Lyra & Fenris - Moonbound 21

Liebe ist der letzte Anker


Während Samuel mit seinem eigenen Blut einen Pakt besiegelt, der seine Seele kosten könnte, lauert Fenris im Schatten des Pfarrhauses – zerrissen zwischen rasender Bestie und letzter Menschlichkeit. Eifersucht, Hunger und Liebe kollidieren, als Samuel das Haus verlässt und sich freiwillig in das Herz der Dunkelheit begibt. Was als Opfer beginnt, wird zu einem gefährlichen Spiel aus Täuschung und Verführung, in dem die Wächterin ihr wahres Ziel offenbart: die endgültige Auslöschung von Fenris’ Menschlichkeit.
In dieser Nacht entscheidet sich, ob Liebe stärker ist als Fluch - oder ob Rosevil seinem Untergang entgegengeht.


Samuel nimmt die Feder zur Hand. Die Luft im Raum scheint sich zu verdichten, als würde die Realität selbst den Atem anhalten. Er setzt die scharfe Spitze der Feder an seine Haut und ritzt ein, bis das dunkle, uralte Blut hervorquillt. Es ist dicker als gewöhnliches Blut, gesättigt mit der Zeit und dem Schmerz von Jahrhunderten.

 

Er taucht die Feder direkt in die kleine Wunde an seinem Handgelenk und beginnt zu schreiben. Das Kratzen der Feder auf dem brüchigen Papier klingt in der Stille des Pfarrhauses wie das Scharren von Krallen. Um sich selbst Mut zuzusprechen und dem Pakt die nötige Macht zu verleihen, beginnt er, die Sätze laut zu lesen, während er sie formt. Seine Stimme klingt hohl, als käme sie von weit her.

 

„Ich, Samuel, Hüter des Siegels und Zeuge des Falls, biete das Letzte, was mir geblieben ist“, liest er vor, und das Wort ‚Letzte‘ hallt unheilvoll von den hohen Wänden der Wohnung wider.

 

Er schreibt weiter, die Buchstaben leuchten in einem unnatürlichen, dunklen Rot auf dem Papier.

 

„Meine Seele, geformt aus dem Licht, das Rosevil einst kannte, soll der Preis sein. Ich gebe sie hin, auf dass der Schatten von der Frau weiche, die das Herz der Dunkelheit liebt.“

 

Er hält kurz inne, seine Hand zittert leicht, doch sein Blick bleibt fest auf die Seite gerichtet. Er denkt an Lyra, an ihr blondes Haar und ihren unerbittlichen Mut. Er schreibt schneller.

 

„Für den Weg nach draußen, für das Schweigen der Krähen und für das Schließen des Auges der Wächterin für eine einzige Nacht… nehme ich die ewige Kälte an.“

 

Er liest diesen letzten Satz noch einmal laut, fast als wäre es ein Gebet, doch es ist das Gegenteil. Es ist die Besiegelung seines eigenen Untergangs. Er spürt, wie mit jedem Wort, das er schreibt und ausspricht, ein Stück Wärme aus seiner Brust weicht. Sein Herzschlag wird langsamer, schwerer. Die Liebe zu Lyra ist der einzige Funke, der ihn noch aufrecht hält, während er den Vertrag mit seinem Lebenssaft vollendet.

 

Draußen vor dem Fenster bleibt der Handlanger abrupt stehen. Er dreht den Kopf langsam zum Fenster der im oberem Stockwerk. Er hört Samuels Stimme, er hört den Klang des Opfers. Die Dunkelheit im Raum beginnt sich zu regen, Schatten kriechen die Wände hoch und sammeln sich hinter Samuels Stuhl, wie eine dunkle Krone, die darauf wartet, aufgesetzt zu werden.

 

Samuel setzt den letzten Punkt. Das Blut auf dem Papier beginnt zu schimmern, bevor es tief in die Fasern einzieht. Der Pakt ist geschrieben.

 

Samuel lässt die Feder sinken. Sein Handgelenk brennt, doch die Kälte, die sich von seinem Herzen aus in seinen Körper ausbreitet, ist weitaus stärker. Er nimmt das Pergament, das nun schwer von seinem uralten Blut ist, und faltet es mit feierlicher Langsamkeit. Es ist sein Todesurteil und gleichzeitig Lyras einziger Freibrief.

 

Bevor er das Pfarrhaus verlässt, zieht es ihn ein letztes Mal zu der Tür ihres Zimmers. Er drückt die Klinke lautlos hinunter und tritt in den Schatten des Türrahmens. Das Zimmer ist nur vom fahlen, grauen Licht der Straßenlaterne erfüllt, das durch den Regen bricht.

 

Lyra liegt auf dem Bett, die Decke nur halb über ihre Schultern gezogen. Ihr Schlaf ist ein Kampfplatz. Er sieht, wie ihre Lider unter den geschlossenen Augen zucken, wie sie den Kopf unruhig hin und her wirft, während sie im Traum wahrscheinlich durch den endlosen, nebligen Wald nach Fenris ruft. Eine einzelne Strähne ihres blonden Haares klebt an ihrer feuchten Stirn.

