Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 25

Das Herz des Fluchs


Die Wächterin erkennt, dass ihre Macht durch die unerschütterliche Verbindung zwischen Lyra und Fenris bröckelt. Ihre Manipulation scheitert an Lyras Hingabe, und sie greift nun offen an. Während Samuel gebrochen in der Krypta zurückbleibt, stürzt sich die Wächterin auf das Haus - doch das von Lyra gesiegelte Quellwasser hält stand.

Im Schutz des Hauses entdeckt Lyra das wahre Herz des Fluchs: einen verborgenen Keller, der sich als Heiligtum des Grafen Lorcan entpuppt. Dort findet sie die Mondblume und die Aufzeichnungen, die offenbaren, dass der Fluch aus Gier, Lust und einem freiwilligen Pakt mit der Wächterin geboren wurde.

Die Erkenntnis entfacht eine gefährliche Nähe zwischen Lyra und Fenris. Während draußen die Wächterin lauert, ringen unten im Keller Liebe, Verlangen und Kontrolle miteinander. Fenris steht vor einer unmöglichen Entscheidung: fliehen und Lyra schutzlos zurücklassen - oder bleiben und riskieren, sie selbst zu verlieren.


In den schwarzen, pulsierenden Eingeweiden der Wald-Krypta geschieht ein plötzlicher, eisiger Bruch. Die Wächterin verharrt mitten in einer grausamen Geste, ihre schattenhaften Gliedmaßen in der Luft erstarrt wie die Äste eines toten Baumes. Sie spürt es. Es ist kein Schrei, kein Gebet und kein Zauber, der sie trifft - es ist eine Erschütterung im Gewebe der Realität selbst.

 

Sie spürt die Hitze, die im versiegelten Haus am Rande der Stadt aufsteigt. Sie spürt Lyras Lippen auf dem Fell der Bestie und die schiere, gottlose Unbeugsamkeit ihrer Hingabe. Es ist eine Frequenz von so dunkler, reiner Leidenschaft, dass sie die Barrieren der Wächterin wie dünnes Glas zerspringen lässt. Die Nähe der beiden, diese archaische Verschmelzung von Frau und Tier, erschafft ein Kraftfeld, das die manipulative Magie der Hexe einfach verschlingt.

 

„Abschaum...“, zischt sie, und ihre Stimme ist nur noch ein rächendes Flüstern, das nach Grabeserde schmeckt.

 

Sie merkt, dass sie den Zugriff verliert. Solange Lyra und Fenris sich weigern, den Zweifel anzunehmen - solange sie ihre Liebe als Waffe gegen das Schicksal führen -, ist ihre Macht über den Moment des Blutmonds geschwächt. Die Wächterin erkennt, dass sie nicht länger aus der Ferne agieren kann. Ihr Plan, sie durch Entfremdung zu brechen, ist an Lyras Liebe gescheitert.

 

Mit einer jähen, verächtlichen Bewegung wendet sie sich von Samuel ab. Der Kaplan liegt in den rauchenden Trümmern seiner eigenen Qualen, das goldene Licht in seinen Augen nur noch ein letztes, flackerndes Glimmen. Er ist für sie nur noch eine leere Hülle, ein ausgepresster Kelch. Er hat seinen Zweck als Anker und als Köder erfüllt; nun ist sein Leiden für sie wertlos geworden. Er ist zu schwach, um zu kämpfen, und zu gebrochen, um ihr noch als Werkzeug zu dienen.

 

Sie lässt ihn einfach zurück. Keine letzte Grausamkeit, kein Todesstoß - nur die absolute, eiskalte Gleichgültigkeit einer unsterblichen Entität. Samuel ist für sie bereits Staub.

 

Der schwarze Nebel, der ihre Gestalt bildet, beginnt sich aufzulösen, wird zu einem rasenden Wirbel aus Schatten und rotem Staub. Mit einem Schrei, der die Wurzeln des Waldes erzittern lässt, verschwindet sie aus der Krypta. Sie lässt die feuchte Stille des Grabes hinter sich und schießt wie ein schwarzer Komet durch das Erdreich, direkt auf die Stadt zu. Sie wird sich nicht länger auf den Mond oder ihre Diener verlassen. Wenn die Liebe der beiden die Ordnung stört, wird sie das Haus selbst in ein Inferno aus Alpträumen verwandeln.

 

In der Krypta bleibt Samuel in der absoluten Schwärze zurück. Seine Atmung ist flach, ein rasselndes Echo in der Unendlichkeit. Er ist allein mit dem Schweigen der Toten, während draußen der Endkampf um die Seelen von Lyra und Fenris beginnt.

 

Die Wächterin rast wie ein unheiliger Sturm durch die verlassenen Gassen von Rosevil. Ihre Gestalt ist nur noch ein rächender Schemen, ein Riss in der Wirklichkeit, der das Pflaster unter sich gefrieren lässt. Über ihr beginnt der Himmel erneut zu rebellieren; die Manipulation des silbernen Lichts bröckelt unter dem Druck der heraufziehenden Bestimmung. Der Mond, eben noch von steriler Blässe, taucht sich in ein unheimliches, glühendes Orange. Es ist das Vorzeichen des herannahenden Blutes, ein kosmisches Versprechen, das in den nächsten Tagen das Ende des Fluches einläuten wird.

 

Doch der Wächterin ist der Himmel nun gleichgültig. Ihr Blick ist starr auf das Haus am Rande der Stadt gerichtet, jenes verfluchte Refugium, in dem die Hitze zweier Seelen ihre mühsam gewebte Dunkelheit verbrennt. Ihr Plan hat sich gewandelt, geläutert in der Hitze ihres grenzenlosen Hasses: Sie wird Lyra vernichten. Nicht durch Zweifel, nicht durch Trennung - sie wird ihr das Leben vor den Augen der Bestie aus dem Leib reißen. Sie will sehen, wie Fenris an der Qual zerbricht, seine Gefährtin sterben zu sehen, während er in seiner pelzigen Hülle gefangen bleibt, unfähig, sie mit menschlichen Händen zu halten oder ihr den Schmerz zu nehmen.

 

Mit einem Schrei, der die Fensterscheiben der Nachbarhäuser zum Bersten bringt, prallt sie gegen die Eingangstür des Hauses.

 

Doch dort, wo sie den einfachen Einbruch erwartet hat, trifft sie auf eine Barriere aus purem Licht. Das türkisfarbene Wasser, das Lyra mit so viel Verzweiflung und Liebe über die Schwelle gegossen hat, leuchtet in einem blendenden, überirdischen Cyan auf. Es ist mehr als nur gesegnete Flüssigkeit; es ist die materialisierte Reinheit der Quelle, verstärkt durch Lyras unbeugsamen Willen.

