Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 27

Das Herz des Siegels


In den Tiefen der Krypta stellen sich Lyra und Fenris der Quelle des Fluchs. Während Fenris das uralte Siegel des Grafen Lorcan zerbricht, zeigt die Wächterin ihr wahres Gesicht und schlägt gnadenlos zurück. Lyras Schutz zerfällt, Fenris geht zu Boden - und die Dunkelheit fordert ihren Preis. Erst als alles verloren scheint, wendet ein unerwartetes Eingreifen das Blatt. Doch der Sieg ist brüchig, und die Zeit läuft gegen sie.


Bevor sie den letzten, unwiderruflichen Schritt in den Korridor macht, greift Lyra nach Samuels Kette. Das Metall ist kühl und schwer, ein Relikt aus einer Zeit vor dem Wahnsinn, das nun wie ein heiliger Anker an ihrem Hals liegt. Es ist mehr als nur Schmuck; es ist ein Versprechen an den Sterbenden in der Krypta und ein Schutzschild gegen die Dunkelheit, die draußen ihre Krallen wetzt. Das Silber des Anhängers bildet einen scharfen Kontrast zu ihrem schwarzen Lippenstift und der düsteren Rüstung ihrer Schminke.

 

Fenris steht bereits an der massiven Eichentür. Seine Gestalt im schwarzen Mantel wirkt wie ein Teil der Schatten, die das Haus bewohnen. Er legt die Hand auf den schweren Eisenriegel, doch bevor er ihn zurückschiebt, hält er inne. Er wendet den Kopf, und seine smaragdgrünen Augen suchen die ihren. Es ist ein fragender Blick, tief und voller ungesagter Ängste - ein letztes Mal vergewissert er sich, ob sie wirklich bereit ist, die Sicherheit dieses verfluchten Refugiums aufzugeben und in den Schlund der Nacht zu treten.

 

Lyra erwidert seinen Blick ohne ein Zittern. Sie strafft die Schultern, das Kinn leicht erhoben, und nickt. In diesem Moment ist sie keine Beute mehr; sie ist die Jägerin an seiner Seite.

 

Mit einem entschlossenen Ruck reißt Fenris die Tür auf. Er tritt als Erster über die Schwelle, die Muskeln unter dem Mantel zum Zerreißen gespannt, bereit, sich auf alles zu stürzen, was aus dem orangefarbenen Nebel des Waldes hervorbricht. Er erwartet das gellende Kreischen der Wächterin, das Zischen ihrer Magie oder den Aufprall ihres hasserfüllten Körpers gegen den seinen.

 

Doch es geschieht nichts.

 

Draußen herrscht eine Stille, die so absolut ist, dass sie fast schmerzhaft in den Ohren dröhnt. Kein Rascheln im Unterholz, kein hämisches Lachen, kein Kratzen an den Mauern. Der Wald scheint den Atem anzuhalten. Das unheimliche, orangefarbene Licht des verschobenen Blutmonds taucht die Bäume in die Farbe von rostigem Eisen, doch die Wächterin ist nirgendwo zu sehen oder zu hören.

 

Die Leere ist beängstigender als jeder Angriff. Sie ist wie das Auge eines Wirbelsturms - eine trügerische Ruhe, die darauf wartet, sie in Sicherheit zu wiegen, bevor sie zuschlägt. Der Geruch von feuchter Erde und verwelkten Mondblumen liegt schwer in der Luft, doch die Präsenz der Hexe ist wie vom Erdboden verschluckt.

 

„Sie spielt mit uns“, grollt Fenris leise, seine Stimme ein dunkles Vibrieren in der unnatürlichen Stille. Er streckt die Hand nach hinten aus, ohne den Wald aus den Augen zu lassen, und sucht Lyras Finger, um sie festzuhalten.

 

Gemeinsam treten sie hinaus auf den knirschenden Kies des Pfades, der sie tiefer in das Herz der Finsternis führen wird - dorthin, wo die wunderschöne Lichtung und die sterbende Hoffnung Samuels auf sie warten.

 

Fenris’ Schritte knirschen nicht auf dem Waldboden. Entgegen aller Erwartung, entgegen der logischen Flucht in das schützende Dickicht, schlägt er die Richtung zur Stadt ein. Sein Ziel ist das steinerne Skelett der alten Kirche, deren Turm wie ein mahnender Finger in den orangefarbenen Himmel ragt. Dort, wo er tagein, tagaus als Restaurator gearbeitet hat, verborgen hinter Staub und Geschichte, liegt der wahre Ursprung seines Leidens.

 

„Nicht in den Wald?“, haucht Lyra, während sie Mühe hat, mit seinen langen, energischen Schritten Schritt zu halten. Der schwarze Mantel weht hinter ihm her wie die Schwingen eines Todesengels.

 

„Die Lichtung ist ein Altar der Wächterin, Lyra“, erwidert er, und seine Stimme ist so kalt wie der Grabstein eines Fremden. „Aber die Krypta unter der Kirche... dort liegt der Anker. Dort habe ich Lorcans erstes Grab gefunden. Dort habe ich angefangen, die Siegel zu lösen, bevor sie mich in dieses Tier verwandelte.“

 

Sein Blick ist starr nach vorne gerichtet. In seinem Inneren tobt ein Sturm; er spürt, wie die menschliche Gestalt, die er gerade erst in Lyras Armen zurückerobert hat, unter der Last des Fluches zittert. Er weiß, dass dieses Geschenk der Menschlichkeit nur geliehen ist. Er muss zurück in die Tiefe, zurück in den Schoß der Erde, wo er damals unterbrochen wurde. Solange er Finger hat, die Werkzeuge halten können, und einen Verstand, der die alten Runen entziffert, muss er das Werk zu Ende bringen.

 

Die Kirche erscheint vor ihnen, ein neugotisches Monstrum aus grauem Stein, das in der heutigen Zeit wie ein Fremdkörper wirkt. In den Fenstern spiegelt sich das unnatürliche Licht des verschobenen Blutmonds. Hier, in der geweihten Stille, die längst von Lorcans Schatten entweiht wurde, liegt die Wahrheit über das erste Grab des Grafen vergraben.

 

Fenris stößt das schwere Portal auf. Der Geruch von Weihrauch, kaltem Stein und jahrhundertealtem Staub schlägt ihnen entgegen. Die sexuelle Spannung, die noch immer wie ein Nachbeben zwischen ihnen pulsiert, vermischt sich hier mit einer sakralen Schauerlichkeit.

 

„Ich konnte es damals nicht beenden“, knurrt er, während sie durch das Kirchenschiff auf den geheimen Abgang zur Krypta zusteuern. „Sie wusste, dass ich das Geheimnis seiner physischen Bindung fast gelöst hatte. Deshalb hat sie mich zum Wolf gemacht. Sie wollte, dass ich die Krallen verliere, mit denen ich ihr Grab schände.“

 

Lyra spürt, wie die Kette Samuels an ihrem Hals schwerer wird. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Wenn Fenris’ Körper nachgibt, bevor sie das Grab erreichen, wird er in der Enge der Katakomben als Bestie gefangen sein. Doch die Entschlossenheit in seinem Gesicht, die dunkle Romantik seines Opfers, lässt sie ihm ohne Zögern in den Abgrund folgen.

 

Das dumpfe Echo ihrer Schritte im Kirchenschiff wird jäh unterbrochen, als eine Gestalt aus den Schatten hinter einem massiven Pfeiler tritt. Elias. Der Sakristan, dessen Gesicht im fahlen, orangefarbenen Licht der hohen Fenster wie eine Totenmaske wirkt, stellt sich ihnen mit einer störenden Ruhe in den Weg. Er trägt die Züge eines Mannes, der Ordnung über alles schätzt, und sein Blick fixiert Fenris mit einer Mischung aus Misstrauen und kühler Distanz.

 

„Was wollt ihr hier?“, fragt Elias, und seine Stimme hallt flach gegen die neugotischen Bögen. „Die Kirche ist für Besucher geschlossen, und die Nacht ist nicht die Zeit für... Privatangelegenheiten.“

 

Fenris’ Körper spannt sich unter seinem schwarzen Mantel so sehr an, dass man das Knirschen seiner Gelenke fast hören kann. Der Schweiß der vergangenen Ekstase kühlt auf seiner Haut, und die Angst, die menschliche Gestalt zu verlieren, bevor er sein Werk vollendet hat, brennt wie Säure in seinen Adern. Die sexuelle Energie, die ihn eben noch mit Lyra verband, kanalisiert sich nun in eine mörderische Ungeduld.

 

„Ich habe unten in der Krypta etwas vergessen“, presst Fenris hervor. Er versucht, seine Stimme zu kontrollieren, doch das dunkle Grollen, das tief in seiner Brust mitschwingt, lässt Elias kurz zusammenzucken. „Werkzeuge. Dokumente meiner Arbeit. Ich muss sie holen. Jetzt.“

 

Elias schüttelt langsam den Kopf, ein Ausdruck bürokratischer Unerbittlichkeit legt sich auf seine Züge. „Du arbeitest hier nicht mehr, Fenris. Dein Vertrag wurde beendet, als du... verschwunden bist. Du hast da unten nichts mehr verloren. Geh nach Hause, bevor ich jemanden rufen muss.“

 

Wut flammt in Fenris’ smaragdgrünen Augen auf - eine Wut, die so alt ist wie der Fluch selbst. Die Sekunden rinnen ihm wie Blut durch die Finger. Er spürt das ferne Pochen in seinen Knochen, das erste Anzeichen, dass das Tier wieder an die Oberfläche drängt. Er hat keine Zeit für menschliche Regeln, keine Zeit für die kleingeistige Autorität eines Mannes, der keine Ahnung hat, dass unter seinen Füßen das Tor zur Hölle klafft.

 

„Aus dem Weg“, knurrt Fenris, und dieses Mal ist es kein menschlicher Laut mehr.

 

Bevor Elias reagieren kann, packt Fenris ihn an der Schulter. Mit einer Kraft, die weit über das hinausgeht, was ein normaler Mann besitzen sollte, stößt er den Sakristan zur Seite. Elias taumelt gegen eine hölzerne Kirchenbank, die unter seinem Gewicht ächzt, während Fenris bereits auf die schwere, beschlagene Holztür zustürzt, hinter der die Stufen in die Tiefe führen.

