Lyra & Fenris - Moonbound 23
Die Kammer der Verdammnis
Allein und voller Zweifel beschließt Lyra, nicht länger auf Samuels Pakt zu vertrauen. Ihre Suche führt sie in die Katakomben der Kirche, direkt zum Grab von Graf Lorcan – dem Ursprung von Fenris’ Fluch.
Im Schatten schmiedet sie einen eigenen Plan, während Fenris aus der Dunkelheit über sie wacht.
Der nächste Schritt wird kein Zögern mehr sein, sondern ein Angriff auf das Herz der Finsternis.
Lyra stolpert wie in Trance durch die schwere Eichentür des Pfarrhauses. Die Stille im Inneren ist beklemmend und lastet schwer auf ihren Schultern. Jedes Ticken der Uhr im Flur klingt wie ein hämischer Kommentar zu ihrer Verzweiflung. Sie geht direkt auf Samuels privates Arbeitszimmer zu, dorthin, wo die Wände von uralten Folianten gesäumt sind und der Geruch von Weihrauch und altem Pergament die Luft sättigt.
Sie lässt sich in seinen schweren Lederstuhl sinken und starrt auf den leeren Schreibtisch. In ihrem Kopf herrscht ein mörderischer Kampf. Das Zeichen, das Samuel ihr beim Hinabsteigen in die Krypta gegeben hat, brennt zwar noch in ihrer Erinnerung, doch der Zweifel nagt an ihr wie ein hungriges Tier. Kann sie ihm wirklich trauen? Er hat sein Blut gegeben. Er hat einen Pakt geschlossen. Die Wächterin ist eine Meisterin darin, die Sehnsüchte der Menschen gegen sie zu verwenden, und Samuel war schon immer ein einsamer Mann. Was, wenn sie ihm versprochen hat, was er sich am meisten wünscht? Was, wenn er Fenris opfert, um selbst an der Seite der Finsternis zu herrschen?
„Ich kann nicht warten“, flüstert sie in die Leere des Raumes. „Ich darf nicht warten, bis er entscheidet, wer leben darf.“
Die Hingabe, die sie Fenris auf der Lichtung gezeigt hat, hat in ihr eine neue, gefährliche Kraft entfacht. Sie ist nicht mehr bereit, nur die Spielfigur in einem Schachspiel zwischen einem Kaplan und einer Hexe zu sein. Wenn Samuel den Fluch von innen heraus angreifen will, dann wird sie es von außen tun. Sie weiß, dass Fenris’ Menschlichkeit mit jeder Stunde dahinsvchwindet, und sie spürt, dass das Amulett an ihrem Hals nicht mehr ausreicht, um den Hunger des Grafen in ihm zurückzuhalten.
Sie beginnt, Samuels Schubladen aufzureißen. Sie sucht nicht nach Gebetbüchern. Sie sucht nach dem „Verbotenen Verzeichnis“, von dem er einmal erzählte - einem Buch, das beschreibt, wie man eine Seele aus der Umklammerung eines fremden Geistes reißt. Wenn sie Fenris retten will, muss sie einen Weg finden, den roten Staub zu neutralisieren, ohne ihn zu töten.
Dabei stößt sie in einer verborgenen Bodenklappe unter dem Schreibtisch auf ein Kästchen, das mit einem silbernen Siegel verschlossen ist. Als ihre Finger das Metall berühren, spürt sie ein warnendes Prickeln.
Lyra zerrt verzweifelt an dem silbernen Siegel des Kästchens, doch das Metall bleibt unnachgiebig, fast so, als würde es unter ihren Fingern zu Eis gefrieren. In ihrer Frustration schleudert sie es fast über den Schreibtisch, besinnt sich dann aber eines Besseren. Sie hat keine Zeit für Schlösser, deren Schlüssel sie nicht besitzt. Sie braucht einen Plan, der über Samuels Geheimnisse hinausgeht.
Sie lässt das widerspenstige Kästchen auf dem Schreibtisch liegen. Sie verschwendet keinen weiteren Gedanken an Samuels verschlossene Geheimnisse; ihre Entschlossenheit ist scharf wie eine frisch geschliffene Klinge. Während sie tief durchatmet, ordnet sie ihre Erinnerungen mit kühler Präzision. Sie weiß genau, wo sie ansetzen muss.
Alles in dieser Stadt, jeder Fluch und jede Qual, die Fenris erleidet, hat seinen Ursprung in Graf Lorcan.
Samuel mag jetzt tief in der Krypta unter dem Wald bei der Wächterin sein, doch der Ursprung von Fenris’ Verdammnis liegt woanders. Während Samuel im Forst sein Schicksal herausfordert, begreift Lyra, dass sie selbst handeln muss. Sie kann sich nicht auf einen Pakt verlassen, den ein Mann geschlossen hat, dem sie vielleicht gar nicht mehr trauen kann. Sie muss dorthin zurück, wo der Fluch Wurzeln schlug: zum Grab von Graf Lorcan, tief unter dem Fundament der Stadt.
Doch der Weg dorthin ist gefährlich. Bevor sie das Pfarrhaus verlassen kann, späht sie vorsichtig durch den Spalt der schweren Haustür. Unter dem Torbogen lauert er wieder - der stumme, bedrohliche Handlanger der Wächterin. Lyra wartet einen Moment ab, bis eine Nebelbank die Sicht dämpft, und schlüpft dann mit klopfendem Herzen durch den Hinterausgang. Sie schleicht geduckt an den kalten Mauern entlang, bis sie die schützende Dunkelheit der nächsten Gasse erreicht.
Ihr Ziel ist die große Kirche von Rosevil. Dort, in den Katakomben unter dem geweihten Boden, hat Fenris Tag für Tag gearbeitet.