 

Die Wächterin wird zurückgeschleudert. Schwarzer Rauch steigt von ihren schattenhaften Klauen auf, wo sie das versiegelte Holz berührt haben. Das Haus ist keine Beute mehr, es ist eine Festung. Das Siegel des Wassers bildet einen unzerbrechlichen Käfig, der keine Finsternis hereinlässt. Sie kratzt am Äther, sie peitscht ihre Schatten gegen die Wände, doch das türkisfarbene Leuchten steht fest wie ein Diamantwall.

 

„Du denkst, das Wasser kann dich retten?“, gellt ihre Stimme durch die Ritzen des Mauerwerks, ein hohler, hasserfüllter Laut, der durch das gesamte Haus vibriert. „Ich werde die Erde unter diesem Haus vergiften! Ich werde die Luft in euren Lungen zu Asche machen!“

 

Drinnen, im Schlafzimmer, spüren Lyra und Fenris das Beben der Mauern. Die Spannung zwischen ihnen, die durch den Kuss entfesselt wurde, mischt sich nun mit dem Adrenalin des Überlebenskampfes. Lyra spürt die Wut der Wächterin, die gegen ihre Versiegelung brandet, doch sie blickt nicht zur Tür. Sie blickt nur in Fenris’ Augen, die im Widerschein des glühenden Siegels unter der Tür wie zwei grüne Sonnen brennen. Sie weiß, dass sie sicher sind - solange das Wasser hält und ihre Herzen im gleichen, trotzigen Rhythmus schlagen.

 

Die Wächterin tobt draußen im orangenen Licht des sterbenden Mondes, während im Inneren des Hauses die Dunkelheit des Grafen Lorcan und die Liebe der beiden zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen.

 

In der klaustrophobischen Stille des Hauses, die nur vom fernen, rachedurstigen Kreischen der Wächterin durchbrochen wird, wandelt sich die Atmosphäre. Fenris’ massiver Körper spannt sich an, jede Sehne unter seinem dunklen Fell vibriert vor einer unerträglichen Unruhe. Seine Ohren zucken, seine Nase bebt; er wittert den Schwefel und die Verwesung, die gegen das türkisfarbene Siegel der Tür branden. Er ist kein Tier, das sich in eine Ecke drängt - er ist ein Raubtier, das den Eindringling spürt, der an den Pforten seines Territoriums rüttelt. Er weiß, dass die Wächterin nicht aufgeben wird. Sie ist eine Naturgewalt aus Schatten, und früher oder später wird sie eine Ritze im Fundament, eine Schwäche in der Mauer oder einen Spalt im Verstand finden, um einzudringen.

 

Doch Lyra, getrieben von einem Mut, der aus der absoluten Hingabe geboren ist, entzieht sich seiner schützenden Nähe. Mit einem Blick, der so kalt und klar ist wie das Wasser der Quelle, erhebt sie sich vom Boden. Sie ignoriert das warnende, tiefe Grollen in Fenris’ Kehle und schreitet durch den dunklen Flur direkt auf die versiegelte Eingangstür zu.

 

Sie bleibt nur wenige Zentimeter vor dem Holz stehen. Hier ist das Toben der Wächterin kein fernes Echo mehr, sondern ein physischer Angriff. Das Holz vibriert unter den Schlägen der Finsternis, und das türkisfarbene Licht des Siegels flackert in einem fiebrigen Rhythmus, während es die schwarzen Schatten abwehrt.

 

Lyra sagt kein Wort. Sie steht da, die Arme hängen entspannt an ihren Seiten, das Kinn leicht erhoben. Sie ist das Auge des Sturms. Durch die schweren Dielen und die massiven Beschläge dringt die Stimme der Wächterin zu ihr durch - ein Laut, der Mark und Bein gefrieren lässt, ein hasserfülltes Gellen, das wie Säure an der Luft frisst.

 

„Ich rieche dich, du kleine Sterbliche!“, kreischt die Hexe draußen, und ihre Klauen kratzen mit einem markerschütternden Geräusch über die Außenwand, als wollte sie das Haus häuten. „Genieße deine letzte Stunde im Schutz deiner billigen Magie! Das Wasser wird versiegen, das Siegel wird erbleichen, und wenn du auch nur einen einzigen Fuß über diese Schwelle setzt, werde ich dir das Herz aus der Brust reißen, noch bevor dein Wolf den ersten Laut ausstoßen kann!“

 

Die Drohungen überschlagen sich. Die Wächterin verspricht ihr Qualen, die über den Tod hinausgehen, eine Ewigkeit als schattenhafter Spielball in den Krypten des Waldes. Sie droht, Fenris zuzusehen zu lassen, wie Lyras Fleisch zu Staub zerfällt, bis nichts mehr von der Frau übrig ist, die er liebt.

 

Lyra hört alles. Sie spürt den Hass, der durch das Holz sickert wie eisiger Wind. Doch sie zuckt nicht zusammen. Ihr Schweigen ist ihre stärkste Waffe - eine provokante Ruhe, die die Wächterin im Freien nur noch mehr in den Wahnsinn treibt. In diesem Moment ist Lyra nicht mehr das Mädchen, das Schutz sucht; sie ist die Herrin dieses Hauses, die Hüterin des Mannes, der hinter ihr im Schatten lauert.

 

Fenris tritt hinter sie, seine gewaltige Präsenz wie ein dunkler Schild. Er legt den schweren Kopf auf ihre Schulter, seine glühenden Augen fest auf die Tür gerichtet. Die Spannung zwischen ihnen vermischt sich mit dem mörderischen Trotz gegenüber der Welt da draußen. Sie sind allein, gefangen zwischen einem grausamen Fluch und einer rachsüchtigen Hexe, doch in diesem Moment der Isolation fühlen sie sich mächtiger als je zuvor.

 

Inmitten des tobenden Chaos vor der Haustür, während die rachsüchtigen Schreie der Wächterin wie Peitschenhiebe gegen das versiegelte Holz knallen, legt sich eine unnatürliche Stille über Lyras Wahrnehmung. Alles um sie herum verblasst - das türkisfarbene Leuchten des Siegels, das orangefarbene Gift des fernen Mondes, sogar die mörderische Präsenz der Hexe. Ihr Blick, geweitet und von einer dunklen Intuition geleitet, bleibt an einem Ort hängen, den sie bisher instinktiv gemieden hat.

 

Am Ende des schmalen, schattigen Flurs befindet sich eine unscheinbare Tür aus schwerem, fast schwarzem Eisenholz. Die Kellertür.

