben noch ihre Kehle war, und das Geräusch seiner zusammenknallenden Kiefer hallt wie ein Peitschenknall durch das Dickicht. Der Blutmond hat sein Werk vollbracht. Er hat den Liebhaber weggesperrt und das Monster entfesselt. Lyra steht nun am Abgrund ihrer eigenen Zerstörung, konfrontiert mit der grausamen Wahrheit, dass Liebe allein die Ketten der Wächterin vielleicht nicht sprengen kann.
Mit zitternden Fingern klammert sich Lyra an das kalte Silberamulett, das Samuel ihr um den Hals gelegt hat. Das Metall brennt sich fast in ihre Haut ein, doch es schenkt ihr keinen Trost. Tränen der Verzweiflung und des puren Entsetzens füllen ihre Augen und verschleiern ihr die Sicht auf das Ungeheuer, das einst ihr Geliebter war. Die Züge des Wolfes sind verzerrt, seine Aura ist geschwängert vom Geruch nach Tod und der elektrischen Ladung des Blutmonds. Sie erkennt ihn nicht wieder - da ist keine Seele mehr, nur noch die mechanische Grausamkeit eines Raubtiers, das darauf programmiert ist, zu töten.
Ihr Herz rast so heftig gegen ihre Rippen, dass sie das Gefühl hat, ihr Brustkorb müsse unter dem Druck zerspringen. Fenris steht geduckt vor ihr, ein lebendiger Schatten aus Muskeln und mörderischem Instinkt.
Für einen qualvollen, endlosen Herzschlag treffen sich ihre Augen. Das Bernstein in seinem Blick ist leer, eine bodenlose Tiefe aus Wahnsinn und Blutgier. Lyra hält den Atem an, das Amulett fest in der Faust gepresst, bereit, den Untergang zu akzeptieren.
Dann geschieht es.
Fenris spannt seine massiven Hinterläufe an, die Krallen graben sich ein letztes Mal in den weichen Waldboden, und er setzt zum alles entscheidenden Sprung an. Er fliegt förmlich durch die rote Luft, die Lefzen weit zurückgezogen, um das zu beenden, was der Fluch von ihm verlangt: Lyras Ende.
Doch mitten im Flug, als seine Reißzähne nur noch Zentimeter von ihrer Kehle entfernt sind, bricht die Bewegung jäh ab.
Ein gellendes, qualvolles Aufquieken - ein Laut, der so jämmerlich und schrill ist, dass er den Wald erzittern lässt - entfährt dem Wolf. Es klingt wie das Schreien von Metall auf Metall. Fenris sackt in der Luft zusammen, als hätte man ihm mit unsichtbarer Gewalt das Rückgrat gebrochen. Er prallt schwer auf den Boden direkt vor Lyras Füßen auf, die Erde spritzt hoch.
Er windet sich in Agonie, seine Glieder zucken unkontrolliert, als hätte man ihm von hinten ein Messer direkt zwischen die Schulterblätter in das weiche Fleisch gerammt. Sein Körper krümmt sich, und ein dunkler, unnatürlicher Dunst beginnt von seinem Fell aufzusteigen, während das rote Licht des Blutmonds auf seinem Rücken zu brennen scheint wie flüssiges Eisen.
Lyra starrt fassungslos auf ihn hinab. Hat Samuels Ritual in der Kirche Früchte getragen? Oder hat die Wächterin beschlossen, ihr Spielzeug zu quälen, bevor es den finalen Schlag ausführen kann?
Lyra steht wie versteinert, eine Statue aus Fleisch und Entsetzen, während die Welt um sie herum in einem blutroten Chaos versinkt. Sie wagt nicht zu atmen, als könne jeder Lufthauch das zerbrechliche Gleichgewicht zwischen Leben und Tod zerstören. Vor ihren Füßen liegt das gewaltige Tier, eingebettet in einen unnatürlich dichten, schwarzen Nebel, der direkt aus den Poren des Waldbodens zu kriechen scheint. Der Dunst wallt so schwer und klebrig wie Teer um Fenris’ massiven Körper, verschlingt die Umrisse des Fells und lässt nur das gelegentliche, schmerzhafte Zucken seiner Glieder erkennen.
Dann geschieht das Unvorstellbare, ein Sakrileg an der Natur, das Lyra in ihren kühnsten Albträumen nicht zu träumen gewagt hat.
Unter dem Schleier des schwarzen Nebels beginnt ein grauenhaftes, rhythmisches Knacken. Es ist das Geräusch von brechendem Knochen, von Sehnen, die sich mit der Gewalt von peitschenden Stahlseilen dehnen und neu ausrichten. Fenris windet sich in einer Agonie, die jenseits des menschlich Ertragbaren liegt. Lyra beobachtet mit geweiteten Augen, wie die massiven Wolfspfoten schrumpfen, wie sich kräftige menschliche Finger aus dem Pelz schälen und das dunkle Fell sich buchstäblich in die Haut zurückzieht, als würde der Körper sein eigenes Äußeres verschlingen.
Es ist eine dunkle, schmerzhafte Metamorphose, ein Tanz zwischen Mensch und Bestie, vollzogen im fahlen Licht eines blutenden Mondes.
Schließlich lichtet sich der Nebel und gibt den Blick frei. Dort, wo eben noch die mörderische Bestie zum Sprung ansetzte, erhebt sich nun eine Gestalt. Fenris steht vor ihr.
Er ist vollkommen nackt, seine Haut bleich und gezeichnet vom Schweiß des Überlebenskampfes. Sein Körper ist ein Monument aus Sehnen und Muskeln, doch er ist nicht makellos. Lyra spürt, wie ihr das Herz bricht, als sie erkennt, dass die tiefen, klaffenden Wunden, die der Wolf davongetragen hat, nun seinen menschlichen Leib zieren. Frisches Blut rinnt über seine Flanken und seine Brust, rote Pfade auf marmorner Haut. Sein Bart ist dunkler und voller geworden, eine wilde Mähne, die sein hageres, von Schmerz gezeichnetes Gesicht rahmt.
Er steht schwankend da, der Atem rasselt in seiner menschlichen Lunge, und die Urkraft seiner Nacktheit vermischt sich mit dem Grauen seiner Verletzungen. Er sieht sie an, und in seinen Augen kehrt langsam das Smaragdgrün zurück, das sie so sehr liebt - doch es ist getrübt von der Scham und der Qual dessen, was er fast getan hätte.
Die Stille zwischen ihnen ist so schwer, dass man sie beinahe greifen kann. Die Kälte des Waldes beißt in sein ungeschütztes Fleisch, während der Blutmond ihn in ein unheimliches Licht taucht, das jede seiner Wunden wie ein glühendes Brandmal hervorhebt.
