Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 28
Am Rand des Verlöschens
Zwischen Weihrauch, Blut undiss und bröckelnder Hoffnung kämpft Fenris um sein Leben, während die Verwandlung unaufhaltsam näher rückt. Elias’ Wissen stößt an seine Grenzen, und Lyras Liebe wird zum letzten Schild gegen die Dunkelheit. Als die Wächterin erneut nach ihnen greift, offenbart sich ein uraltes Geheimnis: Die Rettung liegt jenseits von Glauben und Gewalt - im Herzen einer verbotenen Blume, bewacht von Schmerz und Opfer.
In der bedrückenden Stille der Krypta, in der nur noch der bittere Dampf des Weihwassers und der metallische Geruch von Lyras Blut hängen, beginnt ein verzweifelter Kampf gegen das Verlöschen. Elias kniet im Staub, seine Hände, die sonst alte Schriften ordnen, tasten nun mit unerwarteter Präzision über Fenris’ Körper. Die Taschenlampe liegt neben ihnen und wirft lange, verzerrende Schatten an die Wölbung der Decke.
Elias hat in seinen jungen Jahren ein Medizinstudium begonnen, bevor ihn der Ruf der Kirche ereilte - ein Wissen, das hier, im Angesicht des Todes, seine einzige Waffe ist. Er öffnet Fenris’ schwarzes Hemd. Lyra hält den Atem an, während Elias’ Finger vorsichtig über den muskulösen, bleichen Torso gleiten.
Ein unterdrücktes Stöhnen bricht aus Fenris’ Lippen, als Elias eine Stelle an seinem Brustkorb berührt. „Mehrere Rippen sind gebrochen“, murmelt Elias, und seine Stimme zittert trotz der medizinischen Nüchternheit. „Sie haben sich tief in das Gewebe gebohrt. Sein Atem... er ist zu flach. Die Lunge kämpft gegen den Druck an.“
Lyra streicht Fenris über die schweißnasse Stirn, ihre eigenen Wunden pochen im Rhythmus ihres rasenden Herzens. Sie sieht das unnatürliche Flackern in seinen Augen, das Smaragdgrün, das zwischen menschlicher Klarheit und animalischer Trübung schwankt. Sie spürt das Beben unter seiner Haut - ein tiefes, unheimliches Vibrieren, das nichts mit seinen Verletzungen zu tun hat.
Sie blickt hinauf, in der Hoffnung eines Fensters, um zu sehen ob der orangefarbene Schein des manipulierten Blutmonds langsam verblasst. Doch es gibt kein Fenster in der Tiefe.
„Er wird sich zurückverwandeln“, haucht sie, und eine Träne bahnt sich ihren Weg durch den schwarzen Kajalstift auf ihrer Wange. „Sobald der Mond den Horizont berührt, wird die Bestie ihn sich wieder holen. Aber sein Körper... Elias, sein menschlicher Körper ist zu schwach. Ich weiß nicht, ob er die Qualen der Transformation mit diesen Verletzungen überlebt.“
Die Hitze, die sie vor Kurzem noch verband, ist einer grausamen Fragilität gewichen. Fenris ist nun nicht mehr der unbezwingbare Liebhaber, sondern ein zerbrechliches Wesen zwischen zwei Welten, dessen Leben an einem seidenen Faden hängt. Sein Atem rasselt schwach, ein gequältes Geräusch, das Lyra das Herz zerreißt.
Elias sieht sie ernst an. „Wenn der Wolf kommt, Lyra, dann wird die Heilkraft der Bestie entweder seine Knochen richten - oder sein Herz wird unter der Last der Verwandlung einfach aufhören zu schlagen.“
In der erstickenden Schwere dieser Katakombe bricht Lyras eiserne Maske des Trotzes endgültig entzwei. Die Tränen, die sie so lange zurückgehalten hat, brennen sich heiße Pfade durch den Staub und das getrocknete Blut auf ihren Wangen. Sie schluchzt unkontrolliert, ein Geräusch so voller Schmerz, dass es das jahrhundertealte Gestein zu erweichen scheint. Jedes Mal, wenn Fenris’ Atem rasselnd aussetzt, fühlt es sich an, als würde ein Teil ihrer eigenen Seele sterben.
Sie will ihn nicht verlieren. Nicht jetzt, nachdem sie die Hitze seines Körpers und die Tiefe seiner Liebe gekostet hat. Die Erinnerung an seine festen Hände auf ihrer Haut, an das raue Flüstern seines Verlangens in der Dunkelheit, ist das Einzige, was sie vor dem Abgrund des Wahnsinns bewahrt.