Als sie das Kirchenportal erreicht, tritt ihr ein Mann entgegen, den sie nur vom Sehen kennt: Elias. Er war es, der Fenris damals den Job in den Tiefen gegeben hatte. Elias mustert sie mit kühler Distanz; er kennt ihren Namen nicht und sieht in ihr nur eine fremde Frau, die sich zur Unzeit in die Kirche schleicht.
„Was wollt Ihr hier?“, fragt er barsch. „Die Gebetsstunden sind vorbei.“
Lyra zwingt sich zu einer Haltung tiefer Demut. Sie senkt den Kopf und lässt ihre Stimme vorgetäuscht zittern.
„Verzeiht, Herr. Ich bin eine Verwandte von Samuel, dem Kaplan. Er schickt mich. Er hat in der Eile des Morgens ein wichtiges Dokument in der unteren Krypta liegen gelassen, das er für die Vorbereitungen im Wald benötigt. Er bat mich, es sofort zu holen, da er selbst verhindert ist.“
Elias zieht die Augenbrauen hoch. Er wirkt misstrauisch, doch die Erwähnung von Samuels Namen und die Dringlichkeit in ihrer Stimme scheinen zu wirken. Er will offensichtlich keine Scherereien mit dem Kaplan. „Immer diese Eile“, brummt er und kramt einen schweren Eisenbund hervor. „Geht schon, aber macht schnell. Ich will das Portal bald schließen.“
Er schließt ihr das schwere Gitter auf und lässt sie passieren. Lyra steigt die ausgetretenen Stufen hinab, tiefer und tiefer, bis das Licht der Kirche über ihr nur noch ein ferner, sterbender Funken ist. Die Luft wird schwer, modrig und so dicht, dass sie das Gefühl hat, gegen einen unsichtbaren Widerstand anzukämpfen.
Sie beginnt zu suchen. Es ist nicht die offizielle Gruft, in der die wohlhabenden Bürger von Rosevil in ihren Wandnischen ruhen. Lyra tastet sich durch ein Labyrinth aus feuchten Gängen, in denen das Wasser von der Decke tropft wie das Ticken einer unerbittlichen Uhr. Sie sucht nach den Spuren von Fenris’ harter Arbeit - nach den Stellen, an denen der Stein heller glänzt, weil sein Meißel ihn berührt hat.
Fast eine Stunde lang irrt sie durch die Dunkelheit, ihre Taschenlampe wirft lange, tanzende Schatten an die Wände. Dann entdeckt sie einen schmalen Durchbruch, den Fenris hinter einem eingestürzten Bogen freigelegt haben muss. Sie zwängt sich hindurch und findet sich in einer Kammer wieder, die sich völlig anders anfühlt als der Rest der Krypta. Hier herrscht eine unnatürliche Kälte.
Mitten in dieser Dunkelheit ragt er schließlich empor: der Sarkophag. Er ist gewaltig, aus tiefschwarzem Marmor gehauen und wirkt so vollkommen unversehrt, als wäre er erst gestern hier aufgestellt worden. An der Seite prangt in tiefen, scharfen Lettern der Name: Graf Lorcan.
Lyras Atem geht stoßweise, während sie näher tritt. An der Flanke des Grabmals entdeckt sie die Tafel mit den Symbolen und der Schrift. Ihr Herz verkrampft sich. Sie erkennt jedes einzelne Zeichen wieder - es sind dieselben Symbole, die Fenris in jenen Nächten nachgezeichnet hatte, nachdem sie die erste unruhige Nacht in dem Bett verbracht hatten und die Wächterin sie zum ersten Mal aufsuchte. Er hatte damals keinen Frieden mehr gefunden, getrieben von einer inneren Unruhe, die ihn immer wieder hierher in die Tiefe zwang. Dies ist die Tafel, die er unter unvorstellbaren Qualen freigelegt hat, während seine Hände bluteten und sein Verstand langsam unter dem Gewicht Fluches zerbrach.
Sie streicht mit zitternden Fingern über die Bronze. Die Symbole scheinen unter ihrer Berührung fast zu vibrieren. Hier, an diesem Ort des Schweigens, ist die Verbindung zum Bett am stärksten. Sie begreift: Das Bett war der Köder, aber dieser Sarkophag ist das Herz des Übels.
„He! Sie dort!“, hallt die Stimme des Mannes durch die feuchten Gänge der Krypta. Sie klingt verzerrt, fast ängstlich. „Wo sind Sie? Das ist kein Ort, um sich zu verlieren!“
Das ferne Scharren seiner Absätze auf dem Stein verrät, dass er sich ihr nähert, auch wenn er sichtlich zögert. Man hört ihm an, wie unwohl er sich so tief unter der Erde fühlt, weit weg vom schützenden Licht der Oberwelt. Ihm dauert die Suche nach den angeblichen Dokumenten Samuels viel zu lange, und die Ungeduld in seinem Rufen wächst mit jedem Schritt.
Lyra erstarrt kurz. Sie blickt ein letztes Mal auf die Tafel am Sarkophag des Grafen Lorcan. Jetzt weiß sie es. Sie hat den Ort gefunden, den Ankerpunkt des Fluches. Sie hat die Symbole gesehen und die Kälte gespürt, die von diesem schwarzen Marmor ausgeht. Sie braucht jetzt keine weiteren Beweise mehr - sie braucht einen Plan und die richtige Vorbereitung, um hierher zurückzukehren und den Fluch an der Wurzel zu packen.
„Ich komme schon!“, ruft sie zurück und bemüht sich, ihre Stimme verzweifelt klingen zu lassen. Sie löst sich hastig von dem Grabmal und eilt dem Lichtschein seiner Laterne entgegen.