 

Samuel beobachtet sie eine gefühlte Ewigkeit. Er prägt sich jedes Detail ihres Gesichts ein - die Entschlossenheit, die selbst im Schlaf nicht ganz von ihren Zügen weicht, und die Zerbrechlichkeit der Frau, die einfach nur liebt. Er weiß nicht, ob er die Morgendämmerung je sehen wird. Er weiß nicht, ob die Wächterin ihn für sein Opfer belohnen oder ihn zur Strafe für seinen jahrhundertelangen Widerstand langsam in Stücke reißen wird, bis nichts mehr von seinem Geist übrig ist.

 

Er tritt nicht näher. Er will sie nicht wecken, will nicht, dass sie ihn so sieht - mit der Blässe des Todes bereits im Gesicht. Er hebt nur leicht die Hand, als wollte er sie aus der Ferne segnen. Seine Lippen beben, und er formt tonlos die Worte, die er ihr im Wachzustand niemals hätte sagen dürfen:

 

„Ich liebe dich, Lyra.“

 

Dann wendet er sich ab. Das leise Klicken der Tür beim Schließen klingt wie das Ende eines Kapitels.

 

Er tritt aus der Haustür direkt in den peitschenden Regen. Der Handlanger unter dem Torbogen regt sich nicht, doch seine Kapuze hebt sich leicht, als Samuel auf ihn zugeht. Samuel hält das blutverschmierte Schreiben hoch wie eine Standarte. Er wartet nicht auf eine Reaktion des Schattens, sondern geht mit festen Schritten an ihm vorbei, direkt auf den dunklen Schlund des Waldes zu. Er geht dorthin, wo die Krähen am lautesten schreien, dorthin, wo das Herz der Wächterin im Rhythmus des Fluches schlägt.


In den Schatten eines verfallenen Gartenhauses, direkt gegenüber des Pfarrhauses, kauert eine Gestalt, die kaum noch etwas mit dem Mann zu tun hat, den Lyra liebte. Fenris ist gewaltig geworden. Sein Fell ist so schwarz wie die Sünde selbst, und seine Muskeln spannen sich unter der Haut wie Drahtseile. Das Atmen fällt ihm schwer; der rote Staub der Mondblume brennt noch immer wie glühende Kohlen in seiner Lunge und peitscht seine Sinne in einen Zustand permanenter, blutiger Raserei.

 

Seine smaragdgrünen Augen leuchten in der Dunkelheit wie zwei giftige Flammen. Er hat das Haus keine Sekunde aus dem Blick gelassen. Jede Nacht war er hier, ein lautloser Wächter, der gegen den Drang ankämpfen musste, die Mauern einzureißen und Lyra mit sich zu nehmen.

 

Er hat sie gesehen. Er hat gesehen, wie sie am Fenster stand, blass und hager. Und er hat ihn gesehen. Samuel.

 

Ein tiefes, grollendes Knurren vibriert in Fenris’ massiver Brust, ein Geräusch, das so tief ist, dass es eher gefühlt als gehört wird. Der Neid ist ein hässliches, zerreißendes Gefühl, das sich mit dem Hunger des Wolfes vermischt. Er weiß, dass Samuel ihr nahe war. Er hat gerochen, wie ihre Düfte sich im Haus vermischten. Während Fenris in der Kälte des Regens verrottete, hatte Samuel die Wärme ihrer Gegenwart, das Licht ihrer Augen und den Klang ihrer Stimme.

 

Als sich nun die schwere Eichentür des Pfarrhauses öffnet und Samuel heraustritt, schnellt Fenris’ Kopf vor. Seine Lefzen ziehen sich zurück und entblößen Kiefer, die stark genug wären, Stein zu zermalmen.

Da ist er, schießt es durch den vernebelten Verstand des Wolfes. Der Mann, der meinen Platz eingenommen hat. Der Mann, der sie berührt, während ich nur zusehen darf.

 

In Fenris tobt ein mörderischer Sturm. Ein Teil von ihm - der Rest von Fenris, dem Menschen - weiß, dass Samuel ihr hilft. Doch der rote Staub und die Bestie in ihm schreien nach Vergeltung. Der Drang, aus dem Schatten zu schießen, Samuel die Kehle herauszureißen und seinen Körper im Schlamm zu zertreten, ist fast unerträglich. Er will ihn dafür bestrafen, dass er Lyra beschützen darf, während Fenris selbst zur Gefahr für sie geworden ist.

 

Seine Krallen graben sich tief in das morsche Holz des Gartenhauses. Er sieht, wie Samuel das blutige Pergament hochhält und in den Wald geht. Samuel geht direkt in das Revier der Wächterin - schutzlos.