„Elias!“, schreit sie verzweifelt auf, und ihre Stimme bricht. Sie packt den Sakristan am Ärmel, ihre Finger krallen sich fest in den Stoff, während sie ihn aus verweinten Augen anfleht. „Wir müssen irgendwas machen! Er darf nicht sterben! Er darf mich nicht hier zurücklassen, nicht so!“
Elias blickt von Lyras blutverschmiertem Dekolleté zu Fenris’ bleichem, schweißnassem Gesicht. Seine medizinische Erfahrung sagt ihm, dass die Zeit ihr größter Feind ist. Doch dann wandert sein Blick weiter, fort von den Liebenden, hin zu dem dunklen Haufen aus verrotteter Seide und Schatten, der am Boden liegt.
Dort, wo das Weihwasser die Hülle der Wächterin benetzt hat, beginnt der Dampf bereits schwächer zu werden. Ein leises, fast unhörbares Scharren verkündet, dass die Lähmung bröckelt. Die Dunkelheit in der Gestalt scheint sich wieder zu verdichten, als würde die Bosheit selbst die Brandwunden der Heiligkeit heilen.
„Wir müssen hier weg, Lyra“, sagt Elias, und seine Stimme ist nun hart vor nackter Überlebensangst. Er greift Fenris unter die Achseln, seine Knöchel werden weiß vor Anstrengung. „Das Weihwasser wird sie nicht ewig zurückhalten können. Wenn sie erwacht und uns noch immer hier vorfindet, gibt es kein zweites Wunder. Sie wird diesen Ort zu unserem Grab machen.“
Er zerrt an Fenris, dessen Körper schwer und leblos wirkt. Lyra spürt die bittere Ironie: Die Frau, die sie vernichten wollte, regt sich bereits wieder, während der Mann, der sie beschützte, zwischen den Welten schwebt. Der Geruch nach Moder und rachsüchtiger Magie beginnt wieder anzusteigen, ein kaltes Echo in der Luft, das die Nackenhaare aufstellen lässt.
„Hilf mir, ihn hochzuziehen!“, befiehlt Elias schroff. „Jetzt oder nie!“
Lyra handelt mit der Entschlossenheit einer Frau, die bereit ist, das Schicksal selbst herauszufordern. Ihre Finger zittern, als sie nach der Kette von Samuel greift. Das Metall ist eiskalt, und der Stein darin wirkt wie ein totes Auge - grau, blind und verbraucht. Doch für Lyra ist dies mehr als nur ein Relikt; es ist der letzte Anker ihrer Hoffnung.
Mit fast schon ritueller Zärtlichkeit beugt sie sich über den keuchenden Fenris. Sie ignoriert das Brennen ihrer eigenen Wunden, das Blut, das klebrig an ihrem Dekolleté trocknet, und legt ihm das schwere Silberband um den Hals.
„Schütz ihn“, flüstert sie gegen seine kühle Haut, während sie den Verschluss schließt. „Wenn nicht durch Licht, dann durch das Gewicht meiner Liebe.“ Sie hofft inständig, dass das Amulett, selbst wenn es erloschen scheint, wie ein spiritueller Schild gegen die lauernde Dunkelheit und die drohende, schmerzhafte Verwandlung wirkt.
Dann blickt sie zu Elias, der bereits Fenris’ Oberkörper stützt. Mit einem tiefen Atemzug greift Lyra nach Fenris’ Beinen. Die schwere Stofflichkeit seiner Hose und die Kälte seiner Haut schicken elektrische Schauer durch ihre Arme.
Der Weg nach oben wird zu einer brutalen Via Dolorosa.
Jede Stufe der schmalen, ausgetretenen Steintreppe ist ein Hindernis von gigantischen Ausmaßen. Elias keucht unter der Last, sein Gesicht ist rot vor Anstrengung, während Lyra bei jedem Schritt das Gewicht von Fenris’ wehrlosem Körper spürt. Die Enge des Aufgangs zwingt sie nah zusammen; die Luft ist gesättigt mit dem Geruch von Staub, Schweiß und dem metallischen Odem des Blutes.
„Ganz vorsichtig...“, presst Elias hervor, als sie Fenris um die erste Biegung hieven.
Ein leises, qualvolles Stöhnen bricht aus Fenris’ Lippen. Es ist ein Laut, der Lyra durch Mark und Bein fährt - ein tiefes, hohles Grollen, das zeigt, wie sehr jeder Ruck seine gebrochenen Rippen gegen das verletzte Gewebe presst. Seine Augen sind halb geschlossen, nur ein schmaler Spalt des trüben Smaragdgrüns ist zu sehen, während sein Kopf kraftlos gegen Elias’ Schulter sinkt.
