Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 29
Der Schlüssel der Vergänglichkeit
In der kalten Stille der Wald-Krypta stirbt Samuel einen langsamen, grausamen Tod. Von der Wächterin betrogen, seiner Lebenskraft beraubt, hält ihn nur ein einziger Gedanke am Leben: Lyra. In seinen letzten Momenten erkennt er, dass sein Opfer vergeblich schien - und doch hinterlässt er ihr ein Vermächtnis. Während Lyra sich durch den finsteren Wald zu ihm vorkämpft, wird ihr klar, dass sie zu spät kommt, um ihn zu retten. Doch Samuels Tod ist kein Ende, sondern ein Übergang: Mit dem Schlüssel, den er ihr hinterlässt, beginnt für Lyra ein neuer Abschnitt - einer, der Trauer in Entschlossenheit und Verlust in unbarmherzigen Widerstand verwandelt.
Kaum ist das letzte Echo des hasserfüllten Schreiens der Wächterin in den hohen Gewölben der Kathedrale verhallt, bricht Lyras künstliche Beherrschung. Die unnatürliche Kälte, die Morgana hinterlassen hat, weicht einer fiebrigen, verzweifelten Eile. Mit einem erstickten Laut stürzt Lyra zum Altar, ihre Hände zittern so heftig, dass sie kaum Halt auf dem kalten Marmor finden.
„Fenris!“, haucht sie, und ihr Atem schlägt als kleiner Nebelstreif gegen seine bleiche Haut.
Sie wartet nicht auf Elias. Mit einer Mischung aus sanfter Sorge und roher Entschlossenheit greift sie nach den Überresten seines schwarzen Hemdes. Der Stoff, bereits von den Kämpfen zerfetzt und vom Blut versteift, leistet kaum Widerstand, als sie ihn ganz aufreißt, um seinen geschundenen Oberkörper freizulegen.
Was sie sieht, lässt ihr das Blut in den Adern gefrieren. Sein Torso ist ein Schlachtfeld aus tiefen Schrammen, dunklen Hämatomen und den unheimlichen Spuren der unterbrochenen Metamorphose. Unter der blassen Haut zeichnen sich die Rippen ab, die in unnatürlichen Winkeln stehen, und das rhythmische Beben seiner Muskeln verrät, wie sehr der Wolf in ihm noch immer gegen die menschliche Schwäche aufbegehrt. Jede seiner flachen Atemzüge ist ein mühsamer Sieg gegen den Tod.
„Halten Sie ihn fest, Lyra!“, ruft Elias. Er ist bereits in den kleinen Nebenraum der Sakristei geeilt und kehrt nun im Laufschritt zurück. In seinen Händen schwingt eine schwere, abgewetzte Arzttasche aus dunklem Leder - ein Relikt aus seiner Zeit vor dem Priesterseminar, das er für Notfälle in der Gemeinde hütet.
Er knallt die Tasche auf die Altarstufen und reißt sie auf. Das metallische Klirren von Scheren, Pinzetten und Desinfektionsmitteln schneidet durch die heilige Stille der Kirche. Elias wirkt wie verwandelt; der verängstigte Sakristan ist einem kühlen, fokussierten Heiler gewichen.
„Ich brauche Licht, mehr Licht!“, befiehlt er, während er sterile Kompressen und Flaschen mit antiseptischer Lösung hervorholt. „Wir müssen die Schnitte reinigen, bevor das Gift der Wächterin sein Herz erreicht. Und wir müssen seinen Brustkorb stabilisieren, sonst erstickt er an seinen eigenen Trümmern.“
Lyra presst ihre Handflächen gegen Fenris’ heiße Wangen, versucht, seine unruhigen Bewegungen zu dämpfen, während Elias beginnt, die tiefsten Wunden zu versorgen. Der Geruch von scharfem Alkohol mischt sich mit dem schweren Duft des Weihrauchs. Fenris stößt ein tiefes, kehliges Stöhnen aus, seine Augenlider flattern, und für einen Moment scheint das Smaragdgrün seiner Augen hinter dem Schleier des Schmerzes aufzuleuchten.
„Ich bin hier“, flüstert Lyra immer wieder, während sie zusieht, wie Elias eine Nadel ansetzt, um die klaffenden Risse in seiner Haut zu schließen. „Ich lasse dich nicht los. Wir holen dich zurück.“
In der sakralen Abgeschiedenheit des Altarraums arbeiten Lyra und Elias wie zwei Schatten, die gegen das Unvermeidliche ankämpfen. Lyras Hände sind klebrig vom Blut und den antiseptischen Tinkturen, während sie Elias die Kompressen reicht und dabei hilft, den schweren, muskulösen Körper des bewusstlosen Fenris zu fixieren. Doch während ihre Finger mechanisch den Anweisungen des Heilers folgen, gehört ihr Herz ganz dem Mann, der dort auf dem kalten Marmor liegt.
