Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 20
Wenn die Seele zur Währung wird
Fenris ist verschwunden, und mit jedem Tag droht die Dunkelheit ihn weiter zu verschlingen. Während Lyra im Pfarrhaus Schutz sucht, verdichtet sich das Netz der Wächterin um sie herum. Alte Schriften offenbaren eine grausame Wahrheit: Nur Lyras Nähe kann Fenris’ Menschlichkeit bewahren.
Doch Zeit ist ein Luxus, den sie nicht mehr besitzt.
Als Lyra sich entschließt, ihn zu suchen, trifft Samuel im Schatten eine folgenschwere Entscheidung - ein Opfer, das den Lauf aller Dinge verändern wird.
Der Weg führt in den Wald.
Und weiter hinab, dorthin, wo kein Licht mehr wartet.
Drei Wochen sind vergangen, seit die Dunkelheit den Wald von Rosevil endgültig verschlungen hat. Für Lyra fühlt sich jede Stunde seither wie ein zähes, bleiernes Echo jener Nacht an. Sie hat Fenris seitdem nicht mehr gesehen - weder den Mann mit den smaragdgrünen Augen, noch den schwarzen Wolf, der wie ein böser Geist in den Schatten verschwand. Er ist wie vom Erdboden verschluckt, als hätte der Wald ihn buchstäblich aufgesogen, um sie vor seiner eigenen, unberechenbaren Raserei zu schützen.
Lyra steht am Fenster des des Pfarrhauses. Die Glasscheibe ist kalt gegen ihre Stirn, und draußen peitscht ein unaufhörlicher, grauer Regen gegen die Welt, als wolle der Himmel die Sünden der Stadt unter einer Flut aus Schlamm begraben. Samuel hat sie bei sich aufgenommen, denn in ihrem eigenen Haus war sie längst nicht mehr sicher.
Das Pfarrhaus ist nun ihre Festung und ihr Gefängnis zugleich. Die Wohnung des Kaplans ist kaum wiederzuerkennen; sie gleicht eher der Werkstatt eines Wahnsinnigen oder eines verzweifelten Wächters aus einer anderen Epoche. Überall stapeln sich alte, staubige Bücher mit brüchigen Lederrücken, vergilbte Pergamente und handgezeichnete Karten der unterirdischen Tunnel von Rosevil.
Samuel sitzt am massiven Eichentisch, das fahle Licht einer modernen Schreibtischlampe schneidet scharfe Kontraste in sein hageres Gesicht. Er wirkt in dieser modernen Welt wie ein lebendes Relikt, ein Anachronismus aus Fleisch und Blut. Er recherchiert nicht wie ein Gelehrter der heutigen Zeit; er arbeitet mit dem Wissen aus erster Hand, das er vor Jahrhunderten erworben hat. Seine Bewegungen sind voller Routine, als würde er Wunden berühren, die nie verheilt sind.
„Die Menschen heute nennen es Legenden, Lyra“, sagt er leise, ohne von den Schriften aufzusehen. Seine Stimme klingt brüchig, als käme sie direkt aus einer Gruft. „Sie glauben, Geschichte sei eine gerade Linie ins Licht. Aber ich war dabei, als diese Linie im Blut des Grafen ertrank. Ich brauche keine modernen Professoren. Ich habe das Gesicht der Wächterin gesehen, als sie noch Tränen weinen konnte.“
Lyra fröstelt und zieht ihren dicken Cardigan enger um sich. Sie spürt es wieder - dieses Stechen im Nacken. Unten, auf der anderen Straßenseite, im tiefen Schatten eines Torbogens, steht er wieder. Ein hagerer Mann in einem dunklen Mantel, dessen Gesicht im Schatten seiner Kapuze verborgen bleibt. Ein Handlanger der Wächterin. Er rührt sich nicht, er wartet nur. Er ist die stumme Erinnerung daran, dass der Pakt der Finsternis noch immer nach ihr verlangt.
