Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 24
Wo Liebe die Dunkelheit schwächt
In den finsteren Katakomben unter dem Wald entlädt sich die Macht der Wächterin in einem unbändigen Zorn. Sie erkennt, dass die Liebe zwischen Lyra und Fenris ihre Magie untergräbt und formt einen neuen, grausamen Plan, um die beiden auseinanderzutreiben. Sie will Lyras Vertrauen erschüttern und Fenris mit Halluzinationen und Zweifeln quälen, gerade als der Blutmond naht und Fenris’ Menschlichkeit wieder die Oberhand gewinnen könnte. Gleichzeitig opfert Samuel in einem verzweifelten Akt seine Kraft, um Lyra Schutz zu senden und der Wächterin entgegenzutreten. Inmitten des Chaos gelingt es Lyra, sich zu sammeln: Die lähmenden Stimmen erlöschen, und sie erkennt, was sie tun muss. Gemeinsam mit dem noch halb tierischen Fenris eilt sie zurück nach Hause - zum Ort, an dem alles begann, und wo der nächste Verdammnis - oder Erlösungsakt wartet.
In den schwarzen Katakomben unter dem Wald bricht ein Sturm los, der nicht von dieser Welt ist. Die Wächterin ist außer sich, eine Furie aus Schatten und uraltem Groll, deren Umrisse im Takt ihres Zorns flackern wie eine sterbende Kerze. Sie spürt den Riss. Sie spürt das Versagen ihres Dieners in der Stadt und die überwältigende, goldene Interferenz von Samuels verzweifeltem Opfer.
Doch was sie am tiefsten trifft, was sie in eine wahre Raserei versetzt, ist nicht die physische Gewalt - es ist die Frequenz der Emotion, die durch das Netz ihres Fluches pulsiert.
„Diese... unerträgliche... Liebe!“, kreischt sie, und ihre Stimme ist ein Chor aus tausend gequälten Seelen. Sie fährt mit ihren schattenhaften Klauen durch die Luft, als wolle sie die unsichtbaren Fäden zerreißen, die Fenris noch immer an seine Menschlichkeit binden.
Sie merkt mit jedem Atemzug, wie sich die Architektur ihres Fluches verschiebt. Jedes Mal, wenn Fenris Lyra ansieht, ohne sie zu zerfleischen, jedes Mal, wenn seine raue Zunge ihre Wunden heilt, statt ihr Fleisch zu fordern, verändert sich die Alchemie seiner Verdammnis. Der rote Staub, ihr mächtigstes Werkzeug, verliert seine bindende Kraft, wenn er auf die reine, erotische und aufopferungsvolle Hingabe trifft, die zwischen diesen beiden Seelen brennt.
Die Wächterin tobt, denn sie erkennt das Paradoxon ihrer Macht: Sie wollte Fenris in eine Bestie verwandeln, um Lyra zu vernichten, doch stattdessen ist Lyra zur Priesterin seiner Menschlichkeit geworden. Fenris lässt nicht los. Er krallt sich an die Erinnerung an Lyras Haut, an den Rhythmus ihres Herzschlags und an die süße Unterwerfung, die sie ihm einst in dem verfluchten Bett schenkte. Diese menschlichen Gefühle sind wie ein unlöschbares Feuer in seinem Inneren, das den kalten, dunklen Nebel der Wächterin immer wieder zurückdrängt.
„Er sollte ein Monster sein!“, gellt ihr Schrei durch die feuchten Gänge, während sie den am Boden liegenden Samuel mit einem Stoß dunkler Energie quält. „Ein Wesen aus Hunger und Hass! Warum weigert sich dieses verdammte Herz, zu Stein zu werden?“
Sie spürt die Gefahr. Liebe ist in ihrer Welt kein sanftes Gefühl; sie ist eine archaische, destruktive Kraft, die Siegel bricht, die für die Ewigkeit gedacht waren. Jeder Kuss, den sie sich im Geiste austauschen, jedes Zittern ihrer Körper in gegenseitigem Begehren ist ein Dolchstoß in das Zentrum ihres Zaubers.
In ihrer Wut beginnt sie, die Wände der Krypta mit schwarzem Raureif zu überziehen. Wenn sie seine Seele nicht korrumpieren kann, wird sie seinen Körper vernichten. Sie beginnt, eine neue, weitaus dunklere Beschwörung zu weben - eine, die keine Liebe duldet, sondern alles Leben in Rosevil zu Asche verbrennen soll.
Das violette Flimmern am nächtlichen Horizont von Rosevil ist kein Naturphänomen - es ist das schleichende Gift eines heraufziehenden Schicksals. Die Wächterin starrt aus der Tiefe ihrer Finsternis empor, ihre Sinne ausgestreckt wie die Fühler einer giftigen Spinne. Sie sieht es: Das fahle, unnatürliche Violett, das den samtenen Nachthimmel durchtränkt, ist der Vorbote des nahenden Blutmonds.
Für sie ist dieses Licht eine brennende Warnung. Wenn der Mond seine Farbe in das tiefe, schmerzhafte Rot des Blutes taucht, wird der Fluch für eine einzige, heilige Stunde atmen. In dieser Stunde wird Fenris seine pelzige Maske ablegen. Er wird wieder als Mann vor Lyra stehen - nackt, verwundbar und erfüllt von einer menschlichen Sehnsucht, die so gewaltig ist, dass sie die Ketten der Wächterin wie morsche Fäden sprengen könnte.
„Die Stunde der Menschwerdung...“, zischt sie, und ihr Schatten peitscht über die feuchten Wände der Krypta. „Wenn sie Fleisch an Fleisch gepresst liegen, wird mein Zauber zu Staub. Ich darf nicht zulassen, dass sie sich in dieser Gestalt finden.“
In ihrer diabolischen Brillanz webt sie einen neuen, weitaus grausameren Plan. Sie weiß nun, dass Gewalt Fenris nur enger an Lyra bindet. Wenn sie sie trennen will, muss sie nicht den Körper angreifen, sondern das Vertrauen. Sie muss das Fundament ihrer dunklen Liebe untergraben, die Hingabe in Zweifel verwandeln.