 

Fenris spannt die Hinterläufe an. Ein einziger Sprung, und Samuels Schicksal wäre besiegelt. Er könnte ihn in Stücke reißen, bevor der Kaplan auch nur ein Wort sagen könnte. Sein Blick heftet sich auf Samuels Nacken, genau dort, wo das Leben am leichtesten auszulöschen ist.

 

Fenris’ Krallen graben sich so tief in das morsche Gebälk seines Verstecks, dass das Holz unter dem enormen Druck splittert. Das grollende Knurren in seiner Kehle schwillt an, ein lautloser Schrei aus Eifersucht und Hass. Er sieht Samuel dort unten - so aufrecht, so menschlich, so nah an dem Ort, an dem Lyra schläft. Die Bestie in seinem Inneren verlangt danach, diesen Mann zu zerfetzen, sein Blut auf dem Kopfsteinpflaster zu sehen und damit den Anspruch auf sein Revier und seine Frau zu untermauern.

 

Doch während er zum Sprung ansetzt, während die Muskeln seiner Hinterläufe beben, schießt ein klarer, eisiger Gedanke durch den Nebel des roten Staubs.

 

Wenn ich ihn töte... wer bleibt dann bei ihr?

 

Der Schutz von Lyra ist das Einzige, was den menschlichen Funken in Fenris noch am Leben erhält. Er hasst Samuel für seine Nähe zu ihr, aber er weiß mit der grausamen Logik des Wolfes: Samuel ist der einzige Wall, der derzeit zwischen Lyra und den Klauen der Wächterin steht. Wenn Samuel geht, ist das Haus verwundbar. Wenn Fenris ihm folgt und ihn im Wald stellt, bleibt Lyra allein zurück, während der Handlanger unter dem Torbogen nur auf eine Gelegenheit wartet.

 

Mit einer fast übermenschlichen Anstrengung zwingt Fenris seinen Körper zurück in die geduckte Haltung. Er presst seinen massiven Körper flach gegen den nassen Boden, die smaragdgrünen Augen fest auf das Pfarrhaus gerichtet. Er lässt Samuel ziehen. Er beobachtet mit loderndem Zorn, wie die Gestalt des Kaplans im dunklen Saum des Waldes verschwindet.

 

Jeder Instinkt schreit danach, Samuel zu jagen, doch seine Liebe zu Lyra ist stärker als sein Hass auf den Rivalen. Er wird hierbleiben. Er wird dieses Haus bewachen, solange Samuel weg ist. Er wird zum unsichtbaren Schild werden, zur Bestie im Schatten, die jeden in Stücke reißt, der es wagt, die Schwelle zu übertreten, während Lyra schläft.

 

Fenris wendet den Blick vom Wald ab und fixiert den Handlanger unter dem Torbogen. Seine Lefzen ziehen sich zitternd hoch. Er wartet nur darauf, dass der Schatten eine falsche Bewegung macht. Er wird Samuel nicht jagen - er wird Lyra bewachen. Und wehe dem, der glaubt, das Pfarrhaus sei jetzt ungeschützt.


Samuel tritt tiefer in die Schwärze hinein. Die vertrauten Straßen von Rosevil wirken in dieser Nacht wie verzerrte Gassen eines Albtraums. Der Nebel ist hier so dicht, dass die Lichtkegel der wenigen funktionierenden Straßenlaternen im grauen Nichts ersticken, noch bevor sie den Boden berühren. Jeder seiner Schritte hallt auf dem nassen Kopfsteinpflaster wider, ein einsamer Rhythmus in einer Stadt, die den Atem anhält.

 

Er presst das blutige Pergament in seiner Manteltasche fest gegen seine Seite. Er spürt sie. Die Wächterin. Ihre Präsenz ist nicht länger ein fernes Wispern, sondern ein schwerer, modriger Druck auf seinen Lungen. Sie weiß, dass er kommt. Sie schmeckt sein Opfer bereits in der Luft, noch bevor er den ersten Baum des Waldes erreicht hat.

 

Doch Samuel ist kein leichtes Opfer. Er ist der Hüter des Siegels, und auch wenn er bereit ist, seine Seele zu geben, wird er es ihr nicht leicht machen. Er wird nicht wie ein Lamm zur Schlachtbank gehen.

 

Als er den Waldrand erreicht, wo die uralten Eichen wie knöcherne Finger in den wolkenverhangenen Himmel ragen, bleibt er stehen. Er schließt die Augen und murmelt Worte in einer Sprache, die älter ist als die Fundamente der Stadt. Er beginnt, den Weg hinter sich zu versiegeln.

 

Mit jedem Schritt, den er nun in das Unterholz setzt, legt er eine Fährte aus spirituellen Stolperdrähten. Er nutzt das Wissen aus seinen Büchern, um den Nebel um sich herum zu manipulieren. Er webt kleine Trugbilder und energetische Barrieren in das Geäst, die jeden Verfolger - ob Handlanger oder die Wächterin selbst - in die Irre führen sollen, falls sie versuchen, ihm zu folgen oder seinen Rückzug zu stören. Er macht den Wald hinter sich zu einem Labyrinth aus falschen Echos und Schatten.