 

In all den Monaten, in denen sie dieses Haus bewohnt hat, in all den Nächten der Leidenschaft und des Grauens, hat sie diesen Abgang nie betreten. Es war, als existierte er in einem toten Winkel ihrer Wahrnehmung - ein verbotenes Areal, geschützt durch eine Barriere aus unbewusster Furcht. Doch jetzt, im Angesicht der drohenden Vernichtung, scheint die Tür sie zu rufen. Ein kalter, modriger Hauch dringt durch die Ritzen, der nach alter Erde, Metall und dem süßlichen Aroma von vergangenem Blut riecht.

 

Lyra bewegt sich wie in Trance. Jeder Schritt auf den dunklen Dielen fühlt sich an, als würde sie tiefer in das Gedächtnis des Hauses eindringen. Fenris folgt ihr, seine massiven Pfoten setzen lautlos auf dem Boden auf. Seine Ohren sind flach angelegt, und ein tiefes, unsicheres Grollen vibriert in seiner Brust. Er, der jede Ecke dieses Territoriums mit seinem Geruch markiert hat, war ebenfalls nie dort unten. Das Tier in ihm hat die Dunkelheit des Kellers stets als das Revier eines weit älteren, weitaus gefährlicheren Raubtiers respektiert.

 

Sie erreicht die Tür. Ihre Finger, noch immer vom rituellen Quellwasser gezeichnet, schließen sich um den massiven, eiskalten Türknauf aus angelaufenem Messing. In dem Moment, in dem ihre Haut das Metall berührt, durchfährt sie ein elektrischer Schlag - ein Fragment einer Vision: das Bett des Grafen, wie es vor Jahrhunderten genau hier, in der Tiefe unter der Erde, gezimmert wurde.

 

„Es ist die Wurzel“, haucht sie, und ihre Stimme zittert vor einer dunklen, erotischen Erregung, die sie sich nicht erklären kann. „Das Herz des Hauses liegt nicht im Schlafzimmer, Fenris. Es liegt hier unten.“

 

Fenris drängt sich dicht an sie, sein heißer Körper ist ein brennender Kontrast zur Kälte, die von der Kellertür ausgeht. Er schiebt seine Schnauze an ihre Hand, als wollte er sie zurückhalten, doch seine Augen brennen vor derselben krankhaften Neugier. Sie beide wissen: Wenn die Wächterin draußen den Himmel beherrscht, dann gehört die Tiefe unter ihnen dem Grafen Lorcan - und vielleicht liegt genau dort das Geheimnis, wie sie den Fluch brechen können, ohne auf den fernen Blutmond zu warten.

 

Die Schreie der Wächterin klingen plötzlich meilenweit entfernt, als Lyra den Knauf dreht. Ein schweres, öliges Klicken hallt durch den Flur. Die Tür schwingt mit einem klagenden Ächzen auf und gibt den Blick auf eine Steintreppe frei, die in eine Schwärze führt, die so absolut ist, dass selbst das Kerzenlicht davor zurückweicht.

 

Lyra löst ihre Hand von dem eiskalten Messing, das ihre Haut wie ein bösartiges Versprechen gebrannt hat. Ihr Atem geht flach, als sie zurück in den Raum tritt, um eine der schweren, schwarzen Kerzen vom Nachttisch zu nehmen. Die Flamme tanzt wild im Sog ihres hastigen Schrittes, ein einsames, goldenes Licht in einem Ozean aus drohenden Schatten.

 

Mit dem Leuchter in der einen und dem eisernen Willen in der anderen Hand kehrt sie zur Kellertür zurück. Fenris steht dort wie eine unheilvolle Statue aus Muskeln und Fell, sein Blick starr in das gähnende Maul des Abgrunds gerichtet. Lyra umschließt den Knauf erneut, und diesmal zögert sie nicht. Ein entschlossener Ruck, ein langes, klagendes Ächzen des Holzes, und die Tür schwingt weit auf.

 

Eine steinerne Treppe, deren Stufen aus grobem, dunklem Schiefer gehauen sind, führt steil in die Tiefe. Lyra macht den ersten Schritt, bereit, von dem typischen Gestank eines Kellers empfangen zu werden - der muffige Geruch von Moder, feuchtem Mauerwerk und dem Staub vergangener Jahrzehnte. Sie erwartet die klamme Kälte eines Grabes.

Doch als sie die erste Stufe betritt und die Kerze in die Dunkelheit hebt, weiten sich ihre Augen.

 

Es riecht nicht nach Keller.

 

Ein Duft schlägt ihr entgegen, der so intensiv, so fremd und so berauschend ist, dass ihr schwindelig wird. Es ist der Geruch von schwerem, teurem Parfüm, das vor Jahrhunderten in Seidenlaken getränkt wurde. Es riecht nach frisch gehobeltem, edlem Ebenholz, nach altem, trockenem Wein und dem süßlichen, schweren Aroma von orientalischem Weihrauch. Es ist ein Duft von Dekadenz und Macht, von einer Zeit, in der das Haus nicht bloß eine Ruine, sondern ein Palast der Sünde war.

 

Es riecht nach ihm. Nach dem Grafen Lorcan, als er noch aus Fleisch und Blut bestand und seine Leidenschaften in dieses Fundament brannte.

 

Fenris stößt ein tiefes, verwirrtes Winseln aus. Das Tier in ihm ist irritiert von dieser Sauberkeit, von dieser künstlichen, erotischen Frische, die hier unten konserviert wurde wie in einem Vakuum. Es gibt keine Spinnweben, kein Ungeziefer, kein Zeichen von Verfall.

 

„Das hier ist kein Keller“, flüstert Lyra, während sie langsam die Stufen hinabsteigt. „Das hier ist... seine Schatzkammer. Seine wahre Natur.“

 

Mit jeder Stufe, die sie tiefer dringt, wird die Luft wärmer, fast schon schwül, wie in einem Schlafzimmer kurz nach einem Liebesakt. Das flackernde Kerzenlicht spiegelt sich an den Wänden wider, die nicht aus feuchtem Stein, sondern aus dunklen, glänzenden Holzpaneelen bestehen, die dieselben obszönen Schnitzereien tragen wie das Bett im Erdgeschoss. Es ist, als würde sie in den Bauch eines riesigen, hölzernen Tieres hinabsteigen.

 

Unten angekommen, am Ende der Treppe, öffnet sich ein Raum, der ihre kühnsten Vorstellungen übersteigt. Es ist ein privates Heiligtum, ein Ort, der so sehr vor männlicher Energie und unterdrückter Erotik strotzt, dass Lyra das Gefühl hat, ihre Kleidung würde auf ihrer Haut zu eng werden.