 

„Fenris!“, haucht Lyra, erschrocken über die rohe Gewalt, doch sie sieht die Verzweiflung in seinem Blick.

 

Er greift nach ihrer Hand, seine Finger umschließen die ihren wie eine eiserne Fessel, und reißt sie mit sich. Er stößt die Tür zur Krypta auf, und die klamme, modrige Luft der Tiefe schlägt ihnen entgegen wie ein letzter Atemzug. Sie stürzen die schmalen Steinstufen hinunter, während Elias’ wütende Rufe hinter ihnen verhallen und von der schweren Tür verschluckt werden.

 

Sie sind nun im Reich der Toten, und die Zeit ist eine tickende Bombe in Fenris’ Blut.

 

Fenris’ Atem geht stoßweise, ein heißes Jagen in der klammen Dunkelheit der Krypta. Er verschwendet keinen Blick zurück. Er weiß mit der Gewissheit des Raubtiers, dass Elias oben bleiben wird; der Sakristan ist ein Mann des Lichts und der Ordnung, er fürchtet die feuchte, grabähnliche Stille der Tiefe. Für Elias sind diese Gewölbe nur alte Steine, für Fenris sind sie ein Gefängnis, dessen Gitterstäbe aus Knochen und Flüchen bestehen.

 

Sie eilen die ausgetretenen Steinstufen hinunter, tiefer in das Fundament der Kirche, wo die moderne Stadt oben drüber zu einem fernen, bedeutungslosen Rauschen verblasst. Unten angekommen, schlägt ihnen der Geruch von Kalkstaub und jahrhundertealter Fäulnis entgegen. Fenris steuert zielstrebig auf den verlassenen Wagen mit den Arbeitsmaterialien zu, der noch genau dort steht, wo er ihn an jenem schicksalhaften Tag zurücklassen musste.

 

Mit einer fahrigen Bewegung greift er nach zwei schweren Taschenlampen. Das kalte Metall in seinen Händen zittert leicht. Er schaltet sie ein, und zwei scharfe, klinisch weiße Lichtkegel zerschneiden die jahrhundertealte Schwärze des Gewölbes. Er reicht Lyra eine davon, doch kaum hat sie sie ergriffen, umschließt er mit seiner freien Hand wieder ihre Finger.

 

Sein Griff ist fest, fast schmerzhaft, eine Verankerung in der Realität. Er zieht sie hinter sich her durch die engen Gänge, vorbei an den steinernen Sarkophagen namenloser Äbte. Er will sie nicht loslassen. Er kann sie nicht loslassen. In dieser feindseligen Umgebung ist ihre Berührung das Einzige, was seinen menschlichen Verstand davor bewahrt, unter dem Druck des herannahenden Fluches zu zerbrechen. Die erotische Hitze, die eben noch in der Dusche zwischen ihnen loderte, ist nun zu einer fiebrigen, verzweifelten Lebensader geworden.

 

„Sie weiß es bereits“, grollt er, und seine Stimme hallt unheimlich von den niedrigen Decken wider. „Die Wächterin spürt jede Erschütterung in Lorcans Erbe. Es wird nicht lange dauern, bis sie begriffen hat, dass wir nicht im Wald sind, sondern hier, an der Wurzel seines Grabes.“

 

Lyra spürt, wie die Kälte der Krypta durch ihre Kleidung kriecht, doch Fenris’ Hand ist wie ein glühendes Eisen auf ihrer Haut. Sie stolpern über Schutt und abgeplatzten Putz, tiefer in den Bereich, den Fenris damals freigelegt hat - dort, wo die Schatten dicker werden und die Luft so schwer ist, dass man sie kaum atmen kann.

 

Jeder ihrer Schritte ist ein Echo in der Totenstille, und Lyra hat das Gefühl, dass die Wände selbst sie beobachten. Die Wächterin mag physisch noch draußen sein, doch ihr Geist, ihr dunkler Wille, ist hier unten bereits präsent, eingewebt in die Finsternis, die sie mit jedem Schritt tiefer umschlingt.

 

Sie erreichen die Stelle, an der die Zeit vor Monaten für Fenris stehengeblieben ist. Vor ihnen gähnt der enge, klaffende Durchgang - ein Riss in der Ordnung der Welt. Die Wand ist hier roh und gewaltsam aufgebrochen, die Steine liegen wie zerschmetterte Knochen am Boden. Es ist die Narbe eines Geheimnisses, das niemals hätte gelüftet werden dürfen.

 

Fenris zögert keine Sekunde. Mit einer fast schmerzhaften Intensität zieht er Lyra mit sich hindurch. Der Durchgang ist so schmal, dass ihre Körper gegeneinandergepresst werden; sie spürt für einen flüchtigen Moment wieder die harte Kontur seiner Brust und die Hitze, die trotz der Grabeskälte von ihm ausgeht. Es ist eine Berührung, die in dieser Umgebung aus Staub und Tod vollkommen fehl am Platz wirkt - eine sündige Erinnerung an das Fleisch inmitten des Verfalls.

 

„Hier ist es“, presst er hervor, und seine Stimme vibriert vor einer dunklen, unterdrückten Erregung.

 

Er schwenkt die schwere Taschenlampe, und der klinisch weiße Lichtkegel schneidet durch die jahrhundertealte Finsternis wie ein Skalpell. Das Licht fängt sich auf der Grabstelle des Grafen Lorcan.

 

Es ist kein prunkvolles Monument, wie man es oben in der Kirche vermuten würde. Es ist ein Sarkophag aus obsidianfarbenem Stein, der tief im feuchten Erdreich der untersten Krypta versenkt wurde. Ranken aus schwarzem Eisen, die wie versteinerte Dornen wirken, umschlingen das schwere Grabmal, als wollten sie verhindern, dass das, was darin liegt, jemals wieder das Licht der Welt erblickt. Auf dem Deckel prangt das Wappen derer von Lorcan - ein zerbrochenes Herz, das von einer Schlange umschlungen wird.

 

Die Luft hier drin ist anders. Sie ist nicht nur modrig; sie ist aufgeladen mit einer elektrischen, fast erotischen Schwere, die Lyra die Nackenhaare aufstellen lässt. Es ist die Präsenz des Grafen, die wie ein unheilvoller Duft in der Dunkelheit hängt - ein Echo von Macht, Lust und ewigem Fluch.

 

Fenris lässt ihre Hand nun los, nur um seine Finger auf den kalten, schwarzen Stein zu legen. Seine Muskeln unter dem Mantel beben. Er steht vor dem Altar seines eigenen Schicksals.

 

„Das ist das Herz des Übels, Lyra“, flüstert er, und das Licht seiner Lampe zittert auf den eingravierten Runen. „Hier hat die Wächterin ihn gebunden. Und hier werde ich das Band zerschlagen, bevor das Tier mich wieder holt.“

 

Draußen, weit über ihnen, mag der orangefarbene Mond brennen, doch hier unten, im Angesicht des ersten Grabes, scheint die Zeit vollkommen stillzustehen. Lyra tritt an seine Seite, die Taschenlampe fest umklammert, und spürt, wie das türkisfarbene Quellwasser in ihrem Inneren auf die dunkle Aura des Grabes reagiert.

 

Lyra lässt den Lichtkegel ihrer Taschenlampe langsam über den obsidianfarbenen Sarkophag wandern. Das kalte Licht tanzt auf den rissigen Steinoberflächen und den rostigen Eisenranken, die das Grab wie die Klauen einer eifersüchtigen Geliebten umklammern. Die Atmosphäre hier unten ist so dicht, dass jeder Atemzug wie flüssiges Blei in den Lungen wiegt.

 

„Fenris“, flüstert sie, und ihre Stimme zittert in der unheimlichen Stille, „warum gibt es zwei? Das leere Grab im Wald, bei dem wir waren... und dieses hier, versteckt im Fundament der Kirche. Wie kann ein Mann an zwei Orten gleichzeitig verrotten?“

 

Fenris starrt auf das Wappen, seine Augen zwei brennende smaragdgrüne Fixpunkte in der Schwärze. Er streicht mit den Fingerspitzen über eine der Eisenranken, und ein leises, metallisches Klirren hallt von den klammen Wänden wider.

 

„Ich kann es dir noch nicht beantworten, Lyra“, gesteht er, und sein Bariton klingt rau und gequält. „In den Archiven oben wird Lorcan als Heiliger und Wohltäter geführt, doch hier unten... hier unten schmeckt die Luft nach Verrat. Das Grab im Wald ist ein Denkmal für die Welt, ein hohles Versprechen. Aber das hier...“ Er legt die flache Hand auf den schweren Steindeckel, und Lyra sieht, wie seine Sehnen hervortreten. „Das hier ist das Gefängnis. Ich spüre es in meinem Blut, in jedem verdammten Haar auf meinem Körper. Die Wächterin hat ihn hier angekettet, nicht aus Liebe, sondern um ihn zu besitzen, selbst über den Tod hinaus.“

 

Er ist sich so sicher, dass dieser Ort die wahre Quelle des Fluches ist. Es ist das Epizentrum der dunklen Erotik, die das Haus und den Wald vergiftet hat. Während Lyra mit der Taschenlampe weiter über das Grab leuchtet, bemerkt sie seltsame Details. Die Oberfläche des Steins ist nicht glatt; sie ist übersät mit feinen, eingeritzten Symbolen, die unter dem Licht fast zu pulsieren scheinen. Es sind keine Gebete, sondern Flüche - oder vielleicht Fesseln.

 

Die Spannung, die sie aus der Dusche hierher verfolgt hat, wandelt sich nun in eine schaurige Faszination. Es ist, als würde das Grab selbst eine Aura von verbotenem Verlangen verströmen, eine Erinnerung an die Nächte, von denen Lyra im Keller gelesen hat.

 

Das Licht ihrer Lampe verharrt plötzlich auf einer Stelle am Kopfende des Sarkophags. Dort, wo die Eisenranken am dicksten sind, glänzt etwas anderes. Kein Rost, kein Stein. Es ist eine Vertiefung, die genau die Form eines menschlichen Herzens hat, ausgekleidet mit verblasstem, rotem Samt, der im hellen Licht wie geronnenes Blut wirkt.

