Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 26

Die Schwelle aus Fleisch und Blut


Während Fenris als Wächter zwischen Keller und Welt verharrt, zerreißt Lyras Opferbereitschaft für ihn die Ketten des Fluchs. Im Moment größter Verzweiflung erzwingt ihre Liebe das Unmögliche: Fenris kehrt für einen flüchtigen Augenblick als Mann zurück. Doch dieses Wunder ist nur das Auge des Sturms - draußen wartet die Wächterin, und der endgültige Kampf rückt unausweichlich näher.


Fenris zieht sich von der Tür zurück, doch er flieht nicht. Er positioniert seinen gewaltigen, dunklen Körper direkt am oberen Ende der Kellertreppe, dort, wo die Schatten des Flurs auf den aufsteigenden, warmen Lichtschein der Kerzen treffen. Er legt sich nicht nieder; er steht aufrecht, ein unheilvoller Wächter an der Schwelle zwischen zwei Welten. Seine Muskeln unter dem pechschwarzen Fell sind so stark angespannt, dass sie zittern, ein stummes Zeugnis des Krieges, der in seinem Inneren tobt.

 

Er darf nicht zu ihr hinuntergehen. Er darf nicht.

 

Die Sehnsucht nach Lyra ist kein bloßes Verlangen mehr; sie ist ein Parasit, der sich durch seine Adern frisst, ein glühender Schmerz, der jede Faser seines Seins beansprucht. Er riecht sie von hier oben - diesen betörenden Duft nach Unschuld, Hingabe und der dunklen Erregung, die die Aufzeichnungen des Grafen in ihr entfacht haben. Es ist eine Folter, die ihm den Atem raubt. Der Mann in ihm will sie in die Arme schließen, sie trösten und vor dem Grauen des Kellers bewahren, doch die Bestie will sie unterwerfen, will den Duft des Grafen von ihrer Haut lecken und sie mit einer Intensität besitzen, die keine menschliche Sprache kennt.

 

Er presst seine Flanken gegen den Türrahmen, um sich physisch zurückzuhalten. Sein Blick ist starr nach unten gerichtet, dorthin, wo er ihren Schatten an der gegenüberliegenden Wand des Kellers tanzen sieht. Jede ihrer Bewegungen, das ferne Umblättern des Pergaments, das leise Rascheln ihres Kleides – es sind Nadelstiche in seinem Fleisch.

 

Draußen lauert die Wächterin, lauernd und hasserfüllt, doch die größere Bedrohung spürt er hier drinnen, im pochenden Rhythmus seines eigenen Blutes. Er ist der Wolf an der Schwelle, der einzige Schutz zwischen Lyra und der rachsüchtigen Welt da draußen, und doch fühlt er sich wie ihr schlimmster Feind. Die dunkle Romantik des Grafen Lorcan und die bösartige Magie der Wächterin haben sich verschworen, um seine Liebe in ein Instrument der Qual zu verwandeln.

 

„Lyra“, grollt es tonlos in seiner Kehle, ein Name, der wie eine heilige Beschwörung und zugleich wie ein Fluch klingt.

 

Er bewacht sie. Er ist ihre letzte Bastion, ihr schweigender Beschützer. Er wird eher sein Leben lassen, als dass die Wächterin einen Fuß über diese Schwelle setzt, doch der Preis für diese Treue ist ein Hunger, der ihn von innen heraus auszuhöhlen droht. Er steht im Dunkeln, während sie im Licht der Sünden des Grafen badet, getrennt durch eine Treppe, die sich in diesem Moment wie eine unendliche Schlucht anfühlt.

 

In der samtenen, fast sündhaften Wärme des Kellers, wo das Licht der Kerzen wie flüssiges Gold über die schwarzen Paneele fließt, dringen Lyras Worte tiefer in die dunkelsten Labyrinthe von Lorcans Seele vor. Das Pergament in ihren Händen fühlt sich spröde an, beinahe brüchig, und die Tinte ist hier in hastigen, panischen Strichen aufgetragen - ein Dokument des Entsetzens, das der Graf niemals abschickte.

 

Plötzlich stockt ihr der Atem. Ihre Augen fliegen über die Zeilen, während das Kerzenlicht auf dem Papier tanzt.

 

„... die Blüte, die sie mir im Herzen des Waldes darbot“, liest sie mit belegter Stimme vor, so leise, dass es kaum mehr als ein Hauch ist. „Sie nannte sie die Mondblume, doch sie ist der fleischgewordene Neid der Erde. Wer von ihrem Saft kostet, wenn der Mond die Farbe von Blut annimmt, dessen Seele wird gespalten. Das Tier bricht hervor, nicht als Strafe, sondern als Spiegel des inneren Hungers.“

 

Lyra presst die Hand auf ihr Herz. Die Worte brennen sich in ihren Verstand. Hier steht es schwarz auf weiß: Die Verwandlung von Fenris war kein willkürlicher Akt, sondern eine gezielte Alchemie durch diese Blume. Der Brief beschreibt weiter, dass sie an einem Ort gedeiht, an dem das Blut eines Unschuldigen die Wurzeln genährt hat - eine Stelle im Wald, im Schatten der Krypta, in der Samuel jetzt im Sterben liegt.

 

„Fenris“, ruft sie nun lauter, und ihre Stimme lässt die Spannung im Raum wie eine gespannte Saite vibrieren. „Hör mir zu! Es ist die Lichtung. Jene wunderschöne, silberne Lichtung, an der du damals warst, als du mich vor der Wächterin schützen wolltest. Du hast an ihr gerochen. Du hast ihren Duft eingeatmet, bevor der Fluch dich ganz verschlang.“

 

Sie erinnert sich an den Moment: Die Lichtung, die wie ein friedliches Paradies wirkte, ein Ort aus unberührtem Weiß und zartem Grün, mitten im verdorbenen Wald. Dort steht sie, die Mondblume, wunderschön und tödlich zugleich.

 

„Lorcan schreibt, dass die Blume das einzige Gefäß ist, das den Geist des Tieres wieder binden kann“, fährt sie fieberhaft fort. „Es gibt eine Gegen-Zeremonie. Wenn man die Essenz einer frischen Mondblume mit dem Blut desjenigen vermischt, der den Wolf liebt...“

 

Sie hält inne, ihre Augen weiten sich vor Erkenntnis. Das ist der Schlüssel. Die Wächterin hat Fenris verwandelt, indem sie ihn an dieser Blume riechen ließ, doch der Fluch kann umgekehrt werden, wenn die Blume durch ein Opfer der Liebe neutralisiert wird.