Immer wieder wandert ihr Blick suchend zu Fenris’ Gesicht. Sie beobachtet jedes Zucken seiner langen, dunklen Wimpern, das Mahlen seines Kiefers und die flachen, rasselnden Atemzüge. Sie sucht nach einem Zeichen von Bewusstsein, nach dem vertrauten Glimmen in seinen Augen, das ihr sagt, dass seine Seele noch nicht in die ewige Finsternis abgewandert ist.
„Die Mondblume, Elias“, bricht sie schließlich das Schweigen, und ihre Stimme klingt in der Weite der Kathedrale brüchig und hohl. „Wenn sie die einzige Rettung ist, warum wurde sie dann nie genutzt, um den Fluch endgültig zu brechen? Gibt es etwas, das sie vernichtet? Etwas, das ihre Macht korrumpiert?“
Elias hält inne, eine blutbefleckte Pinzette in der Hand. Er sieht Lyra über den Rand seiner Brille hinweg ernst an. Das flackernde Kerzenlicht lässt seine Gesichtszüge noch tiefer erscheinen.
„Die Mondblume ist eine Kreatur des Gleichgewichts, Lyra“, erklärt er leise. „Sie kann heilen, aber sie ist auch zerbrechlich. Es gibt alte Zeichen, Symbole der Bannung, die ihre Kraft binden oder sie gar in eine Waffe gegen den Träger verwandeln können. Die Hüter der Vergangenheit hinterließen Warnungen - Siegel, die dort angebracht wurden, wo der Einfluss des Grafen am stärksten war, um zu verhindern, dass die Essenz der Blume missbraucht wird.“
Lyra erstarrt. Eine kalte Erkenntnis durchfährt sie wie ein elektrischer Schlag. Die Bilder in ihrem Kopf setzen sich zu einem grausamen Puzzle zusammen. Sie denkt an das alte, massive Eichenbett des Grafen Lorcan, jenes prunkvolle Relikt aus einer dunklen Ära, das nun in dem Haus steht, das sie mit Fenris teilt.
„Die Zeichen...“, haucht sie, und ihre Augen weiten sich vor Entsetzen. „Elias, unter dem Bett des Grafen... in unserem Schlafzimmer. Dort sind Schnitzereien im Holz verborgen. Dunkle Runen, die sich wie Ranken in das dunkle Eichenholz fressen. Ich habe sie für Ornamente gehalten, aber sie sehen genau so aus, wie du sie beschreibst.“
Elias lässt die Kompresse fallen. Sein Gesicht wird noch bleicher, als es ohnehin schon war. „Das Bett von Lorcan?“, flüstert er ungläubig. „Wenn diese Siegel dort sind, Lyra, dann bedeutet das, dass das Haus auf einem Fundament aus alter Bannmagie steht. Diese Zeichen wurden dort platziert, um den Wolf zu kontrollieren - oder um jeden Heilungsversuch im Keim zu ersticken.“
Lyra schüttelt den Kopf, Tränen der Frustration treten ihr in die Augen. „Wir schlafen über einem Fluch, Elias. Jeden Abend haben wir uns dort hingelegt, während die Siegel direkt unter uns an Fenris’ Menschlichkeit gezehrt haben.“
Lyra hüllt sich in ein Schweigen, das so schwer wiegt wie der bleierne Himmel über der Stadt. Während ihre Hände mechanisch dabei helfen, Fenris’ Oberkörper mit sauberen Leinenbinden zu umwickeln, sind ihre Gedanken längst aus der Kathedrale geflohen. Sie rasen zurück in jene modrige Tiefe des Kellers in ihrem gemeinsamen Haus - jenem Ort, an dem Lorcans Vermächtnis in Form von verstaubten Papieren und bösartigen Skizzen ruht.
Dort unten, zwischen den Schatten der Vergangenheit, liegt die Antwort verborgen. Sie erinnert sich an die erotische Stimmung des Kellers, an das Gefühl, besessen zu werden, während sie durch die alten Aufzeichnungen blätterte.
Irgendwo in diesen wirren Zeilen des Grafen muss ein Hinweis existieren; eine Schwachstelle in dem Siegel der Schlange, die sich so unerbittlich um das Holz ihres Bettes schlingt. Die Zerstörung der Symbole darf kein bloßer Akt roher Gewalt sein; ein falscher Splitter, ein unbedachter Kratzer im Eichenholz könnte das Gift der Bannung endgültig freisetzen und Fenris’ Schicksal besiegeln.
Elias beobachtet sie mit jener scharfen Wachsamkeit, die man nur in jahrelanger Stille lernt. Er sieht, wie sich ihre Pupillen weiten, wie ihre Kiefermuskeln mahlen und wie der Trotz in ihr zu einem kühlen, berechnenden Plan kristallisiert. Das flackernde Licht der Altarleuchten wirft harte Schatten in ihr Gesicht, das nun jede Spur von Zerbrechlichkeit verloren hat.