Als sie ihn in einem der schmalen Gänge trifft, hält der Mann sich ein Tuch vor Mund und Nase. Sein Gesicht ist im fahlen Licht bleich, und er blickt unruhig in die Schatten hinter ihr.
„Ich... ich kann sie nicht finden“, sagt sie atemlos und presst die Hände zusammen, als würde sie vor Sorge zittern. „Der Kaplan muss sie an einem anderen Ort gelassen haben. Vielleicht im Pfarrhaus, unter einem Stapel anderer Papiere. Es ist hier unten so dunkel, ich habe alles abgesucht, aber die Dokumente sind nicht hier.“
Der Mann mustert sie kurz, doch sein Drang, diesen modrigen Ort zu verlassen, ist stärker als sein Misstrauen gegenüber der Fremden. „Ich sagte doch, die Luft hier unten ist nichts für die Lebenden“, brummt er und deutet mit der Laterne hastig in Richtung der Treppen. „Kommen Sie jetzt. Der Kaplan wird seine Sachen schon selbst suchen müssen. Ich schließe jetzt ab, ich habe keine Zeit mehr für dieses Herumgeirre.“
Lyra folgt ihm die Stufen hinauf, jeden Schritt zählend, die Struktur der Wände in ihr Gedächtnis einprägend. Während er das schwere Gitter hinter ihnen mit einem lauten, endgültigen Metallklang verriegelt, spürt sie das Gewicht der Feldflasche in ihrer Tasche. Sie weiß jetzt, wo das Herz des Übels schlägt.
Lyra tritt aus dem Schatten des Portals zurück in die kühle Nachtluft, während der Mann nervös an seinem schweren Schlüsselbund hantiert. Sie hält den Kopf gesenkt und tut so, als würde sie sich vor Kälte oder Scham über die erfolglose Suche zusammenkauern, doch unter ihren Wimpern hindurch beobachtet sie jede seiner Bewegungen mit raubtierhafter Aufmerksamkeit.
Der Mann murmelt etwas Unverständliches über die Unzuverlässigkeit junger Leute und tritt an einen schweren, hölzernen Schrank im Vorraum der Sakristei. Er sieht sich kurz um - Lyra starrt demonstrativ auf ihre Schuhspitzen -, dann schiebt er eine kleine, unauffällige geschnitzte Holztafel an der Seite des Schranks zur Seite. Dahinter wird ein kleiner Hohlraum im Mauerwerk sichtbar. Er legt den schweren Eisenbund hinein, schiebt die Tafel zurück und verriegelt den Schrank mit einem weitaus kleineren Schlüssel, den er achtlos in seine Rocktasche gleiten lässt.
„Gehen Sie jetzt nach Hause“, sagt er barsch und deutet zur Tür. „Und sagen Sie dem Kaplan, wenn er etwas sucht, soll er gefälligst zu den offiziellen Zeiten kommen.“
Lyra nickt nur stumm, murmelt eine Entschuldigung und huscht hinaus in den Nebel. Sie geht einige Schritte, bis sie sicher ist, dass er sie nicht mehr sieht, dann drückt sie sich in eine dunkle Nische zwischen zwei Strebepfeilern der Kirche. Ihr Herz hämmert gegen ihre Rippen. Sie hat alles, was sie braucht: Sie kennt den Ort, sie kennt das Ziel und sie weiß nun, wo der Schlüssel zum Reich des Grafen liegt.
Doch während sie dort im Schatten wartet, bis der Mann die Kirche endgültig verlässt, spürt sie plötzlich, wie sich die Luft verändert. Es ist kein Windzug, sondern eine vertraute, schwere Präsenz. Ein leises Scharren von Krallen auf dem Kopfsteinpflaster lässt sie herumfahren.
Dort, im dichten Dunst direkt hinter dem Friedhofszaun, leuchten zwei smaragdgrüne Augen auf. Fenris ist ihr gefolgt. Er steht vollkommen reglos da, ein massiver Schatten in der Dunkelheit, und beobachtet sie. Er scheint zu spüren, dass sie sich dem Ort genähert hat, der ihn einst verschlungen hat.
Lyra löst sich aus dem Schatten der Kirchenmauer und schleicht zum Friedhofszaun. Der kalte Stein unter ihren Füßen scheint zu beben, während sie auf die massiven Umrisse zusteuert, die dort im Nebel lauern. Fenris rührt sich nicht, doch sein Blick weicht keine Sekunde von ihr. Das tiefe Grollen in seiner Brust verstummt, als sie die Hand ausstreckt und die kalten Eisenstäbe des Zauns berührt.
„Ich habe es gefunden“, flüstert sie, so leise, dass nur seine feinen Ohren es hören können. „Das Herz des Übels. Ich war unten, Fenris. Ich war an seinem Grab.“
Ein kurzes, unruhiges Zittern läuft durch seinen gewaltigen Körper, als er den Namen des Grafen in ihrem Geist spürt. Seine Ohren zucken, und er tritt einen Schritt näher, bis sein heißer Atem als kleiner Nebelstreif zwischen den Zaunstäben hindurchzieht.
„Ich weiß jetzt, dass Samuel nicht die einzige Antwort ist“, fährt sie fort, ihre Stimme wird fester und entschlossener. „Ich werde zurückkehren. Ich kenne das Versteck des Schlüssels. Ich werde das Quellwasser nehmen und die Symbole auf der Tafel löschen, die dich an diesen Ort binden. Ich werde die Verbindung zwischen dem Bett und dem Sarkophag zerreißen.“
Fenris stößt ein tiefes, klagendes Winseln aus. Es ist eine Warnung. Er weiß besser als jeder andere, welche Macht dort unten in der Finsternis schläft und wie sehr der rote Staub jeden Versuch der Reinigung bestraft. Doch Lyra schüttelt den Kopf.
