Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 31
Das warme Nest der Schlange
Als Lyra das Haus betritt, trifft sie keine Kälte - sondern eine unnatürlich schmeichelnde Wärme, Kaminlicht und der Duft von Harz und Myrrhe. Zu perfekt, zu einladend. In ihrer Tasche bleibt Samuels Schlüssel der einzige ehrliche Fremdkörper: eiskalt, vibrierend, wach.
Im Schlafzimmer verwandelt sich das einst verfallene Zimmer in einen dunklen Palast aus Brokat, Kerzen und schwarzer Seide - ein prunkvolles Nest, das mehr nach Falle als nach Zuflucht aussieht. Doch erst im Badezimmer, wo das Bad bereits dampft, spürt Lyra: Das Haus beobachtet sie.
Als Lyra die schwere Eichentür hinter sich ins Schloss fallen lässt, bereitet sie sich innerlich auf die klamme, grabesähnliche Kälte vor, die dieses Haus seit ihrem Einzug wie ein Fluch durchzogen hat. Doch was sie empfängt, ist kein eisiger Hauch des Verfalls.
Eine Woge unnatürlicher, fast schon schmeichelnder Wärme schlägt ihr entgegen. Es ist eine Hitze, die nicht von Heizkörpern oder moderner Technik stammt; sie trägt das Aroma von brennendem Birkenholz, edlem Harz und einer Spur von altem Pergament in sich. Der modrige Geruch von feuchten Wänden und jahrzehntelangem Staub ist wie weggewischt. Stattdessen duftet die Luft schwer und süßlich, als hätte das Haus selbst beschlossen, sein wahres, prunkvolles Gesicht zu offenbaren.
Lyra erstarrt im Flur. Ihr Blick hastet durch die Dunkelheit, doch es ist keine Dunkelheit mehr. An den Wänden tanzen lebendige, goldgelbe Schatten. Das sanfte Knistern und Knacken von brennendem Holz dringt aus dem angrenzenden Salon zu ihr herüber. Ein warmer Lichtschein flackert rhythmisch auf den dunklen Dielen und taucht die Umgebung in ein behagliches, beinahe sakrales Leuchten.
Ihre Knie werden weich. Das kann nicht sein. Das Haus war bis vor wenigen Stunden eine kalte Ruine aus Schmerz und dunklen Erinnerungen.
Sie presst die Handflächen auf ihre Augen, kneift die Lider so fest zu, dass bunte Punkte vor ihrer Sicht tanzen. Sie will diesen Trugschluss aus ihrem Verstand drängen. Es ist eine Illusion, hämmert es in ihrem Kopf. Morgana spielt mit meinen Sinnen. Sie will, dass ich mich sicher fühle, damit ich meine Deckung aufgebe.
Doch als sie die Augen wieder öffnet, ist das Feuer nicht verschwunden. Im Gegenteil, der Widerschein des Kamins scheint noch heller zu strahlen. Die Schatten der Möbel wirken länger, eleganter, fast so, als hätte das Haus seine Jugend zurückerhalten. Es ist eine Wärme, die nicht nur die Haut berührt, sondern versucht, tief in ihre Seele zu kriechen und den eisigen Panzer aus Trotz und Trauer zu schmelzen, den sie sich mühsam aufgebaut hat.
„Das ist nicht echt“, haucht sie in die flackernde Stille. Ihre Stimme klingt in dieser neuen, warmen Atmosphäre seltsam fremd.
In ihrer Tasche wird der Schlüssel Samuels plötzlich eiskalt - ein krasser, schmerzhafter Gegensatz zu der wohligen Wärme des Raumes. Er erinnert sie daran, dass sie nicht hier ist, um sich am Feuer zu wärmen. Diese plötzliche Behaglichkeit ist nichts anderes als die Einladung eines Raubtiers, das sein Nest für die Beute hergerichtet hat. Die Wärme ist eine Lüge, ein seidenes Tuch, das über einen Abgrund gebreitet wurde.