Hinter ihnen, in der Tiefe der Krypta, beginnt die Stille wieder zu atmen. Ein leises Scharren, wie von Krallen auf Stein, hallt von unten herauf. Die Wächterin rührt sich. Die Zeit der Lähmung läuft ab, und die Schatten beginnen bereits, an den Rändern ihrer Fersen zu lecken.
Lyra beißt sich so fest auf die Unterlippe, dass sie das eigene Blut schmeckt. „Noch ein Stück, Fenris“, beschwört sie ihn mit erstickter Stimme. „Lass mich jetzt nicht los.“
Das letzte Stück des Aufstiegs ist ein klaustrophobischer Albtraum. Die Wände der Wendeltreppe rücken so nah zusammen, dass Lyras Schultern den feuchten Stein schrammen, während sie Fenris’ Beine umklammert hält. Die Luft hier oben ist dünner, verbraucht vom Atem der Jahrhunderte. Jeder Zentimeter, den sie Fenris höher hieven, wird mit einem gequälten Aufschrei seiner geschundenen Lungen bezahlt. Sein Körper ist schwer wie Blei, eine leblose Masse aus Fleisch und unterdrücktem Leid, die dennoch eine dunkle, maskuline Anziehung ausstrahlt, die Lyra selbst in diesem Moment der Panik schwindeln lässt.
Gerade als Elias die schwere Klinke der Sakristeitür erreicht und das erste fahle Licht der mondbeschienenen Kirche in den engen Schacht fällt, geschieht es.
Ein markerschütterndes, hasserfülltes Kreischen bricht aus der Tiefe hervor. Es ist kein Schrei mehr, es ist eine akustische Druckwelle aus purer Schwärze, die die Treppe hinaufjagt und den Staub der Stufen aufwirbelt. Morgana ist erwacht. Das Weihwasser hat ihren Zorn nicht gelöscht, sondern ihn zu einer weißen Glut geschürt. Man hört das rasiermesserscharfe Kratzen ihrer Krallen auf dem Stein - sie steigt nicht die Treppe hinauf, sie jagt sie empor wie ein Raubtier, das seine Beute bereits im Nacken spürt.
Lyra erstarrt auf der obersten Stufe. Ihr Herz hämmert so wild gegen ihre Rippen, dass es fast die Schmerzen in ihrem zerfetzten Dekolleté übertönt. Sie sieht Elias an, dessen Gesicht im fahlen Licht der Kirche aschfahl und eingefallen wirkt. Der Schweiß rinnt ihm in Bächen von der Stirn.
„Sie kommt...“, haucht Lyra, und ihre Stimme kippt ins Panische. „Elias, sie ist direkt hinter uns! Sie wird ihn nicht gehen lassen. Sie wird sich Fenris holen und ihn für immer in diese Dunkelheit zurückzerren!“
Sie blickt hinunter auf Fenris. Der Anhänger von Samuel liegt flach auf seiner breiten Brust, ein erloschenes Versprechen. In seinen Zügen beginnt ein unheimliches Zucken. Die Kieferknochen mahlen, und unter der blassen Haut seines Halses pulsieren die Sehnen in einem Rhythmus, der nicht mehr menschlich ist. Die Verwandlung steht unmittelbar bevor, doch er ist zu schwach, um den Wolf zu beherrschen.
„Was machen wir jetzt?“, schreit Lyra fast, während das Scharren der Krallen auf den Stufen unter ihnen immer lauter wird. „Wir können ihn nicht einfach hier liegen lassen! Sie wird uns alle zerfetzen!“
Elias starrt auf die schwere, eisenbeschlagene Eichentür, die den Übergang zwischen der entweihten Tiefe und dem geheiligten Raum der Kirche markiert. Sein Blick wandert zu einem schweren Riegel aus Schmiedeeisen.
Mit einer letzten, verzweifelten Kraftanstrengung stemmt Elias seine Hüfte gegen das massive Eichenholz der Sakristeitür. Das schwere Portal schlägt mit einem dumpfen Knall ins Schloss, der wie ein Schlussstrich unter das Grauen der Tiefe wirkt. Sofort schiebt er den eisenbeschlagenen Riegel vor, während auf der anderen Seite bereits das erste wütende Kratzen der Wächterin gegen das Holz hämmert.
Elias keucht, sein Blick hastet durch das dämmrige Kirchenschiff, in dem der Mond durch die hohen Buntglasfenster groteske, purpurne Schatten wirft. Er sieht zum Hochaltar - ein massiver Block aus Marmor und Gold, der inmitten der Stille wie eine letzte Festung des Lichts thront. Er nickt Lyra kurz und entschlossen zu.
