Lyra & Fenris - Moonbound 22
Der Moment zwischen Mensch und Bestie
Im grauen Morgendunst verlässt Lyra das Pfarrhaus, getrieben von einer Sehnsucht, die stärker ist als jede Angst. Sie folgt Fenris in den Wald, ohne zu wissen, dass er sie längst aus den Schatten beobachtet - gefangen zwischen Liebe und dem roten Wahnsinn des Fluchs.
Als sich die Wächterin offenbart, wird Lyras Hingabe zur letzten Waffe gegen die Dunkelheit. Doch Rettung fordert ihren Preis: Während Fenris gegen die Bestie in sich kämpft, opfert Samuel mehr, als ein Mensch je geben sollte.
Was auf der Lichtung geschieht, entscheidet nicht nur über Leben und Tod -
sondern darüber, ob Liebe stark genug ist, einen Fluch aufzuhalten.
Das fahle Licht des Morgens kriecht nur zögerlich durch die schweren Vorhänge des Pfarrhauses und taucht das Zimmer in ein unnatürliches Grau. Lyra schreckt aus einem unruhigen Schlaf hoch, das Herz klopft ihr bis zum Hals, während die Echos ihrer Alpträume - Bilder von blutrotem Staub und lautlosen Schreien - nur langsam verblassen. Ihre Glieder fühlen sich bleiern an, doch in ihrem Geist brennt eine Klarheit, die keine Müdigkeit duldet.
Dass es im Haus vollkommen still ist, beunruhigt sie zunächst nicht. Samuel ist ein Mann der Schatten und der frühen Stunden; oft genug hat sie ihn bereits vor dem Morgengrauen in der Bibliothek über seinen Schriften gebeugt gefunden. Sie ahnt in diesem Moment noch nicht, dass sein Platz am Eichentisch leer bleiben wird und dass er in der Schwärze der Krypta bereits einen Handel mit ihrem Leben bezahlt hat.
Getrieben von einer fast körperlichen Sehnsucht nach Fenris beginnt sie, sich mechanisch fertig zu machen. Sie tritt unter den harten Strahl der Dusche und lässt das eiskalte Wasser über ihre Haut peitschen. Der Kälteschock ist willkommen; er vertreibt den klebrigen Nebel der letzten Wochen aus ihren Sinnen und wäscht die Verzweiflung für einen kurzen Augenblick fort. Während das Wasser an ihr herunterläuft, presst sie die Stirn gegen die kühlen Fliesen und flüstert seinen Namen, als könnte er sie durch die Meilen von Unterholz und Finsternis hören.
Nachdem sie sich hastig abgetrocknet hat, zieht sie ihre feste Kleidung an, die für die Wildnis des Waldes gemacht ist. In der Küche gießt sie sich ein Glas Saft ein und trinkt es hastig im Stehen. Die süße Säure brennt in ihrer trockenen Kehle, doch sie braucht die Energie. Ihr Magen ist so fest zugeschnürt, dass an festes Essen nicht zu denken ist. Jeder Schluck, jede Bewegung ist nur Mittel zum Zweck: Sie muss raus. Sie muss zu ihm, bevor die Erinnerung an ihr Gesicht in seinem Kopf endgültig zu Schatten zerfällt.
Sie greift nach ihrer wetterfesten Jacke und schlingt sich das Silberamulett um den Hals. Es fühlt sich auf ihrer Haut schwer an, fast so, als würde es mit einer eigenen, warnenden Hitze reagieren. Lyra wirft einen letzten Blick in den leeren Flur und ruft leise nach Samuel, doch nur das Ticken der alten Uhr antwortet ihr. Ein ungutes Gefühl beschleicht sie, eine Vorahnung, dass die Stille im Haus mehr ist als nur morgendliche Ruhe.
Als sie die schwere Haustür entriegelt und einen Spaltbreit öffnet, schlägt ihr der modrige Geruch von Rosevil entgegen. Der Nebel liegt so dicht auf der Schwelle, dass sie ihre eigenen Stiefel kaum sehen kann.
Draußen unter dem Torbogen, wo in den letzten Nächten ununterbrochen der Handlanger der Wächterin gelauert hat, herrscht nun eine gähnende, unheilvolle Leere. Der Wachposten ist verschwunden, und die Abwesenheit dieser Bedrohung fühlt sich für Lyra weit gefährlicher an als seine Anwesenheit.
Lyra tritt entschlossen über die Schwelle und in das undurchdringliche Grau des Morgens hinein. Ihre Stiefel knirschen leise auf dem feuchten Kopfsteinpflaster, als ihr Blick kurz an etwas hängen bleibt, das nicht in das triste Bild der Straße passt. Ein weißes Taschentuch liegt am Boden, halb im Matsch zertreten, gezeichnet von dunklen, rötlichen Flecken.
Sie verharrt für den Bruchteil einer Sekunde und starrt darauf herab. Die Flecken wirken frisch, fast leuchtend gegen den schmutzigen Stein, doch ihr Verstand weigert sich, die Verbindung zu Samuel herzustellen. Vielleicht war es ein Kranker, vielleicht nur ein Fetzen Müll - es spielt für sie keine Rolle. In ihrem Kopf ist kein Platz für Samuels Sorgen oder für die Rätsel, die er hinterlässt. Jede Faser ihres Seins, jeder Herzschlag ist auf eine einzige Richtung gepolt: der Wald, die Dunkelheit, Fenris.