„Du musst mir vertrauen, so wie ich dir auf der Lichtung vertraut habe. Wenn ich das Siegel des Grafen breche, verliert die Wächterin ihre Macht über dich. Dann bist du frei, Fenris. Dann kannst du Samuel da unten herausholen oder die Krypta für immer versiegeln.“
Sie schiebt ihre Hand durch die Gitterstäbe und vergräbt ihre Finger für einen kurzen Moment in seinem dichten, dunklen Fell. „Warte auf mich. Sei bereit, wenn die Erde bebt. Ich hole dich zurück.“
Fenris neigt den Kopf und drückt seine Stirn gegen die eisernen Stäbe, genau dort, wo ihre Hand ruht. Es ist ein stummer Schwur. In seinen Augen flackert das Grün der Hoffnung auf, ein helles Licht gegen den alles verschlingenden Nebel von Rosevil.
Lyra schließt die Augen und lässt ihre Finger noch tiefer in sein dichtes, raues Fell gleiten. Die Kälte des Eisenzauns zwischen ihnen scheint zu schmelzen, während sie die bebende Wärme seines Körpers spürt. Fenris schließt ebenfalls die Augen und drückt seine Flanke gegen das Metall, um so viel von ihrer Berührung zu erhaschen, wie das Gitter es zulässt.
Ein tiefes, erschüttertes Seufzen entweicht seiner Kehle. In diesem Moment ist er nicht die Bestie, die den Wald durchstreift; er ist der Mann, der jede Faser ihres Wesens begehrt. Er erinnert sich an den Geschmack ihrer Haut, an das sanfte Gewicht ihres Körpers, wenn sie sich ihm in vollkommener Hingabe schenkte. Er vermisst das Gefühl ihrer Lippen auf den seinen - jenes Versprechen von Ewigkeit, das so grausam durch das Metall des Fluches ersetzt wurde. Jede ihrer Berührungen wirkt wie ein Heilmittel gegen den nagenden Hunger des roten Staubs, der versucht, seine Identität auszulöschen.
Lyra spürt sein Verlangen, sein Leiden und seine unendliche Liebe. Sie lehnt ihre Stirn gegen die kalten Gitterstäbe, nur Zentimeter von seiner Schnauze entfernt. „Ich vergesse nicht, wie du mich angefasst hast, Fenris“, haucht sie gegen das Eisen. „Ich vergesse keine einzige Nacht. Ich tue das für uns. Damit deine Hände mich wieder halten können, statt mich zu zerreißen.“
Fenris öffnet die Augen, und das Grün darin leuchtet nun mit einer menschlichen Intensität, die fast schmerzt. Er leckt sanft über ihre Finger, die durch das Gitter ragen - eine zärtliche Geste, die so gar nichts Raubtierhaftes an sich hat. Es ist ein Abschied für den Augenblick, aber auch ein Versprechen für das, was kommen wird.
Doch plötzlich zucken Fenris' Ohren steil nach oben. Sein Körper spannt sich augenblicklich an, und das weiche Wimmern verwandelt sich in ein lautloses, gefährliches Fletschen der Zähne. Er wendet den Kopf ruckartig in Richtung der dunklen Gassen, die zum Pfarrhaus führen.
Lyra spürt das augenblickliche Erstarren von Fenris’ Muskeln unter ihren Fingern. Die Zärtlichkeit des Augenblicks verfliegt und macht einer eisigen, mörderischen Wachsamkeit Platz. Er gibt ein kurzes, warnendes Schnauben von sich - ein Signal, das Lyra sofort versteht: Sie sind nicht mehr allein.
„Geh“, flüstert sie ein letztes Mal, zieht ihre Hand ruckartig durch die Gitterstäbe zurück und taucht ohne Zögern in die tiefste Schwärze zwischen zwei massiven Strebepfeilern der Kirche ab.
Sie presst ihren Rücken gegen den kalten Stein und macht sich so klein wie möglich. Nur Sekunden später hört sie das unnatürliche, rhythmische Schleifen von Stiefeln auf dem nassen Kopfsteinpflaster. Der stumme Wächter der Wächterin schleicht wie ein Geist durch den Nebel. Er hält eine Taschenlampe, deren Licht jedoch nicht hell strahlt, sondern ein kränkliches, violettes Glimmen verbreitet, das den Nebel eher zu vergiften als zu durchdringen scheint.
Lyra hält den Atem an, bis ihre Lungen schmerzen. Durch einen schmalen Spalt im Mauerwerk sieht sie, wie der Wächter genau an der Stelle stehen bleibt, an der sie gerade noch Fenris berührt hat. Er hebt die Taschenlampe und schnüffelt an der Luft, fast so wie ein Tier, das eine fremde Witterung aufgenommen hat.
Fenris ist längst im Dickicht des Friedhofs verschwunden, lautlos wie ein Gedanke, doch die Präsenz der Bestie hängt noch schwer in der Luft. Der stumme Diener verharrt lange, dreht den Kopf ruckartig nach links und rechts, während das violette Licht über die Eisenstäbe des Zauns tanzt. Lyra krallt ihre Finger in den Stoff ihres Mantels, um nicht zu zittern.
Endlich setzt sich der Wächter wieder in Bewegung. Er geht nicht weg; er beginnt, die Kirche systematisch zu umkreisen, als wüsste er, dass Lyra nicht im Pfarrhaus ist. Sie muss jetzt handeln, solange er auf der anderen Seite des Gebäudes ist.