 

„Du wirst ihn nicht bekommen, ohne den Preis zu zahlen“, flüstert er gegen das Heulen des Windes. „Und du wirst Lyra nicht finden, solange ich diesen Pfad mit meinem letzten Licht markiere.“

 

Er spürt, wie die Wächterin auf seine Provokation reagiert. Das Gekreische der Krähen über ihm wird aggressiver, die Äste schlagen wie Peitschen nach seinem Gesicht. Sie versucht, ihn einzuschüchtern, ihn zu hetzen, doch Samuel geht mit der Ruhe eines Mannes, der bereits mit seinem Leben abgeschlossen hat. Er stellt ihr Fallen in der geistigen Welt, verzögert ihre Wahrnehmung und bindet ihre Aufmerksamkeit an sich selbst, um Lyra wertvolle Zeit zu erkaufen.

 

Plötzlich reißt der Nebel vor ihm auf und gibt den Blick auf eine alte, halb verfallene Brücke frei, die über einen schwarzen Bach führt. Dort, in der Mitte der Brücke, verdichtet sich die Dunkelheit zu einer Gestalt.

 

Samuel bleibt am Ende der Brücke stehen. Sein Atem steigt in weißen Wolken in die eiskalte Nachtluft, und das Pochen in seinem verletzten Handgelenk erinnert ihn an den Preis, den er bereits zu zahlen begonnen hat.

 

Doch als er auf die Mitte der Brücke blickt, gefriert ihm das Blut in den Adern. Die Dunkelheit dort zieht sich nicht zusammen, um ein Monstrum zu formen. Stattdessen scheint der Nebel silbern zu leuchten und sich zu seidigen Gewändern zu verweben. Aus dem Nichts tritt eine Frau hervor, deren Schönheit so vollkommen und schmerzhaft ist, dass sie wie ein Riss in der hässlichen Realität von Rosevil wirkt.

 

Es ist nicht die hasserfüllte Wächterin der Krypta. Es ist die Frau aus den Legenden: die Geliebte des Grafen, bevor der Verrat sie zerstörte.

 

Ihr Haar ist wie flüssiges Ebenholz, das ihr über die Schultern fällt, und ihre Haut schimmert wie Alabaster im Mondlicht, das eigentlich gar nicht existiert. Ihr Kleid, ein Traum aus schwarzer Spitze und tiefrotem Samt, raschelt leise, als sie einen Schritt auf ihn zumacht. Ihre Augen sind nicht länger leer oder bösartig; sie sind tief, dunkel und voller einer Sehnsucht, die Samuel bis ins Mark erschüttert.

 

„Samuel...“, flüstert sie, und ihre Stimme ist wie das Klingen von feinstem Glas - verführerisch, sanft und voller Versprechen. „Warum hast du so lange gebraucht? Warum kämpfst du gegen mich, wenn ich dir doch alles geben kann, was du in all den einsamen Jahrhunderten vermisst hast?“

 

Sie streckt eine Hand nach ihm aus. Ihre Finger sind zart, ihre Nägel perfekt, weit entfernt von den Klauen der Bestie. Der süße Duft von Mondblumen - diesmal ohne den bitteren Beigeschmack des roten Staubs - umhüllt ihn und droht, seine Sinne zu vernebeln.

 

„Ich weiß, was du in diesem Zimmer empfunden hast, Kaplan“, haucht sie und tritt so nah an ihn heran, dass er die Kälte spüren kann, die trotz ihrer Schönheit von ihr ausgeht. „Ich weiß von der Liebe zu dem Mädchen, die du niemals besitzen wirst. Ich weiß von dem Schmerz, ein ewiger Beobachter des Glücks anderer zu sein. Warum willst du deine Seele für eine Frau wegwerfen, die nur Augen für einen Wolf hat?“

 

Sie lächelt, und in diesem Lächeln liegt die ganze Verführungskunst einer unsterblichen Verführerin.

 

„Gib mir das Pergament, Samuel. Aber gib es mir nicht als Opfer. Gib es mir als Geschenk. Tritt an meine Seite. Wir könnten Rosevil gemeinsam beherrschen. Du müsstest nicht mehr im Schatten stehen. Du könntest der Graf sein, den diese Stadt verdient.“

 

Samuel merkt, wie seine Abwehrwälle zu wanken beginnen. Die Fallen, die er so sorgsam im Wald ausgelegt hat, scheinen gegen diese Form der Angriffsfläche nutzlos. Sie greift nicht seinen Körper an, sie greift seine einsame Seele an.

 

Samuel lässt die Schultern ein wenig sinken, als würde die Last seiner Jahrhunderte ihn unter ihrem Blick nun endgültig erdrücken. Er lässt zu, dass sein Atem zittriger wird und seine Augen diesen Glanz von Sehnsucht annehmen, nach dem sie sucht. Er ist ein Meister der Maskerade - er musste es sein, um so lange unentdeckt unter den Sterblichen zu leben.