Die Sehnsucht brennt in ihr wie ein physischer Schmerz, ein Ziehen in der Brust, das ihr fast den Atem raubt. Es ist ein Verlangen, das über die bloße Vernunft hinausgeht; es ist der verzweifelte Drang, das zu finden, was ihr Leben erst lebenswert macht. Sie sieht noch einmal flüchtig auf das Tuch zurück, doch das Bild verblasst bereits wieder in ihrem Bewusstsein. Sie hebt es nicht auf. Sie beugt sich nicht einmal vor.
Mit einem tiefen, zittrigen Atemzug zieht sie den Reißverschluss ihrer Jacke bis zum Kinn hoch und beschleunigt ihre Schritte. Sie lässt das Pfarrhaus, Samuel und die merkwürdige Stille der Stadt hinter sich. Ihr Blick ist starr nach vorne gerichtet, dorthin, wo der Waldrand wie eine drohende Mauer aus dem Nebel auftaucht. In diesem Moment könnte die Welt um sie herum in Flammen aufgehen, und sie würde es nicht bemerken, solange sie nur tiefer in das Reich der Schatten vordringt, in dem Fenris auf sie wartet.
Sie ahnt nicht, dass sie direkt an Fenris’ verstecktem Beobachtungsposten vorbeiläuft, während sie den ersten Schritt auf den aufgeweichten Waldboden setzt.
Ihr Atem geht flach und bildet kleine, hastige Wolken in der eiskalten Luft, während Lyra das Tempo steigert. Aus dem schnellen Gehen wird ein Traben, dann ein beinahe panisches Laufen. Die schweren Wanderstiefel landen ungebremst im Matsch der unbefestigten Wege, die nun endgültig das Kopfsteinpflaster von Rosevil ablösen. Sie achtet nicht auf die dornigen Ranken, die nach ihrer Jacke greifen, oder auf die Zweige, die ihr ins Gesicht peitschen.
Der Nebel, der bisher nur wie ein grauer Schleier über der Stadt hing, verwandelt sich nun in eine dichte, milchige Wand. Er ist hier so dick, dass die Geräusche der Welt dahinter erlöschen. Es ist jene unnatürliche Stille, die Lyra nur zu gut kennt - das Zeichen, dass die Wächterin ihre Finger nach diesem Teil des Waldes ausgestreckt hat. Normalerweise würde Lyra bei diesem Anblick das Blut in den Adern gefrieren, doch heute ist sie wie betäubt gegen die Angst. Der Schmerz der Sehnsucht hat die Furcht vor dem Übernatürlichen schlichtweg verdrängt.
„Nur noch ein Stück“, hämmert es in ihrem Kopf. „Nur bis zu der alten Eiche, nur bis zu dem Bach.“
Sie muss wissen, ob er noch da ist. Sie muss wissen, ob der rote Staub seinen Geist schon ganz vernebelt hat oder ob hinter den smaragdgrünen Augen noch der Mann steckt, der sie im Mondlicht hielt. Die bloße Vorstellung, ihn zu berühren, seine Pfote oder das dichte Fell seines Wolfskörpers zu spüren, treibt sie voran. Sie will ihren Kopf an seine Flanke lehnen und das dumpfe Pochen seines Herzens hören, um sicherzugehen, dass es noch für sie schlägt.
Plötzlich bleibt sie stehen. Der Nebel vor ihr scheint sich zu kräuseln, als würde etwas Großes hindurchgleiten. Lyra hält den Atem an, ihre Hand tastet automatisch nach dem silbernen Amulett an ihrem Hals. Die Stille ist nun so absolut, dass sie das Pochen ihres eigenen Blutes in den Ohren hört.
Ganz nah, irgendwo im grauen Nichts vor ihr, ertönt das Knacken eines schweren Astes. Es ist kein leichtfüßiges Tier – es ist etwas mit Gewicht, etwas Kraftvolles.
Lyra verharrt vollkommen reglos, die Ohren gespitzt, das Herz ein rasender Trommelschlag gegen ihre Rippen. Sie starrt in das undurchdringliche Grau, bis ihre Augen brennen, und hofft darauf, dass zwei smaragdgrüne Flammen die Suppe durchbrechen.
„Fenris?“, flüstert sie, so leise, dass der Name kaum mehr als ein Hauch ist, der sofort im feuchten Dunst stirbt.
Sie wartet. Eine Sekunde, fünf, zehn. Doch der Wald antwortet ihr nicht. Kein freudiges Jaulen, kein tiefes, beruhigendes Grollen, nicht einmal das Weichen des Nebels unter einem massiven Körper. Die Stille ist so schwer und gleichgültig, dass sie sich wie eine kalte Hand um Lyras Kehle legt.
Ein stechender Schmerz der Enttäuschung breitet sich in ihr aus und droht, ihre Entschlossenheit zu ersticken. Sie hatte fest daran geglaubt - sie hatte es fast gewusst -, dass er sie längst gewittert haben müsste. Dass die Verbindung zwischen ihnen, die stärker war als jeder Fluch, ihn wie ein Magnet zu ihr ziehen würde. Doch der Wald bleibt leer.
Sie schluckt die aufkommenden Tränen hinunter und zwingt sich, den ersten Schritt zu tun, dann den nächsten. Die Beine fühlen sich plötzlich doppelt so schwer an. Vielleicht hat er mich vergessen, denkt sie, und der Gedanke ist grauenvoller als jedes Ungeheuer der Wächterin. Vielleicht ist der rote Staub bereits dabei, mein Gesicht aus seinem Gedächtnis zu brennen.