 

„Sie hat ihn hier nicht nur begraben“, haucht Lyra und tritt einen Schritt näher, bis ihr Körper fast den von Fenris berührt. „Sie hat ihn hier konserviert. Das ist kein Grab, Fenris. Das ist ein Schrein.“

 

Fenris’ Atem wird schwerer. Er weiß, dass er diesen Deckel heben muss, um das Rätsel zu lösen, auch wenn er fürchtet, dass das, was darunter liegt, seine Menschlichkeit endgültig fordern könnte.

 

Fenris führt den harten, weißen Strahl seiner Taschenlampe über die Oberfläche des Sarkophags, bis das Licht an einer Gruppe von Edelsteinen hängen bleibt, die wie versteinerte Augen in den dunklen Obsidian eingelassen sind. Sein Gesicht ist eine Maske aus Konzentration und unterdrücktem Zorn.

 

„Diese Steine...“, murmelt er, und seine Stimme vibriert so tief in seiner Brust, dass Lyra es in ihren eigenen Knochen spürt. „Sie sind der Schlüssel. Damals, bevor sie mich in die Finsternis stieß, bevor sie meine Finger in Krallen verwandelte, war ich kurz davor, ihr Geheimnis zu lüften. Sie haben eine Bedeutung. Sie sind keine Zierde, sie sind die Wächter dieses Siegels.“

 

Die Steine glimmen im künstlichen Licht unnatürlich auf. Ein tiefes Saphirblau, ein giftiges Smaragdgrün und in der Mitte, direkt über der Stelle, wo das Herz des Grafen liegen müsste, ein Rubin von der Farbe eines frisch vergossenen Opfers. Er funkelt mit einer inneren, bösartigen Hitze, die den Staub der Jahrhunderte abzuweisen scheint.

 

Lyra tritt näher, angezogen von der dunklen Pracht, die eine fast hypnotische Anziehungskraft ausübt. In der klammen Luft der Krypta wirkt das tiefe Rot des Steins wie ein Versprechen von Leben inmitten des Todes. Die  Schwere, die zwischen ihr und Fenris schwebt, scheint sich auf diesen einen Punkt zu konzentrieren.

 

„Er sieht aus, als würde er schlagen“, haucht sie.

 

Unfähig, dem Drang zu widerstehen, hebt sie die Hand. Ihre schwarz lackierten Fingernägel zittern leicht, als sie sich dem Rubin nähert. Fenris will sie warnen, doch der Laut erstirbt in seiner Kehle. In dem Moment, als ihre Fingerkuppe die glatte, blutrote Oberfläche berührt, geschieht es.

 

Ein elektrischer Schlag aus purer, brennender Agonie schießt durch ihren Arm. Es ist nicht nur die Hitze von Feuer; es ist die Hitze einer unstillbaren, jahrhundertealten Gier. Lyra stößt einen erstickten Schrei aus und reißt die Hand instinktiv zurück. Ihr Atem geht flach und hastig, während ihr Fingerkuppe pocht, als hätte sie direkt in glühende Kohlen gegriffen.

 

„Lyra!“, herrscht Fenris sie an und packt ihr Handgelenk, um die Verletzung zu untersuchen. Seine Berührung ist fest und besorgt, ein Anker der Realität gegen den übernatürlichen Schmerz.

 

An der Stelle, an der sie den Stein berührt hat, leuchtet ihre Haut nun in einem unheimlichen Rot, und für einen Moment meint sie, unter ihrer eigenen Haut das türkisfarbene Leuchten des Quellwassers aufblitzen zu sehen, das mit der dunklen Magie des Rubins kämpft. Der Stein hat nicht nur ihren Körper berührt; er hat ihre Seele geprüft.

 

„Er lebt“, flüstert sie mit aufgerissenen Augen, während sie sich gegen Fenris’ starke Brust lehnt, um Halt zu finden. „Der Stein... er hat nach mir verlangt.“

 

Fenris starrt den Rubin an, und sein Blick wird mörderisch. Er begreift nun, dass das Grab nicht nur durch Stein und Eisen geschützt ist, sondern durch ein Blutopfer, das nur darauf wartet, eingefordert zu werden.

 

Der Schmerz in Lyras Fingerkuppe ist nicht länger nur ein Brennen; er ist ein pulsierendes Echo, das sich wie flüssiges Feuer seinen Weg durch ihre Adern bahnt. Die verbrannte Stelle leuchtet in einem unnatürlichen Violett, und für einen Moment scheint das Blut in ihrem Arm gegen den Rhythmus ihres eigenen Herzens zu rebellieren. Doch die Agonie wird jäh in den Hintergrund gedrängt, als die Stille der Krypta wie dünnes Glas zerbricht.

 

Ein markerschütterndes, unbeschreibliches Kreischen zerreißt die klamme Luft. Es ist kein menschlicher Laut, sondern ein hasserfülltes Crescendo aus Verzweiflung, Wut und uralter Macht, das von den feuchten Steinwänden widerhallt und in den Gehörgängen schmerzt. Die Wächterin.

 

Sie hat sie gefunden. Sie hat gespürt, wie Lyra das Siegel des Rubins berührt hat - wie ein Spinnennetz, das vibriert, wenn sich die Beute darin verfängt.

 

Fenris erstarrt, sein Griff um Lyras Handgelenk verstärkt sich, bis es fast schmerzt. Sein ganzer Körper spannt sich an, der schwarze Mantel bläht sich auf, als würde er von einem unsichtbaren Windstoß erfasst, der durch das geschlossene Gewölbe fegt. Das Grün seiner Augen flackert wild, ein verzweifelter Kampf zwischen der menschlichen Intelligenz und dem animalischen Instinkt, der ihn anfleht, zu flüchten oder zu reißen.

 

„Sie ist hier“, presst er hervor, und seine Stimme ist nur noch ein tiefes, gefährliches Grollen.

 

Das Kreischen wiederholt sich, näher jetzt, untermalt vom Bersten von Holz und dem Klirren von Eisen weit oben in der Kirche. Elias’ Schreie, falls er sie ausgestoßen hat, wurden längst von diesem übernatürlichen Lärm verschlungen. Die Wächterin kommt nicht einfach nur; sie reißt das Gefüge der Realität auf, um zu ihrem Eigentum zu gelangen. Sie spüren ihre Präsenz wie eine Druckwelle aus Kälte und Fäulnis, die die Stufen zur Krypta hinunterrast.

 

 

Lyra vergisst den brennenden Schmerz an ihrer Hand. Die Hitze, die eben noch zwischen ihnen pulsierte, ist schlagartig einer eisigen Überlebensangst gewichen, die dennoch eine perverse Art von Rausch erzeugt. Die Gefahr macht ihre Sinne scharf wie Skalpelle.

 

„Fenris, das Grab!“, schreit sie gegen den Lärm an, während der Staub von der Decke rieselt und sich wie grauer Schnee auf ihre schwarzen Haare legt. „Wir müssen es jetzt öffnen! Es gibt keinen anderen Weg mehr!“

 

Die Wächterin ist keine bloße Hexe mehr; sie ist eine Naturgewalt der Besessenheit, die nicht zulassen wird, dass der Mann, den sie verflucht hat, und die Frau, die ihn liebt, das Herz ihres dunklen Geheimnisses berühren. Das Licht der Taschenlampen flackert, als würde die Schattenwelt bereits nach den Batterien greifen.

 

Mit einer schnellen, fast gewaltsamen Bewegung reißt Fenris Lyra von dem Sarkophag weg. Er bugsiert sie in eine schmale, dunkle Felsspalte in der zerborstenen Wand, in der sie kaum atmen können. Er presst seinen massiven Körper direkt vor sie, macht sich zu einem lebenden Schutzwall aus Fleisch und schwarzem Stoff. Lyra spürt sein Herz gegen ihren Rücken hämmern wie ein gefangenes Tier, während der Geruch von Ozon und uraltem Grabstaub die Luft sättigt.

 

Die Wächterin ist da.

 

Sie betritt den Raum nicht mit dem Krallenwetzen einer Bestie oder als nebelhaftes Schattenwesen, wie sie es sonst tut. Die Dunkelheit der Krypta scheint vor ihr zurückzuweichen, als würde sie sich vor einer höheren Macht verneigen. Sie manifestiert sich als die Frau, die sie einst gewesen sein muss - bevor der Neid und die schwarze Magie ihr Herz in Asche verwandelten.

 

Sie ist von einer erschreckenden, fast jenseitigen Schönheit. Ihre Haut ist so hell und makellos wie geschliffener Alabaster, ein krasser Gegensatz zu dem tiefen Schwarz ihres Haares, das wie flüssige Seide über ihre Schultern fällt. Ihre Augen, von einem stechenden, eisigen Blau, leuchten in der Finsternis der Krypta mit einer Intensität, die Lyra den Atem raubt. Sie trägt ein langes, fließendes Gewand, das so dunkel ist wie eine mondlose Nacht, und jede ihrer Bewegungen ist von einer grausamen Eleganz gezeichnet.

 

Fenris erstarrt. Für einen qualvollen Herzschlag lang weiten sich seine Pupillen, und sein Atem stockt. Die Schönheit der Wächterin ist eine Waffe, ein erotischer Schock, der direkt auf seine tiefsten, menschlichen Instinkte zielt. Es ist das Antlitz der Verführung, die ihn einst in diese Verdammnis gelockt hat, eine fleischgewordene Erinnerung an alles, was er verloren hat.

 

Doch Lyra spürt, wie sich die Muskeln in seinem Rücken unter dem Mantel wieder anspannen, hart wie Eisen. Er lässt sich nicht blenden. Das smaragdgrüne Leuchten in seinen Augen kehrt zurück, kälter und entschlossener als zuvor. Er erkennt die Fäulnis hinter der makellosen Fassade; er sieht die Leere in ihren blauen Augen, die nur Besessenheit kennen.

 

„Du hast keine Macht mehr über mich, Morgana“, grollt er, und seine Stimme ist ein tiefes, gefährliches Beben, das die Mauern der Krypta erzittern lässt. Er greift nach Lyras Hand, die hinter ihm im Schatten verborgen ist, und drückt sie fest, als wollte er sich an ihrer Realität verankern.