Sie beginnt, den roten Staub in einer neuen Weise zu manipulieren. Er soll nicht mehr nur Raserei bringen, sondern Halluzinationen, die aus den tiefsten Ängsten des Herzens gespeist werden. Sie will Lyra glauben machen, dass Fenris’ Menschlichkeit längst verloren ist - dass der Mann, den sie im Blutmond erwartet, nur eine leere Hülle sein wird, besessen vom Geist des Grafen Lorcan, bereit, sie im Moment ihrer höchsten Ekstase zu opfern.
Und für Fenris bereitet sie eine weitaus subtilere Qual vor: Sie wird ihm Visionen von Lyras Verrat schicken. Sie wird ihm zeigen, wie sie Samuel in der Dunkelheit der Krypta küsst, wie sie mit dem Kaplan paktiert, um den Wolf zu töten und nur den Mann zu retten. Sie will, dass die Eifersucht wie flüssiges Blei durch seine Adern fließt, bis er selbst in seiner menschlichen Stunde vor Zorn und Misstrauen blind ist.
„Trennung durch die Wahrheit, die ich erschaffe“, murmelt sie, während sie eine Handvoll blutroten Mohns zwischen ihren knöchernen Fingern zerreibt. „Ich werde ihre Sehnsucht in ihr eigenes Verderben verwandeln. Wenn der Blutmond aufgeht, werden sie sich nicht in Liebe vereinen, sondern in gegenseitiger Abscheu voreinander zurückweichen.“
Sie richtet ihre Aufmerksamkeit wieder auf den stummen Diener im Pfarrhaus, der sich mühsam in den Trümmern regt. Durch ihn wird sie den ersten Samen des Zweifels säen.
In der erstickenden Schwärze der Wald-Krypta, wo der Geruch von verrottendem Mohn und uralter Erde die Lungen versengt, hängt Samuel in seinen Fesseln wie ein gefallener Heiliger an einem Altar aus Schmerz. Sein Bewusstsein flackert, ein sterbendes Licht in einem Ozean aus Schatten, doch die hasserfüllten Monologe der Wächterin dringen durch den Nebel seines Leidens. Er hört ihr Zischen, hört den Namen des Blutmonds und begreift mit dem Instinkt eines Mannes, der sein Leben dem Studium der Finsternis geweiht hat, die Perversität ihres neuen Plans.
Sie will nicht mehr nur ihr Blut. Sie will ihre Seelen. Sie will das Einzige vergiften, das in Rosevil noch rein geblieben ist: das bedingungslose Verlangen, das Lyra und Fenris aneinander bindet.
Ein schwaches, blutiges Lächeln stiehlt sich auf Samuels Lippen. Die Wächterin unterschätzt die Macht eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat.
Obwohl seine Glieder bleischwer sind und jede Bewegung sich anfühlt, als würden glühende Drähte durch sein Fleisch gezogen, beginnt Samuel, seinen Geist zu sammeln. Er schließt die Augen und ignoriert das hämische Gelächter der Hexe, die ihn für ein gebrochenes Spielzeug hält. Er konzentriert sich auf das goldene Glühen der Menschlichkeit, das noch immer tief in seinem Inneren brennt - ein letzter Rest geweihter Kraft, den er vor ihrem Zugriff verborgen hat.
„Du wirst sie nicht... trennen“, krächzt er, und seine Stimme ist kaum mehr als ein trockenes Rapseln, doch sie trägt das Gewicht eines unerschütterlichen Eids.
Er weiß, dass er nicht physisch zu ihnen eilen kann. Er kann den stummen Diener nicht mit seinen Händen aufhalten. Aber er kann eine Brücke schlagen. Wenn die Wächterin Halluzinationen und Zweifel sät, wird er die Wahrheit säen. Er beginnt, eine mentale Litanei zu weben, einen Schutzwall aus Worten und Gefühlen, den er durch das Netz der Finsternis direkt in Lyras Verstand schicken will.
Er kanalisiert die Erinnerung an jene erste Nacht, die sie in dem verfluchten Bett verbrachten - nicht den Schrecken, sondern die reine, unverfälschte Ekstase, die sie miteinander teilten. Er ruft das Bild von Fenris’ Augen hervor, in denen die Liebe stärker leuchtet als das Tier. Mit jedem Herzschlag, der schwächer wird, presst Samuel seine Essenz in diese Verbindung. Er wird zum Leuchtturm im violetten Nebel der Wächterin.
Die Wächterin fährt herum, ihre Schattenmaske verzerrt sich vor Überraschung und Wut. Sie spürt, wie der Kaplan in ihre Magie eingreift, wie er versucht, die Fäden des Zweifels zu kappen, noch bevor sie sich um Lyras Herz legen können.
„Schweig, Priester!“, gellt sie und schlägt mit einer Welle aus schwarzer Energie nach ihm, die seine Rippen knacken lässt.
Doch Samuel lässt nicht los. Er krallt sich geistig an Lyra fest. „Glaube nicht den Schatten“, flüstert seine Seele über Meilen hinweg in ihr Ohr. „Der Blutmond ist kein Ende... er ist das Versprechen. Halte ihn fest, wenn das Rot den Himmel verschlingt.“
In der klaustrophobischen Enge der Krypta, wo die Dunkelheit wie schwarzes Pech an den Wänden klebt, kämpft Samuel einen aussichtslosen Kampf. Er ist ein ausgehöhltes Gefäß, gezeichnet von den Klauen der Wächterin, und doch bäumt sich sein Geist gegen die Unvermeidlichkeit des Scheiterns auf. Er streckt seine mentalen Fühler aus, sucht verzweifelt nach Lyras Präsenz im ätherischen Geflecht von Rosevil, doch er prallt gegen eine Mauer aus Kälte und statischem Rauschen.
Er spürt ihren Schmerz - ein stechendes, heißes Pulsieren, das synchron mit seinem eigenen Herzschlag durch die Dunkelheit hallt. Er schmeckt das Metall ihres Blutes auf seiner Zunge. Er weiß, dass sie verletzt ist, dass das dunkle Gift des Wächters durch ihre Adern kriecht und ihren Geist benebelt. Aber er kommt nicht durch.