Lyra wartet, bis das kränkliche Glimmen des Lichts hinter der nächsten Mauerecke verschwindet. Mit dem Instinkt einer Gejagten huscht sie von Schatten zu Schatten, nutzt jede Nische und jeden Mauervorsprung, um ungesehen vom Kirchengelände wegzukommen. Sie weiß, dass der stumme Wächter eine tödliche Bedrohung ist, doch sie verspürt keine Angst um ihr Leben - denn sie weiß, wer im Dunkeln über sie wacht.
Sie wirft keinen Blick zurück, doch sie spürt Fenris’ Präsenz in ihrem Rücken wie einen unsichtbaren Schutzwall. Er ist da draußen, verborgen im Nebel, und seine smaragdgrünen Augen beobachten jede Bewegung des Dieners. Lyra weiß: Sollte der Wächter sie entdecken oder ihr auch nur ein Haar krümmen, würde Fenris jegliche Zurückhaltung aufgeben. Er würde aus der Finsternis hervorbrechen und den Diener in Stücke reißen, ungeachtet der Konsequenzen oder des Preises für seine eigene Seele.
„Noch nicht, Fenris“, flüstert sie in den Wind, während sie die Hintertür des Pfarrhauses erreicht. „Lass ihn am Leben. Wir brauchen keine weitere Aufmerksamkeit.“
Sie schlüpft lautlos ins Haus und verriegelt die Tür hinter sich. Drinnen ist es totenstill. Sie geht in das Arbeitszimmer und setzt sich in die Dunkelheit, ohne Licht zu machen. Ihre Gedanken kreisen um den Sarkophag, die Inschrift und den Schlüssel, dessen Versteck sie nun kennt. Sie hat heute viel erreicht, doch sie fühlt sich erschöpft von der emotionalen Last der letzten Stunden.
In der Stille des Zimmers beginnt sie, das türkisfarbene Wasser aus der Feldflasche in kleine Ampullen umzufüllen, die sie unter ihrer Kleidung verbergen kann. Sie bereitet sich vor. Der nächste Gang in die Krypta wird kein Erkundungsgang sein - es wird der Schlag sein, der den Grafen Lorcan aus seinem Schlaf reißt und Fenris’ Ketten sprengt.
Während sie arbeitet, hört sie draußen das ferne, hohle Heulen eines Wolfes. Es ist kein Schrei der Raserei, sondern ein langes, melancholisches Signal der Treue. Er ist noch da. Er wartet.
Tief unter der Erde, in den schwülen, nach Verwesung und rotem Staub riechenden Kammern der Wald-Krypta, herrscht keine Stille. Der schwarze Nebel, der die Gestalt der Wächterin formt, pulsiert in einem unregelmäßigen, hektischen Rhythmus. Sie spürt es. Sie spürt das feine Zittern in den Fäden des Schicksals, die sie so mühsam um Rosevil gewebt hat.
Etwas hat sich verschoben. Die Verbindung zwischen dem Grabmal unter der Stadt und dem Fluch im Wald vibriert wie eine angeschlagene Saite. Sie spürt die Reinheit des Quellwassers, das Lyra in die Nähe des Sarkophags gebracht hat - es ist für sie wie ein ätzendes Gift, das durch die Luft kriecht.
„Sie wagt es...“, zischt die Wächterin, und ihre Stimme bricht wie berstendes Eis. „Das kleine, unbedeutende Ding wühlt in der Erde wie eine Ratte!“
Sie fährt herum und richtet ihren hasserfüllten Blick auf Samuel. Er liegt am Boden der zentralen Kammer, umgeben von Runen, die in sein eigenes Blut getaucht sind. Der Pakt, den er geschlossen hat, fordert bereits seinen Tribut; seine Haut ist fahl, und seine Augen liegen tief in den Höhlen. Er ist ihr Anker, ihr Werkzeug, um die Tore für den Grafen endgültig aufzustoßen, doch ihre Wut braucht jetzt ein Ventil.
„Du!“, kreischt sie und schlägt mit ihrem Stab hart auf den Boden direkt neben seinem Kopf. „Du hast gesagt, sie würde aufgeben! Du hast gesagt, dein Opfer würde sie brechen!“
Sie packt Samuel mit ihren klauenartigen Schattenhänden und reißt ihn empor, bis seine Füße den Boden verlieren. Der schwarze Nebel dringt in seine Lungen ein, lässt ihn nach Luft ringen und erfüllt seinen Geist mit den Qualen aller Seelen, die jemals in diesem Wald verloren gingen.
„Sie ist am Grab“, gellt die Wächterin ihm ins Gesicht, während aus ihrer Kapuze nur zwei glühende, weiße Schlitze leuchten. „Sie sucht nach dem Wort, das nicht ausgesprochen werden darf. Wenn sie das Siegel berührt, Samuel, dann werde ich dir zeigen, was wahre Ewigkeit bedeutet. Ich werde dich Stück für Stück auseinanderreißen und deine Seele in den roten Mohn flechten, damit jeder Schritt der Wanderer dich zertritt!“
Samuel kann nur ein ersticktes Keuchen von sich geben. Trotz der Qualen, die durch seinen Körper zucken, legt sich ein schmerzhaftes, fast triumphierendes Lächeln auf seine Lippen. Er weiß jetzt, dass Lyra seinen Hinweis verstanden hat. Er weiß, dass sein Pakt ihr die Zeit erkauft hat, die sie brauchte.
Die Wächterin schleudert ihn gegen die kalte Steinwand, wo er reglos liegen bleibt. Sie wendet sich ab und hebt ihre Arme. Der rote Staub in der Kammer beginnt zu wirbeln, formt sich zu Fratzen und Ungeheuern.