Sie geht weiter, nun langsamer, den Kopf gesenkt, während der Nebel sie wie ein Leichentuch umhüllt. Sie bemerkt nicht, dass die Temperatur um sie herum noch weiter sinkt und das Moos unter ihren Stiefeln beginnt, schwarz zu werden.
Was sie ebenfalls nicht sieht: Nur wenige Meter rechts von ihr, verborgen hinter einer Gruppe dicker Kiefern, steht Fenris. Er ist so still, dass er wie eine Statue aus Schatten wirkt. Er hat sie gewittert, seit sie das Pfarrhaus verlassen hat. Er hat ihren Namen gehört. Doch er rührt sich nicht. Die Eifersucht auf Samuel und der brennende rote Staub in seinen Lungen lassen ihn zögern. Er beobachtet ihre traurige Gestalt mit einem Blick, in dem der Schmerz des Menschen und der Hunger des Wolfes einen grausamen Krieg führen.
Lyra stolpert fast mechanisch weiter, während der Wald um sie herum immer fremder und feindseliger wird. Sie ahnt nicht, dass Fenris nur wenige Herzschläge entfernt im Unterholz kauert, die massiven Pranken tief in den weichen Boden gegraben, um dem Drang zu widerstehen, zu ihr zu stürmen.
Fenris beobachtet sie durch den Schleier des Nebels, und jeder Atemzug ist für ihn eine Qual. Der rote Staub der Mondblume hat seine Lungen bereits so weit infiltriert, dass sein Denken in blutigen Fetzen verläuft. Ein Teil von ihm will sie anknurren, sie wegtreiben, sie vor sich selbst beschützen. Ein anderer, dunklerer Teil will sie einfach nur packen und nie wieder loslassen.
Doch über all dem Chaos in seinem Kopf steht eine grausame Erkenntnis: Er verliert den Kampf. Die Menschlichkeit sickert aus ihm heraus wie Wasser aus einem zerbrochenen Krug. Er spürt, wie seine Sinne mutieren - wie der Geruch ihres Parfüms, der ihn einst beruhigte, nun einen Jagdinstinkt triggert, den er kaum noch zügeln kann. Er weiß, dass der Tag kurz bevorsteht, an dem er nicht mehr den Mann sieht, den sie liebt, sondern nur noch Beute oder eine Bedrohung in seinem Revier.
Vergiss mich, Lyra, denkt er mit einer Stimme, die in seinem Kopf nur noch wie ein fernes Echo klingt. Geh zurück. Such dir ein Leben ohne den Schatten des Wolfes.
Es bricht ihm das Herz, sie so verloren und enttäuscht durch den Nebel wandern zu sehen, doch er gibt keinen Laut von sich. Er lässt sie an sich vorbeiziehen, ein einsames Mädchen in einer Welt voller Ungeheuer. Er bleibt die unbewegliche Bestie im Schatten, während Lyra tiefer in das Herz des Waldes vordringt, dorthin, wo der Boden nicht mehr nach Erde, sondern nach dem kalten Stein der Krypta riecht.
Lyra bemerkt die Veränderung der Luft. Sie ist nun fast an der Stelle, an der Samuel vor kurzem in die Tiefe gestiegen ist. Der Boden ist hier aufgewühlt, und die Aura der Wächterin hängt schwer wie Blei zwischen den Bäumen.
Der süßliche, betäubende Duft der Mondblume schlägt Lyra entgegen, noch bevor sie die Lichtung ganz betreten hat. Das tiefe Rot der Blüten wirkt in dem grauen Nebel wie offene Wunden im Waldboden. Sie erkennt die Umgebung sofort - hier, in der Nähe der geheimnisvollen Quelle mit dem leuchtend türkisfarbenen Wasser, haben sie und Fenris Momente verbracht, die sich jetzt wie aus einem anderen Leben anfühlen.
Die Stille der Lichtung ist unerträglich. Lyra bleibt mitten zwischen den Blumen stehen, die sich sacht im kalten Wind wiegen, als würden sie flüstern. Ihr Herz zieht sich schmerzhaft zusammen.
„Fenris?“, ruft sie erst leise, fast behutsam, als hätte sie Angst, die Stille zu zerbrechen. Sie dreht sich langsam im Kreis, ihre Augen suchen verzweifelt die Schatten zwischen den Bäumen ab. Nichts rührt sich. Nur das ferne Plätschern der Quelle ist zu hören.
„Fenris!“, ruft sie nun lauter, und ihre Stimme zittert. „Ich weiß, dass du hier bist! Bitte... komm raus!“
Wieder keine Reaktion. Die Enttäuschung, die sie den ganzen Weg über begleitet hat, schlägt nun in nackte Verzweiflung um. Sie weiß, dass er sie hören muss. Ein Wolf mit seinen Sinnen würde ihren Ruf über Kilometer hinweg wahrnehmen. Dass er nicht antwortet, dass er sich nicht zeigt, ist schlimmer als jeder Angriff. Es fühlt sich an, als würde er sie absichtlich aus seinem Leben ausschneiden.
„Fenris, bitte!“, schreit sie schließlich gellend in den Wald hinaus, und Tränen der Wut und des Schmerzes schießen ihr in die Augen. „Lass mich nicht allein! Ich kann das nicht ohne dich!“
Sie sinkt auf die Knie, direkt in das Feld aus roten Blumen. Der Staub der Blüten wirbelt um sie auf und legt sich wie feiner, blutiger Puder auf ihre Kleidung und ihre Haut. Sie schluchzt schwer, den Kopf gesenkt, während sie sich an das Silberamulett klammert.