 

Die Wächterin bleibt vor dem Sarkophag stehen. Ein spöttisches, wunderschönes Lächeln umspielt ihre blassen Lippen, während ihr Blick von Fenris zu dem brennenden Rubin auf dem Grab gleitet.

 

„Hast du wirklich geglaubt, das Fleisch könnte den Geist besiegen, mein schöner Wolf?“, flüstert sie, und ihre Stimme klingt wie das ferne Läuten von silbernen Glocken über einem Massengrab.

 

Ein trockenes, dunkles Lachen löst sich aus Fenris’ Kehle - ein Geräusch, das in der Grabeskälte der Krypta so deplatziert und gefährlich wirkt wie ein Funke in einem Pulverfass. Er löst sich einen winzigen Zentimeter von Lyra, gerade genug, um der Wächterin mit einer animalischen Grazie entgegenzutreten.

 

„Schöner Wolf“, wiederholt er mit einer Stimme, die wie rauer Samt über die Steine streicht. Er sieht ihr direkt in die eisblauen Augen, fixiert sie mit einem Blick, der so intensiv und aufgeladen ist, dass die Luft zwischen ihnen zu knistern beginnt.

 

Es ist ein Duell der Blicke, ein Moment, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Lyra spürt das Beben der Gefahr, das von Fenris ausgeht. Er spielt ein riskantes Spiel; er nutzt die einzige Waffe, die gegen eine Frau wie Morgana wirkt: ihr eigenes, unersättliches Verlangen nach Besitz und Bewunderung.

 

Fenris macht einen langsamen, fast geschmeidigen Schritt auf die Wächterin zu. Seine Ausstrahlung ist in diesem Augenblick reinste, dunkle Erotik - die gefährliche Anziehungskraft eines Mannes, der weiß, dass er begehrt wird.

 

„Warum den Wolf bändigen, Morgana?“, fragt er leise, und sein Bariton senkt sich in eine Lage, die tiefer und verführerischer ist als je zuvor. Ein spöttisches, aber unwiderstehliches Lächeln umspielt seine Lippen. „Warum sich mit einem Tier begnügen, das im Wald heult, wenn du doch den Mann haben könntest? Den Mann, der vor dir steht und dich ansieht?“

 

Lyra erstarrt in der Wandspalte. Ihr Herz setzt für einen schmerzhaften Schlag aus, und ein eisiger Schock durchfährt ihre Glieder. Verrat? Die Worte brennen wie Säure in ihren Ohren, und für einen Moment wallt blinde Eifersucht und blankes Entsetzen in ihr auf. Sie will seinen Namen schreien, will ihn zurückreißen aus diesem Netz aus Lügen und Verführung. Doch dann sieht sie die Anspannung in seinen Nackenmuskeln, die fast zum Zerreißen gespannt sind, und das kaum merkliche Zittern seiner Finger hinter seinem Rücken.

 

Sie presst die Lippen so fest aufeinander, dass sie weiß werden. Ihr Verstand kämpft gegen ihre Instinkte. Sie weiß - sie muss wissen -, dass dies ein Manöver ist. Er lockt die Schlange aus ihrem Versteck, indem er ihr genau die Beute bietet, nach der sie seit Jahrhunderten lechzt: seine Unterwerfung als Mann.

 

Die Wächterin hält den Atem an. Ihr makelloses Gesicht regt sich nicht, doch ihre Pupillen weiten sich, und ein gieriges Leuchten tritt in ihre blauen Augen. Die Eitelkeit, ihre größte Schwäche, beginnt die Oberhand zu gewinnen. Sie sieht den schwarzen Mantel, die breiten Schultern und die unbändige Männlichkeit, die Fenris in diesem Moment ausstrahlt, und sie vergisst für einen Wimpernschlag das Grab hinter sich.

 

„Du würdest dich mir beugen?“, haucht sie, und ihre Stimme zittert vor unterdrückter Erregung.

 

Fenris’ Lachen bricht sich an den feuchten Gewölbedecken wie das Echo eines herabfallenden Beils. Es ist ein Laut voller Arroganz und maskuliner Dominanz, der die ohnehin schon geladene Atmosphäre in der Krypta fast zum Zerreißen bringt.

 

„Ich mich dir beugen?“, wiederholt er, und seine Stimme trieft vor einer gefährlichen, erotischen Provokation. Er tritt noch einen Schritt näher an die Wächterin heran, bis er fast ihren persönlichen Raum verletzt, seine Überlegenheit als Mann wie eine dunkle Aura ausspielend. „Du hast mich missverstanden, Morgana. Ich habe es umgekehrt lieber. Ich genieße es, wenn man vor mir auf die Knie geht.“

 

Sein Blick gleitet über ihre makellose Gestalt, nicht mit Unterwürfigkeit, sondern mit der kühlen Schätzung eines Eroberers. Er spielt mit ihrem Stolz, mit ihrer Lust an der Macht, und er lockt sie tiefer in das Labyrinth seiner Täuschung.

 

In diesem Moment erkennt Lyra ihre Rolle. Sie weiß, dass sie den Druck erhöhen muss, um das Schauspiel perfekt zu machen. Sie atmet einmal tief durch, lässt die Angst hinter einer Maske aus brennendem Zorn verschwinden und tritt aus der schützenden Dunkelheit der Felsspalte hervor.

 

Ihre Stiefelabsätze knallen auf dem steinernen Boden, ein scharfer, aggressiver Rhythmus. Ihr Gesicht ist eine Maske aus mörderischer Eifersucht. Die schwarzen Umrahmungen ihrer Augen lassen ihren Blick wild und verzweifelt erscheinen, und der schwarze Lippenstift unterstreicht das harte Beben ihres Mundes.

 

„Fenris!“, schreit sie, und ihre Stimme überschlägt sich vor gespielter Pein. „Wie kannst du nur? Nach allem, was wir... nach dem, was wir eben erst geteilt haben!“

 

Sie stürzt ein paar Schritte auf sie zu, die Hände zu Fäusten geballt, und funkelt die Wächterin mit einem Hass an, der so echt wirkt, dass Morgana triumphierend lächelt. Lyra gibt die betrogene Geliebte, die Frau, die zusehen muss, wie ihr wertvollster Besitz von einer schöneren, mächtigeren Rivalin beansprucht wird.

 

„Du willst ihn wirklich?“, herrscht Lyra die Hexe an, während ihre Augen verdächtig glänzen. „Du denkst, du kannst ihn einfach nehmen, weil du ein hübsches Gesicht trägst?“

 

Die Wächterin genießt das Schauspiel. Nichts nährt ihr Ego mehr als der Schmerz einer Sterblichen, die gegen ihre überirdische Schönheit verliert. Sie wendet ihren Blick für einen Moment ganz von Fenris ab und fixiert Lyra mit einem Blick voller herablassendem Mitleid. Sie sieht in Lyra nur noch ein lästiges Insekt, das bereits zerquetscht ist.

 

Fenris nutzt diesen Moment. Während Morgana sich an Lyras gespielter Verzweiflung weidet, gleitet seine Hand hinter seinen Rücken, seine Finger suchen bereits nach dem schweren Griff seines Messers oder einem Werkzeug auf dem Wagen, bereit, das Siegel des Rubins zu brechen, sobald der Fokus der Hexe endgültig auf Lyra liegt.

 

Lyra lässt jegliche Beherrschung fallen - oder zumindest das, was die Wächterin dafür halten soll. Mit einem gutturalen Schrei, der vor vorgetäuschtem Wahnsinn und echter, verzweifelter Entschlossenheit bebt, stürzt sie sich auf Morgana. Sie ist die personifizierte Furie, eine Frau, die alles verloren hat und nun bereit ist, die Zerstörerin ihres Glücks mit den bloßen Händen zu zerfetzen.

 

Ihre schwarzen Fingernägel krallen sich in die Luft, während sie auf die makellose Gestalt der Hexe zuschießt. „Ich werde nicht zulassen, dass du ihn kriegst!“, gellt ihre Stimme durch die Krypta und bricht sich an den feuchten Gewölben.

 

Die Wächterin lacht. Es ist ein hohes, silbernes Geräusch vollkommenen Triumphs. Für sie ist dieser Angriff das ultimative Geständnis von Lyras Niederlage. Sie sieht nicht die kalkulierte Kälte in Lyras Augen, sie sieht nur das verzweifelte Aufbäumen einer sterblichen Rivalin. Morgana hebt eine Hand, bereit, Lyra mit einer lässigen Geste ihrer Macht gegen die nächste Wand zu schleudern, sich an dem Anblick der gebrochenen Frau zu weiden, während Fenris - ihr Preis - danebensteht.

 

Lyra wirft sich mit ihrem ganzen Gewicht in den Angriff. Sie packt das feine, nachtschwarze Gewand der Hexe, reißt daran und zwingt Morgana dazu, sich vollends ihr zuzuwenden, um diesen lästigen Angriff abzuwehren. Lyras Atem geht gehetzt, sie spürt die eisige Aura der Wächterin, die wie gefrorenes Grabwasser gegen ihre Haut drückt, doch sie lässt nicht locker. Sie krallt sich fest, beißt die Zähne zusammen und sorgt dafür, dass jeder Bruchteil von Morganas Aufmerksamkeit auf dieses handgreifliche, schmutzige Handgemenge fixiert ist.

 

In diesem Moment existiert für die Wächterin nur noch ihr eigener Sieg über die menschliche Frau. Sie merkt nicht, wie die erotische Spannung, mit der Fenris sie eben noch geködert hat, schlagartig einer mörderischen Kälte weicht.

 

Hinter dem Rücken der Hexe wird Fenris zur personifizierten Vergeltung. Während Lyra Morgana in den Nahkampf zwingt und ihr buchstäblich den Rücken freihält, greift Fenris nach dem schweren Stemmeisen vom Arbeitswagen. Sein Gesicht ist keine Maske der Verführung mehr; es ist die Fratze eines Mannes, der bereit ist, sein Schicksal mit roher Gewalt zurückzufordern.