 

Das warme, goldene Licht der Kerzen frisst sich langsam in die Samtschwärze des Raumes, während Lyra von Docht zu Docht eilt. Mit jedem flackernden Funken, den sie entfacht, enthüllt der Keller mehr von seiner schockierenden Pracht. Es ist kein Verlies, es ist ein Refugium der Sünde und des Luxus. Die Möbel sind aus tiefschwarzem, glänzendem Lackholz gefertigt, deren Kurven im Kerzenschein wie die Rundungen eines menschlichen Körpers schimmern. Schwere, dunkle Teppiche schlucken jeden ihrer Schritte, und die Luft ist erfüllt von dieser schwülen, beinahe berauschenden Wärme, die Lyras Haut mit einem feinen Schimmer aus Schweiß überzieht.

 

Es ist gemütlich. Auf eine Weise, die gefährlich ist. Es ist die Gemütlichkeit eines Raubtiers, das sein Nest mit den feinsten Materialien gepolstert hat.

 

Mit zitternden Händen stellt Lyra den schweren silbernen Kerzenleuchter auf einen schwarz marmorierten Beistelltisch. Fenris ignoriert die Eleganz des Raumes; sein Blick ist starr auf die Mitte des Zimmers gerichtet. Dort, auf einem Podest aus Ebenholz, steht ein kleiner, kunstvoll gearbeiteter Sarkophag. Er ist nicht aus Stein, sondern aus schwerem, metallisch schimmerndem Holz, beschlagen mit geschwärztem Silber.

 

Fenris stößt ein tiefes, kehliges Geräusch aus, eine Mischung aus Wiedererkennen und Abscheu. Er umkreist das Objekt wie eine Beute, bevor er davor stehen bleibt und Lyra auffordernd ansieht.

 

Lyra tritt an seine Seite. Die Präsenz des Grafen ist hier so stark, dass sie fast seinen Atem im Nacken zu spüren glaubt, eine kalte Berührung, die ihre Brustwarzen unter dem dünnen Stoff ihres Kleides hart werden lässt. Sie legt ihre Finger an den schweren Deckel. Das Holz fühlt sich unter ihren Kuppen lebendig an, vibrierend vor einer zurückgehaltenen Geschichte.

 

Mit einem entschlossenen Ruck schiebt sie den Deckel zur Seite. Sie rechnet mit dem Schlimmsten - mit verrotteten Überresten, mit dem Gestank des Todes. Doch was sie findet, raubt ihr den Atem.

 

In dem Sarkophag liegen, gebettet auf blutrotem Samt, die Bruchstücke eines Lebens, das vor Jahrhunderten in Gewalt und Ekstase endete. Dort sind pergamentne Schriften, gebunden in menschliches Leder, deren Tinte im Kerzenlicht wie frisches Blut glänzt. Es sind Tagebücher, die von den dunkelsten Gelüsten des Grafen Lorcan erzählen, von Nächten, die jenseits jeder Moral lagen.

 

Daneben funkeln Relikte und Schmuckstücke: Ein schwerer Siegelring mit einem Stein, so schwarz wie die Seele seines Besitzers, und eine filigrane Kette aus Weißgold, die wie ein zierliches Halsband wirkt - ein Instrument der Unterwerfung. Zwischen den Juwelen liegen getrocknete Blütenblätter des roten Mohns, die ihren betörenden Duft noch immer verströmen.

 

Lyra greift nach einem der Schriftstücke, doch ihre Hand verharrt über einem kleinen, unscheinbaren Gegenstand, der halb unter einem seidenen Tuch verborgen ist. Es ist ein Dolch, dessen Griff aus dem Knochen eines Wolfes geschnitzt ist, besetzt mit smaragdgrünen Steinen, die exakt die Farbe von Fenris’ Augen haben.

 

„Das sind nicht nur Erinnerungen“, flüstert sie, während sie den Schmuck berührt, und eine Welle aus fremder Erregung durch ihren Körper schießt. „Das sind die Anker seines Fluchs. Hier liegt das Protokoll seiner Verdammnis.“

 

In der samtenen Stille des Kellers, wo das Licht der Kerzen wie flüssiges Gold über die schwarzen Möbel fließt, streckt Lyra ihre Hand aus. Ihre Finger zittern kaum merklich, als sie die getrocknete Mohnblüte von ihrem Lager aus blutrotem Samt hebt. Die Pflanze ist spröde, ihre Blätter so dünn wie das Pergament alter Sünden, und doch geht von ihr eine pulsierende Dunkelheit aus.

 

Sie ist es. Die Mondblume.

 

Jene verfluchte Pflanze, von der die Wächterin in ihren rachsüchtigen Litaneien immer wieder flüsterte. Lyra hält sie behutsam zwischen Daumen und Zeigefinger, als wäre sie ein zerbrechliches Juwel. In diesem Moment scheint das ferne Toben der Wächterin vor der Haustür meilenweit weg zu sein. Alles, was zählt, ist dieses winzige Relikt des Grauens, das in der Wärme des Raumes einen betörenden, fast betäubenden Duft verströmt - ein Aroma von tiefem Schlaf, vergessenen Träumen und dem schweren Metall von Blut.

 

Lyra betrachtet die Blume lange, ihre Augen weit und nachdenklich. Dann hebt sie den Blick und sieht Fenris an.

Er steht am Rande des Kerzenscheins, eine gewaltige Gestalt aus Schatten und unterdrückter Kraft. Das Tier in ihm scheint auf die Blume zu reagieren; seine Flanken beben, und ein leises, schmerzerfülltes Winseln entweicht seiner Kehle. Lyra spürt es nun mit einer schockierenden Deutlichkeit: Diese Blume ist der Anker. Sie ist die Verbindung zwischen dem Grafen Lorcan, der Wächterin und dem animalischen Gefängnis, in dem Fenris’ Seele angekettet ist.

 

„Sie ist das Herz des Fluchs, nicht wahr?“, flüstert sie, und ihre Stimme klingt in der schwülen Luft des Kellers wie ein dunkles Versprechen. „Nicht das Bett, nicht das Haus... es ist der Mohn, der im Blutmond gedeiht. Er ist das Gift, das dich verwandelt hat.“

 

Eine Welle aus dunkler Erkenntnis durchspült sie. Sie begreift, dass der Mohn nicht nur eine Blume ist, sondern die materialisierte Sehnsucht des Grafen nach ewiger Leidenschaft und ewiger Kontrolle. Der rote Staub, der die Stadt Rosevil erstickt, ist nichts anderes als die zerriebene Essenz dieser Mondblumen.

 

Sie tritt einen Schritt auf Fenris zu, die Blume fest umklammert. Die  Spannung zwischen ihnen wird fast unerträglich. In der Gegenwart dieses Relikts scheint die Grenze zwischen Frau und Bestie zu verschwimmen. Lyra spürt den Drang, die Blume an ihre Lippen zu führen, ihren berauschenden Staub einzuatmen und sich dem Fluch vollends hinzugeben, um Fenris dort zu finden, wo kein Licht mehr hinkommt.