„Dort hin“, presst er hervor. „Wir legen ihn direkt auf den geweihten Stein. Das ist der einzige Ort, an dem sie keine Macht hat. Wir zünden die großen Kerzen an... wir brauchen jedes Licht, das wir finden können. Und hol das Weihwasserbecken von der Säule, Lyra! Wir müssen einen Kreis um ihn ziehen!“
Lyra nickt stumm, ihre Lippen sind fest zusammengepresst, um das Schluchzen zu unterdrücken. Gemeinsam hieven sie Fenris’ schweren Körper auf die Altarplatte. Das kalte Weiß des Marmors bildet einen scharfen Kontrast zu seinem schwarzen, zerfetzten Mantel und dem dunklen Rot des Blutes, das noch immer aus Lyras Wunden auf seine Brust tropft.
Fenris’ Zustand ist nun jenseits jeglicher menschlicher Vorstellungskraft. Sein Körper ist ein Schlachtfeld der Metamorphose. Unter der Haut seiner Arme und seines Torsos bewegen sich die Muskeln wie lebendige Knoten; seine Knochen knacken und verschieben sich mit einem Geräusch, das Lyra das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Bestie in seinem Inneren spürt den schwindenden Mond und verlangt nach ihrem Recht, doch sein menschliches Herz, geschwächt von den Rippenbrüchen und dem massiven Trauma, flackert nur noch wie eine sterbende Kerze.
„Er zerleidet sich selbst“, haucht Lyra, während sie mit zitternden Händen die schweren Dochte der Altarleuchter entzündet. Das warme, gelbe Licht der Flammen erhellt Fenris’ Gesicht, das zwischen der edlen Maske des Mannes und der grausamen Fratze des Wolfes feststeckt. Seine Eckzähne verlängern sich, seine Fingernägel krallen sich tief in das Altartuch, doch der finale Umbruch bleibt aus - sein Körper ist zu erschöpft, um die Transformation zu vollenden, und zu verletzt, um sie aufzuhalten.
Elias wuchtet das schwere, steinerne Becken mit dem restlichen Weihwasser herbei und stellt es direkt neben Fenris’ Kopf. Der metallische Geruch von Weihrauch und altem Wachs vermischt sich mit dem animalischen Duft des Wolfes.
Draußen gegen die Sakristeitür brandet der Zorn der Wächterin wie eine Flutwelle, doch hier am Altar, umgeben von flackerndem Licht, scheint die Zeit für einen Moment stillzustehen.
In der sakralen Stille des Kirchenschiffs wirkt das flackernde Kerzenlicht wie ein schwaches Heer von Soldaten, die gegen eine endlose Finsternis aufbegehren. Der schwere Geruch von jahrhundertealtem Weihrauch vermischt sich mit dem scharfen, metallischen Odem von Lyras Blut, das noch immer in dunklen Spuren ihre Haut benetzt. Auf dem marmornen Altar liegt Fenris, dessen Körper von unnatürlichen Schauern geschüttelt wird - ein gefallener Krieger, der in einer grausamen Agonie zwischen seiner menschlichen Hülle und dem Schatten des Wolfes gefangen bleibt.
Elias steht mit bebenden Händen neben dem Altar, den silbernen Kelch fest umklammert, während Lyra nicht von Fenris’ Seite weicht. Ihre Augen, weit und dunkel vor Erschöpfung und Furcht, sind auf die schwere Eichentür der Sakristei fixiert. Sie wissen beide, dass das Holz und der Eisenriegel gegen eine Entität wie Morgana nur ein schwacher Aufschub sind. Die Wächterin ist kein Wesen aus Fleisch und Blut; sie ist ein Fluch, der durch die Ritzen der Realität sickert.
Plötzlich bricht das markerschütternde Kreischen und das hasserfüllte Kratzen gegen die Tür ab.
Die Stille, die darauf folgt, ist weitaus schlimmer als der Lärm zuvor. Sie legt sich wie eine bleierne Glocke über den Raum, so dicht und schwer, dass jeder Atemzug Lyra Überwindung kostet. Das einzige Geräusch ist nun das rasselnde Keuchen von Fenris und das leise Knistern der brennenden Dochte.
Lyra erstarrt, ihre Hand noch immer schützend auf Fenris’ bebender Brust. Ihr Blick huscht zu Elias, dessen Gesicht im Kerzenschein wie aus fahlem Wachs gegossen wirkt.