„Lyra“, sagt Elias leise, und der warnende Unterton in seiner Stimme schneidet durch die Stille wie eine Glocke zur unheilvollen Stunde. „Ich sehe, wie es in dir arbeitet. Aber geh nicht diesen Pfad der überstürzten Opfer. Lorcans Magie ist wie ein Spinnennetz - je heftiger man sich wehrt, ohne die Fäden zu kennen, desto fester schnürt es einen ein. Tu nichts Unüberlegtes. Wenn du die Siegel falsch berührst, tötest du ihn schneller als die Wächterin es je könnte.“
Lyra hebt den Kopf. Ihr Blick ist so fest und unnachgiebig wie der Marmor, auf dem Fenris liegt. Elias erkennt in diesem Moment, dass seine Ermahnungen ungehört verhallen werden. Sie gleicht einer Raubkatze, die zum Sprung ansetzt, um ihr Junges zu verteidigen. Ihr Gesichtsausdruck ist die Maske einer Frau, die bereit ist, in die tiefste Hölle hinabzusteigen, solange sie dort den Schlüssel zu seinem Leben findet.
„Ich werde nicht zusehen, wie er zwischen diesen Runen verblutet, Elias“, antwortet sie mit einer Ruhe, die den Sakristan frösteln lässt. „Ich gehe zurück. Ich werde Lorcans eigene Worte gegen seine Schöpfung verwenden. Er hat das Gefängnis gebaut, also muss er auch den Weg hinaus beschrieben haben.“
Elias erkennt den Wahnsinn und die Genialität in ihrem Plan. Sie will in das Herz des Terrors zurückkehren, dorthin, wo die Wächterin sie am leichtesten finden kann.
Die Zeit verstreicht in der Kathedrale nur noch in den schweren Schlägen des Herzens und dem rhythmischen, wenn auch schwachen Keuchen des Mannes auf dem Altar. Endlich lässt Elias die blutbefleckten Instrumente sinken. Fenris ist versorgt, sein Oberkörper in weiße Leinen gehüllt, die einen scharfen Kontrast zu seiner bleichen Haut und den dunklen Schatten unter seinen Augen bilden. Er wirkt wie ein schlafender König des Verfalls, stabilisiert, doch noch immer an der Schwelle zum Jenseits.
Elias richtet sich mühsam auf, seine Glieder sind steif von der Anspannung. Sein Blick fällt auf Lyra, die wie eine unbewegliche Wächterin neben dem Altar verharrt. Ihr schwarzes Kleid ist zerfetzt, und das Scharlachrot ihres eigenen Blutes hat auf ihrer Haut verkrustete Muster gezeichnet, die wie grausame Runen wirken.
„Setz dich, Lyra“, befiehlt Elias mit einer sanften Unbeugsamkeit.
Lyra schüttelt den Kopf, ihr Blick ist noch immer fest an Fenris’ Gesicht geheftet. „Es ist nicht wichtig“, flüstert sie.
„Es ist lebenswichtig“, widerspricht Elias und drückt sie sanft, aber bestimmt auf eine der hölzernen Chorbänke. „Wenn das Gift der Wächterin in deinen Adern zu schwären beginnt, wirst du Fenris keine Hilfe mehr sein können. Du musst bei Kräften bleiben für das, was noch vor uns liegt.“
Widerwillig gibt Lyra nach. Sie sinkt auf das harte Holz, während Elias frische Kompressen und eine Flasche mit brennendem Antiseptikum hervorholt. Als er beginnt, ihr Dekolleté zu reinigen, offenbart sich das ganze Ausmaß von Morganas Grausamkeit. Die feinen, tiefen Schnitte ziehen sich wie ein bösartiges Geflecht über ihre Schlüsselbeine hinab, ein Schlachtfeld aus Fleisch und Trotz.
Elias gießt das Desinfektionsmittel direkt auf die offenen Wunden. Das Zischen der Flüssigkeit ist in der Stille der Kirche fast so laut wie ein Schrei, und der stechende Geruch von Alkohol vertreibt für einen Moment den Duft von Weihrauch und altem Staub.
Doch Lyra verzieht nicht eine Miene. Ihr Gesicht bleibt eine Maske aus bleichem Alabaster, ihre Augen starr in die Ferne gerichtet, dorthin, wo die Dunkelheit des Kirchenschiffs in die Schatten des Portals übergeht. Sie spürt das brennende Feuer auf ihrer Haut, das sich wie flüssiges Eisen in ihre Nerven frisst, doch der Schmerz in ihrer Seele ist so viel gewaltiger, dass die körperliche Qual kaum zu ihr durchdringt. Sie nimmt den Schmerz an, als wäre er eine Buße, eine notwendige Reinigung, um sich für den Gang in Lorcans Keller zu stählen.
Elias beobachtet sie mit einer Mischung aus Bewunderung und tiefem Unbehagen. „Du hast eine beängstigende Kraft in dir, Kind“, murmelt er, während er vorsichtig die Ränder der Wunden säubert. „Aber hüte dich davor, dass dein Herz nicht zu Stein wird, während du versuchst, seins zu retten.“
Lyra antwortet nicht. Sie spürt nur das Pochen in ihrer Brust - ein Pochen, das ihr sagt, dass die Zeit des Schweigens bald vorüber ist und die Stunde des Handelns schlägt.