Seine Gedanken, die einst so scharf und klar waren wie geweihter Stahl, sind jetzt nur noch flackernde Funken in einem tosenden Sturm. Lyras Zustand ist zu instabil; ihr Schmerz und ihre Erschöpfung wirken wie ein Schild, den seine schwindende Kraft nicht zu durchbrechen vermag. Er versucht, ihren Namen zu rufen, ihn in das spirituelle Gewebe der Stadt zu brennen, doch die Worte zerfallen zu Asche, noch bevor sie ihre Seele erreichen können.
„Lyra...“, wimmert er, und eine Träne aus Blut rinnt über seine bleiche Wange. „Hör mich... bitte...“
Die Wächterin beobachtet sein qualvolles Bemühen mit einem grausamen, fast wollüstigen Vergnügen. Sie umkreist ihn wie ein Raubvogel, ihre schattenhaften Gewänder streifen über sein Gesicht wie der Kuss des Todes. Sie weidet sich an seiner Ohnmacht, an dem Wissen, dass er zwar alles sieht, aber nichts ändern kann.
„Dein Licht erlischt, kleiner Kaplan“, raunt sie ihm ins Ohr, und ihr Atem riecht nach Staub und Grabesruhe. „Du bist nur ein Zuschauer bei ihrem Untergang. Sie ist allein in der Dunkelheit, und ihr geliebter Wolf ist zu sehr Bestie, um ihre Wunden mit etwas anderem als seinem Hunger zu sehen.“
Samuel spürt, wie die Verzweiflung ihn wie eine bleierne Decke erdrückt. Er sieht durch den Schleier der Magie, wie Lyra im Pfarrhaus schwankt, wie Fenris über ihr wacht - eine Kreatur aus Sehnsucht und Instinkt, die zwar töten, aber nicht heilen kann. Er erkennt die Gefahr des heraufziehenden Blutmonds und die heimtückischen Zweifel, welche die Wächterin bereits wie winzige Widerhaken in Lyras Verstand platziert hat.
Sein Geist ist zu schwach für Worte, zu schwach für Visionen. Er begreift, dass er eine andere Form von Hilfe schicken muss - etwas Ureres, das keine Konzentration erfordert. Er beginnt, seinen eigenen Lebenswillen, die reine Essenz seiner Liebe zu dieser Welt und zu den beiden Verlorenen, in einen formlosen Schrei der Warnung zu verwandeln.
Es ist kein Gedanke mehr, es ist ein rhythmisches Klopfen, ein spiritueller Hilferuf, der die Fundamente der Stadt erschüttern soll. Er opfert die letzten Barrieren seiner geistigen Integrität, um die Wächterin abzulenken, um ihre Aufmerksamkeit so sehr auf sein eigenes Leid zu ziehen, dass ihre Kontrolle über den Diener und die Halluzinationen für einen winzigen Moment ins Wanken gerät.
Samuel weiß, dass er am Ende seiner Kräfte ist. Er ist kein Krieger, er ist ein Mann des Geistes und der Hingabe, und jetzt bleibt ihm nur noch ein letztes, ultimatives Opfer. Er spürt Lyras Schmerz wie ein brennendes Eisen in seiner eigenen Brust - das Gift des Wächters, das durch ihren Körper sickert, raubt ihm den Atem. Wenn er sie nicht erreichen kann, muss er die Wächterin dazu zwingen, ihren Fokus von der Stadt weg und vollkommen auf ihn zu richten. Er muss ihr Verlangen nach seiner Zerstörung so sehr entfachen, dass sie alles andere vergisst.
Ein letztes Mal sammelt er das verbliebene Licht in seinen Adern. Er öffnet nicht nur seinen Geist, sondern seine gesamte Existenz für sie. Er lockert die geistigen Siegel, die seine Seele bisher vor ihrem Zugriff geschützt haben, und bietet sich ihr dar - nackt, entblößt und provozierend rein.
„Ist das alles?“, presst er hervor, und seine Stimme gewinnt plötzlich an einer hallenden, überirdischen Kraft, die das dunkle Gewölbe erzittern lässt. Er lacht, ein trockenes, blutiges Lachen, das wie ein Peitschenhieb gegen die Schatten der Wächterin schlägt. „Du nennst dich eine Herrin der Ewigkeit, doch du bist nichts als ein parasitärer Schatten, der sich an der Angst der Sterblichen nährt. Du fürchtest sie, nicht wahr? Du fürchtest die Liebe zwischen Lyra und ihrem Wolf, weil sie etwas ist, das du niemals besitzen wirst.“
Die Wächterin erstarrt. Ihr schwarzer Nebel zieht sich ruckartig zusammen, formt sich zu einer scharfen, bedrohlichen Silhouette. Das hämische Vergnügen in ihren Zügen weicht einer kalten, unbändigen Raserei.
„Schweig, Sterblicher!“, kreischt sie, und die Wände der Krypta beginnen zu Rissen zu zerbersten.
„Komm und nimm mich“, provoziert Samuel sie weiter, während sein Körper von einem goldenen, schmerzhaften Glühen erfüllt wird, das die Dunkelheit um ihn herum verbrennt. „Trink meine Lebenskraft, wenn du kannst. Aber wisse, dass jeder Tropfen meines Blutes, den du forderst, ein Licht entzündet, das deinen Grafen in seinem Grab blenden wird!“
Mit einem Schrei aus purer, hasserfüllter Ekstase stürzt sich die Wächterin auf ihn. Sie vergisst den Diener im Pfarrhaus, vergisst für einen Moment sogar die Halluzinationen, die sie in Lyras Kopf gepflanzt hat. Sie wird zum Sturm, zum reißenden Abgrund, der sich um Samuel schließt. Ihre schattenhaften Klauen dringen tief in sein Fleisch ein, suchen nach seinem Herzen, nach dem Funken, der sie so sehr beleidigt.