„Warum ist es so still?“, flüstert sie, und ihre Stimme ist kaum mehr als ein Hauch, der in der Weite der Kathedrale verloren geht.
Elias antwortet nicht sofort. Er lauscht, den Kopf leicht geneigt, während sein Schatten grotesk vergrößert an den hohen Säulen tanzt. Er weiß, dass die Stille der Wächterin niemals Frieden bedeutet. Es ist die Ruhe eines Raubtiers, das aufgehört hat, gegen die Barrikade zu hämmern, weil es eine Schwachstelle gefunden hat - ein offenes Fenster im Obergaden, eine morsche Stelle im Gebälk oder einen dunklen Pfad durch die Schattenwelt selbst.
„Sie gibt nicht auf“, presst Elias schließlich hervor. Seine Knöchel treten weiß hervor, so fest umspannt er das Metall des Kelches. „Sie sucht einen anderen Weg. Sie spürt ihn... sie spürt, dass sein Leben verblasst, und sie wird nicht ruhen, bis sie seinen letzten Funken ausgelöscht hat.“
Lyra spürt ein eisiges Frösteln, das ihren Nacken hochkriecht. Die Dunkelheit in den fernen Ecken der Kirche scheint sich zu verdichten, als würde sie Form annehmen. Sie bleiben wachsam, jede Faser ihres Seins angespannt, während sie darauf warten, aus welcher Richtung die Finsternis über sie hereinbrechen wird. Der Altar ist ihre letzte Insel, doch das Meer aus Schatten steigt unaufhaltsam.
In der erstickenden Stille der Kathedrale schärfen sich Lyras Sinne bis zur Unerträglichkeit. Die Luft um den Altar beginnt sich zu verändern; sie wird schwer, geladen mit einer statischen Kälte, die das Licht der Kerzen unruhig flackern lässt. Lyra lässt ihren Blick durch das gewaltige Kirchenschiff schweifen. Die Schatten zwischen den hohen Säulen wirken plötzlich tiefer, fast stofflich, als würden sie sich wie schwarze Finger nach dem geheiligten Zentrum ausstrecken.
Sie spürt die Wächterin. Es ist kein Geräusch, das sie verrät, sondern ein bösartiger Druck auf Lyras Brust, ein eisiger Hauch im Nacken, der nichts mit der nächtlichen Zugluft zu tun hat. Morgana ist nicht länger hinter der Tür; sie ist in die Zwischenräume der Architektur geschlüpft, eine lauernde Präsenz, die darauf wartet, dass die Barriere des Lichts endgültig bricht.
„Sie ist hier“, haucht Lyra, und ihre Stimme zittert vor unterdrückter Panik. „Ich kann sie fühlen... sie umkreist uns wie ein Schatten.“
Elias, dessen Gesicht im fahlen Schein der Altarleuchten fast geisterhaft wirkt, nickt langsam. Er weiß, dass Glaube und Weihwasser allein dieses Mal nicht ausreichen könnten. Mit einer entschlossenen Bewegung wendet er sich ab und verschwindet in der Dunkelheit eines kleinen Nebenraums, der an die Sakristei grenzt - dem Archiv der vergessenen Dinge.
Lyra bleibt allein bei Fenris, dessen Atemzüge nun nur noch ein schwaches, unregelmäßiges Flattern sind. Sie legt ihre Hand auf den kalten Marmor des Altars, die Finger nur Zentimeter von Fenris’ verkrampfter Hand entfernt, und flüstert Gebete, die sie längst vergessen geglaubt hatte.
Nach einem Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlt, kehrt Elias zurück. In seinen Händen hält er ein massives, in dunkles, rissiges Leder gebundenes Notizbuch. Der Einband ist von einer dicken Staubschicht bedeckt, und der Geruch von zerfallendem Papier und altem Wissen haftet an ihm.
„Was ist das?“, fragt Lyra, während Elias das Buch behutsam auf einer Stufe unterhalb des Altars aufschlägt.
„Die Chroniken von Sankt Vigil“, antwortet er mit belegter Stimme. Seine Finger gleiten über die handgeschriebenen Zeilen, die in einer Zeit verfasst wurden, als die Sonne über dieser Stadt noch keine Schatten der Verdammnis warf.
„Aufzeichnungen der ersten Hüter. Hier stehen Dinge über die Wächterin und den Grafen, die in keiner offiziellen Geschichte vorkommen. Bevor der Fluch die Stadt in Dunkelheit hüllte, gab es ein Ritual... ein Bindeglied zwischen den Lebenden und denjenigen, die das Grab bewachen.“
Er blättert hastig weiter, während draußen ein plötzlicher Windstoß gegen die Buntglasfenster peitscht, als wollte die Nacht selbst Einlass begehren. In den Chroniken sucht er nach einer Wahrheit, die älter ist als Morganas Zorn - ein Geheimnis, das vielleicht der einzige Schlüssel ist, um Fenris’ Leben zu retten und die Wächterin endgültig in die Schranken zu weisen.