Was sie nicht weiß: Fenris steht am Rand der Lichtung, die massiven Pfoten nur Zentimeter von der Helligkeit entfernt. Er sieht sie weinen. Er hört ihr Herzbrechen. Er muss sich mit seinen Krallen so tief in eine Baumrinde graben, dass das Holz splittert, um nicht laut aufzuheulen vor Qual. Er will zu ihr, er will ihren Schmerz fortlecken, doch die Worte der Wächterin und der schleichende Verlust seines Verstandes halten ihn wie unsichtbare Ketten zurück.
Plötzlich verändert sich das Plätschern der Quelle. Das türkisfarbene Wasser beginnt unruhig zu brodeln, und ein dunkler Schatten legt sich über das helle Leuchten.
Der schwarze Nebel quillt direkt aus dem Boden der Lichtung hervor, als würden die Mohnblumen selbst beginnen zu rauchen. Die Schwärze verdichtet sich, wirbelt in unnatürlichen Bahnen, bis sie die hochgewachsene, gesichtslose Gestalt der Wächterin formt. Ihr schwerer, modriger Umhang scheint das Licht der Umgebung regelrecht aufzusaugen, und der knorrige Holzstab stößt dumpf auf die Erde, direkt vor Lyras Knien.
Ein hohles, krächzendes Lachen bricht aus der Dunkelheit ihrer Kapuze hervor. Es ist ein Laut ohne jede menschliche Wärme, ein Geräusch wie das Reiben von Grabsteinen.
„Wie rührend“, spottet die Wächterin, und ihre Stimme scheint aus dem Boden selbst zu vibrieren. „Das kleine Mädchen ruft nach ihrem Schoßhund, während der Wolf bereits vergessen hat, wie man liebt.“
Lyra weicht instinktiv zurück, doch die Wächterin macht keinen Zug, sie anzugreifen. Sie genießt Lyras Entsetzen viel zu sehr. Mit einer langsamen, klauenartigen Hand deutet sie in das tiefe Unterholz, genau in die Richtung, in der Fenris im Schatten lauert.
„Er ist hier, Lyra“, haucht sie boshaft. „Er sieht dich. Er hört dein jämmerliches Flehen. Er riecht deine Tränen wie das Blut eines verletzten Rehs.“
Lyra fährt herum, ihre Augen suchen fieberhaft das Gebüsch ab, doch sie sieht nur Dunkelheit. Die Wächterin tritt einen Schritt näher, und die Kälte, die von ihr ausgeht, lässt die Mohnblumen um sie herum augenblicklich welken.
„Aber er wird nicht kommen“, fährt das gesichtslose Wesen fort. „Er darf nicht kommen. Er weiß, was er ist, auch wenn sein kleiner Menschenverstand noch versucht, sich dagegen zu wehren. Jedes Mal, wenn er dich ansieht, kämpft das Tier gegen den Mann - und das Tier gewinnt immer mehr Raum. Wenn er dich berührt, Lyra, dann wird es nicht mehr der Kuss eines Liebsten sein. Es wird der Biss eines Jägers sein, der seine Beute reißt.“
Die Wächterin neigt den Kopf zur Seite, als würde sie Lyras Schmerz förmlich kosten.
„Er bleibt fern, um dich nicht zu zerfetzen. Er opfert sich selbst, während du ihn mit deinen Schreien nur tiefer in den Wahnsinn treibst. Willst du das wirklich? Willst du diejenige sein, die den letzten Rest seiner Seele vernichtet, nur weil du zu egoistisch bist, ihn gehen zu lassen?“
Lyra schüttelt verzweifelt den Kopf, die Tränen laufen ihr heiß über die Wangen. Sie spürt Fenris’ Anwesenheit nun deutlicher denn je, eine schwere, leidende Präsenz in den Schatten.
Lyra wischt sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht und zwingt sich aufzustehen. Ihre Beine zittern, doch ihr Blick wird hart. Sie steht der gesichtslosen Dunkelheit gegenüber, die Mohnblumen zu ihren Füßen wie ein Teppich aus geronnenem Blut. Sie spürt das Silberamulett an ihrem Hals pulsieren, als würde es ihre Entschlossenheit nähren.
„Du verstehst es nicht“, sagt Lyra, und ihre Stimme ist fester, als sie sich gefühlt hat. „Du nennst es Schwäche, aber es ist das Einzige, was du niemals besitzen wirst. Solange er mich spürt, solange er meinen Namen in der Dunkelheit seines Geistes noch hört, gehört er dir nicht ganz. Und ich werde nicht gehen. Ich werde für ihn kämpfen, bis mein letzter Atemzug in diesem Nebel erlischt.“
Die Wächterin verharrt einen Moment in unheilvoller Stille, dann bricht ein gellendes, fast hysterisches Lachen aus der Schwärze ihrer Kapuze hervor. Es ist ein Geräusch, das Mark und Bein erschüttert.
„Dumm... so unendlich dumm“, krächzt sie und schlägt mit ihrem knorrigen Stab hart auf den Boden. „Du nennst es Liebe, ich nenne es Selbstmord. Du glaubst an eine Verbindung, die längst verrottet ist. Du bist lebensmüde, kleines Mädchen.“
Die Wächterin dreht sich halb zur Seite, dorthin, wo Fenris in den Schatten verborgen ist. Sie hebt ihre knöcherne Hand und krümmt die Finger, als würde sie an unsichtbaren Fäden ziehen.