Lyra verharrt in unnatürlicher Reglosigkeit, während Elias die letzten Verbände an ihrer Brust fixiert. Ihr Blick ist wie magnetisch an Fenris gefesselt, der dort auf dem Altar liegt - ein marmorner Gott in Trümmern. Jede Faser ihres Seins sträubt sich gegen das, was sie nun tun muss: ihn verlassen. In dieser heiligen Halle ist er sicher, doch die Stille ist trügerisch. Sie spürt das Ticken der Uhr in ihrem Hinterkopf, ein unerbittlicher Rhythmus, der sie zur Eile mahnt.
Sie weiß, dass sie nicht allein in Lorcans Keller hinabsteigen kann. Die Runen der Schlange, die bösartige Magie des Bettes - das alles ist zu groß für ihren menschlichen Verstand. Es gibt nur einen, der die Sprache der Schatten fließend beherrscht, einen, dem sie inmitten dieses Albtraums blind vertraut: Samuel. Er ist der einzige Anker, der sie in der Brandung des Wahnsinns halten kann.
Doch der Weg zu ihm ist eine Reise durch das Herz der Finsternis. Samuel weilt bei der Wald-Krypta, jenem verfluchten Ort, an dem die Bäume wie skelettierte Finger in den blutroten Nachthimmel ragen.
Ein eisiger Schauer kriecht über Lyras Rücken, als sie an den Wald denkt. Es ist nicht die natürliche Dunkelheit der Nacht, die ihr den Atem raubt, sondern die Gewissheit, dass der Wald nun das Territorium der Wächterin ist. Morgana ist dort draußen, wütend, gedemütigt und hungriger denn je. Jeder Schritt auf dem moosigen Boden, jedes Knacken eines Zweiges wird wie ein Signalfeuer für die entfesselte Hexe sein. Sie wird Lyra wittern - den metallischen Geruch ihres Blutes, den süßen Duft ihrer Angst und das helle Leuchten ihrer Liebe zu Fenris, das wie eine Provokation in der Schwärze brennt.
„Ich muss gehen“, presst Lyra hervor, und das Wort fühlt sich an wie ein Verrat an dem Mann, der hinter ihr um sein Leben ringt.
Elias hält inne, die Sorge in seinem Blick ist fast greifbar. „Du willst in den Wald? Jetzt? Lyra, die Wächterin wird dich bemerken, noch bevor du den ersten Baum erreichst. Du läufst direkt in ihren Rachen.“
„Dann soll sie zubeißen“, antwortet Lyra mit einer Härte, die sie selbst erschreckt. Sie steht auf, die frischen Verbände spannen unangenehm auf ihrer Haut, doch sie ignoriert es. „Samuel ist der Einzige, der weiß, wie man die Schlange am Bett bannt. Ohne ihn ist alles, was wir hier tun, nur ein Hinauszögern des Endes.“
Sie tritt an den Altar und beugt sich tief über Fenris. Für einen flüchtigen Moment berührt sie mit ihrer Stirn die seine, ein stummes Versprechen zwischen Leben und Tod. Dann wendet sie sich ab, ohne zurückzublicken, denn sie weiß: Wenn sie ihn noch einmal ansieht, wird sie die Kraft zum Gehen nicht finden.
Draußen wartet die Nacht, und im tiefen Forst wartet das Grauen, das keine Gnade kennt.
In der bleiernen Einsamkeit der Wald-Krypta vollzieht sich ein stilles, grausames Martyrium. Samuel, dessen Existenz über Jahrhunderte hinweg die Brücke zwischen den Geheimnissen von Rosevil und der menschlichen Welt schlug, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Wächterin hat kein Blut vergossen; sie hat weitaus Schlimmeres getan. Sie hat die ätherischen Fäden seines Lebens aus seinem Körper gezerrt, als würde sie eine kostbare Seidenrobe auftrennen, bis nur noch Lumpen übrig sind.
Sein Atem geht flach und rasselnd, ein hohles Echo in der steinernen Kammer. Jedes Mal, wenn sich seine Brust hebt, scheint der Stein der Krypta ein Stück seiner verbliebenen Wärme aufzusaugen.
Samuel erkennt in der schwindenden Klarheit seines Verstandes die bittere Ironie seines Endes. Er, der Gelehrte der Finsternis, ist auf den ältesten Trick der Hölle hereingefallen. Er hatte der Wächterin einen Handel angeboten, ein Opfer, das so gewaltig war, dass er glaubte, selbst sie müsste davor zurückschrecken: sein ewiges Leben. Er war bereit, in die Vergessenheit einzugehen, die menschliche Sterblichkeit anzunehmen und schließlich zu Staub zu zerfallen, wenn sie im Gegenzug Lyra verschonen und Fenris die Chance auf Heilung gewähren würde.
Doch Morgana kennt keine Ehre. Für sie war sein Angebot kein Vertrag, sondern eine Kapitulationserklärung, die sie mit hämischem Lachen unterzeichnet hat. Sie hat den Handel gebrochen, noch bevor der letzte Laut seines Schwurs verklungen war. Sie hat nie beabsichtigt, Lyra oder Fenris zu verschonen. Ihr Ziel war es einzig, Samuel unschädlich zu machen - den Mann, der zu viel wusste, der die alten Siegel verstand und dessen Wissen Rosevil gefährlich werden konnte.