 

„Es ist der Wald, Fenris“, sagt sie, erhebt sich und starrt die Treppe hinauf in die Dunkelheit, wo seine grünen Augen wie brennende Smaragde leuchten. „Wir müssen zurück zu dieser Lichtung. Wir müssen die Blume finden, solange der Mond orange glüht. Das ist unsere einzige Chance, dich als Mann zurückzuholen.“

 

Oben an der Schwelle stößt Fenris ein tiefes, erschüttertes Grollen aus. Er erinnert sich an den süßen, betäubenden Duft der Blume auf der Lichtung - ein Duft, der ihn damals berauschte, während er versuchte, Lyra zu retten. Die Gefahr ist absolut, denn die Wächterin lauert genau dort, im Schatten der Krypta. Aber das Versprechen auf eine Zukunft, in der er sie wieder mit menschlichen Händen berühren kann, lässt die Bestie in ihm vor Entschlossenheit beben.

 

Mit einer fast feierlichen Langsamkeit legt Lyra das spröde Pergament zurück in den hölzernen Sarkophag des Grafen. Sie streicht noch einmal über das kühle, schwarze Ebenholz, als wolle sie das Geheimnis darin versiegeln. Hier, in der Tiefe dieses Hauses, beschützt durch die dunkle Aura Lorcans und das türkisfarbene Siegel an der Tür, ist das Wissen sicher. Die Wächterin kann diesen Ort nicht entweihen; sie kann das Protokoll ihres eigenen Verrats nicht vernichten.

 

Doch das Wissen allein reicht nicht mehr aus. Es ist nur die Theorie einer Erlösung, die erst im Fleisch und im Blut vollendet werden muss.

 

Lyra richtet sich auf. Ihre Gestalt wirkt in dem flackernden Kerzenlicht zerbrechlich und doch unbeugsam. Ein dunkles Feuer brennt in ihrem Blick, eine Entschlossenheit, die jede Furcht vor dem Tod in den Schatten stellt. Sie weiß genau, was sie tut. Sie weiß, dass sie in dem Moment, in dem sie das Haus verlässt, das sichere Territorium gegen ein Schlachtfeld eintauscht. Sie begibt sich zurück in das Reich der Wächterin, dorthin, wo der Wald atmet und die Schatten Zähne haben.

 

„Ich gehe zurück“, flüstert sie, und ihre Stimme hallt wie ein Urteil durch den Keller. „Ich hole mir das Leben zurück, das sie dir gestohlen hat, Fenris.“

 

Sie weiß, dass dies ihr endgültiges Todesurteil sein könnte. Die Wächterin wird keine Gnade kennen, wenn sie Lyra auf dem Weg zur Lichtung abfängt. Sie wird sie jagen, sie wird die Wurzeln des Waldes nach ihren Knöcheln greifen lassen und versuchen, ihr das Herz aus der Brust zu reißen, bevor sie auch nur eine einzige Blüte der Mondblume berühren kann. Aber das Verlangen, Fenris wieder als Mann zu spüren - die Sehnsucht nach seiner nackten Haut, nach dem Gewicht seines menschlichen Körpers auf dem ihren -, ist mächtiger als der Selbsterhaltungstrieb.

 

Sie steigt die Treppe hinauf, Stufe um Stufe, dem Licht entgegen. Fenris weicht keinen Zentimeter von der Schwelle. Er beobachtet sie mit einer Mischung aus ehrfürchtiger Bewunderung und animalischer Angst. Das Tier in ihm will sie im Haus einschließen, sie mit seinem eigenen Körper vor der Welt verbergen, doch der Mann in ihm erkennt die göttliche Wildheit in ihrem Wesen an.

 

Oben angekommen, tritt sie direkt in seinen Dunstkreis. Sie spürt das elektrische Prickeln auf ihrer Haut, das von seinem Fell ausgeht. Draußen hat sich das Orange des Mondes vertieft, ein rötlicher Schimmer liegt nun auf der Welt, wie eine Warnung, dass die Zeit des Schweigens vorbei ist.

 

„Lass uns gehen“, sagt sie und greift entschlossen nach dem schweren Riegel der Tür. „Bevor Samuel sein Licht verliert. Bevor der Mond uns die Wahl nimmt.“

 

Sie sieht ihn an, und in diesem Augenblick der absoluten Gefahr erreicht ihren Höhepunkt. Es ist die Ekstase derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Wenn sie sterben, dann gemeinsam, im Herzen des Waldes, auf jener Lichtung, die der Ursprung ihres Fluchs und das Ziel ihrer Sehnsucht ist.

 

In der bedrückenden Enge des Flurs, direkt an der Schwelle zwischen der Sicherheit des Hauses und der mörderischen Nacht, geschieht etwas Unvorhersehbares. Lyras nackte, lodernde Entschlossenheit wirkt auf Fenris wie ein katalytisches Gift. Als sie nach dem Riegel greift, bereit, ihr Leben für das seine zu geben, bricht in seinem Inneren ein Damm. Es ist, als würde die schiere Intensität ihrer Liebe gegen die eisernen Fesseln des Fluches prallen und einen Kurzschluss in seiner Existenz verursachen.

 

Fenris’ Körper spielt plötzlich vollkommen verrückt. Seine gewaltigen Muskeln unter dem pechschwarzen Fell beginnen sich in grotesken Schüben zu verkrampfen, als würden unsichtbare Drähte ihn von innen heraus zerreißen. Ein qualvolles, markerschütterndes Heulen bricht aus seiner Kehle - ein Laut, der so voller Pein und animalischer Verzweiflung ist, dass die Wände des Hauses zu erzittern scheinen. Er sackt in sich zusammen, die Krallen graben sich tief in die Dielen, während sein ganzer Leib in einer unnatürlichen Agonie bebt.

 

Lyra erstarrt. Die Hand noch am kalten Metall des Riegels, wirbelt sie herum. Ihr Herz setzt für einen Schlag aus, als sie sieht, wie die mächtige Bestie vor ihren Füßen unter Schmerzen einknickt, die jenseits jeder Vorstellungskraft liegen.

 

„Fenris!“, haucht sie, und ihr Entsetzen ist physisch greifbar.

 

Sofort schießt ihr ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf. Die Wächterin. Sie muss es sein. Draußen im orangenen Licht des Mondes hat die Hexe begriffen, dass sie das Geheimnis der Mondblume gelüftet haben. Lyra glaubt, dass die Wächterin nun ihre dunkle Macht wie eine unsichtbare Schlinge um Fenris' Kehle zieht, um ihn daran zu hindern, das Haus jemals zu verlassen. Sie denkt an Samuel, der in der Krypta verblutet, und glaubt, dass die Hexe nun auch Fenris aus der Ferne foltert, ihn mit Schmerzwellen überzieht, um seinen Willen endgültig zu brechen.

 

Doch während sie ihn beobachtet, bemerkt sie etwas Verstörendes. Es ist nicht nur der Schmerz der Unterdrückung. Die Luft um Fenris herum beginnt zu flirren, gesättigt mit dem Geruch von Ozon und heißem Blut. Die sexuelle Spannung, die sie beide im Keller beinahe verzehrt hat, scheint sich nun in eine rohe, zerstörerische Energie verwandelt zu haben, die Fenris’ Gestalt angreift. Es ist, als würde sein menschlicher Kern mit einer solchen Gewalt gegen die Wolfshülle hämmern, dass die physischen Grenzen seines Körpers zu bersten drohen.