Samuel bäumt sich auf. Der Schmerz ist unbeschreiblich - eine dunkle Grausamkeit, als würde er von der Finsternis selbst geschändet. Doch während sie ihre gesamte Macht in seine Zerstörung kanalisiert, spürt er, wie der Griff des Fluches in der Stadt Rosevil nachlässt. Die violette Aura, die Lyra und Fenris umschlang, flackert und stirbt.
Er hat den Preis bezahlt. Er hat die Aufmerksamkeit der Bestie auf sich gezogen.
Im Pfarrhaus spürt Lyra plötzlich, wie der lähmende Druck in ihrem Kopf nachlässt. Die grausamen Flüsternamen, die an ihrem Verstand nagten, verstummen. Sie sieht Fenris an, der noch immer über ihr steht, und zum ersten Mal seit dem Angriff ist sein Blick wieder klar, frei von dem violetten Dunst des Wahnsinns.
Inmitten der Trümmer des Arbeitszimmers, während draußen der violette Himmel wie eine eiternde Wunde pulsiert, erkennt Lyra die Atempause, die ihr ein fernes, unsichtbares Opfer erkauft hat. Der lähmende Nebel in ihrem Verstand lichtest sich für einen kostbaren, brennenden Augenblick. Sie spürt das Echo von Samuels Qualen, ein fernes Beben in der Erde, das ihr sagt: Jetzt. Handle jetzt.
Ihre Hand zittert, als sie nach der gläsernen Feldflasche greift, die unversehrt zwischen den Splittern der Tür liegt. Das türkisfarbene Wasser darin leuchtet mit einer inneren Reinheit, die in dieser verfallenen Umgebung fast schmerzhaft wirkt.
Fenris steht über ihr, seine massiven Schultern beben vor unterdrückter Raserei, die smaragdgrünen Augen noch immer auf den bewusstlosen Diener fixiert. Lyra weiß, dass die Dunkelheit, die sie mit der Schattenpeitsche berührt hat, mehr als nur Fleisch zerrissen hat - sie hat ein bösartiges Gift in ihre Blutbahn gepflanzt, das ihre Sinne vernebelt und sie langsam von innen heraus schwärzt.
Mit zusammengebissenen Zähnen entkorkt sie die Flasche. Ein Duft nach altem Eis und vergessenen Quellen erfüllt den Raum. Sie hebt ihren verletzten Arm; das Blut ist dunkel, fast violett unterlegt, und die Ränder der Wunde kräuseln sich wie verbranntes Papier.
„Fenris“, haucht sie, ihre Stimme ein heiseres Flehen.
Er wendet sich ihr zu. Die Bestie in ihm wittert das heilige Wasser und weicht einen Schritt zurück, doch der Mann in ihm erkennt die Notwendigkeit. Er knurrt leise, ein Geräusch aus Sorge und archaischem Verlangen, während er zusieht, wie sie die Flüssigkeit direkt über das offene Fleisch gießt.
In dem Moment, in dem das Wasser die Wunde berührt, entlädt sich ein Schmerz, der so intensiv ist, dass er an Ekstase grenzt. Lyra wirft den Kopf zurück, ein stummer Schrei formt sich auf ihren Lippen. Es brennt nicht wie Feuer; es brennt wie flüssiger Frost. Weißes Licht scheint aus ihrem Arm zu brechen, während das Quellwasser die Schwärze aus ihrem Körper treibt. Dampf steigt auf, der nach Ozon und Weihrauch riecht, und für einen Herzschlag fühlt sie sich vollkommen entblößt, gereinigt bis auf die nackte Seele.
Die Hitze, die von Fenris ausgeht, zieht sie an wie eine Motte das Licht. Während die Wunde sich unter dem Einfluss des Wassers zu einer blassen, silbernen Narbe schließt, spürt Lyra eine neue, wilde Kraft durch ihre Glieder fließen. Das Gift ist weg, doch das Verlangen, das es überdeckt hatte, kehrt mit doppelter Gewalt zurück.
Sie sieht Fenris an, und die Spannung zwischen ihnen entlädt sich wie ein Gewitter. Das Tier in ihm reagiert auf ihre Reinheit, auf den Duft von Leben, der nun von ihr ausgeht. Er tritt näher, sein heißer Atem streift ihre Wange, und seine Schnauze berührt fast die frische, empfindliche Haut an ihrem Hals.
Sie ist bereit. Das Wasser hat nicht nur ihren Körper geheilt, sondern auch ihren Willen gestählt. Sie weiß nun, dass sie nicht länger das Opfer in diesem Spiel ist.
Das Pfarrhaus ist kein Zufluchtsort mehr; es ist eine zerberstende Hülle, die vom giftigen Atem der Wächterin zerfressen wird. Die Wände scheinen zu atmen, die Schatten an der Decke krümmen sich wie hungernde Leiber, und der Geruch von Samuels Opfer mischt sich mit dem metallischen Gestank des verletzten Dieners. Lyra spürt mit jeder Faser ihres Seins, dass die Barrieren hier gefallen sind. Die Sicherheit, die diese geweihten Mauern einst versprachen, ist eine Illusion, die im violetten Licht des heraufziehenden Blutmonds verdampft ist.
Sie muss zurück. Zurück in das Haus, das das Zentrum ihres Schicksals beherbergt. Zurück zu dem Ort, an dem das verfluchte Bett des Grafen Lorcan steht - jenes prachtvolle Ungetüm aus dunklem Holz und samtenen Abgründen, das Fenris die Seele raubte und ihr selbst die ekstatischsten und schrecklichsten Nächte ihres Lebens schenkte.
„Wir müssen zum Haus, Fenris“, presst sie hervor, ihre Stimme ein zittriges Versprechen gegen die Dunkelheit. „Dort hat alles begonnen. Dort muss es enden.“
Fenris gibt ein tiefes, kehliges Grollen von sich, das durch ihre Knochen vibriert. Er versteht. Das Bett ist nicht nur ein Möbelstück; es ist ein Altar, ein Portal, das durch das Blut und die Lust ihrer gemeinsamen Nächte genährt wurde. Wenn der Blutmond seinen Zenit erreicht und er seine menschliche Gestalt zurückfordert, darf er nicht in einer kalten Kirche oder einem fremden Pfarrhaus sein. Er muss an dem Ort sein, der seine Essenz gefangen hält, damit sie die Ketten sprengen können.