Nun liegt er dort, ein verratener Wächter. Seine Haut ist grau wie der Stein, der ihn umgibt, und seine Finger krallen sich schwach in den kalten Boden. Er spürt, wie die Kälte der Wächterin in seinem Inneren nach dem letzten Funken Licht greift. In seinen brechenden Augen spiegelt sich die Verzweiflung über sein Scheitern wider. Er wollte der Retter sein, doch er wurde zum Sprungbrett für Morganas endgültigen Triumph.
Draußen im Wald ist der Wind verstummt, als würde die Natur selbst den Atem anhalten, während Samuel einsam seinem Ende entgegenblickt - unwissend, dass Lyra sich bereits durch das Dickicht kämpft, getrieben von einer Hoffnung, die er längst verloren geglaubt hat.
Inmitten der eisigen Agonie, die seinen Körper wie ein Netz aus flüssigem Stickstoff überzieht, klammert sich Samuels Geist an ein einziges Bild. Es ist kein Symbol aus seinen alten Büchern und keine Rune der Macht. Es ist das Gesicht von Lyra.
Dieser Gedanke ist das einzige Licht, das in der Grabeskälte der Wald-Krypta noch brennt. Er ist es, der seinen Puls zwingt, noch ein weiteres Mal gegen die unendliche Schwere anzukämpfen. Er weiß, dass er im Sterben liegt, dass die Wächterin ihm die Lebenskraft wie einen kostbaren Wein aus den Venen gesogen hat, doch er weigert sich, die Augen zu schließen. Nicht jetzt. Nicht, solange ihr Bild noch vor seinem inneren Auge verweilt.
Er gesteht es sich in dieser letzten Stunde ein, während der Verrat der Wächterin wie ein bitterer Nachgeschmack auf seiner Zunge liegt: Er hat sich in sie verliebt.
Es ist keine Liebe, die nach Besitz strebt, sondern eine ehrfürchtige Hingabe an das Licht, das sie ausstrahlt. Er bewundert ihre Schönheit, die in dieser dunklen Stadt wie ein seltener Saphir im Schlamm leuchtet. Er schätzt ihren scharfen Verstand, der sich nicht von den Illusionen Rosevils blenden lässt. Doch am meisten ist es ihre Entschlossenheit, die ihn fesselt - diese unbändige, fast schon heilige Bereitschaft, bis in den Schlund der Hölle zu gehen, um den Mann zu retten, dem ihr Herz gehört.
Ein schwaches, fast unmerkliches Lächeln stiehlt sich auf Samuels aschfahle Lippen. Es ist ein trauriges, aber friedliches Lächeln.
Er findet Trost in der Ironie, dass er, der ewige Beobachter der Schatten, am Ende durch die reinste aller menschlichen Regungen zu Fall gebracht wurde. Er hat sein ewiges Leben für sie gewogen und es für zu leicht befunden. Selbst jetzt, da er den kalten Odem des Todes im Nacken spürt, bereut er den Versuch nicht. Er hat für etwas Gekämpft, das wertvoller ist als Jahrhunderte in der Einsamkeit: Er hat für die Hoffnung einer Frau gekämpft, die er liebt, auch wenn sie niemals ihm gehören wird.
„Kämpf weiter, Lyra...“, haucht er in die feuchte Dunkelheit, und sein Lächeln bleibt wie ein letztes Aufbegehren gegen die Grausamkeit der Wächterin auf seinem Gesicht stehen, während seine Lider schwerer werden als der Stein des Sarkophags über ihm.
Das Herz des Waldes schlägt in einem unheilvollen, schleppenden Rhythmus, der sich Lyras eigenem Puls aufzwingt. Die Dunkelheit hier draußen ist nicht bloß die Abwesenheit von Licht; sie ist eine lebendige, atmende Masse, die nach ihren Knöcheln greift. Jeder Schritt, den Lyra tiefer in das Dickicht setzt, führt sie weiter weg von der vertrauten Welt der modernen Zivilisation und tiefer in ein archaisches Reich aus Moos, Moder und Magie.
Getrieben von einer Angst, die wie kaltes Gift in ihren Adern brennt, und einer Liebe zu Fenris, die das einzige Feuer in dieser eisigen Nacht darstellt, kämpft sie sich voran. Sie muss zu Samuel. Sie muss die Geheimnisse der Mondblume und der Siegel am Bett entschlüsseln. In ihrem Kopf hämmert nur ein einziger Gedanke: Ich muss dem allen ein Ende setzen. Die Wächterin, der Fluch, das endlose Blutvergießen - es muss hier und heute in den Schatten von Rosevil enden.
Ihre Sinne sind bis zum Zerreißen gespannt. Ihre Augen, weit und dunkel vor Anspannung, nehmen jede winzige Veränderung im Schattenwurf der knorrigen Eichen wahr. Ist das dort hinten das Flattern eines Mantels oder nur das Spiel des Windes in den verdorrten Blättern? Ihre Ohren filtern jedes Geräusch: das ferne, unheimliche Heulen eines Windstoßes in den Felsspalten, das Knacken eines Astes, das wie ein Pistolenschuss durch die Stille peitscht. Sie weiß, dass Morgana sie beobachtet. Sie spürt den stechenden Blick der Wächterin im Nacken, ein bösartiges Prickeln, das sie fast dazu bringt, loszurennen.