 

Er windet sich am Boden, das Grün seiner Augen flackert wie sterbende Sterne. Jeder Muskelstrang scheint sich unter der Haut zu verschieben, ein schmerzhaftes Ballett aus Fleisch und Magie.

 

„Hör auf damit!“, schreit Lyra in die Leere, in der Hoffnung, dass die Wächterin sie hört. „Lass ihn los!“

 

Sie stürzt sich auf ihre Knie, direkt in den Dunstkreis seiner Qual, und versucht, seine bebenden Flanken zu berühren, obwohl sie weiß, dass die Energie, die ihn gerade zerreißt, auch sie vernichten könnte. In diesem Moment der absoluten Hilflosigkeit verschmilzt ihr Mitleid mit einer. Sie sieht das Tier leiden und liebt den Mann darin so sehr, dass sie bereit wäre, den Schmerz auf sich zu nehmen.

 

Das Haus ist kein Zufluchtsort mehr; es ist ein Resonanzkörper des Schmerzes geworden. Fenris windet sich auf den dunklen Dielen, und das Geräusch, das seiner Kehle entweicht, zerreißt Lyra das Herz. Es ist kein heroisches Knurren mehr, kein grollender Protest eines stolzen Raubtiers. Es ist ein hohes, klagendes Jaulen - der Laut eines geschlagenen Hundes, der unter der Peitsche eines unsichtbaren Sadisten zusammenbricht. Jeder Wirbel seiner Wirbelsäule scheint sich einzeln zu krümmen, seine Muskeln knoten sich unter dem Fell zu steinharten Wulsten zusammen, als würde sein eigenes Skelett versuchen, aus der Haut zu brechen.

 

Lyras Panik steigt wie eine kalte, schwarze Flut in ihr auf. Sie sieht, wie seine Augen vor Qual nach hinten rollen, und die Ohnmacht, ihm nicht helfen zu können, treibt sie in den Wahnsinn.

 

„Hör auf!“, gellt ihr Schrei durch den Flur, während sie sich über ihn wirft, ihre Hände tief in sein bebendes Fell graben. „Lass ihn in Ruhe, du Monster!“

 

Sie wirbelt herum und starrt die schwere Eichentür an. Das türkisfarbene Siegel flackert in einem kränklichen Rhythmus, als würde es unter einem enormen Druck von außen nachgeben. In diesem Moment spürt sie es mit einer elektrischen, grausamen Gewissheit: Die Wächterin steht nicht mehr im Garten. Sie steht nicht mehr im Wald. Sie steht direkt hinter diesem Holz.

 

Lyra kann das eiskalte Jenseits riechen, das durch die Schlüssellöcher sickert - den Geruch von gefrorener Erde und Grabesblumen. Die Präsenz der Hexe ist so dicht, dass die Luft im Flur zu gefrieren scheint. Sie spürt den hasserfüllten Blick der Wächterin durch das Material der Tür, ein mörderisches Warten. Die Hexe spielt mit Fenris wie mit einer Marionette; sie zieht an den Fäden seines Fluches, lässt ihn vor Schmerz tanzen, nur um Lyra zur Verzweiflung zu treiben.

 

Sie weiß, dass die Wächterin nur darauf wartet, dass Lyra die Beherrschung verliert. Dass sie den Riegel in einem Anfall von panischem Mitleid zurückreißt, um den Schmerz zu beenden. Es ist eine perverse Falle: Die Liebe, die Fenris retten soll, wird hier als Waffe gegen ihn benutzt.

 

„Ich weiß, dass du da bist!“, schreit Lyra gegen das Holz, während Fenris’ Körper in einem neuen Krampf erzittert und seine Krallen tiefe Furchen in den Boden pflügen. „Du willst, dass ich öffne, aber du wirst ihn nicht kriegen! Nicht so!“

 

Doch Fenris’ Jaulen wird leiser, erstickter, als würde ihm die Kehle zugeschnürt. Die erotische Energie, die sie eben noch im Keller geteilt haben, wirkt jetzt wie ein Katalysator für seine Folter. Jede Faser seines Wesens schreit nach Erlösung, und die einzige Tür zu dieser Erlösung bewacht die Frau, die er liebt - während das Wesen, das ihn zerstören will, nur einen Atemzug entfernt auf der anderen Seite der Schwelle lauert.

 

Lyra hält es nicht mehr aus. Das klagende Jaulen, das durch Mark und Bein fährt, zerreißt das letzte Bisschen ihrer Beherrschung. Die Liebe zu diesem gequälten Wesen übersteigt ihre Angst um das eigene Leben. Mit einem Gesicht, das vor Entschlossenheit so bleich ist wie der Mond selbst, erhebt sie sich vom Boden. Ihr Kleid raschelt über das Blut und den Staub des Flurs, während sie auf die versiegelte Tür zugeht.

 

„Hör auf!“, schreit sie, und ihre Stimme bricht vor Verzweiflung. „Nimm mich! Beende seine Qualen und nimm mein Leben als Preis, aber lass ihn frei!“

 

Ihre Hand zittert, als sie nach dem schweren Riegel greift. Sie spürt die eisige Gier der Wächterin auf der anderen Seite, ein hasserfülltes Saugen, das nur darauf wartet, dass die Barriere fällt. Lyra ist bereit, sich zu opfern, bereit, in die Schwärze zu treten, nur damit dieses jämmerliche Jaulen hinter ihr verstummt.

 

Doch in dem Moment, als das Metall des Riegels unter ihrem Druck zu knirschen beginnt, geschieht das Unmögliche.

 

Hinter ihr bricht das Geräusch von berstenden Knochen und reißendem Fleisch los, aber es ist nicht das Geräusch des Todes - es ist der Klang einer gewaltsamen Wiedergeburt. Ein markerschütterndes Keuchen füllt den Raum, so tief und menschlich, dass Lyra mitten in der Bewegung erstarrt.

 

Sie wirbelt herum.

 

Dort, wo eben noch die Bestie im Staub lag, vollzieht sich eine Metamorphose, die jede Naturgesetzmäßigkeit spottet. Das dichte, pechschwarze Fell zieht sich in schmerzhaften Schüben in die Poren zurück, wie Schatten, die vor der Morgensonne fliehen. Die massiven Wolfspfoten strecken sich, Finger bilden sich aus dem Nichts, Nägel krallen sich in das Holz der Dielen. 

 

Fenris verwandelt sich zurück.

 

Nicht durch das Licht des Blutmondes, nicht durch ein rituelles Gebet, sondern durch die schiere, alles verzehrende Gewalt von Lyras Opferbereitschaft. Ihre Entscheidung, sich für ihn zu geben, hat die Ketten des Fluches für einen flüchtigen, gewaltigen Moment gesprengt.

 

Dort, auf dem dunklen Boden, liegt nun ein Mann. Seine Haut ist feucht von Schweiß und dem restlichen Glanz der Magie, seine Muskeln zittern nach der unvorstellbaren Anspannung der Verwandlung. Er ist nackt, schutzlos und doch von einer herben, dunklen Erhabenheit. Das schwarze Haar klebt ihm in nassen Strähnen im Nacken, und als er den Kopf hebt, sieht Lyra nicht mehr in die Augen einer Bestie.