„Soll ich es dir beweisen?“, flüstert sie mit einer Stimme, die vor Bosheit trieft. „Ich brauche ihm nur ein Zeichen zu geben. Ein einziger Gedanke von mir, und die Bestie in ihm wird die Oberhand gewinnen. Er würde dich nicht erkennen. Er würde den Duft deines Blutes riechen und dich in Stücke reißen, bevor du auch nur ein Gebet sprechen kannst. Dein ‚Geliebter‘ würde dein Fleisch von den Knochen nagen, Lyra. Willst du sehen, wie viel von deinem Fenris noch übrig ist?“
In den Schatten am Rand der Lichtung hört man ein tiefes, qualvolles Grollen. Es ist Fenris. Er kämpft gegen den Befehl, der wie ein glühendes Eisen in seinen Verstand brennt. Das Gebüsch raschelt heftig, als er versucht, sich gegen den Willen der Wächterin zu stemmen, doch die roten Augen der Bestie leuchten immer heller im Dunkeln auf.
Die Wächterin hebt den Arm weiter an, bereit, den finalen Reiz zu setzen, der Fenris auf Lyra hetzen würde.
Lyra fixiert den Schatten zwischen den dunklen Stämmen, ihre Augen brennen vor Entschlossenheit. Dort, in der Tiefe des Unterholzes, erkennt sie die massiven Umrisse, das unruhige Schimmern des Fells und das nervöse Zucken seiner Flanken. Es ist kein Monster für sie. Es ist Fenris.
Bevor die Wächterin ihre grauenhafte Prophezeiung vollenden kann, tritt Lyra einen Schritt vor, direkt auf das Dickicht zu. Sie ignoriert die Kälte, die von der gesichtslosen Gestalt neben ihr ausgeht, und konzentriert all ihre Kraft auf diesen einen Punkt im Schatten.
„Ich liebe dich, Fenris!“, ruft sie, und ihre Stimme bricht nicht. Sie ist klar und schneidend, ein helles Signal in der dumpfen Stille des Waldes. „Ich weiß, wer du bist. Und wenn der Fluch in dir so stark ist, dass du mich zerreißen musst - dann tue es! Wenn mein Blut der Preis dafür ist, dass du für einen Moment wieder du selbst sein kannst, dann nimm es!“
Sie breitet die Arme aus, schutzlos und ohne jede Deckung. Ihr Herz schlägt wild gegen ihre Rippen, doch in ihrem Gesicht liegt ein Friede, der die Wächterin wie ein Peitschenhieb trifft. Lyra bietet sich ihm an, nicht als Beute, sondern als Opfer ihrer Liebe.
Die Wächterin erstarrt. Ihr Lachen stirbt augenblicklich und verwandelt sich in ein hasserfülltes Fauchen. Diese Art von furchtloser Hingabe ist Gift für sie; es ist eine Macht, die sie nicht kontrollieren oder korrumpieren kann. Ihre knöchernen Finger krallen sich um den Holzstab, bis das Holz unter dem Druck ächzt.
„Genug von diesem Pathos!“, kreischt sie, und der schwarze Nebel um sie herum beginnt wie ein Sturm zu peitschen. „Du willst den Tod? Du sollst ihn haben! Bestie, zeig ihr, was aus deiner Liebe geworden ist! Reiß ihr das Herz aus der Brust, das sie dir so bereitwillig hinhält!“
In den Schatten explodiert die Bewegung. Fenris bricht aus dem Gebüsch hervor. Er ist gewaltig, ein Albtraum aus Muskeln und gesträubtem Fell, die Zähne bleckend, ein tiefes, grollendes Knurren in der Kehle, das den Boden erzittern lässt. Er stürmt direkt auf Lyra zu, die Augen glühend vor dem roten Wahnsinn des Staubs.
Doch als er nur noch wenige Meter von ihr entfernt ist, dort, wo das Licht der Lichtung auf sein Gesicht fällt, sieht er sie. Er sieht das Mädchen, das seine Hand hielt, das Mädchen, das nicht wegläuft.
Fenris ist kein Tier mehr, er ist eine Naturgewalt aus Schmerz und Zorn. Mit einem markerschütternden Brüllen schnellt er vor, ein massiver Schatten, der das Licht der Lichtung verschlingt. Die Wächterin stößt einen Schrei des Triumphs aus, ihre knöcherne Hand zuckt vor Erregung.
Er springt. Doch im Moment des höchsten Tempos, als seine Klauen bereits nach ihrem Fleisch greifen könnten, verändert er die Flugbahn um Haaresbreite. Er streift Lyra mit der Wucht eines fallenden Baumes, reißt sie von den Füßen und wirft sie hart auf den mit Mohnblüten bedeckten Boden.
Lyra schlägt auf, der Atem entweicht ihren Lungen, und die Welt dreht sich. Als sie die Augen öffnet, steht Fenris über ihr. Seine massiven Pranken rechts und links von ihrem Kopf vergraben sich tief in der Erde. Sein Maul ist nur Zentimeter von ihrer Kehle entfernt, der heiße, raubtierhafte Atem schlägt ihr entgegen, vermischt mit dem metallischen Geruch von Blut und dem süßlichen Aroma des roten Staubs.