In der flackernden Aura der Altarleuchten beugt sich Elias tief über die vergilbten Seiten des Chronik-Bandes. Seine Finger zittern, während er über die verblasste Tinte der alten Skripte fährt. Lyra tritt an seine Seite, ihr Blick haftet an einer filigranen Zeichnung am Rand der Seite: eine Blüte, deren Kelch unnatürlich weit geöffnet ist, umgeben von einem feinen Schimmer, der selbst auf dem alten Papier wie flüssiges Silber wirkt.
„Hier“, flüstert Elias, und seine Stimme bricht fast vor Ehrfurcht. „Es ist genau so, wie ich es befürchtet - oder gehofft habe. Die Aufzeichnungen führen alle zu demselben Ursprung zurück. Alles beginnt mit der Mondblume.“
Lyra betrachtet die Zeichnung genauer. Die Form der Blüte ist ihr seltsam vertraut; sie gleicht der einer gewöhnlichen Mohnblume, wie sie auf den Feldern vor der Stadt im Wind tanzt. Doch diese Pflanze hat eine düstere Metamorphose durchgemacht. Die Chronik beschreibt, wie sich vor Jahrhunderten, als der erste Blutmond die Erde küsste, eine einfache Mohnblume unter dem Einfluss der dunklen Magie und des Mondscheins veränderte. Ihre roten Blätter bleichten aus, bis sie die Farbe von gebleichten Knochen annahmen, und ihr Saft wurde zu einer Essenz, die nicht mehr den Schlaf, sondern die Brücke zwischen den Welten beherrscht.
„Eine Blume der Transformation“, murmelt Lyra, während draußen der Wind gegen die Mauern der Kathedrale klagt. „Aus etwas so Simplem wie Mohn wurde ein Werkzeug des Fluches - und vielleicht die einzige Medizin für Fenris.“
In den Texten steht geschrieben, dass die Mondblume nur unter den extremen Bedingungen des unnatürlichen Mondlichts gedeiht und ihre volle Kraft erst entfaltet, wenn sie mit dem Leid derer getränkt wird, die sie suchen. Sie ist das bittere Gegenstück zum Fluch der Wächterin: Was Morgana durch Hass und Bindung erschuf, kann nur durch die Essenz dieser Blume, die im Zwielicht der Realitäten wächst, gelöst oder geheilt werden.
Fenris stößt auf dem Altar ein tiefes, gequältes Stöhnen aus. Sein Körper windet sich unter der Last der unvollendeten Verwandlung. Die Zeit läuft ihnen davon. Wenn die Aufzeichnungen wahr sind, ist diese Blume nicht nur eine Legende, sondern eine physische Notwendigkeit, um das Gift in seinem Blut zu neutralisieren, bevor der Wolf sein menschliches Herz endgültig zerreißt.
„Die Lichtung im Schattenwald?“, fragt Lyra, und ihre Stimme zittert wie die Flamme einer sterbenden Kerze. „Dort, wo das Silbergras im Wind flüstert und die Luft nach vergessenem Regen schmeckt? Ich habe sie gesehen, Elias. Ich war mit Fenris dort.“
Elias hebt den Kopf vom Lederband der Chronik. Sein Gesicht wirkt in der goldenen Aura der Altarleuchten wie eine Maske aus Stein, gezeichnet von einer Wahrheit, die er nur ungern ausspricht. Er nickt langsam, doch in seinen Augen spiegelt sich kein Trost, sondern eine tiefe, warnende Sorge.
„Ja, Lyra. Die Mondblume blüht nur dort, im Herzen der Verdammnis“, antwortet er mit belegter Stimme. „Aber die Lichtung ist kein Ort, den man einfach betritt. Sie wird von der Dornenhecke des Vergessens bewacht. Diese Ranken sind nicht aus Holz und Stacheln; sie sind aus dem puren Schmerz derer gewoben, die vor uns scheiterten. Sie heben sich wie Schlangen, wenn sich ein Fremder nähert, und verschlingen jeden, der es wagt, in ihr Heiligtum einzudringen. Wer in ihren Griff gerät, wird Teil der Hecke, ein ewig blutendes Mahnmal für die Gier.“
Lyra spürt, wie die Kälte der Krypta erneut nach ihrem Herzen greift. „Aber wir waren dort“, beharrt sie, und die Erinnerung an Fenris’ Hand in der ihren, an die unheimliche Stille jener Lichtung, flammt in ihr auf. „Wir sind unversehrt hindurchgekommen. Die Dornen haben uns den Weg gewiesen, statt uns aufzuhalten.“
Elias schließt für einen Moment die Augen, als müsste er die Worte finden, die ihre Hoffnung zerschmettern werden.