„Er schützt mich, Samuel“, flüstert Lyra, und ihr Blick wandert zu dem Silberamulett, das stumpf auf einem Stapel alter Aufzeichnungen liegt. „Indem er fernbleibt, versucht er mich vor sich selbst zu retten. Aber er versteht nicht, dass die Stille mich langsam umbringt.“
Samuel hebt den Kopf, und seine Augen wirken in diesem Moment unendlich alt, erfüllt von einer tragischen Einsamkeit. Er ist der einzige Zeuge einer Wahrheit, die heute niemand mehr glaubt - außer der Frau, die einen Wolf geliebt hat.
„Er ist noch da draußen“, sagt Samuel und deutet zum Fenster. „Und der Beobachter dort unten wartet nur darauf, dass deine Sehnsucht nach Fenris dich unvorsichtig macht. Die Wächterin weiß, dass du der Schlüssel bist, Lyra. Und sie wird nicht ruhen, bis sie dich in die Krypta lockt.“
Lyra sinkt auf den staubigen Dielenboden, umgeben von einem Meer aus vergilbtem Papier, das im fahlen Licht der Schreibtischlampe fast wie vertrocknete Haut wirkt. Mit zitternden Fingern sortiert sie die alten Schriften, deren Tinte an manchen Stellen so verblasst ist, dass sie kaum mehr als ein Flüstern der Vergangenheit sind.
„Vorsichtig, Lyra“, mahnt Samuel leise, während er über einen Stapel schwerer Folianten hinweg zu ihr sieht. „Manche dieser Seiten halten nur noch durch die Erinnerung zusammen, die an ihnen klebt. Wenn sie zerfallen, verlieren wir den einzigen Pfad, der uns noch bleibt.“
Er beobachtet sie aus dem Schatten seines Kapuzenmantels. Obwohl sein Geist die Last von Jahrhunderten trägt, wirkt sein Körper in der heutigen Zeit wie der eines jungen Mannes in den besten Jahren - kräftig, mit klaren Zügen und Augen, die eine Tiefe besitzen, die nicht in dieses Jahrhundert passt. Während er sieht, wie Lyra eine Träne wegwischt und ihre Kiefer vor unterdrückter Wut mahlen, spürt er ein vertrautes, schmerzhaftes Ziehen in seiner Brust. Es ist ein Gefühl, das er sich kaum einzugestehen wagt: Eine Zuneigung zu ihr, die weit über seine Pflicht als Mentor und Beschützer hinausgeht. Eine verbotene Sehnsucht, die er tief in den Archiven seines Herzens vergraben muss.
Er besinnt sich auf das Wesentliche. Die Mission ist größer als sein Verlangen. Mit einer beherrschten Bewegung nimmt er einen ledergebundenen Block zur Hand und beginnt, Lyra die Stichpunkte vorzulesen - eine Chronik des Grauens, die alles zusammenfasst, was seit ihrer schicksalhaften Ankunft in Rosevil geschehen ist.
„Hör mir zu, Lyra. Wir müssen das Muster verstehen“, beginnt er, und seine Stimme nimmt den kühlen Ton eines Chronisten an.
Die Ankunft: Der Blutmond stand bereits tief, als ihr die Stadtgrenze überschritten habt. Die Wächterin hat euch sofort als Eindringlinge markiert.
Der erste Angriff: Die Krähen. Sie waren nicht nur Boten, sie waren Späher. Sie haben das Amulett an deinem Hals erkannt, noch bevor du wusstest, was es ist.
Die Verwandlung im Wald: Fenris’ Kontrolle ist gebrochen. Der schwarze Wolf, der jetzt im Wald lauert, ist stärker und dunkler als jede Form, die er zuvor angenommen hat. Das Licht ihrer Vereinigung hat den Fluch kurzzeitig geschwächt, aber die darauffolgende Dunkelheit hat ihn nur noch tiefer verankert.
Die Beobachtung: Der Handlanger draußen. Die Wächterin kann dieses Haus nicht betreten, solange die Siegel der Kirche halten, aber sie belagert deinen Verstand. Sie wartet auf den Moment, in dem deine Wut die Oberhand gewinnt.