Fenris steht zitternd im kalten Waldboden, die Finger tief in die feuchte Erde gekrallt, als müsse er sich vergewissern, dass er tatsächlich wieder festes Land unter den Füßen hat und nicht mehr im Abgrund der Bestie treibt. Er schaut an sich hinunter, starrt auf seine menschlichen Hände, auf die blutigen Furchen in seinem Fleisch und die nackte Verletzlichkeit seines Körpers. Ein ungläubiges Keuchen bricht aus seiner Kehle - ein rauer, gebrochener Laut, der halb Schluchzen, halb Befreiung ist. Er kann nicht fassen, dass das Grauen gewichen ist, dass der Blutmond ihn nicht gänzlich verschlungen hat.
Dann hebt er den Kopf. Sein Blick sucht Lyra und findet sie in der purpurnen Dämmerung. Als ihre Augen aufeinandertreffen, bricht die letzte Mauer zwischen ihnen ein. In seinem Blick liegt eine erschütternde Mischung aus unendlicher Reue und einer fast schmerzhaften, dunklen Sehnsucht.
Lyra steht für einen Moment wie gelähmt. Das Bild des nackten, gezeichneten Mannes vor ihr brennt sich in ihre Seele. Sie holt tief Luft, ein heftiges Einatmen, das ihre Lungen schmerzen lässt, und dann bricht der Damm. Heiße Tränen der Erleichterung und des überwältigenden Mitgefühls schießen ihr in die Augen und bahnen sich ihren Weg über ihre Wangen.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, überwindet sie die Distanz zwischen ihnen. Sie stürzt auf ihn zu, stolpert fast über das Wurzelwerk und wirft sich in seine Arme. Ihr zierlicher Körper prallt gegen seine heiße, verschwitzte Brust, und sie umschlingt seinen Hals, als wollte sie ihn nie wieder an die Schatten verlieren.
Fenris reagiert augenblicklich. Mit einem verzweifelten Aufstöhnen schlingt er seine kräftigen Arme um sie. Er presst sie so gewaltsam, so unendlich fest gegen sich, dass ihr der Atem stockt und ihre Rippen unter dem Druck seiner Verzweiflung beinahe nachgeben. Es ist kein zärtliches Halten; es ist das Festkrallen eines Ertrinkenden an seinem einzigen Rettungsanker. Er vergräbt sein Gesicht in der Beuge ihres Halses, spürt den vertrauten Duft ihrer Haut, der für ihn in diesem Moment süßer schmeckt als das Leben selbst.
Die Intensität ihrer Nähe, das Reiben seiner nackten Haut an dem groben Strick von Samuels Pullover, erzeugt eine Spannung, die die Welt um sie herum vergessen lässt. In diesem harten, fast schmerzhaften Griff liegt alles: die Entschuldigung für das beinahe begangene Verbrechen, die Angst vor der Zukunft und eine Liebe, die so tief und besessen ist, dass sie selbst den Tod herausfordert.
Sie stehen dort, umschlungen im blutroten Licht, während der Wald um sie herum den Atem anhält. Lyra spürt sein Herz gegen ihren eigenen Brustkorb hämmern - ein wilder, menschlicher Rhythmus, der den Fluch für diesen Moment zum Schweigen bringt.
Mit einer quälenden Langsamkeit lösen sie sich voneinander, doch ihre Körper bleiben einander so nah, dass die Hitze ihrer Haut die frostige Waldluft entzündet. Ihre Blicke verhaken sich ineinander - ein stummer Dialog zwischen zwei Seelen, die gerade erst vom Rand des Abgrunds zurückgekehrt sind. In Fenris’ smaragdgrünen Augen spiegelt sich nicht länger die unberechenbare Wildheit der Bestie, sondern eine nackte, erschütternde Ehrlichkeit. Er sieht sie an, als wäre sie das erste Licht nach einer Ewigkeit in vollkommener Finsternis.
Dann, als könnten sie die hauchdünne Distanz zwischen ihren Lippen nicht länger ertragen, bricht die aufgestaute Sehnsucht hervor. Sie finden sich in einem Kuss, der die Welt um sie herum in die Bedeutungslosigkeit stürzt.
Doch dieser Kuss ist eine Offenbarung.
Bisher war Fenris’ Verlangen stets von einer dunklen, besitzergreifenden Dominanz geprägt gewesen - eine Liebe, die forderte, die befahl, die sie mit der unbändigen Kraft eines Raubtiers beanspruchte. Es war ein Begehren, das Lyra oft den Atem raubte und sie erzittern ließ vor der Macht, die er über sie ausübte.
Doch jetzt, unter dem blutenden Firmament, ist diese Härte verschwunden.
Seine Lippen treffen die ihren mit einer Zärtlichkeit, die fast schmerzhafter ist als seine einstige Wildheit. Es ist ein Kuss, der nichts fordert, sondern alles gibt. Er küsst sie nicht wie ein Herrscher seine Untertanin oder ein Wolf seine Beute; er küsst sie wie die Frau, die sein Leben rettet, jeden Tag aufs Neue. In der Sanftheit seiner Lippen liegt ein tiefes Geständnis, eine Unterwerfung vor der Reinheit ihrer Liebe. Es ist ein langsames, tiefes Erkunden, ein Verschmelzen zweier Atemzüge zu einem einzigen Rhythmus.
Seine Hände, die eben noch krallengleich nach ihrem Leben trachteten, rahmen nun ihr Gesicht mit einer Ehrfurcht ein, als bestünde sie aus feinstem Glas. Er scheint sie mit jeder Berührung um Verzeihung zu bitten, während der Kuss tiefer wird und die Spannung zwischen ihnen zu einer sanften, stetigen Glut heranwächst. Lyra spürt die Veränderung in ihm bis in das Mark ihrer Knochen. Die Bestie ist für diesen Moment nicht nur besiegt, sie ist geheilt durch die schiere Menschlichkeit seiner Hingabe.
In diesem Kuss schmeckt sie das Versprechen, dass er lieber sterben würde, als ihr jemals wieder mit der Kälte des Tieres zu begegnen. Es ist ein heiliger Moment in einem unheiligen Wald, eine Vereinigung, die stärker ist als jeder Fluch der Wächterin.
Mit einer zögerlichen Behutsamkeit lösen sich ihre Lippen voneinander, doch der Atem des einen bleibt auf der Haut des anderen zurück. Die Welt um sie herum, das blutige Leuchten des Mondes und das ferne Krächzen der Krähen wirken plötzlich wie ein weit entfernter Albtraum, während die Realität in diesem winzigen Raum zwischen ihren Körpern pulsiert.
Lyra sieht ihn an, ihre Augen noch feucht von Tränen, die nun nicht mehr vor Angst, sondern vor einer schmerzhaften Erleichterung fließen. Sie bombardiert ihn nicht mit Fragen über die Verwandlung, über den Nebel oder den Grund seines jähen Zusammenbruchs. Sie weiß, dass Worte im Angesicht solcher Qualen oft wie stumpfe Klingen sind. Stattdessen legt sie ihre Hand sanft an seine Wange, dort, wo das Barthaar rau gegen ihre weiche Haut reibt.