„Sie haben euch nicht eingelassen, Lyra“, sagt er schließlich, und seine Stimme ist kaum mehr als ein heiseres Flüstern. „Sie haben euch gelockt. Die Wächterin hat die Dornen für euch gespalten, so wie ein Jäger das Tor zu einer Falle öffnet. Sie wollte, dass ihr euch sicher fühlt. Sie wollte Fenris genau an den Ort führen, an dem sein Fluch am stärksten ist, um ihn dort endgültig zu brechen.“
Er blickt auf Fenris, dessen Körper auf dem Altar immer noch gegen die unvollendete Transformation kämpft. Das Geräusch seiner brechenden Knochen untermalt Elias’ düstere Warnung.
„Jetzt, da ihr euch gegen sie gewandt habt, wird die Hecke nicht mehr weichen. Sie wird gieriger sein als je zuvor. Um zu dieser Blume zu gelangen, musst du einen Weg finden, die Dornen zu besänftigen, ohne dass Morgana es spürt - oder du musst bereit sein, einen Preis zu zahlen, den kein Sterblicher überleben kann.“
Draußen am Ende des Kirchenschiffs beginnt der Nebel der Wächterin nun, die ersten Bankreihen zu verschlucken. Die Zeit des Flüsterns ist vorbei.
Das dumpfe Schlagen des schweren Lederbands hallt wie ein Sargdeckel durch das Kirchenschiff, als Elias die Chronik zuschlägt. Staub wirbelt auf und tanzt panisch im sterbenden Kerzenlicht. Elias’ Hände zittern, während er das Buch fest an seine Brust presst, als könnte das darin geborgene Wissen ihn vor dem schützen, was nun unaufhaltsam aus den Tiefen der Kathedrale emporsteigt.
„Es ist zu spät für Erklärungen“, presst er hervor, sein Blick starr auf den Mittelgang gerichtet.
Dort, wo eben noch die vertrauten Holzbänke im Halbschatten standen, kriecht nun eine unnatürliche Finsternis voran. Es ist kein gewöhnlicher Schatten, sondern ein dicker, öliger Nebel, so schwarz wie das Blut eines Ertrunkenen. Er wälzt sich träge über den kalten Steinboden, verschlingt die untersten Stufen des Chorgestühls und löscht das Licht der Votivkerzen aus, als würde er ihnen den Atem rauben. Die Luft schmeckt plötzlich nach verbranntem Weihrauch und nasser Erde.
Lyra spürt das Herannahen der Gefahr in jeder Pore ihrer Haut. Ein eisiger Schauer kriecht ihr Rückgrat hinauf, doch anstatt zurückzuweichen, tritt sie einen Schritt vor. Mit einer Entschlossenheit, die aus der Tiefe ihrer Verzweiflung geboren ist, stellt sie sich direkt vor den Altar. Sie breitet die Arme leicht aus, um Fenris’ hilflosen Körper mit ihrem eigenen zu verbergen. Ihr Dekolleté, gezeichnet von den blutigen Spuren der Wächterin, pocht schmerzhaft, doch sie ignoriert die Qual.
„Du bekommst ihn nicht“, flüstert sie in die wachsende Dunkelheit hinein. Ihre Stimme ist leise, aber sie trägt die Schärfe einer Klinge durch die weite Halle.
Der Nebel formt in seinem Inneren Schemen - fratzenhafte Gesichter aus Rauch, die sich winden und lautlos schreien. Inmitten dieser Schwärze leuchten zwei eisblaue Fixpunkte auf: die Augen der Wächterin, die nun keine körperliche Gestalt mehr braucht, um ihre Grausamkeit zu manifestieren. Der Nebel brandet gegen die ersten Stufen des Altars, dort, wo das Licht der großen Kerzen noch eine schwache Barriere bildet.
Fenris stößt hinter ihr ein letztes, rasselndes Keuchen aus, sein Körper zuckt in einer finalen, schmerzhaften Welle der unterdrückten Verwandlung. Lyra spürt seine Schwäche in ihrem Rücken, und es macht sie nur noch stärker. Sie ist der letzte Schutzwall zwischen dem Mann, den sie liebt, und der ewigen Finsternis, die ihn zurückfordern will.