Lyra spürt ein brennendes Ziehen in ihrem Unterleib bei dem Gedanken an das Schlafzimmer, das nun so still und erwartungsvoll daliegt. Die Erinnerung an die Schwere der Decken, an Fenris’ Gewicht über ihr und das unheimliche Knacken des Holzes lässt ihr Herz rasen. Es ist eine gefährliche, dunkle Erotik, die an diesem Ort haftet - eine Sehnsucht, die sie fast ebenso sehr fürchtet wie die Wächterin selbst.
Sie schlingt ihre Arme um seinen massiven Nacken, vergräbt ihre Finger im dichten Fell, das noch nach dem Ozon der Magie und dem wilden Wald riecht. „Bring mich nach Hause“, flüstert sie an sein Ohr, wobei ihre Lippen die warme, bebende Haut unter dem Pelz streifen.
Mit einer geschmeidigen, kraftvollen Bewegung setzt Fenris sich in Gang. Er bricht durch die Trümmer der Hintertür hinaus in die feuchte Nacht von Rosevil. Der Himmel über ihnen hat nun die Farbe von verdünntem Wein angenommen, ein unheilvolles Violett, das die Konturen der Stadt in ein surreales Licht taucht. Er galoppiert nicht einfach; er fliegt förmlich über das Kopfsteinpflaster, ein dunkler Schemen, der die Gesetze der Schwerkraft herausfordert.
In den schattigen Hauseingängen glühen Augen auf - die kleinen Spione der Wächterin -, doch Fenris’ mörderische Präsenz hält sie in den Löchern. Lyra klammert sich an ihn, presst ihren Körper gegen seinen warmen Rücken und spürt das rhythmische Spiel seiner Muskeln. Jede Bewegung erinnert sie an die rohe Kraft, die er als Mann besaß, und an die Hingabe, mit der er sie in jener verhängnisvollen Nacht liebte.
Als sie ihr eigenes Haus erreichen, das einsam am Rande der Stadt im Nebel ragt, spürt Lyra ein elektrisches Prickeln auf ihrer Haut. Das Haus wartet auf sie. Das Bett wartet auf sie. Und tief im Inneren des Holzes regt sich der Hunger des Grafen, der spürt, dass seine Beute heimkehrt.
Das Haus empfängt sie mit einer Stille, die so dicht und schwer ist, dass sie sich wie feuchter Samt auf Lyras Lungen legt. Es ist die Ruhe vor einem kataklysmischen Sturm. Während Fenris mit einem tiefen, warnenden Knurren die Schatten im Flur durchmisst - ein dunkler Wächter in seinem eigenen verfluchten Territorium -, weiß Lyra, dass ihnen nur Augenblicke bleiben, bevor die Wächterin ihren Zorn neu formiert.
Mit zitternden Händen, aber einem Blick, der vor Entschlossenheit brennt, tritt sie an die massive Eingangstür. Das dunkle Holz scheint unter ihren Fingerspitzen zu beben, als würde das Haus selbst den Atem anhalten. Sie zieht die gläserne Phiole mit dem restlichen Quellwasser hervor. Das türkisfarbene Leuchten der Flüssigkeit wirft ein überirdisches Licht auf ihr blasses Gesicht und lässt die silberne Narbe an ihrem Arm wie ein geheimes Siegel schimmern.
„Nicht heute“, flüstert sie gegen das Holz, ihre Stimme ein heiliger Eid in der gottlosen Finsternis. „Dieses Haus gehört uns. Unsere Lust, unser Schmerz - du hast hier kein Recht mehr.“
Sie beginnt das Ritual. Mit einer präzisen, fast rituellen Bewegung gießt sie das Wasser in einem ununterbrochenen Strahl entlang der Türschwelle und über die schweren Eisenbeschläge. Wo die heilige Flüssigkeit das verfluchte Holz berührt, geschieht etwas Wunderbares und Schreckliches zugleich: Ein zischendes Geräusch erfüllt den Raum, weißer, nach Ozon und Reinheit duftender Dampf steigt auf, und das Holz beginnt golden zu glühen.
Das Wasser verbindet sich mit der Materie, härtet aus wie flüssiger Diamant und legt einen unpassierbaren Schutzwall um ihr Refugium. Lyra spürt den Widerstand der Wächterin, ein fernes, wütendes Kreischen in ihrem Hinterkopf, das plötzlich verstummt, als das Siegel sich schließt. Die Verbindung zur Außenwelt ist gekappt. Sie sind isoliert - gefangen in einer Blase aus Zeit und Magie, während draußen der Himmel blutet.
Sie wendet sich um. Fenris beobachtet sie aus der Dunkelheit des Flurs. Seine smaragdgrünen Augen leuchten mit einer Intensität, die ihr das Blut in den Adern gefrieren und gleichzeitig zu kochen bringt. Die rohe, animalische Präsenz seines Körpers erfüllt den engen Raum, und der Duft nach wildem Regen und Gefahr vermischt sich mit dem rituellen Aroma des Wassers.
In dieser hermetisch abgeriegelten Stille ist jedes Geräusch eine Provokation. Das Rascheln ihrer Kleidung, das schwere Gehetztsein seines Atems, das Knacken des Hauses. Lyra spürt, wie die sexuelle Spannung, die sie die ganze Nacht wie eine zweite Haut getragen hat, nun zu einem unerträglichen Druck anschwillt. Das Haus ist versiegelt, die Welt bleibt draußen, und vor ihr steht die Bestie, die bald zu dem Mann werden wird, den sie mit jeder Faser ihres Seins begehrt.
„Wir sind allein, Fenris“, haucht sie, und das Verlangen in ihrer Stimme ist so scharf wie eine Klinge.