 

Er macht einen langsamen, fast stolpernden Schritt auf sie zu, die Brücke erzittert unter seinem Gewicht.

 

„Du hast recht“, flüstert er, und seine Stimme bricht an der richtigen Stelle. „Wer versteht die Einsamkeit besser als wir beide? Ich habe die Welt vorbeiziehen sehen, wie Staub im Wind, während ich nur ein Schatten in den Mauern meiner Kirche war. Und sie... sie sieht mich nicht einmal an, wenn er im Raum ist.“

 

Die Wächterin in der Gestalt der Geliebten lächelt, ein Ausdruck triumphierender Sanftheit. Sie glaubt, den Riss in seiner Rüstung gefunden zu haben. Sie streckt ihre Hand noch weiter aus, die bleichen Finger nur Millimeter von seinem Gesicht entfernt.

 

„Dann lass sie los, Samuel“, haucht sie. „Lass das Mädchen seinem Schicksal entgegenlaufen. Komm zu mir in die Tiefe. Dort gibt es keine Zeit, kein Altern... nur uns.“

 

Samuel hebt langsam seine verletzte Hand. Das Blut an seinem Handgelenk ist noch frisch, und der Geruch scheint die Erscheinung vor ihm regelrecht zu berauschen. Er lässt das blutige Pergament zwischen seinen Fingern sichtbar werden, hält es ihr aber noch nicht hin. Er spielt das Spiel der Verführung mit einer Kälte im Herzen, die sie unter ihrer eigenen Gier nicht bemerkt.

 

„Wenn ich dir das hier gebe“, murmelt er und tritt so nah an sie heran, dass er den fauligen Hauch des Todes hinter ihrem süßen Blumenduft riechen kann, „dann will ich nicht nur ein Diener sein. Wenn ich meine Seele verkaufe, dann will ich den Thron neben dir. Ich will, dass der Nebel sich vor mir beugt, so wie er es vor dem Grafen tat.“

 

Er beobachtet genau, wie ihre Augen für einen Moment aufflackern - ein gieriges Leuchten, das ihre wahre, hässliche Natur verrät. Sie glaubt, ihn korrumpiert zu haben. Während er ihr tief in die Augen sieht, webt er im Stillen den zweiten Teil seiner Falle. Er nutzt die physische Nähe, um seine Energie direkt mit dem Boden der Brücke zu verbinden, ein magisches Geflecht, das sie hier binden soll, während er den Schein wahrt.

 

„Zeig mir, dass es kein Trugbild ist“, flüstert er und führt das Pergament langsam in Richtung ihrer Hand, während seine andere Hand zögerlich nach ihrer Taille greift. „Zeig mir die Macht, die du mir versprichst.“

 

Als sie seine Lippen berührt, schlägt die Kälte der Krypta wie eine Schockwelle durch Samuels Körper. Ihr Kuss schmeckt nach gefrorener Erde und vergessenem Grabschmuck, ein Sog, der darauf ausgelegt ist, seinen Willen zu brechen und den Funken des Lebens aus ihm herauszusaugen. Es ist ein Kuss, der ihn als Sklaven an die Finsternis binden soll.

 

Doch in dem Moment, als sich die Schwärze um seinen Verstand schließt, wehrt sich Samuel auf eine Weise, mit der die Wächterin niemals gerechnet hätte. Er schließt die Augen und lässt die Kälte zu, doch er gibt ihr keinen Raum in seinem Herzen.

 

Er stellt sich nicht die kalte, verführerische Frau vor ihm vor. Er stellt sich Lyra vor.

 

Er fühlt die Wärme ihres Atems, den er in den Stunden der Recherche im Pfarrhaus gespürt hat. Er ruft die Erinnerung an ihre Lippen wach, wie er sie sich in seinen einsamsten Träumen ausgemalt hat - weich, lebendig und voller Verlangen nach dem Leben. Er nutzt die schiere Wucht seiner Liebe zu Lyra als Schutzschild. In seiner Vorstellung küsst er nicht das personifizierte Verderben, sondern die Frau, für die er dieses Opfer bringt. Jede Berührung der Wächterin übersetzt sein Geist in eine Berührung Lyras.

 

Dieser mentale Betrug erzeugt eine gewaltige Spannung. Die Wächterin spürt, dass Samuel sich ihr hingibt, doch sie bemerkt nicht, dass die Energie, die er freisetzt, nicht ihr gilt. Er nutzt das berauschende Gefühl dieses "Kusses", um seine eigene Magie zu tarnen. Während seine Sinne vernebelt werden, fließen seine Gedanken wie flüssiges Silber in das Holz der Brücke unter ihren Füßen.

 

Er spürt, wie die Wächterin in der Ekstase ihres vermeintlichen Triumphs unvorsichtig wird. Ihre Krallen, die sich eben noch wie zarte Finger anfühlten, graben sich in seinen Nacken, während sie gierig an seiner Lebenskraft saugt. Doch Samuel hält das Bild von Lyra fest wie einen brennenden Talisman.