 

Er macht einen lautlosen Schritt auf den Sarkophag zu, das Eisen in seiner Hand funkelt bedrohlich im Taschenlampenlicht. Er wartet auf den Moment, in dem Lyra die Hexe weit genug herumgerissen hat, damit er den Rubin - das pulsierende Herz des Siegels - mit einem einzigen, vernichtenden Schlag zertrümmern kann.

 

Lyra kämpft wie eine Besessene. Ihre Lungen brennen, jeder Atemzug in der staubigen Krypta fühlt sich an wie Sandpapier, und ihre Muskeln zittern vor Erschöpfung. Morgana ist keine schwache Frau; ihr Körper ist fest und kalt wie Marmor, und sie windet sich mit einer übermenschlichen, schlangenhaften Kraft in Lyras Griff. Die Wächterin versucht, ihre dunkle Magie zu entfesseln, ihre Lippen formen lautlose Flüche, und ihre Finger krallen sich in Lyras Unterarme, um sie wegzuschleudern.

 

Doch etwas hindert die Hexe.

 

Samuels Amulett, das schwer an Lyras Hals hängt, beginnt zu glühen. Jedes Mal, wenn das Metall Morganas Haut berührt, zuckt sie zusammen, als würde sie von heiligem Feuer gebrandmarkt. Die geweihte Energie des Amuletts baut eine unsichtbare Barriere auf; in dieser unmittelbaren Nähe verpufft die dunkle Macht der Wächterin wie Rauch im Wind. Sie ist ihrer stärksten Waffe beraubt, gefangen im Fleisch einer sterblichen Frau, die nichts mehr zu verlieren hat.

 

Lyra nutzt diesen Vorteil mit einer letzten, verzweifelten Kraftanstrengung. Sie krallt ihre Finger in den kostbaren Stoff von Morganas Gewand, stemmt ihre Stiefel in den rissigen Boden und zerrt die kreischende Schönheit mit sich. Sie wirft ihr gesamtes Gewicht in die Waagschale, reißt Morgana Zentimeter um Zentimeter vom Sarkophag weg, hinein in die Schatten der Säulen.

 

Die erotische Maske der Wächterin ist endgültig zerfallen. Ihr Gesicht ist vor Zorn und purer Panik verzerrt, ihre blauen Augen weiten sich vor Entsetzen, als sie begreift, dass sie in die Falle gelaufen ist. Lyra spürt das heftige Klopfen ihres eigenen Herzens gegen ihre Rippen, ein wilder, triumphierender Rhythmus. Sie hat die Schlange vom Nest weggelockt.

 

Als sie den perfekten Abstand erreicht haben und Morgana für einen Moment strauchelt, fixiert Lyra den dunklen Umriss von Fenris, der wie ein Racheengel über dem Grab steht.

 

„JETZT!“, gellt ihr Schrei durch die Gewölbe, ein Befehl, der das Ende einer Ära einläutet.

 

Fenris zögert nicht. Seine Gestalt wirkt in der Dunkelheit übermenschlich groß, der schwarze Mantel bläht sich auf wie die Schwingen eines Dämons. Mit beiden Händen umgreift er das schwere Stemmeisen, holt weit aus und legt den gesamten Hass von Monaten der Knechtschaft und die gesamte Liebe zu der Frau, die gerade für ihn kämpft, in diesen einen Schlag.

 

Das Eisen saust herab, ein tödliches Instrument der Freiheit, direkt auf den pulsierenden, blutroten Rubin zu.

 

Das Stemmeisen trifft den Rubin mit der unerbittlichen Wucht einer Hinrichtung. Ein ohrenbetäubendes Geräusch, wie das Bersten von gefrierendem Glas, zerreißt die Luft der Krypta. Der blutrote Edelstein zersplittert in tausend funkelnde Fragmente, die wie glühende Tränen über den schwarzen Obsidian des Sarkophags schießen.

 

In dem Moment, als das Herz des Siegels vernichtet wird, bricht die Illusion der Schönheit in sich zusammen.

Ein gellender, unmenschlicher Schrei bricht aus der Kehle der Frau, die eben noch wie ein makelloser Engel aus einer anderen Zeit wirkte. Morganas Alabasterhaut beginnt grau zu werden und in grotesken Falten einzufallen, als würde die Zeit von Jahrhunderten sie in einem einzigen Wimpernschlag einholen. Das seidene Schwarz ihres Haares vertrocknet zu drahtigem, aschfarbenem Stroh, und die strahlend blauen Augen versinken in tiefen, dunklen Höhlen, bis nur noch das hasserfüllte Glühen einer uralten Entität übrig bleibt.

 

Sie nimmt wieder ihre wahre Gestalt an - die der Wächterin. Eine Kreatur aus Schatten, Sehnen und unstillbarer Bitterkeit.

 

Lyra wird von einer Welle kalter Energie zurückgeschleudert, als Morgana sich aus ihrem Griff windet. Die Wächterin steht nun da, die Finger zu krallenartigen Klauen gekrümmt, ihre Gestalt flackert wie eine sterbende Flamme im Wind. Sie ist außer sich vor Wut. Es ist eine Zorn, der die Mauern der Kirche über ihnen zum Zittern bringt und den Staub in tanzende Wirbel versetzt.

 

„WURM!“, kreischt sie Lyra entgegen, während ihr Blick zu Fenris schießt, der noch immer keuchend über dem zertrümmerten Stein steht. „Ihr habt den Riegel gelöst, aber ihr habt das Grab nur für den Hunger geöffnet!“

 

Die sexuelle Spannung, die den Raum eben noch aufgeladen hat, ist einer Atmosphäre von purer, unverdünnter Bösartigkeit gewichen. Morganas Aura breitet sich aus wie schwarze Tinte in klarem Wasser. Sie wirbelt herum, ihre Bewegungen sind nun ruckartig und unnatürlich, während sie die Splitter des Rubins mit ihrer bloßen Macht zu Staub zermahlt. Sie sieht aus wie eine Furie, die bereit ist, die gesamte Krypta zum Einsturz zu bringen, nur um ihre Beute nicht entkommen zu lassen.

 

Fenris wirft das Stemmeisen beiseite und stürzt zu Lyra, um sie hochzureißen. Er spürt, wie die Wut der Wächterin die Luft ionisiert, wie das Knistern vor einem gewaltigen Gewitter. Die Menschlichkeit in seinem Blick ist einer mörderischen Konzentration gewichen. Er weiß, dass der zertrümmerte Stein nur der Anfang war. Der Deckel des Sarkophags beginnt nun, von innen heraus zu beben.

 

Das Kreischen der Wächterin ist nun kein menschlicher Laut mehr, sondern ein akustisches Fegefeuer, das die Trommelfelle blutig zu reißen droht. In ihrer unbändigen Wut verliert sie jede Eleganz. Sie ist nur noch Hass, eine Furie aus Schatten und aschfahl gewordener Zeit.

 

Mit einer Geschwindigkeit, die das menschliche Auge kaum erfassen kann - ein bloßes Flirren in der staubigen Luft -, schießt sie auf Lyra zu. Es ist die unaufhaltsame Wucht eines herannahenden Zuges, eine kinetische Entladung aus purer Bosheit. Lyra sieht nur noch das graue Flattern der Gewänder und die Klauen, die darauf brennen, ihre Haut zu zerfetzen und sie gegen den unnachgiebigen Stein der Kryptawand zu schmettern.

 

Doch Fenris reagiert schneller als das Licht. Sein Instinkt, das Erbe des Wolfes, das noch immer in seinen menschlichen Sehnen pulsiert, lässt ihn das Unmögliche tun. Mit einem verzweifelten Satz wirft er sich vor Lyra, macht sich breit und bietet der Wächterin seine eigene Brust als Schild an.

Der Aufprall ist ohrenbetäubend.

 

Die Wächterin kracht in ihn hinein, und die schiere, übernatürliche Wucht ihres Zorns entlädt sich an seinem Körper. Fenris, der Mann, der eben noch wie eine unerschütterliche Säule aus Muskeln und Entschlossenheit wirkte, wird von der Wucht wegkatapultiert, als bestünde er aus nichts als Federn und Staub. Er wird buchstäblich durch die Luft gewirbelt, sein schwarzer Mantel flattert wie die gebrochenen Schwingen eines Raben, bevor er hart gegen eine der massiven Steinsäulen prallt.

 

Ein dumpfes, fleischiges Geräusch hallt durch das Gewölbe, gefolgt vom Splittern von Stein. Fenris sackt zu Boden, reglos, während der Staub der Jahrhunderte auf ihn herabregnet.

 

Lyra steht für einen Herzschlag vollkommen schutzlos da. Der Schrei, der ihrer Kehle entweichen will, erstickt an der eisigen Kälte, die die Wächterin ausstrahlt. Die Hexe verharrt einen Moment, die Brust hebt und senkt sich in unnatürlichen Stößen, während ihr Blick von dem am Boden liegenden Fenris zurück zu Lyra wandert. Ein grausames, wahnsinniges Glühen liegt in ihren tiefen Augenhöhlen.

 

„Niemand stellt sich zwischen mich und das, was mir gehört“, zischt sie, und ihre Stimme ist nur noch ein trockenes Rauschen, wie Sand, der über Gräber weht.

 

Die Hitze und die Hoffnung der letzten Stunde scheinen in diesem Moment der absoluten Gewalt zu erfrieren. Lyra spürt das Amulett an ihrer Brust pulsieren - es ist die letzte Barriere zwischen ihr und einer Frau, die bereit ist, die ganze Welt zu entvölkern, nur um ihren geliebten Grafen in den Ketten des Todes zu behalten.

 

In der bleiernen Schwere der Krypta herrscht plötzlich eine Stille, die weitaus furchteinflößender ist als das vorangegangene Kreischen. Die Wächterin verharrt unbeweglich, eine groteske Statue aus verblasstem Schmerz und aschfahl gewordener Zeit. Ihr Zorn ist nicht verraucht, er ist in eine eisige, lauernde Ruhe übergegangen - die Ruhe eines Raubtiers, das weiß, dass seine Beute keinen Ausweg mehr hat.