Das Ziel: Die Krypta. Alles läuft auf diesen einen Punkt unter der Erde hinaus. Das Amulett ist der Schlüssel, Fenris’ Blut ist das Siegel.
Samuel lässt den Block sinken und sieht sie eindringlich an. „Jeder Schritt, den ihr seit eurer Ankunft gemacht habt, wurde von ihr gelenkt oder vorhergesehen. Bis auf einen Moment: Den Moment im Wald, als du sie herausgefordert hast. Das war nicht Teil ihres Plans.“
Lyra blickt von den Papieren auf, ihre Augen brennen vor einer gefährlichen Entschlossenheit.
Samuel lässt den ledernen Block sinken und starrt einen Moment lang in das Licht der Lampe, als würden die Schatten dort drin Gestalt annehmen. Er atmet schwer aus, und für einen Augenblick sieht Lyra nicht mehr den jungen Mann, sondern den uralten Geist, der müde von den ewigen Ränkespielen des Schicksals ist.
„Das Bett, Lyra“, sagt er plötzlich, und seine Stimme klingt beunruhigend sanft. „Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ihr ausgerechnet dieses Stück gewählt habt. Ihr habt euer letztes Geld gegeben, nicht für Bequemlichkeit, sondern für dieses massive, dunkle Relikt, das die Geschichte des Grafen in jeder Faser seines Holzes trägt.“
Er sieht sie an, und in seinem Blick liegt nun ein tiefes Verständnis für die Dark-Gothic-Seelen, die vor ihm stehen.
„Ihr seid dem Verderben nicht fern, Lyra. Ihr sucht es. Ihr habt dieses Bett gekauft, weil es die Aura des Morbiden atmet, weil es euch dem Grafen und seiner blutigen Historie näher brachte. Während andere vor der Finsternis fliehen, habt ihr euch in ihr eingerichtet. Die Wächterin sah das - und sie wollte es nutzen. Ihr Plan war es, Fenris durch diese Faszination für das Erbe des Grafen abhängig zu machen, ihn langsam in dessen Fußstapfen treten zu lassen, bis er ihr neuer, dunkler Herrscher von Rosevil geworden wäre. Ein Prinz der Schatten, an ihrer Seite.“
Samuel macht eine Pause, und das Licht der Lampe flackert unruhig.
„Sie wollte ihn korrumpieren, indem sie seinen Hang zum Makabren füttert. Doch dann habt ihr beide angefangen zu schnüffeln. Ihr wolltet die Geschichte nicht nur bewohnen, ihr wolltet sie aufrollen. In dem Moment, als ihr die alten Siegel und Schriften nicht nur bewundert, sondern hinterfragt habt, wurde ihr klar, dass ihr euch nicht kontrollieren lasst. Da hat sie ihren Plan geändert. Aus dem Erben, den sie formen wollte, wurde in ihren Augen ein Verräter, der vernichtet werden muss.“
Lyra spürt ein kaltes Schaudern. Die Vorstellung, dass ihre Liebe zur Ästhetik des Verfalls fast als Köder gedient hätte, lässt ihren Zorn nur noch kälter brennen.
Sie schließt die Augen, während der Regen gegen das Fenster des Pfarrhauses peitscht, und plötzlich ist der Geruch von feuchtem Papier verschwunden, ersetzt durch den betörenden, fast schwindelerregenden Duft jener Nacht.
Sie öffnet die Augen wieder - blickt an Samuel vorbei ins Leere, ihre Stimme ist nur noch ein Wispern, das die schwere Atmosphäre im Raum zerreißt.
„Es war nicht alles nur Dunkelheit, Samuel“, beginnt sie, und ein schmerzhaftes Lächeln stiehlt sich auf ihre Lippen. „Ich sehe diese Lichtung noch immer vor mir. Sie wirkte wie ein vergessenes Paradies, mitten im Herzen dieses verfluchten Waldes. Und dort stand sie... die Mondblume. Ihr Glanz war so schön, dass er die Schatten der Bäume zurückwich. Sie war das Schönste und zugleich Gefährlichste, was ich je gesehen habe.“
Sie sieht Samuel direkt an, ihre Augen glühen im Schein der Lampe.