Schritt für Schritt tastet sich Lyra durch den Korridor, jede Faser ihres Seins auf eine Gefahr vorbereitet, die sich einfach nicht manifestieren will. Ihre Ohren sind gespitzt, doch statt des vertrauten Knarzens morsch werdender Dielen vernimmt sie nur das ferne, beruhigende Prasseln der Flammen. Der Flur hat sich gewandelt; die Tapeten, die einst in grauen Fetzen von den Wänden hingen, sind nun aus schwerem, dunkelrotem Brokat, der das Licht der unsichtbaren Kerzen wie flüssiges Blut schluckt. Alles ist von einer peniblen, fast schon unheimlichen Sauberkeit. Das Haus atmet nicht mehr den Zerfall, sondern die majestätische Stille eines alten Palastes, der aus einem jahrhundertelangen Schlaf erwacht ist.
Als sie die Schwelle zum Schlafzimmer überschreitet - jenem Raum, den sie und Fenris eigentlich als Wohnzimmer hergerichtet wollten -, stockt ihr der Atem.
Das monumentale Eichenbett des Grafen Lorcan steht im Zentrum des Zimmers, doch es hat seinen Platz gewechselt. Es thront nun wie ein schwarzer Altar auf einem schweren, nachtschwarzen Teppich, dessen Flor so tief ist, dass er ihre Schritte vollkommen verschlingt. Die schmutzige Matratze und die löchrigen Decken sind verschwunden; stattdessen ist das Bett in feinste schwarze Seide und Samt gehüllt, die im Widerschein zahlreicher silberner Kerzenständer schimmern.
„Was ist das für ein Zauber?“, flüstert sie, und ihre Stimme verliert sich in den schweren, schwarzen Samtvorhängen, die die Fenster vollkommen abschirmen und Rosevil mit seinem Schnee und seinem Leid draußen halten.
Dann fällt ihr Blick auf die Ecke des Raumes. Dort steht er: ihr Kleiderständer, den sie damals aus einem alten Friedhofstor gefertigt haben. Die bizarren Metallwindungen, die an knöcherne Finger erinnern, tragen noch immer ihre Kleider. Die Stoffe wirken im Kerzenlicht lebendiger, fast so, als hätten sie nie den Staub der Kathedrale berührt. Die Szenerie strahlt eine morbide Gemütlichkeit aus, eine Einladung zur ewigen Ruhe, die so verführerisch und zugleich so abstoßend ist wie das Lächeln eines Toten.
Lyra traut ihren Augen nicht. Alles hier wirkt so real, so greifbar. Die Textur des Samtes, die Wärme der Kerzen, der sanfte Geruch von Vanille und Myrrhe. Es ist ihr Zuhause, aber in einer idealisierten, dunklen Version, die es so nie gab. Es ist ein Nest, das für zwei Seelen gebaut wurde, die niemals wieder Frieden finden sollten.
Ihr Blick gleitet unter das Bett, dorthin, wo die Schnitzereien der Schlange verborgen liegen. In der Tasche ihrer Hose beginnt der Schlüssel nun fast schmerzhaft zu vibrieren, als wollte er sie warnen: Je schöner die Kulisse, desto grausamer ist das Urteil, das hinter dem Vorhang wartet.
Eine jähe Erkenntnis durchfährt Lyra wie ein kalter Blitzschlag, der die künstliche Behaglichkeit des Raumes für einen Moment zerreißt. Das Haus hat sich nicht von selbst geheilt; die Wände haben sich nicht aus Reue in Brokat gekleidet. Es ist das Artefakt in ihrer Tasche. Die Präsenz des Schlüssels, dieses letzte, blutgetränkte Vermächtnis Samuels, wirkt wie ein Katalysator auf die im Gebälk schlummernde Magie des Grafen Lorcan. Das Haus erkennt seinen Herrn - oder zumindest das Werkzeug, das seine tiefsten Siegel kontrolliert.
Mit angehaltenem Atem und zitternden Fingern greift Lyra in ihre Tasche. Die Hitze, die eben noch ihre Haut zu versengen drohte, ist nun einer pulsierenden, beinahe lebendigen Vibration gewichen.