Sie tritt einen Schritt auf ihn zu, ihre Handflächen suchen die Wärme seines Fells, während ihre Augen bereits nach dem Schlafzimmer suchen, - zu dem Bett, das nun kein Gefängnis mehr sein wird, sondern ihr Schlachtfeld.
Lyra löst sich von Fenris und beginnt, sich wie eine Schattenwandlerin durch die vertrauten Räume zu bewegen. Das Haus wirkt in dieser künstlichen Isolation wie ein lebendiger Organismus, der darauf wartet, dass das Blut in seinen Adern wieder zu fließen beginnt. Ihr Weg führt sie durch das Wohnzimmer hin zum Erdgeschossflügel, in dem sich ihr Schlafgemach befindet.
Sie prüft die schweren, schwarzen Samtvorhänge, die jedes einzelne Fenster wie eine Leichendecke verhüllen. Fenris hatte sie eigenhändig angebracht, kurz nachdem sie das Bett des Grafen erworben hatten. Damals schien es eine romantische Laune zu sein - eine Flucht in eine Welt, die nur aus ihnen beiden, aus Schatten und Berührungen bestand. Sie wollten die Außenwelt aussperren, wollten in einer ewigen, samtenen Dunkelheit leben, in der nur die Hitze ihrer Körper die Zeit markierte.
Heute jedoch wirken diese Stoffbahnen wie die Mauern eines Mausoleums. Lyra streicht mit den Fingerspitzen über den schweren Samt. Er ist staubig und fühlt sich kühl an, fast wie das Fell einer Fledermaus. Sie stellt sicher, dass kein einziger Spalt offen bleibt, durch den das unnatürliche Violett des Himmels oder das spätere, mörderische Rot des Blutmonds dringen könnte. Das Licht der Wächterin darf keinen Weg in dieses Refugium finden.
Hinter ihr folgt Fenris jeder ihrer Bewegungen. Das rhythmische Scharren seiner Krallen auf den Dielen und sein schweres, warmes Atmen sind das einzige Geräusch in der unheimlichen Stille. Er beobachtet, wie sie die Dunkelheit sichert, die er einst für sie erschaffen hat. In der Schwärze des Zimmers wirken seine Augen wie zwei brennende smaragdgrüne Laternen.
Endlich erreicht sie die doppelflügelige Tür zum Schlafzimmer. Hier, im Erdgeschoss, thront das Bett des Grafen - ein gewaltiges Monument aus schwarz gebeiztem Eichenholz, dessen Pfosten wie klauenförmige Finger zur Decke ragen. Es war zu massiv, zu schwer und zu sperrig, um jemals die schmale Wendeltreppe in den ersten Stock bezwungen zu haben. Es scheint, als hätte das Bett diesen Ort selbst gewählt, als hätte es seine Wurzeln tief in das Fundament des Hauses gegraben.
Lyra tritt ein. Der Raum riecht nach altem Holz, trockenem Lavendel und der dunklen, animalischen Moschusnote, die Fenris umgibt. Die Vorhänge hier sind die dicksten des ganzen Hauses. Sie schließt die Tür hinter sich und Fenris, und plötzlich ist die Dunkelheit absolut - bis auf das Glimmen seiner Augen und das schwache, silberne Leuchten ihrer Narbe.
Sie steht nun vor dem Altar ihrer gemeinsamen Leidenschaft und Qual. Das Bett wartet. Die Kissen aus schwerem Brokat wirken im dämmrigen Licht wie dunkle Wellen eines gefährlichen Ozeans.
„Hier sind wir“, flüstert sie, und ihre Stimme bricht sich an der Stille des Raumes. „In unserer Dunkelheit.“
Sie spürt, wie Fenris direkt hinter sie tritt. Die Hitze seines massiven Körpers strahlt durch ihren Rücken, und sie weiß, dass die Stunde des Blutes kurz bevorsteht.
Lyra streicht mit zitternden Fingern ein Zündholz an. Die kleine, goldene Flamme wirkt in der erdrückenden Schwärze des Zimmers wie ein Akt der Rebellion. Nacheinander entzündet sie die schweren, schwarzen Stumpenkerzen, die sie auf den gusseisernen Leuchtern rund um das gewaltige Schlafgemach verteilt hat. Das Licht ist schwach, flackernd und wirft tanzende, groteske Schatten an die Wände, die sich wie lebendige Finger nach ihr auszustrecken scheinen.
Dann wendet sie sich dem Bett zu.
Es ist ein Ungetüm aus dunkler Eiche, dessen Schnitzereien im Kerzenschein wie gequälte Fratzen wirken. Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und tief sitzendem Schauer lässt Lyra sich auf die schwere Brokatdecke sinken. In dem Moment, in dem ihr Körper das Bett berührt, durchfährt sie eine eisige Welle, die nichts mit der Temperatur des Raumes zu tun hat.
Es ist die Präsenz des Grafen Lorcan.
Sie ist nicht physisch präsent, und doch ist sie überall. Sie kriecht aus den Poren des jahrhundertealten Holzes, klebt wie unsichtbarer Harz an den kunstvollen Schnitzereien und vibriert in der Luft zwischen den schweren Vorhängen. Es ist eine maskuline, dominante Energie - uralt, grausam und von einer dunklen Eleganz, die nach Macht und unerfülltem Verlangen schmeckt. Lyra hat das Gefühl, als würden unsichtbare Hände über ihre Haut streifen, ein besitzergreifendes Tasten, das sie als Beute markiert. Der Graf ist kein Geist, er ist eine Signatur des Bösen, die in diesem Holz gefangen ist und nun gierig nach ihrer Lebenswärme lechzt.
Ihr Herz beschleunigt seinen Schlag, ein wildes Trommeln gegen ihre Rippen. Das Bett scheint sie sanft einzusaugen, die weichen Kissen fühlen sich plötzlich an wie eine Umarmung, die gleichzeitig verführt und erstickt. Eine dunkle, sündige Erregung mischt sich unter ihre Angst - ein Erbe der Nächte, in denen der Fluch ihre Sinne gegen ihren Willen geschärft hat.