„Wir waren glücklich dort, für einen winzigen Moment. Aber dann spürten wir sie. Die Wächterin. Sie trat nicht einfach aus dem Gebüsch; die Luft selbst schien zu gefrieren, als sie erschien. Es kam zum Streit. Es war kein Kampf mit Klingen, sondern ein Krieg der Worte und des Willens. Sie tobte, Samuel. Sie schrie uns an, dass wir das Gleichgewicht stören, dass die Blume nicht für Sterbliche wie uns bestimmt sei. Sie sah in Fenris bereits das Monster, noch bevor der Fluch ihn ganz verschlang. Sie wollte uns trennen, schon damals auf dieser Lichtung. Sie warf uns vor, dass wir mit unserer Gier nach der Ästhetik des Grafen das Grabmal schänden würden.“
Lyra ballt die Fäuste in ihrem Cardigan.
„Fenris stellte sich vor mich. Er brüllte ihr entgegen, dass wir uns nicht beugen würden. In diesem Moment wurde mir klar: Die Wächterin hasst uns nicht nur, weil wir den Schlüssel haben. Sie hasst uns, weil wir keine Angst vor der Dunkelheit haben, die sie so sorgsam hütet. Wir haben ihr Reich betreten und es gewagt, darin Schönheit zu finden. Das war der Moment, in dem aus ihrem Plan, uns zu korrumpieren, blanker, mörderischer Hass wurde.“
Samuel schweigt lange. Er lässt den Block auf den Tisch sinken, und seine Finger zittern leicht.
„Die Mondblume“, murmelt er. „Sie ist das Herzstück ihres Gartens. Dass ihr sie gefunden habt... das war kein Zufall. Es war die Provokation, die den Krieg endgültig entfacht hat.“
Die mühsam aufrechterhaltene Fassade bricht endgültig zusammen. Ein ersticktes Schluchzen entweicht Lyras Kehle, und sie vergräbt das Gesicht in ihren Händen. Die Tränen brennen auf ihren Wangen wie flüssiges Feuer, während die grausamen Bilder jener Nacht auf der Lichtung in ihr hochsteigen.
„Es war die Blume, Samuel“, presst sie zwischen den Tränen hervor. „Dieser rote Blütenstaub... er hing in der Luft wie glühende Asche. Fenris hat ihn eingeatmet, und im nächsten Moment...“ Sie bricht ab, das Geräusch brechender Knochen hallt noch immer in ihrem Gedächtnis wider. „Dieser Staub hat etwas in ihm entfesselt. Es war wie ein Gift, das die Wächterin gegen ihn benutzt hat.“
Samuel erstarrt. Seine Augen weiten sich, und eine plötzliche, fieberhafte Unruhe ergreift von ihm Besitz. Ohne ein weiteres Wort eilt er mit schnellen, gehetzten Schritten in den kleinen Nebenraum. Lyra hört das Verrücken von schweren Kisten, dann kehrt er zurück. In seinen Armen hält er einen Pappkarton, der von den Jahrzehnten – vielleicht Jahrhunderten - gezeichnet ist. Mürbe und staubbedeckt stellt er ihn auf den Eichentisch.
„Der rote Staub...“, murmelt er, während er hektisch in dem Karton wühlt und alte Skizzen zutage fördert. „Lyra, du verstehst nicht. Die Mondblume ist normalerweise silbern. Wenn sie rot blühte, dann bedeutet das, dass die Wächterin die Essenz des Grafen direkt in Fenris' Blutbahn geleitet hat.“
Er hält inne und betrachtet eine Zeichnung eines gewaltigen Wolfes mit leuchtenden Augen. Ein winziger Funke Hoffnung stiehlt sich in seine Züge, während er Lyras Beschreibung mit den alten Schriften vergleicht.