 

Doch gleichzeitig brennt der Zorn in ihr. Die Wächterin hat diese Blume benutzt, um Fenris seine Menschlichkeit zu rauben. Sie hat sie benutzt, um ihn zu ihrem Sklaven zu machen.

 

Fenris senkt den Kopf, seine smaragdgrünen Augen fixieren die vertrocknete Blüte in ihrer Hand. Er weiß, was sie ist. Er weiß, dass sein ganzes Leid in diesen zarten, schwarzen Staubkörnern konzentriert ist. Er wartet auf Lyras nächsten Schritt, während das Haus über ihnen unter den Schlägen der Wächterin erbebt.

 

Die Wächterin ist nicht länger nur eine drohende Präsenz; sie ist ein kochender Ozean aus reinem, unverfälschtem Zorn. Ein markerschütternder Schrei, der weder menschlich noch tierisch klingt, zerreißt die nächtliche Stille von Rosevil, während sie ihre schattenhaften Fäuste gegen die unsichtbare Barriere des Hauses schmettert.

 

Sie spürt es. Sie spürt es bis in das Mark ihrer verfluchten Existenz.

 

Das Band zwischen ihr und dem Haus vibriert in einer schrillen, schmerzhaften Dissonanz. Lyra und Fenris haben das Allerheiligste betreten, den dunklen Uterus dieses Hauses, in dem die Zeit stillsteht und der Duft des Grafen Lorcan noch immer in den Paneelen atmet. Dass sie die Mondblume gefunden haben - jene spröde, schwarze Reliquie, die den Kern des Fluches bildet -, ist für die Wächterin ein Dolchstoß direkt in ihr schwarzes Herz.

 

„Nein!“, gellt ihr Ruf durch die versiegelten Fugen. „Wagt es nicht! Rührt sie nicht an, ihr Maden!“

 

Sie rast um das Gebäude wie ein gefangenes Raubtier, ihre Klauen ziehen tiefe Furchen in den Putz, doch das türkisfarbene Siegel des Quellwassers steht fest. Es ist eine unerträgliche Ironie für sie: Die mächtigste Entität des Waldes, die Herrin über Leben und Tod, wird von einem dünnen Streifen leuchtenden Wassers und der Entschlossenheit einer sterblichen Frau aufgehalten. Diese Machtlosigkeit treibt sie in den Wahnsinn. Sie sieht, wie der Mond über ihr immer tiefer in das warnende Orange taucht, ein unerbittlicher Countdown, den sie nun nicht mehr kontrollieren kann.

 

Tief unten im Keller, in der schwülen, dekadenten Wärme des Geheimzimmers, nehmen Lyra und Fenris das Toben nur noch als ein fernes, machtloses Grollen wahr. Die Wächterin mag den Himmel beherrschen, doch hier unten, in der Schatzkammer des Grafen, haben sie ein Refugium gefunden, das ihren eigenen Gesetzen folgt.

 

Lyra blickt von der vertrockneten Mondblume auf zu Fenris. Die Spannung im Raum ist nun so dicht, dass sie fast wie eine physische Berührung auf ihrer Haut lastet. Der Duft der Blume, vermischt mit dem schweren Aroma von Ebenholz und Fenris’ animalischer Hitze, wirkt wie ein Aphrodisiakum des Schicksals. Sie erkennt, dass die Wächterin deshalb so verzweifelt ist: Die Entdeckung der Blume hat das Gleichgewicht verschoben. Lyra hält nun den Schlüssel zur Zerstörung - oder zur Vollendung - des Fluches in ihren zitternden Fingern.

 

Fenris tritt näher, seine massiven Pfoten versinken im tiefen Flor des schwarzen Teppichs. Er ignoriert das Beben der Decke über ihnen. Sein gesamtes Sein ist auf Lyra und die Blume fixiert. In seinen smaragdgrünen Augen spiegelt sich das warme Kerzenlicht wider, doch tief darin erkennt sie ein verzweifeltes, menschliches Flehen. Er weiß, dass dieser Moment über alles entscheiden wird.

 

„Sie kann uns nicht erreichen, Fenris“, flüstert Lyra, und ein triumphierendes, dunkles Lächeln umspielt ihre Lippen. „Sie ist ausgesperrt aus ihrem eigenen Heiligtum. Wir sind allein mit ihm... und mit uns.“

 

Mit einer fast ehrfürchtigen Behutsamkeit legt Lyra die vertrocknete Mondblume zurück auf ihr Bett aus blutrotem Samt. Sie spürt, wie die dunkle Energie der Pflanze noch an ihren Fingerspitzen prickelt, ein elektrisches Nachbeben, das sie bis in ihr Mark erzittern lässt. Doch ihre Aufmerksamkeit gilt nun dem, was darunter lag: den Aufzeichnungen des Grafen Lorcan.

 

Sie greift nach den pergamentenen Blättern, deren Kanten von der Zeit geschwärzt sind. Das Leder des Einbands fühlt sich warm an, fast wie menschliche Haut, und verströmt einen Duft nach Moschus und altem Eisen. Lyra lässt sich auf den tiefen, schwarzen Teppich sinken, direkt neben Fenris, dessen massiver Körper eine Mauer aus pulsierender Hitze an ihrer Seite bildet. Sie lehnt sich gegen seine Flanke, spürt das rhythmische Heben und Senken seines Brustkorbs, während sie das erste Blatt umschlägt.

 

Ihre Stimme erhebt sich in der schwülen Stille des Kellers, leise und melodiös, ein seidiger Kontrast zu dem fernen, machtlosen Toben der Wächterin über ihnen.

 

„... die Nacht kannte kein Ende, und die Schatten in diesem Bett wurden zu Zeugen einer Gier, die den Himmel beleidigte“, liest sie vor, und ihre Worte hängen wie schwerer Rauch im Raum.

 

Fenris legt seinen gewaltigen Kopf in ihren Schoß. Seine smaragdgrünen Augen sind weit geöffnet und fixieren die tanzenden Kerzenflammen, während er den Schilderungen des Grafen lauscht. Lyras Stimme zittert leicht, als sie tiefer in die dunklen Bekenntnisse des Mannes eindringt, der dieses Haus einst zu seinem Palast der Ausschweifung machte.