Elias tritt einen Schritt zurück in den Schatten des Hochaltars, das Notizbuch wie einen Schild vor sich haltend. „Lyra, das Licht wird nicht ewig halten!“, warnt er mit brüchiger Stimme. „Der Nebel... er frisst die Heiligkeit dieses Ortes auf!“
Lyra tritt aus dem schützenden Schein der Altarquerzen hervor, direkt an den Rand der steinernen Stufen, wo die Kälte des schwarzen Nebels bereits nach ihren Knöcheln greift. Das Blut, das in feinen Bahnen über ihre Haut geronnen ist, wirkt im fahlen Licht wie eine Kriegsbemalung. In ihrem Inneren tobt kein Sturm mehr; die Verzweiflung ist einer singenden, reinen Flamme gewichen - der Liebe zu Fenris, die nun als unbändige Kraft durch ihre Adern pulsiert.
Sie hebt das Kinn und fixiert die eisblauen Augen, die tief im wallenden Schatten der Wächterin glimmen. Als sie spricht, ist ihre Stimme nicht mehr das Flüstern eines Opfers, sondern das Urteil einer Frau, die den Tod bereits gesehen hat und vor ihm nicht mehr zurückweicht.
„Genug, Morgana“, sagt sie, und ihr Tonfall ist von einer unheimlichen Ruhe, die schwerer wiegt als jedes Geschrei. „Tritt zurück in die Schatten, aus denen du gekrochen bist. Du hast keine Macht mehr an diesem Ort, denn du hast nichts, womit du mich noch schrecken könntest.“
Der Nebel bäumt sich auf, wie eine Schlange, die zum Schlag bereit ist, doch Lyra macht keinen Zentimeter Boden frei. Sie steht dort wie eine Säule aus Marmor, unerschütterlich und bereit, ihre Seele als Pfand zu geben, solange Fenris sicher ist.
„Du glaubst, du besitzt ihn, weil du ihn verflucht hast?“, fährt sie fort, und ein kühles, wissendes Lächeln umspielt ihre Lippen. „Du besitzt nur eine leere Hülle aus Schmerz. Doch sein Herz gehört mir. Jede Qual, die du ihm zufügst, bindet ihn nur fester an mich. Wenn du ihn tötest, tötest du das Einzige, was dich noch an diese Welt erinnert. Dann bleibst du allein in deiner ewigen, kalten Leere. Rührst du ihn nur noch einmal an, werde ich jeden Stein dieser Krypta einreißen und deine Existenz dem Vergessen preisgeben. Ich fürchte dich nicht mehr. Ich verachte dich nur noch.“
Die Luft in der Kathedrale beginnt zu vibrieren. Die Wächterin erkennt in Lyras Augen einen Widerstand, der nicht aus Magie besteht, sondern aus einer menschlichen Entschlossenheit, die stärker ist als jeder jahrhundertealte Fluch. Es ist die reine, opferbereite Kraft einer Liebenden, die bereit ist, die ganze Welt brennen zu sehen, nur um den geliebten Mann zu retten.
Ein hohles, wütendes Zischen entweicht dem Nebel. Die Dunkelheit zieht sich ruckartig zusammen, peitscht wie eine schwarze Geißel über den Boden und lässt das Glas der Kirchenfenster in ihren Rahmen klirren. Morgana erkennt, dass sie an dieser Grenze gescheitert ist; sie kann Lyras Geist nicht brechen, und solange dieser Wille ungebrochen bleibt, ist der Altar für sie unerreichbar.
Mit einem letzten, hasserfüllten Schrei, der durch die gesamte Kathedrale gellt und die Flammen der Kerzen fast zum Erlöschen bringt, wirbelt die Finsternis herum. Wie eine schwarze Flutwelle, die sich unterlegen zurückzieht, rast der Nebel durch das Hauptschiff auf das große Portal zu. Die schweren Türen fliegen mit einer Gewalt auf, dass das Eisen ächzt, und die Wächterin stürzt hinaus in die Nacht, zurück in die kalten Wälder, getrieben von einem Zorn, der die Dunkelheit selbst erbeben lässt.
Das Portal schlägt mit einem donnernden Hall zu. Stille kehrt ein.
Lyra sinkt nicht zusammen. Sie dreht sich langsam zu Fenris um, während Elias noch immer fassungslos an die Säule gelehnt steht. „Sie ist weg“, flüstert sie, und ihre Augen leuchten nun mit dem sanften Glanz des Triumphes. „Fürs Erste haben wir gewonnen.“