Lyra sieht ihn an. Sie sieht nicht die Bestie, die sie töten will, sondern den Mann, der darin gefangen ist. Sie wehrt sich nicht. Sie hebt nicht einmal die Hände, um ihr Gesicht zu schützen. Stattdessen sieht sie ihm tief in die glühenden Augen und nickt ganz leicht. Ein stummes Einverständnis. Ein letztes Geschenk. Tu es, sagen ihre Augen. Erlöse uns beide von dieser Qual. Lieber sterbe ich durch deine Hand, als dich an die Dunkelheit zu verlieren.
Fenris erstarrt. Das Knurren in seiner Kehle bricht ab und verwandelt sich in ein klagendes, fast menschliches Wimmern. Der rote Glanz in seinen Augen flackert. Lyras absolute Unterwerfung, ihre Bereitschaft, für ihn zu sterben, wirkt wie ein eiskalter Guss auf die Raserei in seinem Blut. In diesem Moment der totalen Stille zwischen Jäger und Beute scheint die Zeit stillzustehen.
Die Wächterin beobachtet die Szene mit wachsendem Zorn. Das ist nicht das Blutbad, das sie befohlen hat. „Töte sie!“, kreischt sie, und ihre Stimme peitscht durch die Lichtung. „Reiß sie in Stücke, du wertloses Tier!“
Fenris zittert am ganzen Körper. Muskelzuckungen laufen über seinen Rücken, während er gegen den übermächtigen Zwang der Wächterin ankämpft. Ein Tropfen Speichel fällt auf Lyras Wange, und für einen Moment sieht sie in seinen Augen einen Funken des alten Fenris - ein unendliches Leid und eine Liebe, die selbst den Tod überdauert.
Das dumpfe Schlagen von schwerem Stein auf Stein hallt vom Waldrand herüber, als Samuel aus dem verborgenen Schlund der Krypta tritt. Er ist gezeichnet; seine Kleidung ist zerrissen, sein Gesicht aschfahl, und die Wunde an seinem Handgelenk hat tiefe, dunkle Spuren auf seinem Ärmel hinterlassen. Er hat die Schreie der Wächterin gehört - diesen hasserfüllten, schrillen Ton, der bedeutet, dass ihr Plan zu scheitern droht.
Lyra, die noch immer unter der gewaltigen Gestalt von Fenris im Staub liegt, traut ihren Augen nicht. Sie sieht Samuel, den ruhigen Kaplan, der nun wie eine Gestalt aus einer uralten Tragödie wirkt. Sein Blick trifft den ihren nur für einen Wimpernschlag - es ist ein Blick voller Reue, Schmerz und einer tiefen, traurigen Liebe, die Lyra in diesem Moment das Herz bricht.
Samuel tritt mit langsamen, gemessenen Schritten auf die Lichtung. Er ignoriert die Zähne des Wolfes, die nur Zentimeter von Lyras Kehle entfernt sind, und stellt sich direkt zwischen die Wächterin und das Paar am Boden. Er hebt die Hände, die Handflächen nach oben, in einer Geste des Friedens, die in dieser blutgetränkten Umgebung fast fehl am Platz wirkt.
„Genug!“, sagt er, und seine Stimme hat die Autorität eines Mannes, der bereits mit seinem Tod Frieden geschlossen hat. Er sieht die Wächterin an, deren schwarzer Nebel vor Wut bebt. „Du hast, was du wolltest. Der Vertrag ist besiegelt. Mein Blut, meine Seele, mein Leben - sie gehören dir. Ich bin den Weg in die Tiefe gegangen, ich habe das Siegel des Grafen berührt.“
Er macht einen weiteren Schritt auf das gesichtslose Wesen zu, versucht, ihre Aufmerksamkeit vollständig von Lyra und Fenris wegzulenken.
„Warum die Mühe mit diesem Mädchen?“, fährt er fort, seine Stimme nun sanfter, fast schmeichelnd, während er das Spiel der Täuschung weiterspielt. „Sie ist nichts. Ein Funke, der bald erlischt. Aber ich... ich bin der Hüter des Siegels. Wenn du Fenris zerstörst, verlierst du das Gefäß für deinen Herrn. Wenn du Lyra tötest, wird der Wolf in seinem Schmerz unkontrollierbar. Lass sie gehen. Lass sie das Amulett behalten und in der Stadt verrotten. Wir beide haben Wichtigeres zu tun. Die Krypta wartet, und der Graf braucht ein Opfer, das bei vollem Verstand ist, um die Pforten endgültig zu öffnen.“
Die Wächterin verharrt. Ihr knorriger Stab zittert in ihrer Hand. Sie sieht zwischen Samuel, dem wertvollen Opfer, und Lyra, der unbedeutenden Sterblichen, hin und her. Samuels Angebot ist verlockend; er bietet ihr die totale Unterwerfung an, die sie sich immer gewünscht hat.
Fenris, der Samuels Stimme hört, stößt ein tiefes, verwirrtes Grollen aus. Er spürt die Veränderung der Energie. Der Druck in seinem Kopf lässt für einen Moment nach, als die Wächterin ihren Fokus auf Samuel verlagert.
Ein eisiger Schauer läuft Lyra über den Rücken, der weit über die Kälte des feuchten Bodens hinausgeht. Sie starrt Samuel an, dessen Gesicht im fahlen Licht der Lichtung wie eine Totenmaske wirkt. Die Worte „Mein Blut, meine Seele“ hallen in ihrem Kopf wider und ziehen ihr den Boden unter den Füßen weg. Er hat sich verkauft. Er hat einen Pakt mit dem Grauen geschlossen, das sie alle vernichten will.