„Ich habe dich so sehr vermisst“, flüstert sie, und ihre Stimme bricht fast. „Selbst wenn du bei mir warst... selbst wenn ich dein Fell unter meinen Fingern spürte... ich habe dich vermisst, Fenris. Den Mann, der mich ansieht, als wäre ich seine ganze Welt.“
Fenris schließt die Augen bei ihren Worten, als würden sie eine Wunde berühren, die tiefer sitzt als die Schnitte an seinem Körper. Er braucht einen Moment, die Stille zwischen ihnen dehnt sich. Es ist, als müsse er seine menschliche Stimme erst aus den Trümmern des tierischen Gebrülls ausgraben, das noch immer in seinem Geiste widerhallt. Sein Kehlkopf bewegt sich schwerfällig, bevor ein rauer, tiefer Laut seiner Brust entweicht.
„Lyra...“, krächzt er, und ihr Name klingt auf seinen Lippen wie ein Gebet und eine Beichte zugleich.
Sie lässt ihm keine Zeit für Selbstvorwürfe. Sanft, aber bestimmt greift sie nach seiner Hand und zieht ihn zurück in die schützende Dunkelheit des Unterschlupfs. Dort, inmitten des Geruchs von trockenem Farn und feuchter Erde, greift sie in den Korb und entfaltet die schwere, anthrazitfarbene Wolldecke, die Samuel ihr mitgegeben hat. Sie legt sie um seine nackten, bebenden Schultern, eine Geste, die ihn aus der Wildnis zurück in die Zivilisation ihrer Liebe holt.
Fenris lässt es geschehen. Er sinkt auf das trockene Laub, die Decke fest um sich geschlungen, während die Schatten der Äste wie skelettartige Finger über sein Gesicht tanzen. Er starrt eine Weile in die Leere, während die dunkle Romantik ihrer Isolation sie beide einhüllt. Dann hebt er den Kopf, und sein Blick ist so klar und scharf wie nie zuvor.
„Ich habe es gesehen, Lyra“, beginnt er, und seine Stimme gewinnt mit jedem Wort an Festigkeit. „In der Zwischenwelt, dort, wo der Wolf und ich um denselben Platz ringen. Die Wächterin... sie hat einen Fehler gemacht. In ihrem Zorn über dein Erscheinen hat sie ein Siegel offenbart. Das Messer, das Samuel nun hat - es war nicht nur eine Markierung für den Tod. Es war ein Schlüssel.“
Er beugt sich leicht vor, das Feuer in seinen grünen Augen brennt nun mit einer kühlen, strategischen Intelligenz. „Sie hat Angst, Lyra. Angst vor dem, was Samuel in der Krypta finden könnte. Denn das Blut des Grafen fließt nicht nur in mir... es ist der einzige Stoff, der die Barriere zur Unterwelt von Rosevil dauerhaft schließen kann. Sie wollte mich heute Nacht in den Wahnsinn treiben, damit ich die Einzige vernichte, die mich dorthin führen kann.“
Lyra antwortet nicht sofort. Die Stille im Unterschlupf wird nur vom fernen, klagenden Heulen des Windes und dem rhythmischen Tropfen von Blut auf trockenes Laub unterbrochen. Mit methodischer, fast schon ritueller Präzision bereitet sie ihre Utensilien aus, als wollte sie die nackte Gewalt der Realität durch die Ordnung kleiner Handgriffe bannen.
Sie stellt den kompakten Gaskocher auf den unebenen Boden zwischen zwei massive Wurzeln. Das metallische Klicken des Zünders hallt wie ein Schuss in der kleinen Höhle wider, bevor eine kleine, giftblaue Flamme zum Leben erwacht und einen tanzenden Schein auf Fenris’ hohlwangiges Gesicht wirft. Lyra nimmt den Topf, den Samuel mit einer Vorahnung eingepackt hat, die sie jetzt erst vollends begreift, und gießt das klare Wasser aus der Plastikflasche hinein. Es gluckert leise, ein beinahe häusliches Geräusch in dieser gottverlassenen Wildnis.
Dann greift sie nach einem der Geschirrhandtücher, die ordentlich über den Vorräten drapiert lagen. Mit einem heftigen Ruck zerreißt sie den festen Stoff. Das Geräusch des reißenden Gewebes klingt wie ein Peitschenknall.
„Wir gehen nirgendwohin, Fenris“, sagt sie, ohne ihn anzusehen. Ihre Stimme ist leise, aber von einer unnachgiebigen Härte durchsetzt. „Nicht heute Nacht.“
Sie wartet, bis das Wasser im Topf zu sieden beginnt, kleine Dampfschwaden steigen auf und vermischen sich mit dem Geruch von Moos und dem metallischen Duft von Blut. Fenris will protestieren, sie sieht, wie sich seine Muskeln unter der Wolldecke anspannen, doch sie hebt die Hand.
„Sieh nach draußen“, flüstert sie und deutet mit dem Kopf zum Eingang ihrer Zuflucht, wo der Himmel in einem kranken, pulsierenden Rot erglüht. „Die Welt da draußen spielt verrückt. Die Bäume weinen, die Vögel fallen tot vom Himmel, und die Stadt ist ein Grabmal. Die Krypta ist das Reich der Wächterin, Fenris. Wenn wir dort jetzt eintreten, während der Blutmond seinen Zenit erreicht, laufen wir direkt in die Falle, die sie seit Jahrhunderten für uns offen hält.“
Sie taucht einen der Stoffstreifen in das heiße Wasser und beginnt mit unendlicher Vorsicht, die verkrusteten Ränder der Wunde an seiner Flanke zu säubern. Fenris zuckt zusammen, ein leises Zischen entfährt seinen Lippen, doch sie lässt nicht locker.
„Du bist schwach“, fährt sie fort, und ihre Augen treffen die seinen mit einer brennenden Intensität. „Du hast dich gerade erst aus dem Schlund des Tieres zurückgekämpft. Wenn wir jetzt gehen, wirst du die Treppen zur Krypta nicht einmal erreichen. Wir warten, bis dieses blutige Licht vom Himmel verschwunden ist. Wir warten, bis die Geister der Nacht sich wieder in ihre Löcher verkrochen haben. Ich werde dich nicht opfern, nur weil Samuel eine Theorie hat oder die Wächterin nach uns ruft.“
Die dunkle Romantik dieses Moments - die Frau, die den Mann pflegt, der sie fast getötet hätte, während über ihnen der Kosmos blutet - hüllt sie beide wie ein schwerer Vorhang ein. Lyra weiß, dass die Entscheidung, zu bleiben, ebenso gefährlich ist wie die Flucht, doch in diesem kleinen Kreis aus blauem Gaslicht fühlt sie sich zum ersten Mal seit Tagen wieder wie die Herrin über ihr eigenes Schicksal.