 

„Ich trank ihren Atem, als wäre er der Wein der Götter“, fährt sie fort, und ihre Finger streichen unbewusst über das raue Fell an Fenris’ Nacken. „In der Vereinigung unserer Leiber gab es kein Ich und kein Du mehr, nur noch das rasende Verlangen, in der Finsternis zu verbrennen. Ich habe sie nicht geliebt - ich habe sie besessen, bis ihre Seele eins wurde mit dem Holz dieses Hauses.“

 

Die Beschreibungen der Liebesnächte sind von einer rohen, fast schmerzhaften Erotik durchzogen. Lorcan schreibt über Berührungen, die wie Brandmale auf der Haut zurückblieben, und über eine Lust, die so absolut war, dass sie den Tod selbst herausforderte. Lyra spürt, wie die Hitze in ihrem eigenen Körper aufsteigt. Die Worte des Grafen wirken wie eine Beschwörung; sie legen sich um ihr Herz und entfachen ein Verlangen, das gefährlich nahe an den Abgrund grenzt, in dem Fenris gefangen ist.

 

Sie liest von Nächten unter dem Blutmond, von rituellen Küssen und dem Versprechen, dass wahre Leidenschaft niemals endet - nicht einmal, wenn das Fleisch zu Staub zerfällt. Sie sucht zwischen den Zeilen nach dem Kern, nach dem einen Fehler in Lorcans dunkler Alchemie, nach dem Wort oder der Tat, die den Fluch besiegelte.

 

„... und so pflanzte ich den Mohn in ihr Blut“, flüstert sie, während sie eine Passage erreicht, die fast unleserlich ist. „Damit sie mich niemals vergisst. Damit jeder, der nach uns in dieses Bett steigt, meinen Hunger spüren muss.“

 

Fenris stößt ein tiefes, gequältes Knurren aus. Er erkennt die Parallele. Er ist der Erbe dieses Hungers, das Gefäß für Lorcans unsterbliche Gier. Lyra sieht ihn an, und in der Dunkelheit des Kellers verschmelzen die Zeitalter. Die dunkle Romantik des Grafen und ihre eigene, verzweifelte Liebe zu dem Wolf werden zu einer einzigen, unaufhaltsamen Kraft.

 

In der samtenen, fast sündhaften Wärme des Kellers liest Lyra weiter. Ihre Stimme hat nun einen dunklen, rauchigen Unterton angenommen, der wie ein unsichtbares Streicheln über Fenris’ Fell gleitet. Die Worte des Grafen entfalten eine hypnotische Kraft, während sie von einer Existenz berichten, die nur aus Exzess und einer unstillbaren Leere bestand.

 

„Sie waren wie Wasser in einer Wüste aus Salz“, flüstert Lyra, und das Pergament knistert unter ihren Fingerspitzen. „Frauen mit Haut wie Seide und Augen wie verlorene Sterne. Ich nahm sie mir in diesem Bett, eine nach der anderen. Ich verzehrte ihre Seufzer und trank ihre Tränen, doch mein Inneres blieb eine Gruft. Keine Berührung brannte tief genug, kein Schrei war laut genug, um das Schweigen meiner Seele zu übertönen.“

 

Fenris’ Körper spannt sich an. Er spürt die bittere Wahrheit in diesen Zeilen - den Fluch eines Begehrens, das niemals Sättigung findet. Lyra liest von den ständig wechselnden Gesichtern in den Kissen des Grafen, von Leibern, die sich unter ihm wanden, nur um am Morgen wie verbrauchte Hüllen weggeworfen zu werden. Lorcan beschreibt seine Lust als eine dunkle Jagd, als einen Krieg gegen die eigene Sterblichkeit, den er Nacht für Nacht verlor.

 

Doch dann ändert sich der Duktus der Schrift. Die Federstriche werden wilder, tiefer in das Papier gepresst, als hätte die Hand des Grafen beim Schreiben gezittert.

 

„Und dann trat sie aus dem Schatten des schreienden Waldes“, liest Lyra mit stockendem Atem vor. „Sie roch nicht nach Parfüm oder Weiblichkeit, sondern nach dem herben Duft von Erde und dem Eisen des Todes. Die Wächterin. Sie suchte nicht meine Gunst, sie forderte meinen Untergang. In ihren Augen sah ich nicht meine eigene Macht gespiegelt, sondern ein bodenloses Nichts, das meinen Hunger nicht nur verstand, sondern ihn mit einer Grausamkeit nährte, die selbst mich erschaudern ließ.“

 

Lyra hält inne. Das Licht der Kerzen flackert unruhig, als würde ein kalter Luftzug durch den hermetisch abgeliegelten Raum ziehen. Sie spürt, wie sich bei der Erwähnung der Wächterin die Atmosphäre im Keller verdichtet. Es war keine Liebe, die Lorcan und diese Entität verband - es war ein Pakt aus Blut und Besessenheit. Die Wächterin war die einzige, die stark genug war, dem Grafen Paroli zu bieten, und sie war es, die seinen ungezähmten Durst in eine ewige Waffe verwandelte.

 

„Sie bot mir die Unsterblichkeit meines Verlangens an“, fährt Lyra leise fort, während ihr Blick über die Zeilen hastet. „Aber der Preis war das Fleisch. Sie versprach mir, dass ich ewig herrschen würde, solange ich bereit war, meine Menschlichkeit in den roten Mohn zu betten. Sie war die Architektin meines Käfigs, und ich ging lachend hinein, geblendet von der Aussicht auf eine Ekstase, die niemals endet.“

 

Fenris stößt ein tiefes, schmerzvolles Grollen aus. Er begreift nun: Der Graf wurde nicht einfach verflucht. Er hat sich der Wächterin hingegeben, um seine Gier zu verewigen. Und nun ist Fenris derjenige, der die Rechnung für diesen wahnsinnigen Pakt bezahlt.

 

Lyra blickt auf den Wolf hinab, und eine Welle aus Mitleid und loderndem Beschützerinstinkt überrollt sie. Sie erkennt, dass die Wächterin deshalb so verzweifelt gegen das Haus brandet - sie hat Angst, dass Lyra die Schwachstelle in diesem uralten Vertrag findet.

 

In der flirrenden Hitze des Kellers, wo das Aroma von Ebenholz und Schweiß zu einer berauschenden Essenz verschmilzt, dringen Lyras Worte tiefer in die dunkelsten Labyrinthe von Lorcans Seele vor. Ihre Stimme ist jetzt nur noch ein sündiges Wispern, das die Grenzen zwischen der Vergangenheit und der lodernden Gegenwart im Raum verwischt.