Doch sie zwingt sich zur Ruhe. Jeder Schritt muss bedacht sein.
Die Wald-Krypta rückt näher, ein steinernes Mahnmal der Vergänglichkeit, das gefährlich nahe an jener verbotenen Lichtung liegt, auf der die Mondblume unter dem fahlen Schein des Himmels gedeiht. Je näher sie ihrem Ziel kommt, desto mehr scheint sich die Realität zu verzerren. Der Weg wird mühsamer, als würde der Boden selbst versuchen, sie festzuhalten. Die Ranken der Dornenhecke, die die Lichtung umschließen, beginnen bereits, ihre schwarzen Finger über den Pfad zu legen.
Die Luft wird dünner, kälter und schmeckt nach abgestandenem Weihrauch und Metall. Jeder Atemzug brennt in Lyras Lungen, als würde sie feinen Glasstaub einatmen. Die Präsenz der Mondblume und des nahenden Todes in der Krypta erzeugt ein spirituelles Vakuum, das ihr die Kraft rauben will. Doch sie wankt nicht. Die Erinnerung an Fenris’ leidendes Gesicht auf dem Altar der Kathedrale ist der Kompass, der sie durch diesen Albtraum führt.
Noch ein paar Schritte durch das dichte Unterholz, und die grauen Umrisse der Krypta schälen sich aus dem Nebel – ein einsamer Ort des Verrats, in dem das Licht eines treuen Freundes gerade dabei ist, für immer zu erlöschen.
Bevor sie die Schwelle zum Grabmal überschreitet, hält Lyra inne. Ihr Atem geht stoßweise, kleine weiße Wolken in der unnatürlichen Kälte der Nacht. Sie wirft einen letzten, gejagten Blick über ihre Schulter in das schwarze Dickicht des Waldes. Die Bäume wirken wie erstarrte Riesen, deren klauenartige Äste nach dem Mond greifen. Lyra wartet. Sie spannt jede Sehne ihres Körpers an, darauf vorbereitet, dass das markerschütternde Kreischen der Wächterin die Stille zerreißt und Morgana wie ein Rachegeist aus dem Unterholz bricht.
Doch das Schreien bleibt aus. Es herrscht eine Totenstille, die weitaus bedrohlicher ist als jeder Lärm - eine Stille, die nach Hinterhalt und verbrauchtem Leben schmeckt.
Ganz langsam, Zentimeter um Zentimeter, setzt Lyra ihren Fuß auf die erste Stufe der Krypta. Der Stein ist glitschig von Moos und jahrhundertealter Feuchtigkeit. Sie steigt hinab in den Schlund des Grabes, während das Licht ihrer Taschenlampe nervös über die feuchten Wände tanzt. Die Luft hier unten ist dick, gesättigt mit dem schweren Geruch von zerfallendem Stein und dem metallischen Beigeschmack von Magie, die ihren schrecklichen Tribut gefordert hat.
Als sie den Boden der untersten Kammer erreicht, erstarrt ihr Herz für einen Schlag.
Dort, im fahlen Lichtkegel ihrer Lampe, liegt Samuel. Er wirkt so zerbrechlich, als bestünde er nur noch aus Schatten und staubiger Seide. Lyra sieht das Heben und Senken seiner Brust - es ist ein mühsamer, flacher Rhythmus, der ihr das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es ist derselbe rasselnde, gequälte Atemzug, den sie gerade erst bei Fenris auf dem Altar gehört hat. Ein Echo des nahenden Todes.
„Samuel!“, bricht es aus ihr heraus, ein erstickter Laut der Verzweiflung.
Sie vergisst jede Vorsicht, jede Sorge um die lauernde Wächterin. Sie stürzt auf ihn zu, ihre Knie schlagen mit einem dumpfen Aufprall auf den harten Steinboden neben ihm. Der Schmerz, der durch ihre Beine schießt, ist nichts gegen das Entsetzen, das sie beim Anblick seines eingefallenen Gesichts empfindet.
„Samuel...“, flüstert sie erneut, ihre Stimme bricht vor Tränen, die sie nicht mehr zurückhalten kann. Sie greift nach seiner Hand, die sich so kalt anfühlt wie der Marmor des Sarkophags über ihnen. Seine Haut ist fast transparent, und unter seinen geschlossenen Lidern zucken die Augen, als wäre er in einem endlosen Albtraum gefangen, aus dem es kein Erwachen gibt. „Ich bin hier. Bitte... verlass mich nicht auch noch.“
In diesem Moment wird ihr die ganze Grausamkeit des Schicksals bewusst: Die beiden Männer, die sie schützen wollten, die beiden Säulen ihrer Welt, liegen im Sterben - und sie ist die Einzige, die noch steht, um gegen die herannahende Ewigkeit der Schatten zu kämpfen.