Lyra kniet zwischen seinen Beinen, die Welt auf diesen winzigen Kreis aus blauem Gaslicht und dampfendem Wasser reduziert. Mit dem feuchten Stoff des zerrissenen Handtuchs tupft sie behutsam über die tiefe Furche an seiner Schulter. Das warme Wasser vermischt sich mit dem frischen Blut, das wie flüssiger Rubin über seine Haut rinnt.
Fenris beobachtet jede ihrer Bewegungen mit einer Intensität, die fast körperlich spürbar ist. Sein Atem geht flach, und das rhythmische Heben und Senken seines Brustkorbs lässt das Amulett an Lyras Hals im Takt ihres eigenen Herzens schwingen.
Plötzlich halten seine großen, rauen Finger ihre Hand fest, die gerade seinen Arm säubern wollte. Die Berührung ist heiß und weckt eine dunkle, erotische Schwingung, die Lyra für einen Moment den Atem raubt. Doch sein Blick ist nicht auf ihr Gesicht gerichtet, sondern auf das geschwärzte Silber, das auf dem dunklen Strick des Pullovers ruht.
„Das hier“, krächzt er, und seine Stimme klingt wie zerriebener Fels. Er lässt ihre Hand los und deutet mit zitternden Fingerspitzen auf den Siegel. „Woher hast du das, Lyra? Ich spüre ein Summen davon ausgehen... eine Resonanz, die tief in mein Mark dringt.“
Lyra hält inne, das nasse Tuch noch in der Hand. Sie spürt, wie das Amulett auf ihrer Haut warm wird, fast so, als würde es auf Fenris’ Nähe reagieren.
„Samuel hat es mir gegeben“, flüstert sie, während sie seinen fragenden Blick erwidert. „Er nannte es ein Schutzsiegel. Bevor ich aus der Kirche aufbrach, legte er es mir um den Hals. Er sagte, es sei das Letzte, was er für mich tun könne.“
Fenris’ Augen verengen sich, das Smaragdgrün darin flackert unruhig im Schein des Gaskochers. Er beugt sich ein Stück vor, sodass sein Gesicht nur noch Handbreit von ihrem entfernt ist. Der Duft nach Wald, Blut und Samuels Reinheit vermischt sich zu einem berauschenden Elixier.
„Es ist kein gewöhnlicher Segen“, murmelt er, und seine Stimme sinkt zu einem gefährlichen Wispern. „Ich erkenne die Runen an den Rändern. Es stammt aus den Archiven des Grafen. Samuel hat dir nicht nur ein Schmuckstück gegeben, Lyra. Er hat dir einen Teil der Finsternis umgehängt, um dich vor der größeren Dunkelheit zu verbergen.“
Er streckt die Hand aus, berührt das Amulett jedoch nicht, als fürchte er, sich an der Heiligkeit oder der Magie des Silbers zu verbrennen. „Dieses Siegel... es vibriert gegen meinen Fluch wie ein Echo. Solange du es trägst, scheint die Wächterin dich nicht ganz greifen zu können. Aber sag mir die Wahrheit, Lyra: Hat Samuel gezögert, als er es dir gab? Hat er dir gesagt, was es kostet, ein solches Erbe zu tragen?“
Lyra schluckt schwer. Sie denkt an den Moment im Pfarrhaus zurück, an Samuels Blick und die Art, wie seine Finger ihren Nacken gestreift hatten. Die leidenschaftliche Schwere jenes Augenblicks kehrt für einen Moment zurück und mischt sich mit der wilden Realität hier im Moos.
Fenris starrt das geschwärzte Metall an, als könne er durch die Materie hindurch in die Mechanik des Schicksals blicken. Seine Hand zuckt, als wollte er nach dem Amulett greifen, doch er hält inne, die Fingerspitzen nur Millimeter von dem Silber entfernt. Die blaue Flamme des Gaskochers wirft harte Schatten auf seine markanten Gesichtszüge, die nun vor einer Erkenntnis erstarren, die ihm den Atem raubt.
„Es glüht nicht nur, weil es dich schützt, Lyra“, sagt er, und seine Stimme ist ein raues Flüstern, das tiefer geht als das Knistern des Feuers. „Samuel hat dir mehr gegeben als einen Talisman. Er hat dir das Herzstück der Krypta anvertraut.“
Lyra hält den Atem an, ihre Finger umschließen das kühle Metall. „Was meinst du damit? Er sagte, es sei ein Siegel der Vorfahren.“
Fenris schüttelt langsam den Kopf, während seine Augen die uralten Runen nachzeichnen, die in das Silber graviert sind. „Es ist das fehlende Fragment. Die Krypta von Rosevil ist nicht einfach nur ein Grabmal; sie ist mit einem Mechanismus verschlossen, den nur das Blut des Grafen und dieses Silber in Bewegung setzen können. Dieses Amulett... es ist der physische Teil des Schlüssels. Ohne ihn bleiben die Tore zur untersten Ebene versiegelt, egal wie viel Macht die Wächterin beschwört.“
Er sieht sie an, und in seinem Blick liegt eine erschütternde Klarheit. Die Situation wird nun von einer unausweichlichen Bestimmung überschattet.
„Samuel wusste genau, was er tut. Er hat das Kostbarste, was die Kirche unter Verschluss hielt, in deine Hände gelegt. Er wusste, dass die Wächterin mich eher zerstören würde, als mir den Schlüssel zu überlassen. Aber dich... dich hat sie unterschätzt. Du trägst die Macht, das Tor zu öffnen oder es für immer zu verriegeln, direkt an deinem Herzen.“
Lyra spürt ein Frösteln, das nichts mit der Kälte des Waldes zu tun hat. Das Gewicht des Silbers fühlt sich plötzlich tonnenschwer an. Es ist nicht länger nur ein Geschenk eines Freundes, es ist die Last einer ganzen Stadt, das Erbe einer blutigen Vergangenheit.
„Deshalb hat die Krähe mich angegriffen“, flüstert sie, während die Erkenntnis wie ein Schlag einschlägt. „Sie wollte nicht nur mich aufhalten. Sie wollte verhindern, dass der Schlüssel sein Schloss erreicht.“
Fenris nickt düster. Er greift nach ihrer Hand, die noch immer das Amulett hält, und umschließt sie mit seinen großen, warmen Fingern. „Wir sind nun die Träger des Endes, Lyra. Du hältst den Stahl, und ich trage das Blut. Gemeinsam sind wir der einzige Schlüssel, den diese Welt noch hat.“
Das Wasser im Topf ist mittlerweile nur noch lauwarm, verfärbt von der Gewalt der Nacht. Mit fast schmerzhafter Sorgfalt tupft Lyra die letzte Blutspur von Fenris’ Haut, bevor sie zu der kleinen braunen Flasche greift, die Samuel zwischen die Vorräte gebettet hat. Das Desinfektionsmittel riecht stechend nach Alkohol und klinischer Kälte - ein krasser Gegensatz zu dem schweren Duft nach Erde und Moschus, der Fenris umgibt.