 

„Sie war kein Weib, sie war eine Offenbarung des Abgrunds“, liest sie, und ihre Augen weiten sich bei den expliziten Schilderungen des Grafen. „Was ich bei den Sterblichen vergeblich suchte, gab sie mir mit einer Grausamkeit, die mein Blut in flüssiges Feuer verwandelte. Sie kannte keine Scham, keine Gnade, keine Grenzen. In ihren Armen war ich nicht länger ein Herrscher, sondern ein Sklave meiner eigenen, dunkelsten Neigungen.“

 

Lyra spürt, wie ihre eigene Haut auf die Worte reagiert. Die Schilderungen sind von einer rohen, fast schmerzhaften Erotik durchzogen. Lorcan beschreibt, wie die Wächterin ihn in den Wahnsinn trieb, wie sie seinen Hunger nach Dominanz und Unterwerfung mit einer Perfektion nährte, die kein menschliches Wesen jemals hätte erreichen können. Sie war seine sexuelle Erfüllung - ein dunkler Spiegel seiner tiefsten, verborgensten Fantasien.

 

„Nacht für Nacht riss sie mir die Seele aus dem Leib, nur um sie in Momenten ekstatischer Pein wieder zusammenzufügen“, fährt Lyra fort, und ihr Atem geht stoßweise. „Sie gab mir alles, wonach ich mich in meiner gottlosen Einsamkeit gesehnt hatte. Sie lehrte mich, dass Lust die einzige Wahrheit ist, die den Tod überdauert. Ich war ihr verfallen, nicht aus Liebe, sondern weil sie die einzige war, die den Sturm in meinem Unterleib zu bändigen wusste.“

 

Fenris’ Körper ist nun bis zum Zerreißen gespannt. Das Tier in ihm reagiert auf die Schwingungen dieser Sätze. Die animalische Lust, die ihn als Wolf ohnehin schon quält, wird durch die Schilderungen des Grafen zu einer unerträglichen Last. Er drückt seine Schnauze gegen Lyras Schenkel, und sie spürt die enorme Hitze, die von ihm ausgeht - ein Feuer, das direkt aus Lorcans Erbe gespeist zu werden scheint.

 

Lyra begreift die Perfidie des Fluches: Die Wächterin hat Lorcan durch seine eigene Gier angekettet. Sie hat ihn in einen Rausch der Sinne getrieben, bis er bereit war, alles aufzugeben, nur um diese eine, zerstörerische Erfüllung immer wieder zu erleben. Und nun steht sie draußen vor der Tür und tobt, weil sie fürchtet, dass Lyra und Fenris eine Form von Verbundenheit gefunden haben, die über die reine, dunkle Lust des Grafen hinausgeht.

 

„Sie trieb mich in den Wahnsinn“, liest Lyra die letzte Passage dieser Seite, „und in diesem Wahnsinn fand ich meine Ewigkeit. Wir verschmolzen in einem Bett aus Mohn und Schatten, bis das Blut der Welt um uns herum verblasste.“

 

Lyra lässt das Blatt sinken. Die sexuelle Spannung im Keller ist nun so greifbar, dass die Kerzenflammen fast zu erlöschen drohen. Sie sieht auf Fenris hinab, und in diesem Moment erkennt sie, dass sie nicht nur gegen eine Hexe und einen Fluch kämpft, sondern gegen das verlockende Echo einer Lust, die so mächtig ist, dass sie Jahrhunderte überdauert hat.

 

Fenris spürt es. Er spürt, wie die Worte des Grafen Lyra verführen, wie sie sich in ihr Fleisch graben und eine dunkle Saite in ihrer Seele zum Schwingen bringen. Er riecht, wie ihr Atem flacher wird, wie der Duft ihrer Haut sich verändert - süßer, animalischer, wie eine Blüte, die sich unter der Hitze der Sonne öffnet. Es ist derselbe Duft, den er in ihren leidenschaftlichsten Nächten in der Nase hatte, jener Geruch, der ihn in den Wahnsinn trieb und ihn dazu brachte, sie immer und immer wieder zu nehmen. Er sieht, wie ihre Augen unter den geschlossenen Lidern zucken, wie sich ihre Brust hebt und senkt, fast so, als würde sie selbst die Ekstase des Grafen erleben.

 

Die Schilderungen Lorcans haben nicht nur Lyra ergriffen; sie haben das Tier in Fenris zu einer rasenden Bestie gemacht. Er erträgt es nicht, sie so zu sehen, so entrückt, so nah an dem Abgrund, den der Graf einst erschuf. Ein tiefes, grollendes Knurren entfährt seiner Kehle, ein Laut, der die Hitze und die Verzweiflung seiner tierischen Natur offenbart.

 

Mit einer jähen, explosiven Bewegung springt Fenris auf. Der Sarkophag bebt, die Kerzenflammen tanzen wild, und das Pergament raschelt zu Boden. Die rohe, ungebändigte Kraft, die von seinem massiven Körper ausgeht, ist so intensiv, dass Lyra zusammenzuckt. Er schlägt mit einer Pranke auf den schwarzen Teppich, ein dumpfer Schlag, der durch den gesamten Keller vibriert.

 

Seine smaragdgrünen Augen leuchten in der Dunkelheit wie bösartige Edelsteine. Das menschliche Bewusstsein in ihm schreit auf gegen die animalische Gier, die seine Sinne zu überfluten droht. Er will sie. Er will sie jetzt, hier, in diesem verfluchten Raum, um diese schändliche Geschichte des Grafen aus ihrem Verstand zu reißen. Er will ihr zeigen, dass seine Liebe, seine Leidenschaft, seine rohe, ungeschliffene Begierde tausendmal realer ist als die perversen Exzesse eines Toten.

 

Doch in dieser Gestalt darf das nicht sein.

 

Der Fluch nagt an ihm, treibt ihn in den Wahnsinn. Er ist ein Wolf - eine Bestie, die sich nur durch Instinkt und Dominanz ausdrücken kann. Er kann sie nicht auf diese Weise lieben, nicht so, wie er es als Mann könnte. Seine Klauen, seine Zähne - sie sind Waffen, keine Instrumente der Zärtlichkeit. Das menschliche Gefängnis in seinem Inneren schreit vor Qualen, weil er sie nicht so berühren kann, wie er es will, nicht so, wie sie es verdient.

 

Fenris tritt in schnellen, nervösen Schritten durch den Raum, sein Atem geht stoßweise, und seine Flanken beben. Er umkreist Lyra, die noch immer auf dem Boden sitzt, ihre Augen weit und fiebrig. Die sexuelle Spannung zwischen ihnen ist so dicht, dass sie fast zu ersticken droht. Er kann ihren verlockenden Duft nicht ertragen, die Art, wie ihr Körper nach ihm verlangt, obwohl sie von den Worten eines anderen Mannes berauscht ist.

 

Er weiß, dass er eine Entscheidung treffen muss. Er muss sich von ihr entfernen, bevor er etwas tut, das sie beide für immer bereuen würden. Doch jeder Zentimeter, den er sich von ihr entfernt, ist eine körperliche Pein.

 

„Fenris...“, haucht Lyra, und ihre Stimme ist ein flehendes Wispern, das ihn fast zum Umkehren zwingt.