 

„Für dich...“, formt sein Geist, während seine Lippen von der Kälte der Wächterin taub werden.

 

Plötzlich beginnt das Pergament in seiner Hand hell aufzuleuchten. Das Blut darauf reagiert auf die Nähe der Wächterin und die Reinheit von Samuels wahrem Motiv. Er hat sie überlistet: Er gibt ihr seine Seele, aber er tut es unter dem Siegel einer Liebe, die sie nicht kontrollieren kann.

 

Samuel löst sich langsam aus dem Kuss, doch er entzieht sich ihr nicht. Seine Augen wirken nun getrübt, als wäre der Schleier der Finsternis endgültig über seinen Verstand gefallen - eine perfekte Täuschung, genährt von der Kälte, die noch immer auf seinen Lippen brennt. Er legt seine Hand, die noch vom Einritzen des Vertrages blutig ist, sanft an ihre alabasterfarbene Wange.

 

„Du hast recht“, flüstert er, und seine Stimme klingt nun tiefer, mitschwingend von einer neuen, dunklen Macht. „Warum ein Diener des Lichts in einer Stadt sein, die das Licht längst vergessen hat? Warum für ein Mädchen sterben, das mich nie so ansehen wird, wie du es tust?“

 

Er sieht ihr direkt in die Augen, während er das blutige Pergament langsam in die Falten ihres Kleides gleiten lässt. Es ist die endgültige Besiegelung.

 

„Lass uns Rosevil gemeinsam beherrschen“, sagt er mit einer Entschlossenheit, die sie als Kapitulation missversteht. „Aber ich will nicht nur die Wälder und die Schatten. Ich will dorthin, wo alles begann. Ich will an deine Seite, dorthin, wo der Graf ruht. Wenn wir dieses Erbe teilen wollen, dann muss ich das Fundament sehen. Ich muss in die Krypta, unter das Siegel, um die Macht des Grafen mit meiner eigenen zu verschmelzen.“

 

Die Wächterin hält inne. Ein kurzes Flackern in ihren Augen verrät ihr Misstrauen, doch die Gier nach seiner Seele und die Aussicht auf einen Gefährten, der ihre Einsamkeit nach Jahrhunderten beendet, wiegt schwerer. Sie glaubt, in ihm nun denselben Hunger zu sehen, den auch der Graf einst verspürte. Sie ahnt nicht, dass Samuel jeden Schritt, den er tiefer in ihr Reich macht, als einen strategischen Vorstoß plant, um den Fluch von innen heraus zu vernichten.

 

„Du verlangst viel, Kaplan“, haucht sie, und ihr Lächeln wird raubtierhaft schön. „Die Krypta ist kein Ort für die Lebenden. Aber da du nun mir gehörst...“

 

Sie streicht mit einem spitzen Nagel über seine Kehle und hinterlässt eine feine, rote Linie.

 

„Komm. Ich werde dir das Herz von Rosevil zeigen. Ich werde dich zum Grab des Grafen führen. Wenn du dort vor ihm stehst und dein Blut mit dem seinen verbindest, wird es kein Zurück mehr geben. Dann wirst du der dunkle Herrscher sein, von dem du träumst.“

 

Sie dreht sich um, und der Nebel teilt sich gehorsam vor ihr wie ein schwarzer Vorhang. Samuel folgt ihr, jeder seiner Schritte auf dem moosigen Waldboden fühlt sich schwer an, als würde die Erde selbst versuchen, ihn festzuhalten. Er hat den ersten Teil seines Plans geschafft: Er hat ihr Vertrauen erschlichen und den Zugang zum Allerheiligsten der Finsternis gewonnen.

 

Während sie sich tiefer in das Dickicht des Waldes bewegen, beginnt der Zauber zu bröckeln. Die Illusion der Schönheit, die eben noch Samuels Sinne betört hat, löst sich nicht einfach auf - sie verrottet förmlich vor seinen Augen.

 

Das ebenholzfarbene Haar wird grau, strähnig und fällt in büschelartigen Fetzen zu Boden. Die Alabasterhaut der Frau bekommt Risse, verfärbt sich zu dem fahlen Gelb von altem Pergament und schrumpft zusammen, bis nur noch eine knöcherne Gestalt übrig bleibt. Das prachtvolle Kleid aus Samt und Spitze zerfällt zu dem schweren, modrigen Umhang, der so schwarz ist wie die tiefste Nacht.

 

Samuel zwingt sich, den Blick nicht abzuwenden. Er sieht zu, wie das Gesicht, das eben noch wie das einer Göttin wirkte, in die völlige Leere zurückfällt. Die Augen, die Lippen, die sanften Züge - alles verschwindet unter einer gesichtslosen Maske aus Schatten und Verfall, die tief in der Kapuze verborgen liegt.

 

Mit einem trockenen, hölzernen Aufschlagen landet ihr knorriger Stab auf dem Waldboden. Sie stützt sich schwer darauf, und das Geräusch ihrer Stimme ist nun nicht mehr wie Glas, sondern wie das Reiben von trockenen Knochen auf Stein.