„Grüne Augen“, flüstert er. „Wenn seine Augen noch smaragdgrün leuchten und er sich noch als Wolf - als echtes Tier - manifestiert, dann hat der Staub seine Seele noch nicht vollständig korrodiert. Er ist zwar viel größer geworden, als er es beim ersten Mal war - das ist die Macht des Grafen, die in ihm anschwillt -, aber er ist im Kern noch Fenris.“
Samuel tritt einen Schritt näher zu ihr, seine Stimme ist nun von einer tödlichen Ernsthaftigkeit unterlegt.
„Der rote Staub der Mondblume war wie ein Brandbeschleuniger für den Fluch. Er hat Fenris' Körper in einen Zustand gezwungen, für den er noch nicht bereit war. Das erklärt alles, Lyra: seine Reizbarkeit, seine Angst, die Kontrolle zu verlieren und dich zu verletzen. Er ist in einem Körper gefangen, der bereits die Macht eines uralten Alphawolfs besitzt, während sein Geist verzweifelt versucht, seine Menschlichkeit zu bewahren.“
Er blickt düster zum Fenster, wo der Handlanger im Regen wartet.
„Er ist geflohen, weil er diesen inneren Krieg nicht vor deinen Augen führen wollte. Er spürt, wie die Wächterin durch den Staub an seinen Fäden zieht. Die grünen Augen sind sein letztes Bollwerk. Aber wir haben keine Zeit mehr. Der Staub in seinen Lungen wirkt wie ein Peilsender für die Wächterin. Sie wartet nur darauf, dass sein Widerstand bricht und er gegen seinen Willen hierher zurückkehrt - nicht als dein Geliebter, sondern als die ultimative Waffe, um sich das Amulett mit Gewalt zurückzuholen.“
Lyra springt auf, als wäre die Luft im Zimmer plötzlich zu dünn zum Atmen. Die Stühle knarren auf dem alten Dielenboden, während ein markerschütternder Schrei aus ihrer Kehle bricht - ein Laut, der all den Schmerz, die unterdrückte Sehnsucht und die pure Verzweiflung der letzten drei Wochen in sich trägt. Es ist ein Schrei, der durch die dicken Mauern des Pfarrhauses dringen und die Finsternis draußen zerreißen möchte.
Mit zitternden Händen rauft sie sich die langen, blonden Haare, krallt ihre Finger in die Strähnen, als könnte sie so den wahnsinnig machenden Druck in ihrem Kopf lindern. Ihr Gesicht ist bleich, tiefe Schatten liegen unter ihren Augen, die seit Wochen kaum Schlaf gefunden haben. Jedes Mal, wenn sie die Augen schließt, sieht sie das smaragdgrüne Leuchten in der Dunkelheit des Waldes; jedes Mal spürt sie die Hitze seiner Haut, die nun durch kalte, mörderische Bestialität ersetzt wurde.
Samuels Worte - diese klinische, grausame Analyse des roten Staubs und des drohenden Untergangs - wirken wie Hammerschläge auf ihr bereits zerbrochenes Herz. Die Information ist zu viel, die Last der Verantwortung für Fenris' Seele droht sie zu erdrücken.
Dann, mitten in der aufsteigenden Hysterie, hält sie inne. Ihr ganzer Körper bebt, während sie mit weit aufgerissenen Augen ins Leere starrt. Sie zwingt sich, tief durchzuatmen. Einmal. Zweimal. Die kalte, staubige Luft des Zimmers füllt ihre Lungen und scheint den Funken ihres Kampfgeistes wieder zu entfachen. Sie streicht sich die zerzausten Haare aus dem Gesicht, richtet den Rücken gerade und tritt an den Tisch, wobei sie Samuel mit einer Intensität ansieht, die ihn fast zurückweichen lässt.
„Genug“, flüstert sie, und ihre Stimme ist nun brüchig, aber von einer neuen, harten Entschlossenheit unterlegt. „Genug der Erklärungen und der alten Geschichten.“
Sie stützt sich mit beiden Händen auf die Tischplatte, direkt neben den geheimnisvollen Karton. Ihr Blick ist fest auf Samuel gerichtet, der sie schweigend beobachtet.