 

Lyra wagt es kaum zu atmen. Ihre Augen bleiben auf die unnatürliche Gestalt Morganas fixiert, während sie sich mit zitternden Knien zu Fenris vortastet. Er liegt am Fuße der zertrümmerten Säule, die Pracht seines schwarzen Mantels ist mit grauem Staub bedeckt. Sein Gesicht, das eben noch von Leidenschaft und Entschlossenheit gezeichnet war, ist nun totenbleich. Nur das schwere, rasselnde Heben und Senken seiner Brust verrät, dass das Leben noch in ihm kämpft, doch es ist ein schwacher Kampf gegen die übernatürliche Wucht des Aufpralls.

 

„Fenris...“, haucht sie, doch ihr Flüstern erstirbt, als sie eine Veränderung an ihrem eigenen Körper wahrnimmt.

 

Eine schneidende Kälte geht plötzlich von ihrer Brust aus. Es ist kein gewöhnliches Frieren; es ist, als würde ein Eiszapfen direkt in ihr Herz getrieben. Mit bebenden Fingern greift sie nach Samuels Amulett, das ihr bisher Schutz und Hoffnung geschenkt hat. Doch als sie den Stein in ihre Handfläche schmiegt, erstarrt ihr Blut in den Adern.

 

Das sanfte, heilige Licht, das im Inneren des Kristalls pulsierte, ist erloschen. Der Stein ist blind, grau und so kalt wie das Grab des Grafen unter ihnen. Samuels Opfer, seine Gebete, die geweihte Energie - alles scheint von der bodenlosen Finsternis der Wächterin verschlungen worden zu sein.

 

Blanker, nackter Terror kriecht in Lyras Kehle hoch. In diesem Moment begreift sie die bittere Endgültigkeit ihrer Situation. Ohne das Licht des Amuletts ist sie nichts weiter als ein zerbrechliches Wesen aus Fleisch und Blut, schutzlos gegenüber einer Entität, die den Tod selbst verspottet. Sie ist der Wächterin völlig ausgeliefert.

 

Morgana macht einen langsamen, fast schwebenden Schritt auf sie zu. Ein trockenes, rissiges Lächeln verzieht ihr hinfälliges Gesicht. Sie spürt, dass die Barriere gefallen ist. Die Luft um Lyra beginnt zu flirren, gesättigt mit dem bösartigen Willen der Hexe, die nun bereit ist, Lyra für ihren Trotz zu bestrafen, indem sie sie langsam und qualvoll in den Wahnsinn treibt.

 

„Das Licht ist aus, kleine Sterbliche“, flüstert die Wächterin, und der Klang ihrer Stimme ist wie das Rascheln von vertrocknetem Laub auf einem Sargdeckel. „Und nun gehört mir auch dein letzter Atemzug.“

 

Fenris liegt wie ein gefallener Gott im Schutt seiner eigenen Hoffnungen. Jeder Atemzug ist eine Qual, die sich wie glühendes Blei durch seinen zertrümmerten Brustkorb zieht. Seine Glieder sind schwer wie Stein, unbeweglich, gefesselt von der schieren Wucht des Aufpralls und der lähmenden Magie, die Morgana wie ein unsichtbares Netz über ihn geworfen hat. Doch seine Augen - diese brennenden, smaragdgrünen Fixpunkte - sind weit geöffnet. Er muss alles mitansehen. Er muss Zeuge sein, wie die Frau, die er erst vor Stunden mit einer Hingabe geliebt hat, die die Mauern zwischen Leben und Tod einriss, nun dem Untergang geweiht ist.

 

„Lyra...“, flüstert er, und der Name ist kaum mehr als ein blutiges Hauchern, das an seinen Lippen stirbt.

 

Seine Augen wandern mit letzter Kraft zu der Gestalt der Wächterin, die wie ein Leichentuch über der zitternden Lyra schwebt. Ein verzweifeltes Opfer formt sich in seinem brechenden Verstand. Ein Pakt mit dem Teufel, um das Einzige zu retten, was sein Dasein noch lebenswert macht.

 

„Lass sie... leben“, presst er hervor, und seine Stimme ist ein kraftloses, hohles Echo seiner einstigen Macht. „Nimm mich. Ganz. Ohne Widerstand. Ich bin es doch... den du willst. Den du immer wolltest.“

 

Die Wächterin verharrt. Sie dreht ihren aschfahlen Kopf langsam zu ihm, und ein markerschütterndes, höhnisches Lachen bricht aus ihrer Brust - ein Geräusch wie berstendes Gebein.

 

„Dich?“, spuckt sie aus, und ihre blassen Lippen verziehen sich zu einer grausamen Grimasse. „Dich besitze ich doch schon lange, Fenris. Du bist mein Werkstück, meine Kreatur, mein ewiger Gefangener. Deine Seele gehört mir, seit du das erste Mal den Wein der Verdammnis gekostet hast.“

 

Sie macht einen gleitenden Schritt auf Lyra zu, die schutzlos auf den Knien verharrt, das erloschene Amulett wie einen toten Vogel in den Händen haltend. Die Wächterin streckt eine ihrer klauenartigen Finger aus und lässt sie fast zärtlich, doch mit tödlicher Drohung, über Lyras Wange gleiten.

 

„Nein, mein schöner Wolf“, zischt Morgana, und ihre blauen Augenhöhlen glühen vor sadistischer Lust. „Ich werde sie vor deinen Augen töten. Ich werde ihr das Leben Millimeter für Millimeter entziehen, während du zusiehst und nichts tun kannst. Ich werde ihre Schreie in dein Gedächtnis brennen, bis sie das Einzige sind, was du noch hörst. Du wirst diese Bilder nie wieder los. Sie werden die Tapete deiner ewigen Einsamkeit sein.“

 

Die Grausamkeit in Morganas Stimme ist unerträglich - sie genießt Fenris’ psychische Qual mehr als jedes physische Opfer. Sie will ihn brechen, indem sie das zerstört, was er liebt, und ihn als leere Hülle zurücklassen, die für immer an ihren dunklen Thron gekettet ist. 

 

In der erstickenden Schwere der Krypta scheint die Zeit zu einer zähen, schwarzen Masse zu gerinnen. Lyra spürt das Ende. Es ist kein fernes Echo mehr, sondern eine greifbare Kälte, die von der Wächterin ausgeht und nach ihrem Herzschlag greift. Sie weiß, dass sie in diesem ungleichen Kampf gegen eine jahrhundertealte Entität nur ein Staubkorn im Sturm ist. Doch in diesem Moment der absoluten Hoffnungslosigkeit weicht die Angst einer übernatürlichen Klarheit.

 

Sie ignoriert die hässliche, aschfahle Fratze der Hexe, die sich über sie beugt. Ihre ganze Welt schrumpft zusammen, bis nur noch Fenris existiert, der dort im Schutt liegt, ein gefallener Krieger in seinem staubigen schwarzen Mantel.

 

Sie sucht seinen Blick und findet ihn. Ihre Augen treffen sich - Grün auf Blau - in einem wortlosen Dialog, der tiefer geht als jedes körperliche Verlangen, das sie je geteilt haben. Inmitten des Verfalls und der drohenden Hinrichtung lodert die Erinnerung an ihre Vereinigung in der Dusche auf, an die Hitze seiner Haut und die heilige Tiefe ihrer Küsse.

 

„Fenris“, flüstert sie, und ihre Stimme ist trotz der Todesangst fest, ein klarer Akkord in der Dissonanz der Krypta. „Hör mir zu. Ich werde dich immer lieben. Über diesen Moment hinaus, über das Grab hinaus... bis über den Tod hinaus, so wie wir es uns versprochen haben.“

 

Es ist ein Schwur, der die Mauern des Vergessens einreißt. Ein Siegel, das mächtiger ist als jeder Fluch der Wächterin.

 

Fenris’ Körper bebt unter einer Welle aus purer Agonie und Verzweiflung. Ein ersticktes Grollen bricht aus seiner Kehle, ein Laut, der halb Mensch, halb Bestie ist. Er versucht, gegen die lähmende Magie anzukämpfen, die ihn an den kalten Boden fesselt. Die Sehnen an seinem Hals treten hervor wie Drahtseile, und Schweiß mischt sich mit dem Staub auf seiner Stirn. Er stemmt sich mit einer übermenschlichen, fast wahnsinnigen Kraft gegen das Unvermeidliche.

 

„Nein...“, presst er hervor. Das Wort ist blutig, ein Fetzen seiner Seele, der sich gegen ihr Opfer auflehnt. „Nicht... Lyra... geh nicht...“

 

Er braucht jede Unze seiner Existenz, um diesen Protest zu formulieren, während Morgana über Lyra die Hand hebt, ihre Finger gekrümmt wie die Klauen einer Spinne, bereit, den Lebensfaden zu durchtrennen. Die Wächterin lächelt grausam, berauscht von dem Leid, das sie zwischen diesen beiden Seelen sät, die sich selbst in der Hölle noch die Treue schwören.

 

Die Wächterin weidet sich an der Stille. Es ist die Grausamkeit einer enttäuschten Göttin, die keine Gnade kennt. Ihre knöchernen Finger verändern sich unter dem flackernden Licht der Taschenlampen; die Haut zieht sich straff über das Skelett ihrer Hände, und die Fingernägel verlängern sich zu schwarzen, rasiermesserscharfen Klingen. Sie glänzen ölig im Dunkeln, bereit, das zarte Fleisch zu entweihen, das Fenris erst vor Kurzem noch so leidenschaftlich geküsst hat.

 

Morgana beugt sich tiefer, ihr Atem riecht nach Moder und alten Rosen. Fast zärtlich, wie eine Liebhaberin, die den entscheidenden Moment hinauszögert, lässt sie die Spitzen dieser tödlichen Krallen über Lyras Kehlkopf gleiten. Es ist ein perverses Kitzeln, ein Spiel mit der Sterblichkeit. Dann übt sie Druck aus.

 

Das kalte Metall der Krallen ritzt die weiche, warme Haut an Lyras Hals auf. Ein feiner, scharlachroter Faden aus Blut findet sofort seinen Weg, brennt sich wie eine flüssige Rubinkette über ihre Kehle und verschwindet im Ausschnitt ihres schwarzen Kleides. Es ist das kostbarste Opfer, das diese Gruft seit Jahrhunderten gesehen hat - lebendiges, heißes Blut auf dem Altar der Toten.