 

Es ist Fenris. Der Mann. Seine smaragdgrünen Augen brennen jetzt mit einer menschlichen Intelligenz und einem Verlangen, das so tief und dunkel ist, dass es Lyra den Atem raubt. Die  Spannung im Raum entlädt sich wie ein Blitzschlag. Die rohe Männlichkeit, die von ihm ausgeht, die Kraft seiner breiten Schultern und die Verletzlichkeit seiner menschlichen Gestalt bilden eine Einheit, die Lyra fast in die Knie zwingt.

 

Draußen vor der Tür erstirbt jedes Geräusch. Die Wächterin ist verstummt, als hätte dieser Akt der Menschwerdung ihr die Sprache geraubt.

 

Fenris atmet schwer, seine Brust hebt und senkt sich stoßweise. Er blickt an sich herab, auf seine menschlichen Hände, dann auf zu Lyra. Ein heiseres, tiefes Wort bricht sich Bahn aus seiner Kehle - sein erster menschlicher Laut seit einer Ewigkeit:

 

„Lyra...“

 

Lyra lässt den kalten Eisenriegel los, als wäre er glühendes Metall. Sie stürzt auf die Knie, ihre Bewegungen ungelenk vor jähem, überwältigendem Unglauben. Der Boden unter ihr vibriert noch immer von der Gewalt seiner Verwandlung, doch alles, was sie sieht, ist er. Kein Fell mehr, das ihre Berührung abweist, keine Krallen, die Distanz erzwingen.

 

„Fenris...“, haucht sie, und sein Name bricht aus ihr heraus wie ein Gebet, das nach Jahren der Stille endlich erhört wurde.

 

Sie wirft sich in seine Arme, eine Bewegung aus purer, instinktiver Notwendigkeit. Als ihr Körper auf den seinen trifft, entlädt sich die aufgestaute Qual der letzten Stunden in einem einzigen, heftigen Schauder. Sie schlingt ihre Arme um seinen Nacken, presst ihre Haut gegen seine nackten, bebenden Schultern und vergräbt ihr Gesicht in der Mulde seines Schlüsselbeins.

 

 

Er ist wieder da.

 

Ihre Finger graben sich in das lebendige Fleisch seines Rückens, tasten über die harten, definierten Muskelstränge, die unter der schweißnassen Haut noch immer von der Agonie der Verwandlung zucken. Er riecht noch nach dem Tier – ein schwerer, wilder Duft nach Wald, Moschus und dem metallischen Beigeschmack von Magie -, doch darunter spürt sie die Hitze seiner menschlichen Existenz. Es ist eine glühende, vitale Wärme, die sie wie eine Welle überrollt.

 

Fenris stößt ein tiefes, menschliches Keuchen aus und schließt seine Arme um sie. Sein Griff ist fest, fast schmerzhaft, als müsste er sich selbst davon überzeugen, dass seine Hände sie wirklich halten können, ohne sie zu zerfetzen. Lyra spürt das heftige Hämmern seines Herzens gegen ihre eigene Brust; es ist ein wilder, unregelmäßiger Rhythmus.

 

Die nackte Verletzlichkeit seines menschlichen Körpers in ihren Armen löst in ihr ein Verlangen aus, das so dunkel und tief ist wie der Keller des Grafen. Sie drückt ihn verzweifelt eng an sich, will jede Kontur seines Körpers spüren, will die Gewissheit seiner Menschlichkeit in ihre Haut einbrennen. 

 

„Du bist es“, flüstert sie gegen seine Haut, während ihre Tränen den Schweiß auf seiner Schulter abwaschen. „Du bist wirklich hier.“

 

Draußen vor der Tür herrscht ein unheimliches, hasserfülltes Schweigen. Die Wächterin spürt, dass sich das Machtgefüge verschoben hat. In diesem Flur, umgeben von Schatten und dem fernen Glühen des orangenen Mondes, hat die Liebe ein Wunder erzwungen, das die Hexe niemals für möglich gehalten hätte. Fenris ist kein Tier mehr, das man an einer Kette aus Schmerz führen kann. Er ist ein Mann, der bereit ist, für die Frau in seinen Armen die Hölle selbst zu stürmen.

 

Lyra hat ihre Augen fest geschlossen, die Stirn gegen seine schweißnasse Schulter gepresst. Sie spürt das raue Heben und Senken seines Brustkorbs, das so viel menschlicher, so viel sanfter ist als das hastige Hecheln der Bestie. Er ist ein Fels aus heißem Fleisch und bebenden Muskeln in ihren Armen. Sie genießt diesen Augenblick mit einer Intensität, die an Schmerz grenzt, denn in der Welt der Wächterin ist Glück ein Diebstahl an der Ewigkeit. Jeder Herzschlag, den sie gemeinsam in dieser Gestalt verbringen, fühlt sich an wie ein Triumph über das Schicksal, ein gestohlener Moment in einem Krieg, der noch lange nicht vorbei ist.

 

Sie wissen nicht, wie lange dieser Augenblick anhält. Die Magie, die ihn zurückgebracht hat, ist so instabil wie das flackernde Licht der Kerzen im Keller.

 

Ein dunkler Gedanke schleicht sich in Lyras Bewusstsein, während sie seine nackte Haut unter ihren Fingerspitzen spürt. Heute wäre der eigentliche Blutmond gewesen - jene astronomische Anomalie, in der die Schleier zwischen den Welten am dünnsten sind und das Schicksal der Verfluchten besiegelt wird. Die Wächterin hat das Gestirn manipuliert, hat das Rot in ein krankes Orange verschoben, um die Zeit zu dehnen und ihre Macht zu sichern. Doch die Natur lässt sich nicht so leicht fesseln.

 

Vielleicht hat Fenris’ Körper auf den ursprünglichen Rhythmus reagiert, so wie beim letzten Mal, als der Mond seine Krallen nach seiner Seele ausstreckte. Sein Blut erinnert sich an das Versprechen des Blutmonds, selbst wenn der Himmel darüber lügt. Es ist ein Aufbäumen seiner Menschlichkeit gegen die künstliche Dunkelheit der Hexe.

 

Fenris vergräbt sein Gesicht in ihrem Haar, sein Atem geht tief und zitternd. Er sagt nichts, doch der Griff seiner Arme um ihre Taille spricht Bände von der Angst, sie wieder nur durch den Schleier tierischer Sinne wahrnehmen zu können. Er trinkt ihre Nähe, ihren Geruch nach Vanille und Angst und Mut, als wäre es das Elixier, das ihn an diese Welt bindet.