„Wächter!“, ruft sie mit einer Stimme, die die Fundamente der Krypta erschüttert. „Sucht sie! Bringt mir ihr Herz, bevor sie den Stein berührt! Und die Bestie... wenn der Wolf sich ihr in den Weg stellt, dann schlagt ihn in Ketten aus brennendem Eisen!“
Die Wächterin verharrt in der Mitte der Kammer, ihre Gestalt bläht sich auf, bis der schwarze Nebel die gesamte Decke berührt. Sie schließt die glühenden Augenschlitze und konzentriert sich auf das Band, das sie mit ihrem stummen Diener in der Stadt verbindet. Durch seine kalten Augen sieht sie die nebligen Gassen von Rosevil, das feuchte Kopfsteinpflaster und das dunkle, schweigsame Pfarrhaus.
„Such sie...“, flüstert sie, und ihre Stimme dringt als eisiger Windstoß direkt in den Verstand des Dieners. „Lass dich nicht von der Bestie täuschen. Das Mädchen trägt das Gift der Quelle bei sich. Sie ist die Gefahr.“
In der Stadt, im Schatten der Kirche, erstarrt der stumme Wächter. Seine Taschenlampe mit dem violetten Glimmen pulsiert plötzlich in einem harten, fiebrigen Takt. Die Vision der Wächterin brennt sich in seinen Kopf: Er sieht Lyra vor dem Sarkophag, er sieht das Fläschchen in ihrer Hand und den entschlossenen Blick in ihren Augen.
Mit einer ruckartigen, fast mechanischen Bewegung wendet er sich vom Friedhof ab. Er ignoriert das Knurren, das tief aus dem Dickicht zu ihm herüberdringt. Sein Befehl ist eindeutig. Er beginnt zu rennen - nicht mit der Schwerfälligkeit eines Menschen, sondern mit der unheimlichen Geschwindigkeit eines Wesens, das keinen Schmerz und keine Erschöpfung kennt. Seine Stiefel hämmern auf dem Stein, während er auf das Pfarrhaus zustürmt.
Die Wächterin lacht in der Tiefe der Wald-Krypta, ein Geräusch wie das Reiben von Knochen auf Stein. Sie wendet sich wieder dem halb bewussten Samuel zu, der an der Wand lehnt.
„Siehst du das, Kaplan?“, höhnt sie. „Dein kleiner Schützling hat sich ihr eigenes Grab geschaufelt. Mein Diener wird sie finden, bevor sie den Schlüssel auch nur berühren kann. Und wenn er mit ihr fertig ist, werde ich ihren Leib als Opfergabe für den Grafen nutzen, um ihn endlich aus seinem Marmorschlaf zu wecken.“
Sie hebt eine Hand, und dünne Fäden aus schwarzem Schatten schießen aus ihren Fingernägeln, wickeln sich um Samuels Handgelenke und ziehen ihn wieder in eine aufrechte, qualvolle Position. „Du wirst zusehen, Samuel. Ich werde dir die Bilder in den Kopf brennen, wie sie unter den Händen meines Wächters zerbricht.“
Währenddessen erreicht der Diener das Pfarrhaus. Er tritt nicht gegen die Tür - er bleibt davor stehen, hebt die Taschenlampe und das violette Licht beginnt, das Holz der Tür zu schwärzen und morsch werden zu lassen.
In der bedrückenden Stille des Arbeitszimmers im Pfarrhaus verharrt Lyra wie eine Statue aus bleichem Marmor. Das einzige Licht ist das ferne, krankhafte Flackern der Gaslaternen vor dem Fenster, das lange, skelettartige Schatten über Samuels aufgeschlagene Bücher wirft. Sie spürt es, noch bevor sie es hört - eine plötzliche, eisige Veränderung der Atmosphäre, als würde die Realität selbst an den Rändern ausfransen.
Ein unnatürliches Knistern dringt durch die schwere Eichenwand, ein Geräusch wie das Zersetzen von Zeit. Es ist das Sterben des Holzes.
Lyra wirbelt herum. Ihre Sinne sind geschärft, jede Faser ihres Körpers vibriert in einer dunklen Resonanz mit dem Fluch, der diese Stadt gefangen hält. Sie sieht, wie ein violetter Schimmer unter dem Türspalt hindurchkriecht, ein giftiges Leuchten, das die Schatten im Raum nicht vertreibt, sondern sie tiefer und hungriger macht. Es ist kein Licht, es ist eine Manifestation von purem, bösartigem Willen.
Draußen vor der Tür steht das namenlose Grauen, geleitet vom rasenden Zorn der Wächterin. Lyra hört das hohle, mechanische Atmen des Dieners, das wie das Klagen eines Sterbenden durch die Fugen dringt. Sie weiß, dass das Holz ihrer Zuflucht unter diesem Blick zu Staub zerfällt, dass die Barriere zwischen ihr und der rachsüchtigen Magie der Krypten in Sekundenbruchteilen einstürzen wird.
Ihr Herz hämmert einen wilden, synkopischen Rhythmus gegen ihre Rippen - nicht aus purer Panik, sondern aus einer berauschenden Mischung aus Todesangst und dem Wissen, dass sie nun Teil eines kosmischen Spiels ist, das weit über ihr eigenes Leben hinausreicht. Sie greift nach der Feldflasche mit dem Quellwasser, die wie ein heiliges Relikt an ihrer Seite hängt.
„Du wirst mich nicht aufhalten“, presst sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während ihre Augen im violetten Schein fiebrig glänzen. „Nicht heute. Nicht, wenn ich den Schlüssel zum Herz meines Wolfes bereits in den Händen halte.“
Doch gerade als die erste Füllung der Tür mit einem hässlichen Krachen nachgibt und die Schwärze des Flures wie eine gierige Flut hereindringen will, vibriert die Luft von einem ganz anderen Laut. Ein tiefer, gutturaler Groll erschüttert die Grundmauern des Hauses - ein Geräusch, das so urtümlich und gewaltig ist, dass es das unnatürliche Knistern des Dieners übertönt.