 

Doch Lyra verzieht keine Miene. Ihr Blick bleibt starr auf Fenris gerichtet, ihre Augen sind weit und klar, erfüllt von einem Trotz, der die Wächterin wie ein Peitschenhieb trifft. Sie presst die Lippen aufeinander, unterdrückt jeden Laut des Schmerzes, jede Regung der Furcht. Sie verweigert der Hexe die Nahrung, nach der sie am meisten lechzt: das Schluchzen einer gebrochenen Frau.

 

In diesem Moment der Schändung strahlt Lyra eine dunkle, erhabene Würde aus. Sie ist die Königin in diesem staubigen Reich des Verfalls, und ihr Blut, das nun stetig herabtropft, wirkt wie eine Provokation gegen die Machtlosigkeit der Wächterin.

 

„Ist das alles?“, scheint ihr Blick zu fragen, während das Brennen an ihrem Hals zu einem pochenden Schmerz anschwillt.

 

Fenris sieht das Blut. Er sieht den roten Strom auf ihrer blassen Haut, und etwas in ihm reißt endgültig entzwei. Das animalische Grollen in seiner Brust wird zu einem Beben, das den Boden der Krypta erschüttert. Er sieht, wie Lyra für ihn leidet, wie sie der Bestie die Stirn bietet, um ihm einen letzten Moment der Würde zu schenken. Und während das Blut in die Ritzen des Sarkophags fließt, beginnt der Boden unter ihnen zu vibrieren.

 

Das Spiel der Wächterin wandelt sich von einer Drohung in eine blutige, perverse Zeremonie. Mit einer langsamen, fast rituellen Präzision führt sie ihre messerscharfen Krallen weiter hinab. Sie ritzt nicht mehr nur die Oberfläche; die schwarzen Klingen schneiden tiefer, graben sich in das weiche Fleisch von Lyras Dekolleté und hinterlassen schmerzhafte, klaffende Spuren des Besitzes.

 

Das Scharlachrot quillt nun heißer hervor, eine pulsierende Quelle des Lebens inmitten dieses steinernen Friedhofs. Das Blut rinnt in schweren, dunklen Tropfen über Lyras bleiche Haut, tränkt den Stoff ihres Kleides und zeichnet ein grausames Muster der Verwüstung auf ihre Brust. Es duftet nach Eisen und Leben - ein Geruch, der die Luft in der Krypta dick und berauschend macht.

 

Die Wächterin lacht, ein trockenes, rissiges Geräusch, das an den Nerven sägt. „Ich werde dich langsam ausbluten lassen, kleine Sterbliche“, zischt sie, und ihre Stimme trieft vor sadistischer Vorfreude. „Tropfen für Tropfen werde ich dein Leben fordern. Und weißt du, was das Schönste sein wird? Ich werde die Bestie in deinem geliebten Mann wecken. Sein Wolf wird den Hunger nicht bekämpfen können. Er wird sich gierig über dein Blut hermachen, er wird dich zerfleischen, während dein Herz noch schlägt, und er wird den Geschmack deines Todes auf seiner Zunge tragen, bis ans Ende seiner verfluchten Tage.“

 

Lyra bleibt starr. Das Brennen an ihrem Hals und auf ihrer Brust ist eine lodernde Agonie, ein Feuer, das ihre Sinne vernebeln will, doch sie klammert sich mit der Kraft einer Ertrinkenden an ihren Trotz. Sie gibt keinen Laut von sich. Ihr Blick bleibt wie festgeklebt an Fenris’ Augen - ein letzter Anker der Liebe in einem Ozean aus Schmerz.

 

Fenris ist ein Gefangener seines eigenen, zerbrochenen Körpers. Das animalische Grollen in seiner Kehle ist zu einem verzweifelten, markerschütternden Wimmern geworden. Er sieht jeden Schnitt, sieht, wie das Blut der Frau, die er liebt, den staubigen Boden benetzt. Mit einer Anstrengung, die seine Muskeln unter dem schwarzen Mantel fast zum Reißen bringt, versucht er immer wieder, sich zu erheben. Seine Finger krallen sich in den Schutt, seine Sehnen treten wie Drahtseile an seinen Armen hervor, doch jedes Mal sackt er mit einem unterdrückten Schrei der Ohnmacht wieder in sich zusammen.

 

Die magische Lähmung der Wächterin liegt wie tonnenschweres Blei auf seinem Geist. Er muss zusehen, wie seine schlimmsten Alpträume Wirklichkeit werden, während der Duft von Lyras Blut seine Sinne zu vergiften beginnt und den Wolf in seinem Inneren an die Gitterstäbe seines Verstandes rütteln lässt.

 

Die Wächterin badet in der Qual, die sie wie einen unsichtbaren Dunst aus den beiden Liebenden saugt. Es ist eine dunkle Ekstase für sie, die Klinge ihrer Krallen immer tiefer in Lyras Fleisch zu versenken. Das Dekolleté des jungen Weibes ist nun kein Ort der Verführung mehr, sondern ein zerfurchtes Schlachtfeld, gezeichnet von scharlachroten Gräben, in denen das Blut wie in kleinen Bächen zusammenläuft. Die Hitze des Lebens rinnt an Lyras Körper herab, während die Kälte des Todes sie von außen umschlingt.

 

Doch in die sadistische Freude der Hexe mischt sich ein erster Schatten von Zorn. Lyra bleibt eine Festung. Trotz der brennenden Agonie, trotz des schleichenden Blutverlustes, verzieht sie keine Miene. Ihr Körper mag beben, doch ihr Geist ist unangreifbar. Ihr Blick ist wie mit unsichtbaren Ketten an Fenris geschmiedet, und in diesem stummen Austausch von Seele zu Seele findet sie eine Kraft, die älter und mächtiger ist als Morganas Fluch.

 

Die Wächterin stößt ein frustriertes Zischen aus. Sie wendet ihren aschfahlen Kopf langsam Fenris zu, bereit, ihr Spiel auf eine neue, noch grausamere Ebene zu heben, da Lyra sich weigert, zu brechen.

Doch gerade als sie die Hand erhebt, um Fenris den ersten, finalen Schmerz zuzufügen, zerreißt ein fremdes Geräusch die Grabesstille.

 

Schritte.

 

Sie hallen hohl und unsicher durch die fernen Gänge der Krypta. Es ist kein rhythmisches Schreiten eines Kriegers, sondern das stolpernde Tappen von jemandem, der sich in der Finsternis fürchtet.

 

„Hallo?“, erklingt eine Stimme, dünn und brüchig, wie das Flattern eines Vogels in einer Kathedrale.

Die Wächterin erstarrt. Ihr Kopf ruckt herum, die unnatürlichen Sehnen an ihrem Hals knirschen.

Nach einer quälend langen Weile, in der nur das Tropfen von Lyras Blut zu hören ist, ertönt der Ruf erneut, diesmal etwas näher, erfüllt von einer zittrigen, beinahe kindlichen Angst.

 

„Hallo? Ist... ist da jemand?“

 

Fenris’ Augen weiten sich. Trotz der Lähmung, trotz des Nebels aus Schmerz und aufkeimendem Wolfsinstinkt, durchzuckt ihn ein Blitz der Erkenntnis. Er kennt diese Stimme. Sie ist untrennbar mit seiner eigenen Vergangenheit in diesen Mauern verbunden. Es ist dasselbe Zittern, dasselbe Zögern, das er vor Monaten hörte, als er sich tief in den Eingeweiden der Kirche verlor und jemand ihn suchte - jemand, der hier unten nichts verloren hat und nun geradewegs in den Schlund der Bestie läuft.

 

Die Wächterin bleckt die Zähne. Ein neues Opfer hat das Labyrinth betreten, und die sakrale Ruhe ihres Reiches ist entweiht worden.

 

Die Wächterin ist wie versteinert. Ihr aschfahler Körper ist zur Gänze auf den dunklen Schlund des Ganges fixiert, aus dem die menschliche Stimme dringt. Sie wittert ein neues Opfer, eine weitere Seele, die sie in ihrem Netz aus Qual und Wahnsinn verstricken kann. In dieser unnatürlichen Stille, in der nur das schwere Rappen von Fenris' Atem und das leise Ticken von Lyras fallenden Blutstropfen zu hören ist, scheint die Zeit den Atem anzuhalten.

 

Lyra erkennt die einzige Chance, die ihnen in dieser ausweglosen Finsternis bleibt. Ihr Körper brennt, ihr Dekolleté ist ein nasser, heißer Schmerzherd, doch ihr Verstand arbeitet mit der Präzision einer Raubkatze. Während Morganas Blick starr auf den fernen Korridor gerichtet ist, bewegt Lyra ihren Fuß. Mit einer gezielten, lautlosen Kraftanstrengung stößt sie die schwere Taschenlampe an, die neben ihr auf dem Boden liegt.

 

Das Metall schlägt auf den unebenen Steinboden auf.  Das Geräusch hallt wie ein Hammerschlag durch das Gewölbe, vervielfältigt durch das Echo der Krypta.

 

Elias, der oben im Gang bereits den Rückzug antreten wollte, erstarrt. Man hört das Zögern in seinem Atem. Er will weg, er will zurück in das sichere, elektrische Licht der modernen Welt, fort von dem Moder und der Kälte, die ihm den Nacken hochkriecht.

 

„Hallo?“, ruft er erneut, diesmal mit einer Stimme, die vor nacktem Entsetzen fast bricht. „Ist... ist da wirklich jemand?“ Ein leises, verzweifeltes Murmeln folgt, das nur für ihn selbst bestimmt scheint: „Ich hasse es hier unten... verfluchter Ort...“

 

Lyra weiß, dass Elias fliehen wird, wenn sie jetzt nicht handelt. Sie weiß auch, dass sie damit das Todesurteil der Wächterin direkt auf sich zieht. Sie nimmt all ihren Mut zusammen, presst die Lungen voll mit der staubigen, eisenhaltigen Luft und lässt ihre Stimme durch die Dunkelheit schneiden.