In der tiefen, unbarmherzigen Schwärze der Krypta vollzieht sich ein Abschied, der leiser ist als das Fallen von Herbstlaub auf ein Grab. Als Lyras verzweifeltes Flüstern Samuels Namen beschwört, geschieht das kleine Wunder eines letzten Erwachens. Ganz langsam, als wöge jedes Augenlid eine Tonne aus Blei, schlägt er die Augen auf.
In ihrem trüben Glanz spiegelt sich nicht die Angst vor dem Nichts, sondern ein tiefer, friedvoller Schimmer. Auf seinen Lippen verweilt noch immer dieses schwache, fast jenseitige Lächeln - das Echo jenes kostbaren Gedankens an sie, der ihn durch die Agonie getragen hat.
„Lyra...“, haucht er. Der Name ist kaum mehr als ein Seufzer, ein sterbendes Licht in der Dunkelheit. „Meine... Zeit... ist gekommen.“
„Nein!“, presst Lyra hervor. Ihre Stimme klingt in dem engen Steingewölbe wie ein Schrei gegen das Schicksal selbst. Sie greift nach seiner Hand, umschließt die eiskalten Finger mit ihren beiden Händen, als könnte sie die schwindende Wärme ihres eigenen Lebens in seinen Körper zwingen. Die Kälte, die von ihm ausgeht, ist nicht mehr von dieser Welt; es ist die Kälte der Ewigkeit, die nach ihm greift. „Du darfst nicht gehen, Samuel. Nicht jetzt. Wir brauchen dich. Ich brauche dich!“
Doch Samuel antwortet nicht mit Worten. Das Sprechen ist eine Last geworden, die seine geschundenen Lungen nicht mehr tragen können. Sein Blick, der einst so scharf und voller Wissen war, wird glasig, doch ein letzter Funken von Entschlossenheit bleibt. Mit einer Anstrengung, die ihn seine letzte verbliebene Kraft kostet, senkt er das Kinn. Sein Blick gleitet mühsam nach unten, weg von Lyras Tränen, hin zu der kleinen Innentasche seines abgetragenen Mantels.
Es ist ein stummes, verzweifeltes Nicken.
Lyra folgt seinem Blick, ihr Herz hämmert in einem unregelmäßigen Takt gegen ihre Rippen. „Soll ich dir etwas daraus geben? Ein Elixier? Ein Heilmittel?“, fragt sie hastig, während ihre Finger bereits über den schweren Stoff seines Mantels tasten.
Samuel bleibt ihr die Antwort schuldig. Er ist zu schwach, um die Lippen noch einmal zu bewegen, zu erschöpft, um das „Nein“ oder das „Ja“ zu formen, das über Leben und Tod entscheiden könnte. Sein Kopf sinkt ein Stück tiefer gegen den kalten Stein des Bodens. Nur das winzige Zittern seiner Hand in der ihren verrät, dass er noch da ist, dass er an der Schwelle zögert, nur um sicherzugehen, dass sie das Vermächtnis findet, das er für sie bewahrt hat.
In der Tasche, direkt über seinem schwindenden Herzschlag, verbirgt sich das Letzte, was er der Welt - und ihr – zu hinterlassen hat. Es ist kein Trank, der ihn retten könnte, sondern ein Schlüssel, der aus seinem Opfer geschmiedet wurde.
In der erstickenden Sakralität dieses unterirdischen Grabes scheint die Zeit zu einer zähen, schwarzen Masse zu gerinnen. Lyras Finger, eiskalt und von der Anspannung taub, schieben sich zitternd in den schweren Stoff von Samuels Mantel. Es ist ein Sakrileg, diesen Mann in seiner letzten Stunde zu durchsuchen, und doch ist es die einzige Weise, sein Opfer zu ehren.
Während sie tastet, weicht ihr Blick nicht eine Sekunde von seinem Gesicht. Sie beobachtet mit einer grausamen Hilflosigkeit, wie der letzte Glanz in seinen Augen erlischt, wie die Lider schwerer werden und schließlich wie Vorhänge vor einer beendeten Tragödie zufallen. Seine Hand in ihrer anderen fühlt sich bereits an wie der Stein, auf dem er liegt - leblos, fremd und unendlich fern.
Ihre Fingerspitzen schließen sich um etwas Metallisches. Mit einer fließenden, fast mechanischen Bewegung zieht sie das Objekt ans Licht. Es ist ein schwerer, kunstvoll gearbeiteter Schlüssel aus geschwärztem Eisen. Sein Bart ist in Form einer verschlungenen Schlange gearbeitet, deren Kopf das Schlüsselloch selbst zu verschlingen scheint. Das Metall fühlt sich nicht kalt an, sondern pulsiert in einem unnatürlichen, fiebrigen Rhythmus, als würde ein dunkles Herz darin schlagen.
„Wozu gehört der?“, flüstert Lyra, und ihre Stimme hallt wie ein Vorwurf gegen die feuchten Wände der Krypta. „Samuel, bitte... was soll ich damit öffnen?“
Doch die Antwort bleibt aus. Die Stille, die nun folgt, ist endgültig.