Als sie die Flüssigkeit vorsichtig auf die zerfurchte Wunde an seiner Brust träufelt, die dort klafft, wo eben noch das Herz der Bestie raste, bebt sein gesamter Körper. Fenris verzieht das Gesicht, seine Zähne mahlen aufeinander, und ein unterdrücktes Grollen tief in seiner Kehle zeugt von der brennenden Qual. Doch er weicht nicht zurück.
Mitten in der Bewegung schnellt seine Hand vor. Seine Finger schließen sich um Lyras schmales Handgelenk - nicht grob, aber mit einer besitzergreifenden Bestimmtheit, die sie innehalten lässt. Der Stoff von Samuels Pullover schiebt sich an ihrem Arm hoch, als er sie sanft, aber unnachgiebig fixiert.
Lyra erstarrt. Sie hebt den Kopf und sieht zu ihm auf. In der Enge des Unterschlupfs, umhüllt von der schweren Wolldecke und dem blauen Schein des Gaskochers, treffen sich ihre Blicke. Das Smaragdgrün seiner Augen ist jetzt ruhig, tief wie ein vergessener Bergsee, und doch lodert darin eine dunkle, verzehrende Leidenschaft, die keine Worte mehr braucht. Die Stille zwischen ihnen wird so dicht, dass man das ferne Pulsieren des Blutmonds fast hören kann. Jedes Flüstern der Vergangenheit, jede Warnung Samuels und jeder Schatten der Wächterin verblasst in diesem einen Moment der absoluten Gegenwärtigkeit.
Sie sagen kein Wort. Die Luft zwischen ihren Lippen scheint zu brennen, geladen mit der Elektrizität einer Liebe, die im Angesicht des Untergangs geschmiedet wurde.
Lyra lässt das Tuch in den Schoß fallen. Sie gibt dem sanften Zug an ihrem Handgelenk nach und beugt sich vor. Ihr Herz schlägt gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel, während sie die Distanz überwindet, bis ihr Atem eins wird mit seinem. Dann treffen ihre Lippen auf die seinen - zuerst federleicht, eine fragende Berührung, die sich augenblicklich in ein tiefes, verzweifeltes Verlangen verwandelt.
Es ist ein Kuss, der nach Salz, Eisen und einer bittersüßen Ewigkeit schmeckt. In der Abgeschiedenheit ihrer Höhle aus Farn und Schatten besiegeln sie ein Bündnis, das weit über den Schlüssel und die Krypta hinausreicht. Sie sind zwei Verlorene, die im Zentrum des Sturms ihr Zuhause gefunden haben, während draußen die Welt in karminrotes Vergessen versinkt.
Der Kuss vertieft sich, wird hungriger, fordernder, als wollten sie die bittere Erinnerung an den Fluch mit der reinen Glut ihres Verlangens ausbrennen. Fenris’ Hand an ihrem Handgelenk lockert sich nicht, doch seine Finger gleiten nun höher, brennen sich in ihre Haut ein, während seine andere Hand sich in ihr noch immer feuchtes Haar vergräbt. Ein tiefes, menschliches Seufzen entweicht seiner Kehle, ein Laut absoluter Ergebung gegenüber der Frau, die ihn aus der Finsternis zurückgeholt hat.
Ohne den Kontakt ihrer Lippen zu unterbrechen, bewegt er sich mit einer geschmeidigen, fast raubtierhaften Anmut. Er zieht sie sacht, aber bestimmt tiefer in das Innere ihres Verstecks, weg vom kalten Schein des Gaskochers, hin zum Herzen ihres Lagers. Das weiche, dunkle Moos gibt unter ihrem kombinierten Gewicht nach und bettet sie wie ein lebendiger Samt, während der Duft von zerdrückten Farnen und alter Erde sie einhüllt.
Fenris legt sich über sie, stützt sein Gewicht auf seine Unterarme, um sie nicht zu erdrücken, während die schwere Wolldecke von seinen Schultern gleitet und sie beide wie ein schützender Kokon umschließt. In der Dunkelheit ihrer Höhle sind seine Augen die einzigen Fixpunkte – zwei smaragdgrüne Sterne, die vor dunkler Sehnsucht brennen.
Lyras Hände tasten über seine nackte Brust, weichen den frischen Wunden aus und finden die heiße, glatte Haut dazwischen. Das Amulett an ihrem Hals liegt nun zwischen ihnen, ein kühler Kontrast zu der Hitze ihrer Körper, ein stiller Zeuge ihrer Vereinigung. Samuels Pullover fühlt sich rau auf ihrer Haut an, während Fenris’ nackte Haut eine Verheißung von Wildheit und Schutz zugleich ist.
Fenris löst sich nur einen Millimeter von ihren Lippen, sein Atem heiß und schwer auf ihrer Haut. Seine Hände, die eben noch vor Schmerz gezittert haben, finden nun mit einer neuen, brennenden Bestimmtheit den Saum von Samuels schwarzem Pullover. Er schiebt den groben Stoff langsam nach oben, und Lyra hebt bereitwillig die Arme, während sie seinen Blick nicht loslässt.
Als der Pullover über ihren Kopf gleitet und beiseite geworfen wird, bleibt die kühle Waldluft für einen Moment auf ihrer Haut liegen, doch Fenris’ Hitze verdrängt sie sofort. Er hält inne. Seine Augen wandern über ihren Oberkörper, der im bläulichen Schein des Gaskochers wie aus Elfenbein gemeißelt wirkt. Er betrachtet sie mit einer Ehrfurcht, die tiefer geht als bloßes Verlangen; es ist der Blick eines Mannes, der nach einer Ewigkeit in der Hölle ein Wunder schaut.
„Du bist so unendlich schön, Lyra“, raunt er, und seine Stimme ist ein dunkles, kehliges Beben.
Seine Fingerspitzen, rau vom Wald, beginnen eine langsame, beinahe andächtige Erkundungstour. Er streicht über das Schlüsselbein, dorthin, wo das Silberamulett ruht, und folgt dann der sanften Wölbung ihrer Schulter. Lyra schließt die Augen und wirft den Kopf in den Nacken, als seine Lippen ihren Kiefer entlangwandern und schließlich ihren Hals finden. Jeder Kuss, den er auf ihre Haut brennt, ist ein Versprechen, jede Berührung ein stummes Gebet.