 

„Der Schein ist für die Schwachen, Samuel“, krächzt sie, und er spürt, dass sie ihn prüft. „Wenn du an meiner Seite herrschen willst, musst du das Fleisch vergessen und die Essenz lieben. Nur wer die Hässlichkeit der Ewigkeit erträgt, verdient ihre Macht.“

 

Samuel nickt langsam, seine Maske der dunklen Entschlossenheit bleibt unerschüttert, auch wenn sein Magen sich bei dem Anblick umdreht. „Ich suche nicht die Oberfläche“, antwortet er ruhig. „Ich suche den Kern. Führe mich.“

 

Die Wächterin lacht - ein hohles, freudloses Geräusch - und deutet mit ihrem knorrigen Stab auf eine Stelle zwischen zwei uralten, ineinander verschlungenen Eichen. Dort, wo eben noch nur Nebel war, schimmert nun ein eiserner Ring im Boden auf, umgeben von schweren Steinplatten, die mit Moos und getrocknetem Blut verkrustet sind. Es ist der Eingang zur Krypta des Grafen.

 

Samuel weiß: Sobald er diese Stufen hinabsteigt, gibt es kein Licht mehr, außer dem, das er in seinem Inneren bewahrt. Er hofft inständig, dass Lyra im Pfarrhaus sicher ist und dass seine Fährte aus Stolperdrähten im Wald ausreicht, um sie zu leiten, falls alles schiefgeht.

 

Samuel tritt an den schweren, rostigen Eisenring heran. Der Boden unter seinen Füßen fühlt sich kalt an, fast so, als würde die Erde selbst versuchen, ihn vor dem zu warnen, was unter ihr liegt. Sein Verstand schreit ihn an, umzukehren. Jede Faser seines moralischen Kompasses schlägt Alarm - dies ist der Ort, den er Jahrhunderte lang bewacht hat, und nun ist er derjenige, der das Siegel bricht.

 

Er greift nach dem kalten Metall. Als er zupackt, spürt er den Widerstand der Jahrhunderte.

 

Er stemmt sich mit aller Kraft dagegen. Seine Muskeln zittern, und das verletzte Handgelenk brennt höllisch, während frisches Blut den Griff benetzt. Samuel weiß, dass er ein gefährliches Spiel spielt. Die Wächterin hat zwar das Pergament mit seinem Seelenversprechen in ihrer modrigen Tasche, aber er hat ihr das „Geschenk“ noch nicht endgültig dargebracht. Er hält sein Leben, seine Essenz, mit einer grimmigen Entschlossenheit fest. Er wird es ihr nicht freiwillig überlassen, bevor er nicht genau das erreicht hat, was er will: das Herz der Dunkelheit zu finden, um es zu vernichten.

 

Mit einem ohrenbetäubenden Knirschen, als würden tausend Knochen gleichzeitig brechen, hebt sich die Steinplatte. Ein Schwall von modriger, eisiger Luft schlägt ihm entgegen - der Atem des Grafen, der seit Äonen in dieser Gruft gefangen ist.

 

Die Wächterin beobachtet ihn aus dem Schatten ihrer Kapuze. Ihr gesichtsloses Wesen scheint fast zu vibrieren vor Erwartung. Sie genießt seine Mühe, genießt den körperlichen Schmerz, den er für sie erleidet.

 

„Gut, Samuel“, krächzt sie, und das Klopfen ihres Stabes auf den Stein klingt wie ein Countdown. „Die Pforte ist offen. Steig hinab in dein neues Reich. Der Graf wartet... und mit ihm die Wahrheit über den Fluch, den du so verzweifelt zu brechen versuchst.“

 

Samuel blickt in das gähnende Schwarz der Treppe, die in die Tiefe führt. Er weiß, dass er hier unten allein sein wird. Keine Lyra, kein Licht, nur er und die Mächte, die Rosevil seit Generationen versklaven. Er greift nach einer alten Fackel, die an der Wand des Eingangs hängt, und entzündet sie mit einem letzten Funken seines alten Wissens.

 

Samuel steigt die ausgetretenen Steinstufen hinab, die Fackel in seiner gesunden Hand wirft tanzende, verzerrte Schatten an die feuchten Wände. Die Luft hier unten ist dick und schmeckt nach Staub und altem Metall. Während er scheinbar ehrfürchtig hinter der Wächterin hergeht, wandern seine Augen unaufhörlich.

 

Er scannt die Architektur der Krypta. Er sucht nach Rissen im Mauerwerk, nach Belüftungsschächten oder alten Tunneln, die in den ursprünglichen Bauplänen des Schlosses, auf dem Rosevil errichtet wurde, vielleicht nicht verzeichnet waren. Er braucht einen Fluchtweg - nicht für sich selbst, sondern als Rettungsanker für Lyra, falls sein Plan scheitert und sie gezwungen ist, ihm in diesen Schlund zu folgen. Er entdeckt einen schmalen Spalt hinter einer Statue eines weinenden Engels, durch den ein winziger Luftzug dringt. Dort, prägt er sich ein. Dort führt ein Weg nach draußen.