Auch in Fenris geschieht eine fundamentale Wandlung. Das mörderische Grollen in seiner Kehle verebbt nicht, aber es verändert seine Richtung. Die Drohung, die eben noch Lyra galt, richtet sich nun nach außen. Er erkennt Samuels Stimme, er erkennt den Geruch von Samuels Verzweiflung, und der menschliche Teil in ihm begreift das Ausmaß dieses Opfers.
Anstatt zuzubeißen, spannt Fenris seine gewaltigen Muskeln an und stellt sich schützend über Lyra. Er steht wie ein massiver Wall aus Muskeln und Fell über ihr, seine Pranken tief in der Erde verankert, den Kopf gesenkt, die Zähne in Richtung der Wächterin und Samuels gefletscht. Er ist nicht länger der Jäger; er ist der Wächter, der bereit ist, jeden zu zerfleischen, der seiner Frau zu nahe kommt - selbst wenn es der Mann ist, der vorgibt, sie retten zu wollen.
Die Wächterin genießt das Entsetzen in Lyras Augen. Sie gleitet ein Stück näher, der schwarze Nebel ihres Gewandes vermischt sich mit dem Staub der Mohnblumen. „Hörst du das, Lyra?“, krächzt sie mit einem hämischen Unterton. „Dein heiliger Kaplan hat sein Licht gegen meine Finsternis eingetauscht. Er gehört mir. Er wird der Schlüssel sein, der die Welt des Grafen wieder mit der euren verbindet.“
Samuel zuckt nicht zusammen. Er sieht weder zu Lyra noch zu dem drohenden Wolf über ihr. Er hält den Blick starr auf das gesichtslose Dunkel der Wächterin gerichtet. Er weiß, dass Fenris ihn jetzt als Feind sehen könnte, als Teil des dunklen Pakts, doch das ist ein Preis, den er zu zahlen bereit ist.
„Lass sie gehen“, wiederholt Samuel, und seine Stimme klingt wie brechendes Eis. „Fenris wird sie zurück zum Waldrand bringen. Er wird dafür sorgen, dass sie die Stadt nie wieder verlässt. Das ist der Deal. Meine Seele für ihr Leben.“
Die Wächterin hebt ihren knorrigen Stab und deutet auf die Krypta. „Dann komm, Samuel. Lass das Mädchen und ihren Bastard-Wolf in ihrer jämmerlichen Liebe zurück. Wenn du den Pakt erfüllen willst, musst du jetzt mit mir in die Tiefe steigen. Der Graf verlangt nach seiner neuen Stimme.“
Das Bild auf der Lichtung ist von einer grausamen Stille geprägt. Lyra liegt noch immer im zertretenen Mohn, die kühle Erde an ihrem Rücken, während die gewaltige Gestalt von Fenris über ihr wie ein lebendiger Schild aufragt. Ihre Augen sind geweitet, der Atem geht stoßweise, während sie zusieht, wie Samuel - der Mann, der ihr in den letzten Tagen Halt gegeben hat - sich der personifizierten Finsternis anschließt.
Samuel erreicht den Rand der Steinplatten, die in den gähnenden Schlund der Krypta führen. Er spürt die Kälte des Ortes, die nach seinem Herzen greift, doch kurz bevor er den ersten Schritt in die ewige Dunkelheit macht, hält er inne. Er dreht den Kopf nicht ganz, aber sein Profil zeichnet sich scharf gegen den grauen Nebel ab.
Mit einer langsamen, fast rituellen Bewegung hebt er seine verletzte Hand und führt zwei Finger kurz an seine Stirn – ein altes Zeichen der Hüter, das Lyra in einem seiner Bücher gesehen hat. Es bedeutet nicht Abschied. Es bedeutet: „Ich erfülle meine Pflicht. Vertraue dem Plan.“ Es ist ein winziger Moment der Klarheit inmitten des Wahnsinns, ein stummes Versprechen, dass er kein Verräter ist, sondern ein Spion im Reich des Todes.
Die Wächterin stößt ein ungeduldiges Fauchen aus und legt ihre knöcherne Hand auf Samuels Schulter, um ihn in die Tiefe zu drängen. Gemeinsam verschwinden sie im schwarzen Rachen der Erde, und das schwere Mahlen der Steinplatte beginnt bereits, den Eingang wieder zu versiegeln.
Fenris beobachtet das Verschwinden der beiden mit einer Intensität, die die Luft zum Vibrieren bringt. In seinem Kopf tobt ein gewaltiger Sturm. Der rote Staub peitscht seine Instinkte auf, doch das Opfer von Samuel und das Zeichen, das er Lyra gegeben hat, haben den Mann in ihm geweckt. Er versteht zwar nicht die Einzelheiten des Paktes, aber er begreift, dass der Kaplan sich geopfert hat, um den Druck von ihnen zu nehmen.
Das mörderische Knurren in Fenris' Kehle erlischt und macht einem tiefen, menschlichen Seufzen Platz, das fast wie ein Schluchzen klingt. Er wendet den Kopf langsam zu Lyra ab. Seine Augen sind noch immer grün-glühend, doch der Ausdruck darin ist wieder der des Mannes, der sie liebt. Er senkt seinen massiven Kopf und stupst Lyra sanft mit der feuchten Schnauze an die Schulter, ein instinktiver Drang, sie aufzurichten und von diesem verfluchten Ort wegzubringen.