Mit einer geschmeidigen Bewegung befreit er sie von dem Rest der schweren Kleidung, bis sie so nackt und verwundbar vor ihm liegt wie er vor ihr. Er zieht sie tiefer in das weiche, nach Regen und Farn duftende Moos. Die dunkle Erotik des Augenblicks ist berauschend - das Spiel von Licht und Schatten auf ihren verschlungenen Körpern, das ferne Grollen des Donnerwetters und das absolute Vertrauen in seinen Augen.
Fenris bettet seinen Kopf zwischen ihre Brüste, lauscht dem rasenden Schlag ihres Herzens und lässt seine Lippen über ihre Haut gleiten, als wolle er jeden Zentimeter ihres Wesens als sein Territorium markieren. Es ist eine Erkundung voller Leidenschaft, doch ohne die einstige Aggression. Er genießt sie mit einer Langsamkeit, die die Zeit stillstehen lässt. In der Abgeschiedenheit dieser Höhle, während der Blutmond draußen die Welt in ein mörderisches Rot taucht, erschaffen sie sich ihre eigene, heilige Realität aus Berührungen und leisem Keuchen.
Jeder Kuss auf ihren Bauch, jedes Streifen seiner Haare gegen ihre Schenkel ist eine Rebellion gegen den Fluch. In dieser Nacht ist er kein Monster und sie keine Gejagte - sie sind zwei Seelen, die in der Dunkelheit zueinandergefunden haben und sich gegenseitig die Kälte aus den Knochen brennen.
Lyra spürt das heftige Beben in Fenris’ Muskeln, das Zittern seiner Erschöpfung, das gegen das Feuer seiner Leidenschaft kämpft. Die Wunden an seinem Körper sind noch frisch, und jede seiner instinktiven, kraftvollen Bewegungen lässt ihn schmerzerfüllt die Zähne zusammenpressen. Mit einer sanften, aber unnachgiebigen Geste legt sie ihre Hände auf seine Schultern und drückt ihn sacht zurück in das weiche, nach Erde duftende Moos.
„Lass mich“, flüstert sie, und ihre Stimme ist ein dunkles Versprechen, das das Heulen des Windes draußen übertönt. „Heute Nacht gehöre ich dir, aber ich werde dich führen.“
In der schimmernden Dunkelheit des Unterschlupfs übernimmt sie die Kontrolle. Sie beginnt, ihn mit einer Hingabe zu liebkosen, die seine Sinne betäubt. Ihre Fingerspitzen zeichnen die harten Konturen seiner Brust nach, streifen vorsichtig an den Rändern seiner Verletzungen vorbei und hinterlassen eine Spur aus Sehnsucht und Trost. Sie beugt sich über ihn, ihre Haare fallen wie ein seidener Vorhang über sein Gesicht, während sie seine Haut mit federleichten Küssen erkundet. Fenris stößt ein tiefes, kehliges Grollen aus, seine Hände vergraben sich in dem Moos zu seinen Seiten, als müsse er sich am Fundament der Welt festhalten, um nicht im Rausch ihrer Berührungen zu vergehen.
Die Spannung in der kleinen Höhle verdichtet sich, bis die Luft fast zu brennen scheint. Lyra spürt sein Verlangen, das hart und pulsierend gegen ihren eigenen Körper drängt, und sieht das smaragdgrüne Glühen in seinen Augen, das nun vor absoluter Ergebenheit flackert.
Als sie spürt, dass sie beide den Rand des Abgrunds erreicht haben, jenen Moment, in dem die Welt um sie herum vollends im Feuer der Lust verblasst, richtet sie sich über ihm auf. Sie kniet über seinen Hüften, ihre Silhouette zeichnet sich im bläulichen Restlicht des Gaskochers als ein Bild purer, dunkler Anmut ab. Fenris hält den Atem an, sein Blick ist fest in den ihren verankert, während sie sich langsam, Zentimeter um Zentimeter, auf ihn sinkt.
Sie nimmt ihn tief in sich auf, ein Seufzen der Vollkommenheit entweicht ihren Lippen, als sie eins werden. Die Verbindung ist so intensiv, so absolut, dass das Amulett an ihrem Hals zwischen ihren Körpern zu vibrieren scheint. Lyra beginnt, sich auf ihm zu bewegen - ein langsamer, rhythmischer Tanz, der die Gesetze von Schmerz und Fluch außer Kraft setzt. Ihre Bewegungen sind flüssig und bestimmt, eine Ode an das Leben inmitten der drohenden Vernichtung.
Fenris greift nach ihren Hüften, seine Finger graben sich in ihre Haut, während er den Kopf in den Nacken lehnt. Unter ihnen gibt das Moos nach, über ihnen blutet der Himmel, doch hier, in diesem archaischen Rhythmus, gibt es nur die leidenschaftliche Verschmelzung zweier Seelen, die sich weigern, den Schatten zu gehören. Lyra neigt sich vor, ihre verschwitzte Stirn gegen die seine gepresst, während sie gemeinsam dem Höhepunkt entgegenrasen, der wie ein weißglühender Blitz die Finsternis ihrer Existenz zerreißt.
Lyra spürt, wie sich jede Faser ihres Seins anspannt, wie das Verlangen in ihr zu einer unerträglichen, wunderschönen Last anschwillt. Sie bewegt sich auf Fenris mit einer instinktiven Sicherheit, ihre Hände fest in seine starken Schultern gekrallt. Fenris stößt ein tiefes, kehliges Stöhnen aus, das tief aus seiner menschlichen Seele kommt, während er seine Hüften ihr entgegenstemmt. Die Verbindung gipfelt in einem Moment absoluter, nackter Wahrheit.
Dann bricht die Welle über ihnen zusammen.
Ein heftiges Beben durchläuft ihre Körper, als sie gemeinsam den Rand des Abgrunds überschreiten. Lyra wirft den Kopf in den Nacken, ein erstickter Laut der Ekstase entweicht ihren Lippen, während sie Fenris so tief in sich aufnimmt, als wollte sie ihn für immer dort bewahren. In diesem Augenblick der vollkommenen Entladung verschmelzen ihre Seelen zu einer einzigen, weißglühenden Flamme. Fenris klammert sich an sie, seine Finger graben sich in ihre Hüften, und er vergräbt sein Gesicht an ihrem Hals, während er seinen Höhepunkt in sie hineinstöhnt - ein Ruf, der nichts mehr mit dem Wolf zu tun hat, sondern nur noch mit der reinen, verzweifelten Liebe eines Mannes.
Es ist eine Explosion der Sinne, ein Moment, in dem die Zeit zerbirst. Während sie in dieser alles verzehrenden Glut verharren, geschieht das flüchtige Wunder an seinem Körper: Unter Lyras Fingern, die auf seiner Brust liegen, glättet sich sein Fleisch, die Wunden schließen sich für diesen einen, heiligen Herzschlag vollkommen, als würde das Leben selbst den Tod für eine Sekunde besiegen.