„Sag mir die Wahrheit, Samuel. Sag mir nicht, was passieren könnte oder wie die Legende lautet. Sag mir klipp und klar: Wie viel Zeit haben wir noch, bevor die Wächterin ihn vollständig kontrolliert? Wie viel Zeit bleibt mir, um zu ihm zu gelangen, bevor aus dem Mann, den ich liebe, endgültig das Werkzeug dieser Hexe wird?“
Draußen am Fenster scheint der Handlanger der Wächterin den Kopf zu neigen, als würde er auf die Antwort warten, während der Regen unbarmherzig gegen das Haus peitscht.
Samuel senkt den Kopf, und die Ohnmacht eines Mannes, der Jahrhunderte überdauert hat und dennoch vor der Unberechenbarkeit des Herzens kapitulieren muss, zeichnet sich in jeder seiner Falten ab. Er schiebt den alten Brief beiseite und sieht Lyra mit einem Blick an, der vor unterdrücktem Schmerz fast bricht.
„Ich weiß es nicht, Lyra“, gesteht er mit einer Stimme, die so leise ist wie fallende Asche. „Keine Schrift der Welt, kein Chronist des Grafen kann berechnen, was in diesem Moment in ihm vorgeht. Es gibt keine festen Stunden mehr, keine Sanduhr, die wir umdrehen können.“
Er tritt einen Schritt auf sie zu, seine Hände ausgestreckt, als wollte er sie halten, doch er wagt es nicht.
„Das Einzige, was diesen Prozess verlangsamt, was den roten Staub daran hindert, sein Herz vollständig zu verkrusten, ist deine Liebe. Sie ist wie ein Anker, der ihn im Sturm der Bestie festhält. Aber dieser Anker verliert an Halt. Mit jedem Tag, den er allein im Wald verbringt, verblasst die Erinnerung an dich. Er vergisst den Klang deiner Stimme, die Wärme deiner Haut, das Versprechen, das ihr euch im Moos gegeben habt. Wenn er vergisst, wer er für dich war, wird er zu dem, was die Wächterin aus ihm machen will.“
Samuel greift in den Karton und holt ein kleines, zerbrochenes Stück Spiegelglas hervor, das in dunkles Samt gewickelt ist.
„Du musst ihn finden, Lyra. Du musst ihn berühren. Dein Fleisch auf seinem Fell, deine Augen in seinen - das ist die einzige Medizin, die gegen die Essenz des Grafen wirkt. Nur durch dich kann er die Erinnerung an seine Menschlichkeit bewahren. Wenn du wartest, bis er von selbst zurückkehrt, wird er dich vielleicht nicht einmal mehr erkennen, wenn er vor dir steht.“
Er blickt zur Tür des Pfarrhauses, hinter der die Finsternis des Waldes wie ein hungriges Maul wartet.
„Wir haben keine Zeit zu verlieren. Jede Sekunde, die du hier drinnen verbringst und Schriften sortierst, ist eine Sekunde, in der ein weiteres Bild von dir in seinem Kopf zu Schatten zerfällt. Du bist sein Gedächtnis, Lyra. Du bist seine Seele.“
Lyra spürt, wie das Amulett an ihrer Brust plötzlich zu pulsieren beginnt, ein schwacher, rhythmischer Schlag, als würde ein fernes Herz auf ihr eigenes antworten. Die Erschöpfung ist wie weggeblasen, ersetzt durch eine mörderische, verzweifelte Sehnsucht.
Samuel macht einen schnellen Schritt auf sie zu und packt sie fest an den Schultern, bevor sie zur Tür stürzen kann. Seine Finger graben sich in den dicken Stoff ihres Cardigans, und seine Augen blitzen in einer herrischen Strenge auf, die keinen Widerspruch duldet.