 

„Hier sind wir!“, schreit sie, und der Klang ist ein Bruch mit der heiligen Stille der Hexe. „Kommen Sie her! Jemand ist schwer verletzt! Wir brauchen Hilfe!“

 

Die Worte wirken wie ein Peitschenhieb auf Morgana. Die Wächterin wirbelt herum, ihre aschfahlen Züge zu einer Fratze der ungläubigen Wut verzerrt. Das Licht der Taschenlampe, die noch immer über den Boden rollt und bizarre Schatten an die Decke wirft, tanzt auf dem Blut, das an Lyra herabfließt.

 

Fenris stößt ein tiefes, verzweifeltes Knurren aus. Er sieht, wie die Wächterin ihre Krallen hebt, um Lyra für diesen Verrat endgültig zum Schweigen zu bringen. Doch die Anwesenheit eines weiteren Menschen, einer weiteren Zeugin der modernen Welt, scheint die dunkle Magie der Krypta für einen winzigen Moment zu erschüttern.

 

Elias’ Schritte werden schneller, diesmal kommen sie näher. Das Licht seiner eigenen Lampe beginnt am Ende des Ganges gegen die Dunkelheit zu kämpfen.

 

Lyra lässt keine Sekunde verstreichen. Während die Wächterin noch wie eine hasserfüllte Statue zwischen den Welten schwankt, gellt Lyras Stimme erneut durch das feuchte Gewölbe, diesmal schärfer, durchtränkt von der nackten Wahrheit.

 

„Elias! Die Wächterin! Sie ist hier unten! Bei uns!“

 

Der Name wirkt wie ein elektrischer Schlag. Am Ende des Ganges bleibt das tanzende Licht von Elias’ Taschenlampe schlagartig stehen. Man kann das Entsetzen förmlich hören, das ihn durchfährt. Elias ist kein Krieger; er ist ein Mann der Archive und der Ordnung, und er weiß nur zu gut, welche blutigen Legenden sich um die Wächterin ranken. Er weiß, dass sie kein Geist ist, sondern eine unersättliche Macht, die das Fleisch ebenso verzehrt wie die Seele.

 

Elias weicht einen Schritt zurück. Das Licht seiner Lampe zittert heftig gegen die kalkweißen Wände. Der Instinkt zur Flucht, die Gier nach dem rettenden Ausgang und der kalten Nachtluft der Stadt, zerrt an ihm wie eine bleierne Kette. Er will rennen, will die schwere Eichentür hinter sich verriegeln und diesen Ort dem Verfall überlassen.

 

Doch dann schneidet Lyras Stimme erneut durch die Finsternis, und diesmal ist es kein Befehl, sondern ein verzweifeltes, gebrochenes Flehen, das tief aus ihrer Seele bricht.

 

„Bitte!“, ruft sie, und der Klang ist so voller Schmerz, dass selbst der kalte Stein der Krypta zu weinen scheint. „Nicht wegen mir... Fenris! Er ist verletzt! Er stirbt hier unten, wenn Sie uns nicht helfen! Bitte, Elias!“

 

Bei der Erwähnung von Fenris’ Namen geht ein Ruck durch den Schatten des Sakristans. Die kurze Verbindung, die Arbeit an den alten Steinen, - all das flammt für einen Moment gegen das nackte Entsetzen auf.

 

Lyra kniet im Staub, ihr Blut benetzt noch immer das zerschundene Dekolleté, und ihr Blick fleht in die Dunkelheit hinein. Die Wächterin dreht ihren Kopf langsam wieder zu ihr, ein grausames Lächeln auf den hinfälligen Lippen. Sie genießt Lyras Betteln. Sie genießt es, dass die Hoffnung an der Feigheit eines alten Mannes zu scheitern droht.

 

Fenris, der am Boden liegt, stößt ein qualvolles Keuchen aus. Seine Augen suchen Elias’ Lichtschimmer. Er kann nicht rufen, er kann Lyra nicht schützen, er kann nur hoffen, dass die Menschlichkeit in diesem verängstigten Sakristan siegt.

 

Elias steht am Scheideweg. Vor ihm liegt das Grauen der Vorzeit, personifiziert in der Frau aus Schatten, und hinter ihm die Freiheit. Doch das Echo von Lyras Schluchzen bindet ihn an diesen Ort.

 

Elias’ Entsetzen ringt mit seinem Gewissen, und für einen qualvollen Moment scheint die Feigheit zu siegen. Doch das verzweifelte Flehen Lyras und die Vorstellung von Fenris’ blutigem Ende bohren sich wie glühende Nadeln in seinen Verstand. Er kann nicht einfach gehen. Er wendet sich um, seine Schritte stolpern über die Steinstufen, weg von dem Grauen der Tiefe, zurück in das Kirchenschiff.

 

Oben empfängt ihn die trügerische Stille der heiligen Halle, durchflutet vom kränklichen Orange des Blutmonds. Elias keucht, seine Lungen brennen. Er steuert das kleine, kunstvoll geschnitzte Holzbecken an der Säule an - das Reservoir des geweihten Wassers. Mit zitternden Händen greift er nach dem schweren, silbernen Becher, der auf dem Altar für das Blut Christi bestimmt ist. Das Metall ist kühl und glatt, ein sakraler Kontrast zu dem Schmutz und dem Blut der Krypta.

 

Er taucht den Kelch tief in das Becken. Das Wasser schwappt über seine Finger, rein und unschuldig. Er füllt ihn bis zum Rand, sein Herz hämmert einen wilden Rhythmus gegen seine Rippen. Es ist kein einfacher Wein mehr, den dieser Becher heute führt; es ist die einzige Waffe, die er gegen die Finsternis unter seinen Füßen besitzt.

 

Mit dem Kelch in der Hand, darauf bedacht, keinen Tropfen des kostbaren Inhalts zu verschütten, eilt er zurück zum Abgang. Die Angst ist sein ständiger Begleiter, doch das Bild von Fenris’ leblosem Körper treibt ihn an. Er stürzt die Treppen hinunter, zurück in den Schlund, zurück in die klamme Kälte, wo die Wächterin bereits ihre Klauen wetzt.

 

Unten in der Grabkammer hat Morgana das Spiel wieder aufgenommen. Sie beugt sich über Lyra, deren Blut nun in stetigen Bahnen über ihre bleiche Haut rinnt. Die Wächterin ahnt nicht, dass der Sakristan zurückkehrt - bewaffnet mit dem Segen, den sie so sehr verabscheut.

 

Fenris beobachtet mit schwindenden Sinnen den Lichtschein, der wieder stärker wird. Er spürt die Präsenz des geweihten Wassers, noch bevor er Elias sieht. Es ist ein Prickeln in der Luft, eine Reinigung, die gegen den Moder der Gruft ankämpft.

 

Lyra hebt den Kopf. Sie sieht Elias am Ende des Ganges erscheinen, den silbernen Kelch fest umklammert wie einen Gral.

 

„Jetzt, Elias!“, presst sie hervor, während Morgana mit einem wütenden Zischen herumwirbelt, die Krallen erhoben, um den Eindringling zu zerfetzen.

 

Das Schicksal wendet sich mit der Plötzlichkeit eines Blitzschlags. Noch bevor die Wächterin ihre Klauen in Elias’ Fleisch graben oder Lyra den finalen Stoß versetzen kann, holt der Sakristan aus. Mit einer Verzweiflung, die ihm übermenschliche Sicherheit verleiht, schleudert er den Inhalt des silbernen Kelches mitten in das aschfahle Gesicht der Hexe.

 

Das geweihte Wasser trifft sie wie flüssiges Eisen.

Ein Schrei erstickt in ihrer Kehle, ein Laut, der so entsetzlich ist, dass er das Mark in den Knochen gefrieren lässt. Wo die Tropfen ihre Haut berühren, zischt und dampft es, als würde Säure auf Pergament treffen. Die Wächterin windet sich, ihre Gestalt flackert und bricht, bis sie wie ein schwerer, schwarzer Vorhang, dem man die Halterung entrissen hat, in sich zusammensinkt.

 

Elias, getrieben von einem heiligen Zorn, der seine Angst für diesen Moment verbannt, tritt vor. Er kippt den gesamten Rest des Kelches über die zuckende Masse aus Schatten und verrotteter Seide. Ein letztes, gurgelndes Fauchen ertönt, dann bleibt die Hülle der Wächterin reglos auf dem kalten Steinboden liegen - eine dunkle, rauchende Gestalt, die nicht ausgelöscht, aber für die nächste Zeit in eine tiefe, schmerzhafte Lähmung gezwungen ist. Die bösartige Aura, die eben noch die Luft zum Atmen nahm, zieht sich wie ein sterbendes Tier in den Boden zurück.

 

Elias verschwendet keine Sekunde mit Fragen. Er weiß, dass dieses Wunder nur von kurzer Dauer sein könnte. Er eilt zu Lyra, deren Dekolleté von dem schrecklichen Blutbad gezeichnet ist. Mit festem Griff hilft er ihr auf die Beine. Lyra taumelt, ihr Kopf schwimmt, und die Erschöpfung der vergangenen Stunden vermischt sich mit dem massiven Blutverlust zu einem gefährlichen Schwindel. Doch sie beißt die Zähne zusammen, ignoriert das Brennen ihrer Wunden und krallt sich an Elias’ Arm.

 

„Fenris...“, krächzt sie, und ihre Stimme ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.

 

Gemeinsam stürzen sie zu dem gefallenen Mann im schwarzen Mantel. Fenris’ Augen flattern, das Grün seiner Iris ist getrübt von Agonie, doch als er Lyras Berührung an seiner Wange spürt, kehrt ein Funken Bewusstsein zurück. Sie knien neben ihm im Staub der Krypta, zwischen den Splittern des Rubins und dem Schutt der Säule.

 

Lyra presst ihre zitternde Hand auf seine Brust, ihr eigenes Blut vermischt sich mit dem Schmutz auf seinem Hemd. Elias stützt seinen Kopf und beginnt, leise Gebete zu murmeln, während er versucht, die Schwere der Verletzungen abzuschätzen. Die Gefahr ist noch nicht gebannt, die Dunkelheit lauert in den Ecken der Gruft, doch für diesen einen Herzschlag haben sie dem Tod ein Schnippchen geschlagen.

 

„Wir müssen ihn hier rausholen“, keucht Elias, und sein Blick huscht nervös zu der reglosen Hülle der Wächterin. „Bevor sie wieder erwacht.“