Es ist das Versprechen von Zähnen und Klauen. Es ist Fenris.
Draußen im Nebel bricht die Bestie aus der Dunkelheit hervor, ein lebendiger Schatten aus purer Sehnsucht und Beschützerinstinkt. Lyra sieht durch das berstende Holz das Aufblitzen smaragdgrüner Augen, die im violetten Licht wie Juwelen brennen. Fenris wird nicht zulassen, dass die Wächterin ihr Werk vollendet. Er ist das Chaos, das sich gegen die Ordnung des Fluchs erhebt, die dunkle Liebe, die stärker ist als der Tod.
Das Schicksal kennt keine Gnade in dieser gottverlassenen Nacht. Gerade als Fenris wie ein Donnerhall aus dem Nebel bricht, um den Peiniger seiner Geliebten zu zerfleischen, offenbart der stumme Diener seine wahre, grauenhafte Macht. Er ist kein bloßer Handlanger mehr; er ist das verlängerte Ende des rachsüchtigen Arms der Wächterin.
Mit einer übermenschlichen, ruckartigen Bewegung schwingt der Wächter seine Tschenlampe. Das violette Licht explodiert in einer gleißenden Barriere aus purer, bösartiger Energie. Fenris prallt mitten im Sprung gegen eine unsichtbare Mauer aus Schmerz. Ein markerschütterndes Jaulen entfährt seiner Kehle, als elektrische Entladungen in der Farbe von fauligen Amethysten durch sein Fell zucken und ihn zu Boden zwingen. Er ist gefangen in einem Käfig aus Licht, unfähig, die Distanz zu Lyra zu überbrücken.
Lyra nutzt das Chaos. Sie stürzt auf den Hinterausgang zu, ihre Finger krallen sich in den kalten Griff der Tür, die Freiheit nur einen Herzschlag entfernt. Doch der Wächter ist schneller. Ohne den Blick von dem zappelnden Wolf zu wenden, hebt er seine freie Hand.
Ein Schattenstreifen, scharf und stofflich wie eine Peitsche aus geschwärztem Stahl, schießt durch den Raum. Lyra schreit auf, als die kalte Klinge der Finsternis ihren Oberarm aufreißt. Der Schmerz ist nicht menschlich; er brennt wie flüssiges Eis und zieht einen Streifen aus tiefrotem Blut über ihre blasse Haut. Sie stolpert, schlägt hart gegen den Türrahmen und sinkt auf die Knie, während die Feldflasche klirrend über den Boden rollt.
„Fenris!“, presst sie hervor, ihre Stimme ein gebrochenes Schluchzen.
Fenris muss alles mit ansehen. Seine smaragdgrünen Augen weiten sich vor Entsetzen und purer, hilfloser Raserei. Er sieht, wie das Blut seiner Frau den staubigen Boden des Pfarrhauses benetzt. Er sieht ihre Schmerzen, spürt jedes Stechen in seinem eigenen Fleisch, doch die violetten Fesseln der Wächterin brennen sich tiefer in seine Muskeln, wann immer er versucht, sich zu erheben. Ein verzweifeltes, kehliges Grollen bricht aus ihm heraus - ein Laut, der mehr nach einem weinenden Mann als nach einer Bestie klingt.
Der Wächter tritt langsam auf die verletzte Lyra zu. Sein Gesicht bleibt eine ausdruckslose Maske, doch das violette Glimmen in seiner Taschenlampe pulsiert triumphierend. Er hebt die Hand erneut, um das Werk im Namen seiner Herrin zu vollenden und das Mädchen zu brechen, während ihr Beschützer in Ketten aus Licht zusehen muss.
In den schwarzen Eingeweiden der Wald-Krypta, weit abseits des blutigen Tableaus im Pfarrhaus, regt sich eine sterbende Macht. Samuel, dessen Körper nur noch eine zerbrechliche Hülle für seinen unbeugsamen Geist ist, spürt Lyras Schmerz durch die ätherischen Bande des Fluches. Jener Peitschenhieb aus Schatten, der ihre Haut zerriss, schneidet tiefer in seine Seele als jedes Messer.
Die Wächterin lacht, ein triumphierendes, hässliches Geräusch, das wie berstendes Glas in der Grabkammer widerhallt. Sie genießt das Bild, das sie Samuel in den Verstand projiziert: Die verletzte Lyra, das fließende Blut, der am Boden fixierte, vor Qual wahnsinnige Fenris.
„Sieh hin, Kaplan!“, höhnt sie, während sie ihre Klauen tiefer in den Nebel senkt. „Sieh, wie deine Hoffnung im Staub verblutet!“
Doch Samuel antwortet nicht mit Flehen. Ein tiefes, grollendes Murmeln bricht aus seiner Brust hervor - kein Gebet zu einem fernen Gott, sondern eine Beschwörung des Blutes, das er im Namen des Schutzes vergossen hat. Er weiß, dass er diesen Pakt mit seinem Leben bezahlt, und er ist bereit, die gesamte Währung auf einmal auszugeben.
Mit einem markerschütternden Schrei bäumt er sich gegen die schattigen Fesseln auf, die ihn an die Wand pressen. Seine Augen schlagen um, das Weiß verschwindet und wird durch ein gleißendes, überirdisches Gold ersetzt. Er greift in die Essenz des Fluches hinein, dorthin, wo die Wächterin ihre Fäden zum stummen Diener in der Stadt gesponnen hat.
„Nicht... sie!“, grollt er, und seine Stimme klingt nicht mehr wie die eines Mannes, sondern wie das Beben der Erde selbst.