Fenris steht am Fußende, ein massiver Schatten im flackernden Kerzenlicht. Seine smaragdgrünen Augen leuchten gefährlich, und ein tiefes, warnendes Knurren entweicht seiner Kehle. Er spürt es auch. Er riecht den fremden, aristokratischen Duft nach altem Pergament und verwelkten Rosen, der nun den Raum erfüllt. Der Graf beansprucht diesen Ort, beansprucht Lyra, und das Tier in Fenris bebt vor unterdrückter Eifersucht und mörderischem Schutzinstinkt.
„Er ist hier, Fenris“, haucht Lyra, während sie sich tiefer in die Kissen zurücklehnt, ihre Augen weit und fiebrig. „Er wartet darauf, dass das Rot des Mondes uns verschlingt.“
Sie spürt, wie das Bett unter ihr zu atmen scheint, ein langsames, rhythmisches Heben und Senken, das eins wird mit ihrem eigenen Puls. Die sexuelle Spannung im Raum verdichtet sich zu einer greifbaren Last. Es ist ein Dreieckskampf zwischen ihr, der Bestie und dem schattenhaften Erbe des Toten, das sich weigert, zu vergehen.
Das Bett des Grafen zieht an ihr wie ein schwarzes Loch, eine gierige Schwerkraft aus verbotener Lust und uralter Verdammnis, die versucht, ihre Glieder schwer zu machen und ihren Willen zu brechen. Doch Lyra beißt sich auf die Lippen, bis sie den metallischen Geschmack von Blut auf der Zunge spürt. Der Schmerz ist ihr Anker. Mit einer fast gewaltsamen Anstrengung reißt sie sich von den seidenen Kissen los und erhebt sich.
Sie darf diesem Drang nicht unterliegen. Noch nicht.
An Fenris vorbei, dessen massiver Körper wie eine Mauer aus Hitze und unterdrückter Gewalt im Raum steht, eilt sie zum Fenster. Ihre Finger krallen sich in den schweren, staubigen Samt der Vorhänge und ziehen sie einen spaltbreit beiseite. Ihr Herz hämmert in Erwartung des tiefen, blutigen Violetts, das den Himmel eben noch wie ein blaues Auge gezeichnet hat - das Versprechen auf den Blutmond, auf Fenris’ Menschwerdung, auf ihre Erlösung.
Doch was sie sieht, lässt das Blut in ihren Adern gefrieren, bevor es in loderndem Zorn wieder aufkocht.
Der Himmel ist klar. Zu klar. Das unheilvolle Violett ist gewichen, als hätte eine unsichtbare Hand die Farbe aus der Nacht gewaschen. Stattdessen steht der Mond in einem kalten, gleißenden Silberhoch am Firmament. Er strahlt in einem hellen, gleichgültigen Licht, das jede Spur von Magie und Verwandlung zu verspotten scheint. Es ist ein steriles Licht, das keine Erlösung bringt, sondern die Ewigkeit des Fluchs zementiert.
„Nein...“, presst sie hervor, und ihre Stimme bebt vor unterdrückter Wut.
Sie weiß sofort, wer dahintersteckt. Die Wächterin. Jene schattenhafte Herrin der Krypten hat ihre Klauen in das Gefüge des Kosmos geschlagen. Sie hat den Lauf der Gestirne manipuliert, das Licht gebeugt und den Blutmond zurückgedrängt, um die einzige Stunde zu verhindern, in der Lyra ihren geliebten Fenris als Mann in die Arme schließen könnte. Es ist ein Akt purer, böswilliger Sabotage. Die Wächterin will sie in dieser ewigen Zwischenwelt aus Bestie und Opfer gefangen halten, damit der Graf Lorcan sie schließlich beide verschlingen kann.
Lyra starrt hinauf zum bleichen Mond, und in ihren Augen spiegelt sich ein Feuer wider, das heller brennt als jede Himmelserscheinung. Dieser kalte, silberne Schein ist eine Lüge - eine Barriere, die zwischen ihr und der nackten Haut des Mannes steht, den sie begehrt.
„Du denkst, du kannst uns die Zeit stehlen?“, flüstert sie gegen die kühle Scheibe, während ihr Atem das Glas beschlägt. „Du denkst, du kannst das Schicksal aufhalten, nur weil du den Mond blass werden lässt?“
Sie spürt Fenris hinter sich. Das tiefe, enttäuschte Grollen in seiner Brust verrät, dass auch er den Verrat des Himmels spürt. Die animalische Sehnsucht in ihm, die sich bereits auf die Befreiung eingestellt hatte, schlägt um in bittere, schwarze Melancholie.
Lyra wirbelt herum, ihr Blick trifft seine smaragdgrünen Augen. „Sie hat uns den Mond geraubt, Fenris. Sie spielt mit dem Licht, weil sie Angst vor unserer Dunkelheit hat.“
Das kalte, silberne Licht des manipulierten Mondes sticht wie eine Nadel in Lyras Rücken, während sie sich vom Fenster abwendet. Die Verzweiflung, die eben noch wie eine lodernde Flamme in ihr brannte, sinkt nun wie schweres Blei in ihre Glieder. Mit zitternden Knien lässt sie sich direkt vor dem massiven Fußende des Bettes auf den harten Dielenboden sinken. Das dunkle Eichenholz ragt über ihr auf wie eine Klippe des Verderbens, während sie ihr Gesicht in den bebenden Händen vergräbt.
Die Dunkelheit hinter ihren Lidern ist erfüllt von den hämischen Gesichtern der Wächterin und dem schattenhaften Lächeln des Grafen. Sie hat es satt. Sie hat es so unendlich satt, eine Spielfigur in diesem makabren Theater zu sein, in dem die Regeln im Minutentakt geändert werden. Jedes Mal, wenn sie einen Funken Hoffnung ergreift, bläst die Wächterin ihn mit einem eiskalten Hauch aus.