 

Die Spannung zwischen ihnen hat sich gewandelt; sie ist nicht mehr das verzweifelte Zerren einer Bestie an ihrer Kette, sondern das tiefe, ehrfürchtige Begehren zweier Seelen, die sich im Abgrund wiedergefunden haben. In dieser Umarmung liegt das gesamte Gewicht ihrer gemeinsamen Geschichte - der Schmerz der Verwandlung, die Sehnsucht der einsamen Nächte und die dunkle Romantik eines Hauses, das nun Zeuge ihrer Menschwerdung wird.

 

Draußen bleibt es still. Es ist eine lauernde, hasserfüllte Stille. Die Wächterin wartet. Und während sie sich halten, wissen sie beide: Dies ist nur das Auge des Sturms.

 

Mit einer quälenden Langsamkeit, als müsste er jede Faser seines neuen, alten Körpers erst wieder mühsam in Besitz nehmen, löst Fenris sich aus ihrer Umarmung. Seine Hände, deren Finger noch von der rohen Gewalt der Transformation zittern, gleiten an ihren Oberarmen hinab, bis er sich mit den Handflächen auf dem dunklen Dielenboden abstützt. Er keucht, ein tiefer, menschlicher Laut, der die Erschöpfung seiner Seele offenbart.

 

„Ich muss... diesen Geruch loswerden“, presst er hervor. Seine Stimme ist rau, wie von Schmirgelpapier geschliffen, ein dunkles Bariton, das Lyra bis in die Magengrube erschüttern lässt.

 

Er riecht nach dem Tier - nach dem herben Aroma von feuchtem Fell, nach Moschus, nach der wilden, ungezähmten Freiheit des Waldes und dem metallischen Beigeschmack von Magie. Für ihn ist es der Geruch seines Gefängnisses. Er will das Wasser spüren, will die Spuren der Bestie von seiner Haut waschen, als könnte er so die Erinnerung an die Krallen und das Blut auslöschen.

 

Lyra reicht ihm die Hände. Sie spürt seine Schwäche, das leichte Zittern in seinen massiven Muskeln, während sie ihm aufhilft. Die Verwandlung hat seinen Körper wie eine physische Folter geschunden; er stützt sich schwer auf sie, und die nackte Hitze seiner Haut an ihrer Seite entfacht ein Feuer, das die Kälte des Hauses vertreibt.

 

„Ganz vorsichtig“, flüstert sie, während sie ihn stützt. Seine Nacktheit ist in diesem Moment kein Zeichen von Scham, sondern eine archaische, erotische Offenbarung seiner Menschlichkeit. Sie führt ihn in Richtung des Badezimmers, wobei jeder Schritt eine gemeinsame Anstrengung ist.

 

Doch während sie ihn hält, schlägt das Pendel des Schicksals unerbittlich weiter. Die Zeit ist ihr grausamster Feind.

 

„Wir haben nicht viel Zeit, Fenris“, sagt sie, und ihr Blick wandert unwillkürlich zu der Tür, hinter der das orangefarbene Mondlicht lauert. „Sobald du wieder bei Kräften bist, müssen wir einen Weg finden, diesen Fluch endgültig zu brechen. Die Mondblume, die Aufzeichnungen des Grafen... alles führt zurück zur Lichtung.“

 

Sie weiß, dass die Wächterin draußen nur darauf wartet, dass sie den Schutz des Hauses verlassen. Die Hexe wird nicht tatenlos zusehen, wie ihr Lieblingsspielzeug wieder zum Mann wird. Lyras Herz hämmert in ihrer Brust. Sie müssen die Wächterin nicht nur besiegen - sie müssen sie vernichten. Es gibt keinen Raum mehr für Kompromisse oder Flucht.

 

Fenris hält inne und sieht sie an. In seinen smaragdgrünen Augen spiegelt sich eine mörderische Entschlossenheit wider, die nun von menschlichem Verstand gelenkt wird.

 

„Wir werden sie töten, Lyra“, sagt er, und die Kälte in seiner Stimme lässt sie erzittern. „Aber zuerst... brauche ich das Wasser, um mich wieder wie ein Mensch zu fühlen, der es wert ist, dich zu berühren.“

 

Das Badezimmer wird wenig später erfüllt von dem schlagartigen Zischen des Wassers, das wie flüssiges Glas gegen die Kacheln prallt. Dampf steigt auf, ein nebliger Schleier, der die harten Konturen des Raumes aufweicht. Fenris steht bereits dort, eine monumentale Silhouette aus Fleisch und Erschöpfung, während das Wasser beginnt, die Spuren seiner animalischen Odyssee hinwegzuspülen.

 

Lyra  tritt in das Schlafzimmer wo das Bett vom Grafen steht. Die Atmosphäre hier ist dickflüssig, gesättigt von Jahrhunderten unterdrückter Leidenschaft und dunkler Magie. Sie geht zum massiven Kleiderschrank, dessen dunkles Holz im fahlen, orangefarbenen Licht des Mondes fast schwarz wirkt. Mit zitternden Fingern zieht sie Kleidung heraus - weiche, dunkle Stoffe, die so viel zivilisierter wirken als das wilde Fell, das ihn eben noch gefangen hielt.

 

Sie tritt an das gewaltige Bett des Grafen Lorcan heran, jenes Zentrum der Verdammnis, das den Kern dieses Hauses bildet. Sie will die Sachen gerade mit einer beiläufigen Bewegung auf die schweren, samtenen Decken werfen, doch mitten in der Geste erstarrt sie.

 

Ein eisiger Schauer kriecht ihren Rücken hinauf. Das Bett wirkt wie ein lebendiges Wesen, ein Schlund, der darauf wartet, alles zu verschlingen, was ihm zu nahe kommt. Sie spürt die sexuelle Belastung, die von dem Möbelstück ausgeht, die Echos der Schreie und des Verlangens, die in dem Holz eingesperrt sind.

 

Nein.

 

Sie wird dieses Bett nicht berühren. Sie wird Fenris’ Menschlichkeit nicht beschmutzen, indem sie seine Kleidung auf den Altar des Grafen legt.

 

Mit einer fast angewiderten Bewegung zieht sie die Stoffe zurück. Ihr Blick fällt auf die bizarren Kleiderständer im Raum - geschmiedete Replikate von alten Friedhofstoren, deren eiserne Spitzen drohend zur Decke ragen. Es ist ein groteskes Design, ein Memento Mori inmitten des Luxus. Mit einer Entschlossenheit, die keinen Widerspruch duldet, hängt sie das Hemd und die Hose über das kalte Metall. Das Eisen der Friedhofstore wirkt in diesem Moment wie der einzige Ort im Zimmer, der ehrlich ist - ein Symbol für die Grenze zwischen Leben und Tod, die sie gerade erst überschritten haben.

 

Sie greift nach einem flauschigen Handtuch und kehrt in das dampfgeschwängerte Badezimmer zurück. Die Hitze dort ist berauschend. Durch den halbtransparenten Vorhang sieht sie die Umrisse von Fenris’ breiten Schultern, sieht, wie das Wasser über die Narben und Muskeln eines Mannes rinnt, der den Abgrund gesehen hat.