„Nein, Lyra! Halt ein!“, herrscht er sie an, und die Autorität in seiner Stimme lässt sie für einen Moment erstarren. „Hör auf dein Blut, aber verliere nicht deinen Verstand. Wenn du jetzt nackt und schutzlos in diese Nacht stürmst, spielst du der Wächterin direkt in die Hände.“
Er drückt sie sacht, aber bestimmt zurück, weg von der Schwelle. Draußen peitscht der Regen nun wie Peitschenhiebe gegen das Mauerwerk, und das Gekreische der Krähen scheint auf Lyras Ausbruch gewartet zu haben.
„Du musst abwarten. Bis morgen früh“, sagt er, und sein Atem geht stoßweise. „Ich muss diesen Handlanger da draußen loswerden. Er ist ein Späher, und solange er dort im Schatten lauert, wird er dich keine hundert Meter weit kommen lassen, ohne die Wächterin zu rufen. Ich brauche die Nacht, um ihn abzulenken oder… um ihn unschädlich zu machen.“
Er blickt zum Fenster, wo der Schatten des Kapuzenmannes im fahlen Licht der Straßenlaterne wie eine unheilvolle Statue verharrt.
„Morgen, beim ersten Grauen, wirst du gehen. Ich weiß, in Rosevil bedeutet Tageslicht nicht viel - der Nebel wird die Sonne verschlucken und der Himmel wird wie eine offene Wunde in ewigem Dämmerlicht liegen. Aber die Macht der Wächterin ist in den Stunden der Dunkelheit am größten. Bei Tag, so grau er auch sein mag, sind ihre Sinne getrübt und die Schatten ziehen sich ein Stück weit zurück. Das ist dein Fenster, Lyra. Die einzige Chance, Fenris zu erreichen, ohne sofort in eine Falle zu tappen.“
Er lässt ihre Schultern los und streicht sich mit einer zittrigen Hand durch das dunkle Haar. Die dunkle Melancholie des Wartens legt sich erneut wie ein schwerer Schleier über den Raum.
„Versuch zu schlafen. Nur ein paar Stunden. Du brauchst die Kraft seiner Erinnerung, aber du brauchst auch die Kraft deiner Glieder. Wenn du vor ihm stehst und vor Erschöpfung zusammenbrichst, wird die Bestie in ihm den Sieg davontragen. Geh in dein Zimmer. Ich werde die Wache halten - und ich werde dafür sorgen, dass der Weg frei ist, wenn das erste Licht den Nebel berührt.“
Lyra sieht ihn an, und der Zorn in ihr kämpft mit der bitteren Logik seiner Worte. Sie weiß, dass er recht hat, doch die Vorstellung, noch eine Nacht ohne Fenris in dieser Stille zu verbringen, ist eine Qual, die schlimmer ist als jeder Tod.
Lyra zieht sich schweren Schrittes in ihr Zimmer zurück. Die Stille dort wirkt fast körperlich, während sie sich auf das Bett sinkt, das sich so leer und falsch anfühlt ohne die Wärme von Fenris.
Samuel bleibt allein in der großen Bibliothek zurück. Das einzige Geräusch ist das Prasseln des Regens und das ferne, unnatürliche Scharren der Krähen auf dem Dach. Er greift nach einem seiner ältesten Bücher, einem Band, dessen Einband aus geschwärztem Leder besteht und sich fast wie menschliche Haut anfühlt. Er presst das Buch fest gegen seinen Oberkörper, als könnte er die Weisheit und die Magie darin direkt durch seine Rippen in sein Herz aufnehmen.
Er schließt die Augen und lässt seinen Kopf in den Nacken sinken. Er muss tiefer gehen als je zuvor. Er lässt seine Gedanken in die dunkelsten Winkel seiner Jahrhunderte währenden Existenz gleiten. Er versucht, nicht wie ein Gelehrter zu denken, sondern wie die Wächterin. Er versucht, ihren Hunger, ihren Neid und ihre uralte Einsamkeit zu spüren.
Was will sie wirklich?, fragt er sich im Stillen. Sie hat die Macht über den Wald, sie hat den Fluch, sie hat die Krypta.