Langsam, ganz langsam, lässt die Spannung nach. Sie sinken schwer atmend in das weiche, nach Farn duftende Moos zurück, noch immer untrennbar miteinander verbunden. Die Schweißperlen auf ihrer Haut glitzern wie Tau, und die Stille, die nun folgt, ist nicht leer, sondern erfüllt von der Erhabenheit dessen, was sie gerade geteilt haben. Es war kein magisches Ritual, sondern ein zutiefst menschlicher Akt des Widerstands gegen die Dunkelheit.
Lyra bettet ihren Kopf auf seine nun glatte Brust und lauscht dem beruhigten Takt seines Herzens. Fenris umschließt sie mit seinen Armen, zieht die Decke über sie beide und küsst sanft ihre Schläfe. In diesem Augenblick wissen sie: Was auch immer die Nacht noch bringen mag, diese Verbindung kann keine Macht der Welt jemals wieder ganz zerreißen.
In der heiligen Stille, die dem Sturm ihrer Leidenschaft folgt, liegen sie eng umschlungen im dichten Moos. Das einzige Geräusch ist das langsame, synchrone Heben und Senken ihrer Brustkörbe. Fenris’ Finger bewegen sich mit einer fast unwirklichen Sanftheit, wie der Hauch eines Schattens, über Lyras Rücken. Er zeichnet die Linie ihrer Wirbelsäule nach, als wolle er sich jede Kurve ihres Körpers für die Ewigkeit einprägen, während sie ihren Kopf an seine Schulter schmiegt und den vertrauten Duft von Freiheit und Haut einatmet.
Doch der Frieden ist trügerisch.
Draußen, jenseits ihres aus Farnen gewobenen Refugiums, erwacht die Nacht zu neuem, bösartigem Leben. Das ferne Pfeifen des Windes schwillt zu einem drohenden Heulen an, das die Äste der uralten Bäume wie Knochen gegeneinander schlagen lässt. Der Nebel kriecht nun nicht mehr nur über den Boden; er wallt in dichten, unnatürlichen Schwaden herbei, die das Licht des Gaskochers zu ersticken drohen. Es ist ein kalter, feuchter Atem, der nach Grabesruhe und vergossenem Blut schmeckt.
Fenris hält in seiner Bewegung inne. Seine Muskeln spannen sich unter ihrer Berührung wieder an, und das friedliche grün seiner Augen trübt sich durch eine heraufziehende Vorahnung. Er spürt, wie die Barriere, die sie eben erst mit ihrer Liebe errichtet haben, von außen belagert wird. Die Wächterin duldet keinen Frieden in ihrem Reich.
„Lyra“, flüstert er, und seine Stimme ist nun wieder tief und schwer, beladen mit dem Gewicht der Verantwortung. Er richtet sich ein wenig auf, sodass er ihr direkt in die Augen sehen kann. „Hör mir zu. Die Zeit, die uns die Gnade des Augenblicks geschenkt hat, rinnt uns durch die Finger.“
Er nimmt ihr Gesicht in seine Hände, und in seinem Blick liegt eine drängende Ernsthaftigkeit, die Lyra das Blut in den Adern gefrieren lässt.
„Es gibt Dinge, die ich dir sagen muss, solange der Wolf in mir schweigt. Wenn wir die Krypta erreichen, wird das Amulett an deinem Hals Dinge von dir verlangen, die über deinen Verstand hinausgehen. Es ist nicht nur ein Schlüssel für die Tore, es ist eine Verbindung zu dem, was vom Grafen noch übrig ist. Du wirst Stimmen hören, Lyra. Versprechen von Macht und einem Ende des Fluchs.“
Er schluckt schwer, seine Daumen streichen über ihre Wangenknochen. „Glaub ihnen nicht. Die Wächterin wird versuchen, deine Liebe gegen dich zu verwenden. Sie wird dir vorgaukeln, dass mein Leben nur durch dein Opfer gerettet werden kann. Aber du musst wissen: Wenn das Siegel bricht, darfst du nicht zögern. Selbst wenn es bedeutet, dass du mich dort unten zurücklassen musst.“
Die Romantik ihrer Lage wird nun von der bitteren Realität der Opferbereitschaft überschattet. Fenris offenbart ihr sein dunkelstes Geheimnis: Dass der Weg zur Erlösung vielleicht nur über eine endgültige Trennung führt.
Lyra sieht ihn mit einer Entschlossenheit an, die so unerschütterlich ist wie der uralte Stein der Krypta selbst. Sie legt ihre Hände über die seinen, drückt sie fest gegen ihre Wangen und lässt nicht zu, dass er seinen Blick abwendet.
„Ich schwöre es dir, Fenris“, flüstert sie, und ihre Stimme ist ein flammender Eid inmitten der heraufziehenden Finsternis. „Ich werde dich nicht zurücklassen. Weder dort unten in der Tiefe, noch in den Fängen dieses Fluchs. Wenn wir fallen, dann fallen wir gemeinsam. Aber ich werde nicht ohne dich in das Licht zurückkehren.“
Draußen scheint der Wald auf ihre Worte zu reagieren, doch es ist kein Segen, sondern ein tobender Protest. Das Gekreische der Krähen schwillt zu einem ohrenbetäubenden Chor der Verdammnis an, ein hasserfülltes Lachen, das durch die Äste peitscht. Der Wind heult nun so gewaltig, dass das provisorische Dach ihres Unterschlupfs gefährlich erzittert. Das kranke, rote Licht, das eben noch durch die Ritzen drang, verblasst jäh. Der Blutmond zieht sich hinter eine massive, undurchdringliche Wolkendecke zurück - sein Werk für diese Phase ist getan, sein Auge schließt sich.
Lyra atmet erleichtert auf, im Glauben, das Schlimmste sei überstanden. Doch Fenris’ Körper verkrampft sich augenblicklich.
Ein entsetzliches, tiefes Reißen geht durch seine Glieder. Was sie beide nicht geahnt haben: Die Freiheit des Menschen war an das Licht des Blutmonds gebunden. Mit seinem Verschwinden fordert die Finsternis ihren Tribut zurück - und sie tut es mit einer Grausamkeit, die alles Vorangegangene in den Schatten stellt.
„Lyra… lauf…“, presst er hervor, während sein Gesicht sich bereits zu verzerren beginnt.
Das eben noch makellose Fleisch seiner Brust reißt erneut auf, doch diesmal fließt kein rotes Blut. Schwarzer Schatten quillt aus den Poren, dickflüssig und hungrig. Seine Knochen brechen mit dem Geräusch berstenden Holzes, seine menschlichen Schreie werden von einem gurgelnden, animalischen Laut verschlungen. Vor ihren entsetzten Augen wächst er, dehnt sich aus, während das pechschwarze Fell wie eine Pest aus seiner Haut bricht.