 

Sie legt das Handtuch behutsam auf die Ablage, direkt in seine Reichweite. Der Duft von Seife beginnt, den schweren Geruch des Waldes zu verdrängen, doch die erotische Spannung bleibt - sie hat sich nur verwandelt, ist feiner geworden, gefährlicher.

 

„Die Kleidung liegt bereit“, flüstert sie, obwohl sie weiß, dass das Prasseln des Wassers ihre Stimme fast verschluckt. „Ich warte auf dich. Wir haben keine Zeit zu verlieren, Fenris. Die Wächterin wird nicht ewig geduldig sein.“

 

Der Dampf im Badezimmer ist inzwischen so dicht, dass er wie eine opalisierende Wand zwischen den Welten steht. Lyra will sich gerade abwenden, um die Vorbereitungen für ihre Flucht zu treffen, doch die Fliehkräfte ihres Schicksals haben andere Pläne.

 

Bevor sie den ersten Schritt aus dem Dunstkreis der Dusche machen kann, schnellt eine nasse, heiße Hand hervor. Fenris’ Griff um ihren Unterarm ist nicht zaghaft; er ist absolut, besitzergreifend und von einer rohen, menschlichen Kraft, die sie augenblicklich aus dem Gleichgewicht bringt. Mit einer einzigen, bestimmenden Bewegung zieht er sie zu sich - hinein in das prasselnde Inferno der Dusche.

 

Das heiße Wasser trifft Lyra wie ein Schock. Ihr dünnes Kleid saugt sich innerhalb von Sekunden voll, wird schwer und schmiegt sich wie eine zweite, verräterische Haut an ihre Kurven, während der Stoff unter dem Gewicht des Wassers fast transparent wird. Sie will protestieren, will ihn an die lauernde Wächterin und den sterbenden Samuel erinnern, doch das Wort erstirbt in ihrer Kehle.

 

Fenris lässt ihr keine Wahl. Er drängt sie gegen die kühlen Kacheln, sein nackter, nasser Körper ist eine Mauer aus brennender Hitze, die sie umschließt. Seine Lippen pressen sich fordernd auf ihre - kein sanfter Kuss der Begrüßung, sondern eine Eroberung. Es ist die Art, wie er sie schon immer genommen hat, wenn die Bestie in ihm die Kontrolle übernahm, doch jetzt ist es die dunkle Dominanz des Mannes, die sie erzittern lässt. Er zeigt ihr, wo es lang geht; er fordert ihren Gehorsam und ihre Hingabe in diesem einen, gestohlenen Moment des Wahnsinns.

 

Sein Kuss schmeckt nach heißem Wasser und dem letzten Rest wilder Freiheit. Er saugt das Schweigen aus ihrem Mund und ersetzt es durch ein stöhndes Verlangen, das jede Vernunft in Asche verwandelt. Während das Wasser über sie beide hinwegpeitscht und ihre Kleidung zu einer nassen Fessel wird, spürt Lyra die unbändige Härte seines Körpers. Er nimmt sich diesen Augenblick, ungeachtet der Gefahr, ungeachtet der Hexe, die draußen die Dunkelheit zerfetzt.

 

Es ist eine dunkle, erotische Taufe. In der Flut der Dusche wäscht er nicht nur den Wald von seiner Haut, er brennt sich als Mann wieder in ihr Bewusstsein ein. Seine Hände gleiten über den nassen Stoff ihres Kleides, suchen die Konturen, die er so lange nur aus der Ferne begehren durfte. Die Zeit steht still, während der Dampf sie beide vor der Welt verbirgt.

 

„Jetzt“, scheint jeder seiner Küsse zu sagen. „Nur wir beide. Bevor das Ende kommt.“

 

Er hat jede Zurückhaltung abgelegt; die Zivilisation, die er als Mann zurückgewonnen hat, ist von einer Wildheit durchtränkt, die tiefer sitzt als jeder Fluch. Er drückt Lyra forsch gegen die kalten, glatten Fliesen, die einen harten Kontrast zu der brennenden Hitze seines Körpers bilden. Ein unterdrücktes Keuchen entweicht ihren Lippen, als ihr Rücken den harten Stein berührt, doch sein Kuss erstickt jeden Laut. Er ist fordernd, fast schmerzhaft intensiv, ein Besitzanspruch, der keine Widerrede duldet.

 

Seine Hände, groß und von der Transformation noch immer mit einer unbändigen Kraft geladen, finden den nassen, schweren Stoff ihres Kleides am Ausschnitt. Es gibt kein Zögern, keine Sanftheit. Mit einer groben, archaischen Gewalt krallt er sich in das Gewebe und reißt. Das Geräusch von berstenden Nähten und zerreißender Seide hallt in der kleinen Kabine wider, ein kurzer, scharfer Akzent im monotonen Fall des Wassers.

 

Lyra schließt die Augen und wirft den Kopf in den Nacken. Sie spürt die kühle Luft an ihrer nackten Haut, bevor die Hitze seiner Handflächen sie wieder verbrennt. Sie gibt sich ihm vollkommen hin, lässt jede Gegenwehr fallen und versinkt in der rauen Erotik dieses Augenblicks. Es ist eine berauschende Unterwerfung unter seinen Willen. Sie genießt es, wie er sich nimmt, was er will, wie er die Grenzen zwischen Zärtlichkeit und Zerstörung verwischt. In seinem Griff ist sie keine zerbrechliche Puppe, sondern die Beute, die er nach einer Ewigkeit der Entbehrung endlich wieder beansprucht.

 

Das Wasser rinnt über ihre nackten Brüste, vermischt sich mit dem Schweiß auf seiner Stirn und dem Speichel ihrer Küsse. Fenris knurrt leise gegen ihren Hals - ein menschlicher Laut, der dennoch das Echo des Wolfes in sich trägt. Seine Finger graben sich in ihr Fleisch, hinterlassen bleiche Abdrücke, die wie Versprechen auf ihrer Haut leuchten. Er herrscht über diesen Moment, über ihren Körper und über das Verlangen, das sie beide fast in den Wahnsinn treibt.

 

„Mein“, scheint jedes seiner Beben zu sagen, während er sie noch fester gegen die Wand presst.

 

In dieser dampfgeschwängerten Intimität gibt es keine Wächterin, keinen sterbenden Samuel und keinen Blutmond mehr. Es gibt nur noch die nackte, ungeschönte Wahrheit ihrer Leidenschaft, die in der Dunkelheit dieses verfluchten Hauses wie ein schwarzer Diamant funkelt. Lyra schlingt ihre Beine um seine Hüften, zieht ihn noch tiefer in sich hinein und antwortet auf seine Grobheit mit einer Hingabe, die zeigt, dass sie genau darauf gewartet hat: auf den Mann, der sich nimmt, was ihm gehört.

 

Das Wasser peitscht wie flüssiges Feuer über sie hinweg, doch die Hitze, die von ihren verschlungenen Leibern ausgeht, ist weitaus versengender. In der dampfenden Enge der Dusche gibt es kein Entkommen mehr, nur noch die nackte, ungeschönte Realität zweier Seelen, die sich im Taumel der Gefahr ineinander verbeißen.