Ihm wird klar: Ein Opfer aus Fleisch und Blut wird nicht ausreichen. Sie will etwas, das Bestand hat, etwas, das ihr die Bestätigung gibt, dass sie über die Zeit selbst gesiegt hat. Er erinnert sich an die Momente, in denen er ihr in der Vergangenheit begegnet ist - jene flüchtigen Augenblicke, in denen sie nicht nur als Monstrum, sondern als die betrogene Frau erschien, die sie einst war.
Samuel spürt, wie die Kälte des Buches durch sein Hemd dringt. Er weiß nun, dass er der Wächterin etwas von sich selbst geben muss. Etwas, das er seit Jahrhunderten hütet wie seinen eigenen Augapfel.
Er schlägt das Buch auf. Die Seiten sind leer, doch als er seine Hand flach darauf legt, beginnt die Tinte aus seinen Poren zu quellen und die Blätter mit der Geschichte seines Lebens zu füllen. Sein Opfer muss seine eigene Unsterblichkeit oder seine Erinnerung an das Licht vor dem Fluch sein. Er muss ihr etwas geben, das sie wieder "fühlen" lässt, auch wenn es Schmerz ist.
Draußen rührt sich der Handlanger. Er spürt, dass sich im Inneren des Pfarrhauses die Energie verändert. Samuel atmet tief durch. Er hat den Gedankengang der Wächterin erfasst: Sie will das Amulett nicht nur besitzen, sie will die Seele desjenigen brechen, der es beschützt.
Samuel verharrt in der absoluten Stille der Bibliothek, das Buch noch immer wie einen Schild gegen seine Brust gepresst. Die Erkenntnis trifft ihn nicht wie ein Schlag, sondern sickert langsam und unaufhaltsam in sein Bewusstsein, wie Gift in eine offene Wunde: Die Wächterin verlangt kein Gold, keine Gebete und auch kein einfaches Blutopfer. Sie verlangt das Einzige, was er nach all den Jahrhunderten noch besitzt. Seine Seele.
Er blickt zur geschlossenen Zimmertür, hinter der Lyra liegt. In diesem Moment wird ihm die ganze Tragweite seiner Gefühle bewusst. Er bewundert sie - diesen unerbittlichen Mut, mit dem sie der Finsternis von Rosevil entgegengetreten ist. Er bewundert ihre Selbstkontrolle, die sie selbst dann bewahrt, wenn ihr Herz in tausend Stücke bricht. Aber vor allem liebt er die Frau in ihr, die bereit ist, alles für einen Mann zu geben, der bereits zur Bestie geworden ist.
Es ist eine reine, verzweifelte Liebe, die Samuel empfindet - eine Liebe, die weiß, dass sie niemals erwidert werden kann, weil Lyras Herz bereits vergeben ist. Und genau diese Liebe macht ihn bereit, den ultimativen Preis zu zahlen. Wenn seine Seele die Währung ist, mit der er Lyra den Weg zu ihrem Glück und zu Fenris freikaufen kann, dann wird er nicht zögern.
„Für dich“, flüstert er in die Dunkelheit, und sein Atem beschlägt das dunkle Leder des Buches. „Damit du nicht im Schatten untergehst, so wie ich es vor langer Zeit bin.“
Er weiß, dass die Wächterin genau darauf gewartet hat. Sie will nicht nur die Zerstörung von Fenris und Lyra; sie will den moralischen Fall des Kaplans, des letzten Lichtblicks in dieser Stadt. Wenn er seine Seele gibt, bricht er seinen heiligen Eid, aber er rettet das Einzige, was ihm in diesem Leben noch heilig ist: Lyras Überleben.
Draußen vor der Tür scheint der Handlanger der Wächterin innezuhalten. Die Präsenz der Dunkelheit wird fast greifbar, als würde die Wächterin bereits ihre unsichtbaren Finger nach Samuels Essenz ausstrecken, bereit, den Handel zu besiegeln.
Samuel tritt an den Schreibtisch und legt das Buch flach vor sich hin. Er nimmt eine Feder, doch er taucht sie nicht in Tinte. Er setzt sie an seinem Handgelenk an. Er wird einen Vertrag verfassen, den selbst die Hölle nicht ignorieren kann.