Innerhalb von Sekunden ist der Mann, den sie gerade noch geliebt hat, verschwunden. An seiner Stelle kauert ein gewaltiger, schwarzer Wolf im Moos - größer und dunkler als zuvor, die Augen kein Smaragd mehr, sondern zwei Schlitze aus reinem, bösartigem Feuer. Die Verwandlung ist vollkommen, und die Bestie schnaubt den heißen Atem des Wahnsinns direkt in Lyras Gesicht.
Das Entsetzen ist so absolut, dass es Lyras Verstand für einen Herzschlag lang auslöscht. Der Mann, dessen Herzschlag sie eben noch unter ihrem Ohr spürte, ist in einer Explosion aus Schatten und brechenden Knochen vernichtet worden. Die Wärme ihrer Vereinigung klebt noch auf ihrer Haut, während die eiskalte Realität des schwarzen Wolfes den winzigen Raum ausfüllt.
Ein gellender Schrei bricht aus Lyras Kehle - ein Laut aus purem Schmerz, der die Dunkelheit der Höhle zerreißt. Es ist kein Schrei der Angst, sondern ein Ruf der Entfesselung.
Ohne einen Blick zurück, ohne nach ihrer Kleidung oder dem schützenden Amulett zu greifen, stürzt sie aus dem Unterschlupf hinaus in die tobende Nacht. Sie ist nackt, ihre Haut schimmert bleich und gezeichnet von den Spuren ihrer Liebe gegen das unnatürliche Dunkel des Waldes. Die eisige Luft peitscht gegen ihren ungeschützten Körper, der Nebel legt sich wie ein Leichentuch um ihre Glieder, doch sie spürt die Kälte nicht. In ihrem Inneren brennt ein Feuer, das heißer ist als die Lava am Himmel.
Sie bleibt auf einer kleinen Lichtung stehen, die Arme weit ausgebreitet, den Kopf in den Nacken geworfen. Ihr Haar peitscht ihr im Sturmwind um das Gesicht. Über ihr kreisen die Krähen wie schwarze Fetzen der Verzweiflung, und der Wald scheint sich um sie zusammenzuziehen.
„Bist du zufrieden?!“, schreit sie in das heulende Nichts, ihre Stimme heiser vor Zorn und Verzweiflung. Sie adressiert nicht den Wald oder den Sturm, sondern die Präsenz, die sie in jeder Schattenbewegung spürt. „Hast du gesehen, was du getan hast, Wächterin?“
Ihr ganzer Körper bebt vor einer dunklen, heiligen Raserei. Sie sieht aus wie eine gefallene Göttin, die inmitten der Trümmer ihres Glücks den Krieg erklärt.
„Hörst du mich?!“, brüllt sie gegen das Gekreische der Vögel an. „Du denkst, du hast ihn mir wieder weggenommen? Du denkst, dieser Fluch ist stärker als das, was wir gerade geteilt haben? Ich schwöre dir bei meinem Blut und meiner Seele: Ich werde dich finden! Ich werde in deine verfluchte Krypta hinabsteigen und jeden Stein deiner Existenz zertrümmern! Ich werde dich vernichten, bis nichts mehr von dir übrig ist als Staub im Wind!“
In diesem Moment, nackt und schutzlos vor den Augen des Bösen, ist Lyra gefährlicher als jede Bestie. Ihr Schrei hallt durch die Bäume, und für einen kurzen Augenblick scheint der Wind innezuhalten, als würde die Natur selbst vor der schieren Gewalt ihres Schwurs zurückweichen.
Hinter ihr, im Schatten des Eingangs, glühen die Augen des schwarzen Wolfes auf. Er beobachtet sie, ein dunkler Gott der Zerstörung, während Lyra der Finsternis den Kampf ansagt.
Lyra steht noch immer wie eine flammende Statue des Zorns auf der Lichtung, ihre nackte Haut ein trotziger Lichtblick gegen das erstickende Grau des Nebels. Sie hört das Echo ihres eigenen Schwurs in den Wipfeln widerhallen, doch hinter ihr, im tiefen Schatten des Unterschlupfs, vollzieht sich eine lautlose Tragödie.
Fenris, in der gewaltigen Gestalt des schwarzen Wolfes, beobachtet sie. Er spürt die neue, ungeheure Kraft, die durch seine Sehnen peitscht - eine Kraft, die dunkler und reizbarer ist als alles, was er zuvor kannte. Die Verwandlung nach dem Moment der Reinheit hat das Tier in ihm nur noch unberechenbarer gemacht. Die Erinnerung an den Augenblick, als seine Kiefer fast um ihre Kehle zuschnappten, brennt wie flüssiges Blei in seinem Bewusstsein. Er schmeckt die Gefahr, die er nun für sie darstellt; er ist eine geladene Waffe, deren Abzug bei der kleinsten Berührung prellen könnte.
Er sieht sie an, wie sie dort nackt im Sturm steht, ungeschützt und doch mächtiger als jede Kreatur der Nacht. Ein tiefer Stolz durchflutet sein dunkles Herz. Sie ist nicht mehr das Mädchen, das Schutz suchte. Sie ist eine Kriegerin geworden, eine Frau, die der Finsternis ins Gesicht spuckt. In diesem Stolz liegt seine letzte menschliche Entscheidung.
Fenris lässt den massiven Kopf hängen. Ein leises, fast unhörbares Wimmern entweicht seiner Kehle - ein letzter Abschiedsgruß an die Frau, die ihn für einen Moment geheilt hat. Er weiß, dass seine bloße Nähe sie jetzt zerreißen würde, nicht aus Hass, sondern aus der unkontrollierbaren Raserei des neuen Fluchs heraus.
Mit einer geschmeidigen, schmerzhaft schnellen Bewegung wendet er sich ab. Er verschwindet wie ein Schatten im Schatten, lautlos und effizient. Er flieht nicht vor dem Kampf, sondern vor sich selbst, um das Einzige zu schützen, das ihm heilig ist: ihr Leben. Er taucht tief in das Dickicht ein, lässt die Lichtung und die nackte Frau hinter sich zurück und verschmilzt mit der Undurchdringlichkeit des Waldes.
Lyra verstummt mitten im Schrei. Plötzlich wird ihr die unnatürliche Stille hinter ihrem Rücken bewusst. Sie wirft sich herum, das Haar peitscht über ihre nackten Schultern, doch die Lichtung hinter ihr ist leer. Das Moos ist noch flachgedrückt von ihren Körpern, der Gaskocher wirft ein letztes, sterbendes blaues Licht, aber der schwarze Wolf ist fort.
„Fenris?“, flüstert sie, und die Wut in ihrer Stimme bricht sich an einer neuen, kalten Einsamkeit.
Sie steht allein in der Finsternis, umgeben vom höhnischen Schweigen der Wächterin. Fenris ist weg, verloren im Labyrinth der Bäume, um sie vor der Bestie zu retten, die er nun ist.