„Wo?“, flüstert sie in die Stille ihrer hohlen Handflächen. „Wo ist die Nahtstelle, die wir übersehen haben?“
Sie denkt fieberhaft nach, während das Blut in ihren Schläfen pocht. Das Quellwasser, Samuels Opfer, der Sarkophag unter der Kirche - all das waren Schläge gegen die Mauern, aber die Wächterin kontrolliert das Fundament. Wenn sie den Himmel selbst verdunkeln oder erhellen kann, dann greifen menschliche Mittel nicht tief genug. Lyra spürt die düstere Präsenz des Bettes in ihrem Rücken, ein rhythmisches Vibrieren, das fast wie ein hämischer Herzschlag klingt.
Plötzlich hält sie inne. Ihr Atem stockt.
Wenn der Mond eine Lüge ist, dann muss die Wahrheit tiefer liegen. Sie erinnert sich an die Worte der Wächterin: Jede Tat aus Liebe verändert den Fluch. Fenris lässt seine menschlichen Gefühle nicht los. Es ist nicht die Magie, die die Wächterin fürchtet - es ist die menschliche Regung, die rohe, unkontrollierbare Hingabe, die sich weigert, nach ihren Regeln zu spielen.
Lyra spürt Fenris’ Nähe. Er ist nicht zu ihr auf den Boden gesunken, sondern steht wie ein lebendiges Monument der Qual direkt hinter ihr. Sein heißer Atem streift ihren Scheitel, und der animalische Duft seines Fells vermischt sich mit der schweren, erotischen Aura des Grafen, die aus dem Bett strömt. Ein verräterisches Zittern läuft durch ihren Körper.
Sie begreift es in einer plötzlichen, schmerzhaften Klarheit: Die Wächterin will sie trennen, weil ihre Vereinigung - in welcher Gestalt auch immer - eine Macht entfesselt, die das Gefüge von Rosevil sprengen kann. Wenn sie nicht auf den Blutmond warten können, müssen sie das Blut und die Leidenschaft selbst zum Altar machen.
Lyra nimmt die Hände vom Gesicht und starrt auf die kunstvollen, hasserfüllten Schnitzereien des Bettes auf Augenhöhe. Dort, in den Windungen des Holzes, verbergen sich Symbole, die Fenris unter Qualen freigelegt hat. Wenn sie diese Symbole nicht mit Gebeten, sondern mit der rücksichtslosen Wahrheit ihres Begehrens konfrontiert, könnte sie den Fluch von innen heraus verbrennen.
Sie wendet den Kopf leicht zur Seite, ohne aufzustehen, und sieht in die glühenden smaragdgrünen Augen des Wolfes. Ein dunkles, sündiges Vorhaben formt sich in ihrem Verstand.
In der erstickenden Stille des Zimmers, unter dem hämischen Schein des falschen, silbernen Mondes, trifft Lyra eine Entscheidung, die jenseits von Vernunft und Moral liegt. Sie lässt die Hände von ihrem Gesicht sinken, und ihr Blick, nun klar und von einem dunklen Feuer verzehrt, bohrt sich in die smaragdgrünen Abgründe von Fenris’ Augen.
Sie erhebt sich nicht. Sie bleibt auf den Knien, in einer Haltung vollkommener, stolzer Unterwerfung, und greift mit beiden Händen nach seinem gewaltigen, pelzigen Kopf. Ihre Finger graben sich tief in sein raues, dunkles Fell, spüren die bebende Hitze seiner Muskeln und das wilde Pochen seines Tierherzens. Sie zieht ihn zu sich herab, zwingt die Bestie in ihren Bannkreis.
Dann presst sie ihre Lippen fest auf seine feuchte, dunkle Schnauze.
Es ist kein zaghafter Kuss. Es ist eine archaische Verschmelzung. Sie küsst ihn nicht, wie eine Frau einen Mann küsst; es ist die hingebungsvolle, furchtlose Zärtlichkeit einer Frau, die das Tier liebt, das er geworden ist, ohne den Mann zu vergessen, der er war. Ihre Lippen brennen auf seiner Haut, ein rituelles Siegel aus Fleisch und Sehnsucht. Sie schmeckt den wilden Wald, den Ozon der Magie und die herbe Note seines Leidens.
„Du bist hier“, haucht sie gegen seine Schnauze, während ihr warmer Atem in seinem Fell erzittert. „Ganz egal, was sie uns rauben, ganz egal, welches Licht sie am Himmel löschen - du bist mein Herr, Fenris. In dieser Gestalt wie in jeder anderen.“
Sie will, dass er es spürt. Sie will, dass die animalische Sicherheit in ihn zurückkehrt, die er einst besaß, als er sie in diesem Bett dominiert hat. Sie sehnt sich nach jener rücksichtslosen Kontrolle, die er in ihren leidenschaftlichsten Stunden über sie ausübte - jenes Gefühl, unter seinem Willen vollkommen zu zerbrechen, nur um in seinen Armen neu erschaffen zu werden.
Fenris erstarrt unter ihrer Berührung. Ein tiefes, erschütterndes Grollen rollt durch seine Brust, doch es ist kein Ausdruck von Zorn mehr. Es ist ein Laut der Erkenntnis, ein schmerzhaftes Echo von Begehren, das die Grenzen seiner physischen Form sprengt. Er spürt ihre absolute Hingabe, ihre Weigerung, vor dem Monster zurückzuweichen. Lyra schenkt ihm das zurück, was die Wächterin ihm nehmen wollte: seine Macht über sie. Eine Macht, die nicht auf Magie beruht, sondern auf dem heiligen Einverständnis ihrer Leiber.
Ihre Hände gleiten an seinen Wangen hinunter zu seinem kräftigen Nacken, ziehen ihn noch näher, bis ihre Stirn an der seinen ruht. Die dunkle, erotische Aura des Grafen, die noch immer aus dem Bett strömt, scheint von ihrer Verbindung aufgesogen und in reine, lodernde Energie verwandelt zu werden.
„Besitz mich, Fenris“, flüstert sie, und ihre Augen glühen vor einer dunklen, sündigen Erwartung. „Zeig mir, dass kein Fluch der Welt die Kontrolle brechen kann, die du über mein Herz und meinen Körper hast. Hier, in der Dunkelheit, gehören wir nur uns selbst. Werde zu dem was du einmal warst. Der Mann der mich besessen hat."