 

Fenris greift mit einer besitzergreifenden, rauen Geste nach einem ihrer Beine und zieht es hoch an seine Hüfte, wobei er ihren Rücken noch härter gegen die nasskalten Fliesen presst. Ein heiseres, fast schmerzhaftes Keuchen bricht sich Bahn aus seiner Kehle - ein Laut, der ihren Namen wie ein sündiges Gebet in den Dunst trägt. „Lyra...“, presst er hervor, bevor er sich mit einer einzigen, kraftvollen und tiefen Bewegung fest in sie stößt.

 

Der Aufschrei, der ihren Lippen entflieht, wird sofort von seinem fordernden Mund aufgefangen. Es ist eine Vereinigung, die so archaisch und gewaltig ist wie die Natur des Waldes vor ihren Fenstern. Er genießt die unglaubliche, brennende Enge ihres Körpers, die ihn in diesem Moment fast um den Verstand bringt. Jedes Pulsieren ihres Fleisches, jede kleine Erschütterung, die durch sie hindurchgeht, lässt ihn nur noch wilder werden. Es ist die Gier eines Mannes, der zu lange ein Tier war, und die Leidenschaft einer Frau, die bereit ist, für diese eine Ekstase die Welt brennen zu sehen.

 

Seine Stöße sind rhythmisch, unerbittlich und von einer dunklen Dominanz geprägt, die Lyra das Gefühl gibt, im Herzen eines Vulkans zu stehen. Sie krallt ihre Finger in seine nassen, muskulösen Schultern, während das Wasser ihre Haut kühlt und sein Körper sie verbrennt. Die sexuelle Spannung, die sich über Monate wie ein giftiger Nebel angestaut hat, entlädt sich nun in einer Eruption aus rohem Fleisch und tiefem Verlangen.

 

Er nimmt sie sich nicht nur; er beansprucht jeden Zentimeter ihres Seins, dringt tiefer in sie ein, als wollte er den Fluch in ihrem Innersten zerschmettern. Das Klatschen ihrer Körper, das Rauschen der Dusche und sein tiefes, animalisches Grollen vermischen sich zu einer dunklen Symphonie der Lust. Die Wächterin mag draußen lauern, das Schicksal mag mit gezinkten Karten spielen, doch hier, in diesem einen, heiligen Moment der sündigen Hingabe, sind sie unbesiegbar. Er herrscht über ihre Sinne, lässt sie die Gefahr vergessen und treibt sie immer weiter auf den Abgrund zu, den sie nun gemeinsam überspringen werden.

 

Fenris kennt kein Erbarmen mehr. Die Monate der Unterdrückung, die Qualen der Verwandlung und der alles verzehrende Hunger des Wolfes haben sich in eine menschliche Potenz verwandelt, die Lyra fast den Verstand raubt. Er treibt sie mit einer unerbittlichen, rohen Kraft immer näher an den Abgrund der Besinnungslosigkeit. Seine Stöße sind nicht mehr bloß ein Akt der Liebe; sie sind eine Urgewalt, tief, fest und von einer Geschwindigkeit, die ihren Atem in fliegende Fetzen reißt.

 

Er lässt ihr keine Wahl. Er will sie brechen, nur um sie in der Ekstase wieder zusammenzufügen. Seine Augen sind auf sie fixiert, zwei brennende smaragdgrüne Fixpunkte im Nebel des Dampfes, während er sie förmlich aufspießt. Er giert danach, zu spüren, wie sie um ihn zuckt, wie ihr Innerstes ihn in rhythmischen Wellen verschlingt und wie sie unter der Last der Lust kapituliert.

 

Lyra ist nur noch Empfindung. Sie gibt sich seinen Stößen hin, die wie Hammerschläge gegen ihr Innerstes hallen. Sie wirft den Kopf weit zurück, die nassen Strähnen ihres Haares kleben an den feuchten Fliesen, während ihre Nägel tiefe, rote Furchen durch die Haut seiner muskulösen Schultern ziehen. Sie will sein Blut unter ihren Nägeln spüren, will das Brandmal ihrer Leidenschaft auf ihm hinterlassen, während er sie in Besitz nimmt.

 

„Fenris...“, presst sie hervor, doch es ist kein Name mehr, es ist ein gepeinigtes, berauschtes Stöhnen, das sich mit dem harten Klatschen ihrer Körper vermischt. Sie keucht, die Lungen gieren nach der schwülen, feuchten Luft, während ihre Stimme zu einem heiseren Schrei anschwillt. Jedes Mal, wenn er sich mit animalischer Wucht in sie stemmt, scheint die Welt um sie herum zu verblassen - die Gefahr, die Wächterin, das dunkle Erbe des Grafen, alles versinkt in dem pochenden Rhythmus ihrer Vereinigung.

 

Sie spürt, wie die Spannung in ihr zu einer unerträglichen Dichte anschwillt, wie ein Bogen, der kurz vor dem Zerreißen steht. Fenris spürt es auch. Sein Griff um ihr Bein wird noch fester, seine Zähne graben sich fast schmerzhaft in die Beuge ihres Halses, während er sein Tempo noch einmal steigert. Er will sie ganz, will ihre totale Zerstörung im Moment der höchsten Lust, bis sie nichts mehr ist außer sein Echo.

 

Das prasselnde Wasser der Dusche wird zum Hintergrundrauschen einer weitaus gewaltigeren Eruption. Sie steuern unaufhaltsam auf jenen einen, alles entscheidenden Moment zu, in dem die Seelen im Fleisch verglühen. Lyra umschlingt ihn gierig, ihre Beine fest um seine Hüfte geklammert, als gäbe es in diesem Universum keinen anderen Halt mehr. Die mörderische Enge ihres Körpers, verstärkt durch die Hitze und das Verlangen, treibt Fenris endgültig über den Rand des Verstandes.

 

Er ist nicht länger nur ihr Geliebter; er ist ihr Gebieter in dieser dunklen Liturgie. Seine Hände krallen sich in ihr nasses Fleisch, und seine Stimme, tief und rau vom unterdrückten Knurren der Bestie, bricht sich Bahn.

 

„Komm für mich, Lyra!“, befiehlt er ihr heiser, ein unmissverständliches Diktat, das keinen Widerspruch duldet. „Jetzt!“

 

Um seinen Befehl zu unterstreichen, packt er sie noch fester und stößt mit einer neuen, fast beängstigenden Grobheit in sie hinein. Jeder Schlag seines Körpers gegen den ihren ist eine Forderung, eine absolute Inbesitznahme.

Lyra bebt unter der Wucht seiner Dominanz. Ihr Körper gehorcht dem Befehl instinktiv; sie öffnet sich ihm noch weiter, nimmt ihn noch tiefer und härter in sich auf, als wolle sie seine gesamte Existenz in sich begraben.