In einem Akt purer spiritueller Gewalt legt Samuel seinen gesamten verbliebenen Willen in einen einzigen Stoß. Er kanalisiert den Schmerz seiner eigenen Wunden und schickt ihn als brennenden Impuls durch die Verbindung. Es ist ein Sabotageakt am Gefüge der dunklen Magie.
Im Pfarrhaus von Rosevil geschieht das Unmögliche: Mitten in der Bewegung erstarrt der stumme Wächter. Das violette Licht seiner Taschenlampe flackert wild, beginnt instabil zu flirren und stößt einen schrillen, ohrenbetäubenden Ton aus. Die Barriere, die Fenris zu Boden drückte, birst mit einem Knall, der die Fensterscheiben klirren lässt. Die schattige Peitsche, die sich gerade erneut gegen Lyra erheben wollte, löst sich in harmlosem Rauch auf.
Der Diener taumelt, seine Verbindung zur Herrin ist für einen kostbaren, zerbrechlichen Moment unterbrochen. Er greift sich an den Kopf, als würde ein unsichtbarer Hammer gegen seinen Schädel schlagen.
Fenris spürt den plötzlichen Wegfall des Drucks. Mit der Schnelligkeit eines entfesselten Dämons schnellt er empor. Sein Blick fällt auf Lyras blutenden Arm, und in seinen smaragdgrünen Augen entfacht sich ein Feuer, das heißer brennt als die Hölle der Wächterin. Die Zeit der Zurückhaltung ist vorbei.
Das Knistern der zerbrochenen Magie hängt noch wie elektrostatischer Ozon in der Luft, als Fenris sich erhebt. Er ist nicht länger nur ein Tier; er ist die personifizierte Vergeltung, ein dunkler Gott aus Fell und Raserei, dessen einziger Anker in dieser Welt das Blut ist, das aus Lyras Wunde rinnt.
Mit einem Satz, der die Dielen unter seinen Pfoten splittern lässt, überbrückt er die Distanz. Er reißt den stummen Wächter nicht einfach nur nieder - er schlägt in ihn ein wie ein herabstürzender Berg. Das violette Licht der Taschenlampe erlischt in einem klagenden Splittern, als Fenris den Diener gegen die massive Eichenwand schleudert. Ein trockenes Krachen von brechendem Knochen hallt durch den Raum, ein hässliches, befriedigendes Geräusch, das Lyra bis ins Mark erschüttert.
Fenris steht über dem Mann, seine gewaltige Gestalt wirft einen Schatten, der das gesamte Zimmer verschlingt. Er fletscht die Zähne, und der Geifer tropft heiß auf die Brust seines Gegners. Er könnte ihn jetzt zerfetzen. Er könnte die Kehle aus diesem hohlen Körper reißen und das verfluchte Fleisch in Fetzen schlagen. Seine Klauen graben sich tief in die Schultern des Dieners, und das dunkle, zähe Blut des Wächters quillt hervor.
Doch mitten im Rausch der Vernichtung hält er inne.
Sein Kopf ruckt zu Lyra herum. Er sieht sie dort knien, bleich und zitternd, die Hand auf die blutende Wunde gepresst. In diesem Moment bricht die Bestie vor der Reinheit ihrer Liebe. Er will nicht, dass sie dieses letzte, ultimative Grauen mitansehen muss. Er will ihre Seele nicht mit dem Bild seiner vollendeten Grausamkeit besudeln. Mit einem letzten, markerschütternden Brüllen stößt er den Diener von sich, ein verächtlicher Schlag, der den Mann bewusstlos und mit zerschmetterten Gliedmaßen in die Trümmer der Tür schleudert. Der Wächter ist ausgeschaltet, eine gebrochene Puppe im Dienst einer tobenden Herrin.
Fenris wendet sich ab. Er verwandelt sich nicht zurück, doch die Art, wie er sich ihr nähert, ist von einer fast schmerzhaften Sanftheit geprägt. Er schleicht auf sie zu, den massiven Kopf gesenkt, das gefährliche Grollen in seiner Kehle zu einem tiefen, vibrierenden Schnurren herabgesunken.
Er schiebt seine feuchte Schnauze unter ihre unverletzte Hand und drängt sie sanft nach oben. Seine smaragdgrünen Augen brennen vor einem Hunger, der über den Durst nach Blut hinausgeht. Es ist das Verlangen nach ihrer Nähe, nach der Erlösung durch ihre Berührung. Lyra spürt die Hitze, die von seinem Körper ausgeht, ein loderndes Feuer in der kühlen Grabesstille des Hauses. Trotz des brennenden Schmerzes in ihrem Arm durchflutet sie eine dunkle, berauschende Hitze. Die Gefahr, das Blut, der Duft nach wildem Wald und der metallische Hauch von Magie mischen sich zu einem berauschenden Elixier.
„Fenris...“, haucht sie, und ihr Atem zittert.
Er neigt den Kopf und beginnt mit unglaublicher Zärtlichkeit, das Blut von ihrem Arm zu lecken. Seine raue Zunge schickt Schauer aus Schmerz und Lust durch ihre Nervenbahnen. Es ist eine archaische, erotische Geste der Heilung und des Besitzanspruchs. In seinen Augen sieht sie die ungesagten Worte: Du gehörst mir. In jedem Leben. In jeder Gestalt.
Die Welt außerhalb dieses Zimmers mag in Flammen stehen, die Wächterin mag vor Zorn schäumen, doch hier, im blutbesudelten Licht der sterbenden Nacht, existieren nur sie beide - die Verletzte und ihr monströser Beschützer, verbunden durch ein Band, das so unnachgiebig ist wie der Tod.