 

Fenris erträgt die schwüle, mit Wollust und alten Sünden getränkte Luft des Kellers nicht mehr. Jedes Wort der Aufzeichnungen war wie ein Peitschenhieb auf seine animalischen Instinne, und Lyras veränderter Geruch - dieses süße, berauschende Aroma einer Frau, die bereit ist, sich hinzugeben - treibt ihn an den Rand des Wahnsinns. Er ist eine Bestie, ja, aber der Mann in ihm weigert sich, sie als solche zu nehmen.

 

Mit einem letzten, gequälten Knurren, das tief aus seiner Brust bricht, wendet er sich ab. Er ignoriert den fragenden, fiebrigen Blick in Lyras Augen und stürmt die steinerne Treppe hinauf. Seine Krallen scharren auf dem Schiefer, Funken sprühen in der Dunkelheit, während er dem betörenden Duft des Grafen entflieht.

 

Oben im Haus ist die Atmosphäre kälter, schärfer. Die Stille, die hier herrscht, ist trügerisch. Die Wächterin tobt nicht mehr; das Kreischen und Kratzen an den Außenwänden hat aufgehört. Doch Fenris lässt sich nicht täuschen. Er spürt ihre Präsenz wie ein statisches Prickeln in seinem Fell. Sie hält sich in der Nähe auf, verborgen im Schatten der knorrigen Eichen, wartend wie eine Spinne in ihrem Netz. Sie ist jetzt ruhig, lauernd, ein Raubtier, das begriffen hat, dass rohe Gewalt gegen das türkisfarbene Siegel nichts ausrichtet.

 

Fenris läuft unruhig im Flur auf und ab. Die Wände des Hauses scheinen auf ihn zuzurücken. Die schwere, schwarze Samtvorhänge, die er einst selbst anbrachte, wirken nun wie Leichentücher, die ihm den Sauerstoff rauben. Er braucht Luft. Er braucht die Kälte der Nacht, um das lodernde Feuer in seinem Unterleib und den Nebel in seinem Verstand zu löschen.

 

Er muss weg von Lyra. Jede Sekunde in ihrer Nähe, in der er ihre nackte Sehnsucht riecht und sie doch nicht als Mann berühren kann, ist eine Folter, die schlimmer ist als die Peitschenhiebe der Wächterin. Er fürchtet sich vor sich selbst - vor der rohen Gewalt seines Begehrens, die droht, die letzten Reste seiner Menschlichkeit zu verschlingen.

 

Er steuert auf die Hintertür zu, die nicht so stark versiegelt ist wie das Hauptportal. Sein ganzer Körper bebt unter der Anspannung. Er weiß, dass die Wächterin draußen wartet. Er weiß, dass er sich in Lebensgefahr begibt, wenn er den Schutzraum verlässt. Doch der Drang nach Freiheit, nach der kühlen Klärung seiner Sinne im Wald, ist stärker als die Angst vor dem Tod.

 

Er muss ein Tier sein, ganz Tier, um den Schmerz des Mannes zu vergessen.

 

Mit einem kräftigen Stoß seiner massiven Schulter drängt er gegen den Riegel. Er will hinaus in das orangefarbene Licht des sterbenden Mondes, will rennen, bis seine Lungen brennen und das Verlangen nach Lyra zu einem fernen Echo wird.

 

Fenris verharrt vor der Hintertür, die massiven Muskeln unter seinem Fell wie Stahlseile gespannt. Seine Krallen haben sich bereits tief in das weiche Holz des Rahmens gegraben, bereit, das Hindernis zwischen ihm und der rettenden Kälte der Nacht zu zerfetzen. Er giert nach dem Wind, nach der Freiheit, nach der Erlösung von dem unerträglichen Verlangen, das ihn im Keller fast in den Wahnsinn getrieben hat.

 

Doch im selben Moment, in dem er den Riegel unter seinem massiven Gewicht knirschen hört, durchzuckt ihn eine grausame Klarheit. Es ist nicht nur die Angst der Bestie; es ist die warnende Stimme des Mannes, der er einst war.

 

Er weiß: Wenn er diese Tür jetzt öffnet, bricht er nicht nur sein eigenes Exil - er bricht den Schutzwall, den Lyra mit ihrem Blut und dem Quellwasser so mühsam errichtet hat. Die Wächterin wartet nur darauf. Sie lauert da draußen im orangefarbenen Zwielicht des Mondes, ein hungriger Schatten ohne Gnade. In ihren Augen ist Lyra nicht länger nur ein unbedeutender Mensch, der ihr im Weg steht. Lyra ist eine Rivalin.

 

Die Wächterin will nicht nur den Grafen zurück; sie will das Erbe der Lust, das in diesem Haus atmet, für sich allein. Sie sieht, wie Lyra den Grafen durchschaut hat, wie sie die Mondblume berührt hat, ohne zu vergehen. Sie hasst Lyra für die Art, wie sie den Wolf ansieht - mit einem Begehren, das reiner und mächtiger ist als die dunkle Besessenheit, die die Hexe einst mit Lorcan verband. Wenn Fenris das Haus verlässt, wird die Wächterin in das Vakuum seiner Abwesenheit stoßen wie ein vergifteter Dolch. Sie wird Lyra nicht einfach töten; sie wird sie vernichten, ihre Seele zerreißen und ihren Körper vor dem Bett des Grafen schänden, nur um Fenris zu zeigen, dass es keine Hoffnung auf menschliche Liebe gibt.

 

Ein tiefes, verzweifeltes Knurren vibriert in Fenris’ Kehle. Er presst seine Stirn gegen das kühle Holz der Tür. Die Hitze in seinem Unterleib, die Sehnsucht nach Lyras Haut, kämpft gegen den mörderischen Instinkt, sie zu beschützen. Er kann nicht gehen. Er ist ihr Wächter und gleichzeitig ihre größte Gefahr.

 

Er ist gefangen. Wenn er bleibt, droht er, sie in seinem animalischen Rausch zu verlieren. Wenn er geht, liefert er sie einer rachsüchtigen Göttin aus.

 

Er dreht sich langsam um. Sein Blick fällt den dunklen Flur hinunter, dorthin, wo das schwache, goldene Flackern der Kerzen aus dem Kellerloch dringt. Er hört das leise Rascheln des Pergaments - Lyra ist noch dort unten, allein mit den Geistern des Grafen und den sündigen Versprechen seiner Vergangenheit.

 

Die sexuelle Spannung, die eben noch fluchtartig aus ihm herausgedrängt hat, kehrt nun mit doppelter Wucht zurück, angereichert durch den bitteren Geschmack der Todesgefahr. Er wird nicht fliehen. Er wird den Kampf hier drinnen austragen, im Herzen des Fluchs.