Lyra spürt es in dem Moment, als das Band zwischen Seele und Fleisch zerreißt. Es ist ein kaum wahrnehmbares Nachlassen der Spannung, ein langsames Entgleiten jener unsichtbaren Kraft, die den Körper bewohnt hat. Sie steckt den Schlüssel mit zitternden Händen tief in ihre Tasche und greift sofort wieder nach Samuels Hand, umschließt sie mit beiden Händen, als könnte sie ihn so im Diesseits verankern.
„Danke, Samuel“, haucht sie, während die ersten heißen Tränen auf seine unbewegte Haut tropfen und dort kleine, dunkle Flecken hinterlassen. „Danke für alles. Für deinen Schutz... für dein Licht in meiner Dunkelheit.“
Dann geschieht das Unvermeidliche. Ein letzter, rasselnder Atemzug entweicht seinen Lippen - ein langes, wehmütiges Seufzen, als würde der Wald selbst Abschied nehmen. Sein Körper sackt in sich zusammen, verliert die letzte menschliche Form und wird eins mit der kalten Stille des Grabes. Die Wärme ist fort. Samuel ist fort.
Lyra kniet da, den Kopf gesenkt, während die Schwere des Schlüssels in ihrer Tasche wie ein brennendes Siegel auf ihrem Oberschenkel lastet. Sie ist nun allein. Samuel hat ihr das Werkzeug hinterlassen, doch den Preis dafür hat er mit der Unendlichkeit bezahlt. In der Ferne, über dem steinernen Schlund der Krypta, beginnt der Wind im Geäst zu heulen - das wütende Lachen der Wächterin, die bereits spürt, dass ein weiterer Lichtbringer erloschen ist.
In der bleiernen Unbeweglichkeit der Krypta verliert die Zeit ihre Bedeutung. Lyra bleibt wie versteinert sitzen, eine Gestalt aus Gram und Schatten, die vor dem reglosen Körper Samuels kniet. Die Taschenlampe, die sie achtlos neben sich auf den feuchten Boden gelegt hat, wirft ein schräges, hartes Licht, das die Konturen des Raumes in ein groteskes Spiel aus Hell und Dunkel taucht. Doch Lyras Welt ist in diesem Moment auf das kleine Stück Stein reduziert, auf dem Samuel seinen letzten Kampf ausgefochten hat.
Ihr Blick ruht mit einer schmerzlichen Intensität auf seinem Gesicht. Es ist ein seltsamer, fast schon verstörender Anblick: Die tiefen Furchen der Sorge, die Qualen des Verrats und die Anspannung der letzten Stunden sind aus seinen Zügen gewichen. Er wirkt erstaunlich friedlich, als wäre der Tod nicht als Räuber, sondern als alter Bekannter gekommen, um ihm die Last der Jahrhunderte von den Schultern zu nehmen. Die Blässe seiner Haut ähnelt nun dem feinsten Alabaster, und das schwache Lächeln, das er mit in die Ewigkeit genommen hat, verleiht ihm eine Aura von unantastbarer Würde.
Lyra schämt sich ihrer Tränen nicht. Sie lässt sie ungehindert fließen; sie brennen heiß auf ihren Wangen und fallen wie flüssiges Salz auf Samuels kalte Hände. Jede einzelne Träne ist ein Gebet, ein Dankeschön und ein Abschied von dem Mann, der mehr für sie war als nur ein Mentor. Er war der stille Wächter ihres Glücks, ein Wesen, das seine eigene Unendlichkeit für die flüchtige Hoffnung einer Sterblichen geopfert hat.
Sie nimmt sich die Zeit, die sie eigentlich nicht hat. In Rosevil, wo die Schatten bereits nach den Kirchtürmen greifen und die Wächterin in den Wäldern lauert, ist jede Sekunde kostbar - und doch weigert sich Lyra, Samuel einfach der Dunkelheit zu überlassen, ohne ihm die Ehre der letzten Wache zu erweisen.
„Du bist frei, Samuel“, flüstert sie, und ihre Stimme bricht in der feuchten Stille. „Keine Verträge mehr. Kein Pakt mit der Finsternis. Ruhe jetzt.“
Sie streicht ihm ein letztes Mal über die Stirn, eine zärtliche Geste des Abschieds, die den kalten Stein der Krypta für einen Herzschlag lang zu wärmen scheint. In diesem Moment des Innehaltens spürt sie, wie sich eine neue, bittere Kraft in ihr formt. Die Trauer ist der Boden, auf dem ihr Zorn wächst. Samuel hat ihr nicht nur einen Schlüssel hinterlassen; er hat ihr sein Vertrauen geschenkt, dass sie vollenden wird, was er begonnen hat.
Als sie sich schließlich langsam erhebt, knacken ihre Gelenke in der Stille. Sie wirkt älter, gezeichnet von den Verlusten der Nacht, aber ihr Blick ist nun so klar und unerbittlich wie die Klinge eines Schafotts. Sie lässt den toten Freund in der schützenden Umarmung der Krypta zurück und wendet sich der Treppe zu. Es ist Zeit den Kampf gegen diese Stadt mit einem Sieg zu beenden.