Sie spürt, wie die Welt um sie herum in tausend dunkle Splitter zerbricht. Der Abgrund gähnt vor ihr - schwarz, verlockend und voller Ekstase. Mit einem letzten, markerschütternden Stöhnen lässt sie sich für ihn fallen, gibt die Kontrolle auf und stürzt in die Leere, während ihr Körper in heftigen, unkontrollierbaren Krämpfen um ihn herum zuckt.

 

Fenris folgt ihr in fast demselben Moment. Mit einem animalischen Stöhnen, das die gefliesten Wände erzittern lässt, entlädt sich seine angestaute Qual und seine unbändige Lust in ihr. Er presst sein Gesicht in ihre Halsbeuge, seine Muskeln sind bis zum Zerreißen gespannt, während er in ihr vergeht. Für einen ewigen Herzschlag existiert nichts außer dem Pochen ihres gemeinsamen Blutes und dem heißen Wasser, das ihre ineinander verschlungenen Leiber reinwäscht.

 

Sie hängen aneinander, schwer atmend, während der Dampf sie wie ein Leichentuch und zugleich wie ein Hochzeitskleid umhüllt. Der Fluch ist für diesen Moment vergessen, doch die Stille, die nun eintritt, ist trügerisch.

 

Das Wasser rinnt nun in sanfteren Bächen über ihre ineinander verschlungenen Körper, während der dichte Dampf sie wie ein Kokon aus der Zeit hebt. Sie verharren in einer absoluten, fast heiligen Reglosigkeit, die Köpfe aneinandergelehnt, während ihre Lungen gierig nach der schwülen Luft ringen. In diesem Moment gibt es keine Sprache, die mächtig genug wäre, das zu beschreiben, was gerade zwischen ihnen geschehen ist - eine Vereinigung, die so tief ging, dass die Grenze zwischen ihren Seelen für einen Wimpernschlag der Ewigkeit verschwunden ist.

 

Sie genießen diese unerträgliche Nähe, das Pochen ihrer Herzen, die nun im selben, erschöpften Rhythmus schlagen. Fenris’ Stirn ruht an der ihren, seine Haut ist heiß und feucht, und Lyra spürt das Zittern seiner Arme, die sie noch immer festhalten, als wäre sie sein einziger Anker in einer zerfallenden Welt. Es ist ein Moment des vollkommenen Friedens inmitten eines Sturms aus Blut und Magie.

 

Doch die Stille ist ein zerbrechliches Gut.

 

Ganz langsam, wie ein schleichendes Gift, sickert die Realität zurück in das Badezimmer. Das Rauschen der Dusche klingt plötzlich nicht mehr wie eine schützende Barriere, sondern wie das Ticken einer Uhr, die unerbittlich auf Mitternacht zusteuert. Die Kälte jenseits der Kabine scheint durch den Dampf zu greifen, und das ferne, orangefarbene Licht des manipulierten Mondes, das durch das kleine Fenster dringt, erinnert sie daran, dass sie sich noch immer im Territorium eines Monsters befinden.

 

Sie müssen handeln.

 

Lyra schlägt die Augen auf und sieht in das Gesicht des Mannes, den sie liebt - gezeichnet von der Ekstase, aber auch von der düsteren Erkenntnis, dass dies nur eine Atempause war. Der Fluch ist nicht gebrochen; er ist nur für die Dauer eines Wunders verstummt. Samuel liegt noch immer im Schatten der Krypta, und die Wächterin steht draußen, bewaffnet mit Jahrhunderten aus Hass und verletztem Stolz.

 

Es ist an der Zeit, dem Fluch mit derselben Unerbittlichkeit entgegenzutreten, mit der er sie verfolgt. Sie müssen die Lichtung erreichen, die Mondblume fordern und die Wächterin endlich zum Schweigen bringen - für immer.

 

Fenris löst sich schweren Herzens von ihr, seine Augen blitzen vor einer neuen, mörderischen Klarheit. Die Zeit der Lust ist vorbei; nun beginnt die Zeit der Jagd.

 

„Wir gehen“, flüstert er, und seine Stimme ist nun fest wie der Stahl der Friedhofstore im Nebenzimmer. „Und dieses Mal beenden wir es.“

 

Das Wasser versiebt in den Abflüssen, und mit ihm schwindet das letzte Gefühl der wohligen Schwerelosigkeit. Die nackte, unerbittliche Realität kehrt zurück, kühler und schärfer als zuvor. In einer beinahe rituellen Stille trocknen sie ihre Körper ab; das Handtuch gleitet über Fenris’ muskulöse Flanken, die noch immer von der Hitze ihrer Vereinigung glühen. Jeder Handgriff, jedes Reiben des Stoffes auf der Haut ist ein Übergang vom Liebhaber zum Krieger.

 

Während Fenris beginnt, in die Kleidung zu schlüpfen, die sie auf die eisernen Friedhofstore gelegt hat, tritt Lyra vor den beschlagenen Spiegel. Mit einer ruhigen Hand wischt sie den Dampf beiseite und sieht ihrem Spiegelbild in die Augen - einer Frau, die bereit ist, der Hölle ins Angesicht zu lachen.

 

Sie nimmt sich die Zeit. Trotz des sterbenden Samuels, trotz der lauernden Wächterin und des herannahenden Blutmondes. Es ist kein bloßes Schminken; es ist das Anlegen einer Rüstung. Mit präzisen Strichen umrahmt sie ihre Augen mit tiefem, rauchigem Schwarz, bis ihr Blick die Intensität einer Raubkatze annimmt. Zum Schluss trägt sie den schwarzen Lippenstift auf - ein dunkles Siegel auf ihrem Mund, das jede Weichheit verbannt. Sie sieht aus wie eine Königin der Unterwelt, bereit, ihren Thron einzufordern.

 

Fenris, der gerade sein schwarzes Hemd zuknöpft, hält inne. Er beobachtet sie durch den Spiegel, und ein langsames, gefährliches Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. Es ist kein Lächeln der Heiterkeit, sondern eines der absoluten Bewunderung. Er liebt es, wenn sie diese dunkle Seite nach außen kehrt. Es erinnert ihn daran, dass sie nicht nur die Frau ist, die er liebt, sondern die einzige Gefährtin, die stark genug ist, an der Seite eines Monsters zu wandeln.

 

Er streift sich seinen langen, schweren schwarzen Mantel über, dessen Saum fast den Boden berührt. Er wirkt nun wie eine Gestalt aus einem modernen Schauerroman - elegant, bedrohlich und von einer unbändigen Maskulinität.

 

Sie treten beide in die Mitte des Zimmers, zwischen das verfluchte Bett des Grafen und die kalten Eisenstangen der Kleiderständer. Das orangefarbene Licht des Mondes bricht sich in Lyras dunklen Augen und auf dem glatten Stoff von Fenris’ Mantel. Sie sehen sich an, ein stummer Austausch von Seelen, die sich im Abgrund fest aneinandergeklammert haben. Ein kurzes, entschlossenes Nicken besiegelt ihren Pakt.

 

Sie sind bereit. Die Zeit der Flucht ist vorbei. Jetzt beginnt die Exekution.