Fenris stößt ein tiefes, kehliges Grollen aus, das jedoch keine Drohung enthält, sondern eine dringliche Mahnung. Er schiebt seinen massiven Körper sanft, aber unnachgiebig zwischen Lyra und den verschlossenen Eingang der Krypta. Seine smaragdgrünen Augen fixieren sie mit einer Intensität, die keinen Widerspruch duldet: Geh jetzt. Solange sein Opfer uns diesen Moment erkauft hat.
Lyra rappelt sich mühsam auf, ihre Kleider sind zerknittert und vom roten Staub der Mohnblumen gezeichnet. Sie sieht auf die kalte Steinplatte, unter der Samuel verschwunden ist, und dann zu dem gewaltigen Wolf an ihrer Seite. Tränen brennen in ihren Augen, doch sie erkennt die Notwendigkeit in Fenris’ Blick.
„Ich weiß“, flüstert sie, während sie den ersten schweren Schritt in Richtung Waldrand macht. Fenris weicht ihr nicht von der Seite. Er geht so nah bei ihr, dass sie die Hitze seines Körpers spüren kann, und sein Fell streift bei jedem Schritt ihr Bein.
Lyra beginnt zu sprechen. Sie blickt nicht auf die Bestie, sondern starrt geradeaus in den Nebel, als würde sie direkt in das Gesicht des Mannes sehen, den sie liebt. „Er hat es für uns getan, Fenris. Samuel wusste genau, was er tut. Er hat gesehen, wie sehr wir uns nacheinander verzehren, und er konnte nicht zulassen, dass die Wächterin uns hier auf dieser Lichtung vernichtet.“
Ein kurzes, zustimmendes Schnauben entweicht Fenris’ Nüstern. Er hält den Kopf tief, die Ohren wachsam nach hinten gerichtet, während er die Umgebung nach den Handlangern absucht.
„Du musst durchhalten“, fährt Lyra fort, und ihre Stimme wird fester. „Hörst du mich? Du darfst den roten Staub nicht siegen lassen. Samuel ist da unten, um den Fluch von innen heraus anzugreifen. Er braucht Zeit. Und wir brauchen einander.“ Sie streckt die Hand aus und vergräbt ihre Finger tief in seinem dicken Nackenfell. „Ich sehe dich noch immer, Fenris. Hinter diesem Fell, hinter diesem Zorn... ich weiß, dass du da bist.“
Fenris zittert unter ihrer Berührung. Der Kampf in seinem Inneren tobt weiter, doch ihre Stimme ist wie ein Anker, der ihn davor bewahrt, vollständig in den Abgrund der tierischen Raserei zu stürzen. Gemeinsam durchqueren sie den nebligen Wald, vorbei an den schweigenden Bäumen, bis das vertraute Kopfsteinpflaster von Rosevil in der Ferne schimmert.
Am Waldrand bleibt Fenris abrupt stehen. Er darf die Grenze zur Stadt nicht überschreiten, ohne das Risiko einzugehen, entdeckt zu werden oder die Beherrschung zu verlieren. Er sieht Lyra an, und für einen kurzen Moment ist der Glanz in seinen Augen rein und klar.
Am Waldrand, dort, wo der modrige Geruch des tiefen Forstes auf die kalte, leblose Luft der Stadt trifft, kommen sie zum Stehen. Die Welt um sie herum scheint den Atem anzuhalten. Fenris drängt nicht mehr; er steht einfach nur da, ein massiver Fels in der Brandung des Nebels, und lässt zu, dass Lyra sich gegen seine Flanke lehnt.
In diesem Moment bricht der Schutzwall der Bestie. Durch die Berührung ihrer Finger in seinem Fell fließen Erinnerungen zurück, die der rote Staub fast ausgelöscht hätte. Fenris schließt die Augen und stößt ein langes, zitterndes Ausatmen aus. Er spürt die Wärme ihrer Haut, die zarte Beschaffenheit ihrer Hände - ein krasser Kontrast zu der rauen Welt aus Rinde, Blut und Stein, in der er gefangen ist.
Es ist, als würde Lyras bloße Nähe den menschlichen Teil seiner Seele wieder mit Energie fluten. Er erinnert sich an das Gefühl ihrer Lippen, an das sanfte Gewicht ihres Körpers in seinen Armen, bevor der Fluch ihm seine menschliche Gestalt nahm. Doch was ihn am tiefsten trifft, ist ihre unerschütterliche Hingabe. Dass sie eben auf der Lichtung bereit war, unter ihm zu sterben, hat eine Bindung geschaffen, die tiefer geht als jeder Zauber der Wächterin. Diese Unterwerfung war kein Akt der Schwäche, sondern die ultimative Macht der Liebe, die ihn in die Knie gezwungen hat.
Lyra spürt, wie das wilde Beben in seinem Körper nachlässt. „Ich lasse dich nicht los“, flüstert sie an sein Ohr, während sie ihr Gesicht in seinem Nacken vergräbt. „Egal, was Samuel dort unten tut, egal, was die Wächterin plant. Du gehörst mir, Fenris. Nicht dem Grafen, nicht dem Wald.“
Fenris neigt seinen gewaltigen Kopf und legt ihn schwer auf ihre Schulter. Es ist eine Geste vollkommener Erschöpfung und tiefsten Vertrauens. Er genießt diesen einen, kostbaren Augenblick der Menschlichkeit, wohl wissend, dass er gleich wieder in die Schatten zurückkehren muss, um Samuel beizustehen und über die Krypta zu wachen. Er leckt ihr einmal sanft über die Wange - ein rauer, warmer Abschied, der mehr sagt als tausend Worte.