 

Die Wächterin scheint von seiner scheinbaren Hingabe berauscht. Sie glaubt, in ihm einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, jemanden, der die Last der Ewigkeit versteht. In ihrem blinden Vertrauen beginnt sie, ihn in die tiefsten Geheimnisse der Krypta einzuweihen.

 

„Siehst du diese Siegel an den Deckenwölbungen, Samuel?“, krächzt sie und deutet mit ihrem Stab nach oben. „Die Menschen glauben, sie halten den Grafen gefangen. Doch in Wahrheit speisen sie ihn. Jedes Mal, wenn ein Bewohner Rosevils Angst verspürt, leiten diese Runen die Energie direkt in seinen steinernen Sarg. Er ist nicht tot, er schläft nur… und er wird immer hungriger.“

 

Sie führt ihn tiefer in eine Seitenkapelle, wo ein verblasstes Fresko die Ankunft des Grafen zeigt.

 

„Und hier“, flüstert sie, und ihre Stimme klingt fast zärtlich, „ist das Geheimnis der Mondblume. Ihr roter Staub ist nicht nur ein Gift. Er ist das Blut des Grafen in gasförmiger Gestalt. Wer ihn einatmet, wird Teil seines Körpers. Fenris gehört ihm bereits, Samuel. Sein Fleisch ist nur noch eine Hülle für den Geist des Grafen, der darauf wartet, wiedergeboren zu werden. Nur das Amulett, das das Mädchen trägt, verhindert die endgültige Übernahme. Es ist der letzte Riegel.“

 

Samuel schluckt schwer. Er erkennt die schreckliche Wahrheit: Die Wächterin will Fenris nicht nur als Monster, sie will ihn als Gefäß für ihren einstigen Geliebten. Und Lyra ist das einzige Hindernis.

 

„Faszinierend“, presst Samuel hervor, während sein Verstand bereits fieberhaft arbeitet, wie er diese Informationen gegen sie verwenden kann.

 

Samuel erstarrt innerlich, doch seine Miene bleibt eine Maske aus Stein. Die Worte der Wächterin hallen in seinem Kopf wider und fügen die letzten Puzzleteile zu einem grausamen Bild zusammen.

 

Er erkennt nun ihr wahres Spiel: Die Wächterin will nicht Samuel als Herrscher an ihrer Seite. Er ist für sie nur ein nützliches Werkzeug, um das letzte Hindernis aus dem Weg zu räumen. Ihr eigentliches Ziel ist es, Fenris’ menschliche Seele vollständig zu tilgen. Und der einzige Weg, das zu erreichen, ist die Zerstörung seiner Verbindung zu Lyra.

 

Er muss sie vergessen, begreift Samuel mit Entsetzen. Solange Fenris die Erinnerung an Lyra und ihre Liebe in sich trägt, bleibt ein Rest Menschlichkeit in ihm bestehen - ein Anker, der verhindert, dass der Geist des Grafen den Körper des Wolfes vollständig übernimmt. Die Wächterin will, dass Fenris zu einer leeren, seelenlosen Hülle wird, in die das Bewusstsein des Grafen hineinfahren kann, um in Rosevil wiederaufzuerstehen.

 

Samuel sieht auf das gesichtslose Wesen vor sich. Sie liebt den Grafen noch immer so sehr, dass sie bereit ist, Fenris zu vernichten, nur um ihren dunklen Herrn zurückzubekommen.

 

„Ich verstehe“, sagt Samuel langsam, und seine Stimme klingt tiefer, fast ehrfürchtig, um seine aufkeimende Wut zu verbergen. „Die Liebe des Mädchens ist das Gift, das die Wiedergeburt verhindert. Solange er sich an sie erinnert, kämpft er gegen seine wahre Bestimmung.“

 

Er blickt tiefer in die Krypta, dorthin, wo der steinerne Sarg in der Dunkelheit wartet.

 

„Wenn ich dir helfe, diese Erinnerung in ihm auszulöschen“, fährt er fort und tritt einen Schritt näher an die Wächterin heran, „dann wird der Graf durch ihn wieder zu uns sprechen. Aber dafür brauche ich mehr als nur Worte. Ich muss wissen, wie man das Band zwischen zwei Seelen trennt, ohne das Gefäß zu zerstören.“

 

Er spielt das Spiel weiter, doch in seinem Kopf formt sich bereits ein verzweifelter Gegenplan. Er muss Lyra warnen. Er muss ihr klarmachen, dass sie nicht nur um Fenris' Leben kämpft, sondern um seine Existenz als Mensch. Wenn sie ihn morgen wiedersieht, darf sie ihn nicht nur berühren -  sie muss seine Erinnerung mit einer Macht wachhalten, die stärker ist als der Wille der Wächterin.