Ganz vorsichtig, als hielte sie das schlagende Herz einer giftigen Kreatur, zieht sie den geschwärzten Eisenschlüssel hervor. Im warmen Schein der unzähligen Kerzen wirkt das Metall noch dunkler, ein Fremdkörper aus reiner Finsternis inmitten der goldenen Pracht. Das kunstvolle Geflecht aus Eisen, das den Bart des Schlüssels bildet, scheint sich in ihrer Handfläche minimal zu bewegen, als wollte es sich ihrer Haut anpassen.
Ihr Blick fixiert den Griff des Schlüssels, der die Gestalt einer sich windenden Schlange zeigt. In dem Moment, als das Licht der Kaminflammen direkt auf das Metall trifft, geschieht es: In den winzigen Augenhöhlen des Schlangenkopfes flammt ein jähes, unnatürliches Leuchten auf. Ein kurzes, bösartiges Glimmen in einem stechenden Smaragdgrün - genau der Farbton, der auch in Fenris' Augen brennt, wenn der Wolf die Oberhand gewinnt.
Es ist ein Blinken, ein Erwachen, ein Erkennen.
Das Haus reagiert auf das Licht. Das Knistern des Kaminfeuers schwillt für eine Sekunde zu einem Fauchen an, und die schwarzen Samtvorhänge blähen sich auf, als würde ein unsichtbarer Geist tief einatmen. Lyra versteht nun: Der Schlüssel ist kein passives Objekt. Er ist die Stimme, die diesem Haus befiehlt. Samuel hat ihr nicht nur einen Weg gezeigt, er hat ihr die Herrschaft über Lorcans Albtraum übertragen.
Doch der Preis für diese Macht ist spürbar. Während die Schlange auf dem Schlüssel leuchtet, spürt Lyra einen stechenden Schmerz in ihrem Handgelenk, so als würde das Eisen nach ihrem eigenen Blut verlangen, um die Pforte zur Tiefe endgültig zu öffnen.
Sie blickt zum Bett hinüber. Das Leuchten der Schlüsselaugen spiegelt sich in den polierten Pfosten des dunklen Ebenholzes wider. Die Schlange am Schlüssel hat gerufen - und irgendwo unter den Dielen, im dunklen Herzen des Kellers, hat etwas geantwortet.
Mit einer fast mechanischen Bewegung verbirgt Lyra den glühenden Schlüssel wieder in ihrer Tasche, als wolle sie das unheimliche Leuchten der Schlangenaugen unterdrücken. Sie kann diesen Moment nicht länger hinauszögern; die Schichten aus Angst, dem geronnenen Blut Samuels, ihr eigenes Blut und dem Dreck des Waldes lasten wie ein schwerer Panzer auf ihrer Seele. Sie muss sich reinigen. Sie muss das Gefühl der Fremdbestimmung von ihrer Haut waschen, um wieder zu wissen, wo sie endet und der Wahnsinn von Rosevil beginnt.
Mit tauben Fingern durchsucht sie ihren Kleiderständer. Sie greift nach einem schweren, schwarzen Strickpullover von Fenris - er riecht noch vage nach ihm, nach Wald und nach jener wilden Freiheit, die er einst verkörperte. Dazu nimmt sie ein paar dicke schwarze Wollsocken. Es ist eine Rüstung aus Wolle und Erinnerungen.
Dann wendet sie sich dem Badezimmer zu. In ihrer Vorstellung sieht sie das Elend, das sie dort zurückgelassen hat: die rissigen, grauen Wände, die wie kranke Haut von den Mauern blätterten, die rostige Duschwanne und die antike Badewanne, deren Emaille so gesprungen war, dass sie eher an eine Scherbe als an ein Möbelstück erinnerte.
Doch als sie die Tür aufstößt, bleibt ihr das Wort im Halse stecken. Der Schrei des Erstaunens erstirbt in der dichten, wohligen Wärme, die sie wie eine Umarmung empfängt.
Das Badezimmer ist kein Ort des Verfalls mehr. Es ist eine Kathedrale der Selbsterkenntnis, gehüllt in tiefschwarzen, polierten Marmor, der im Schein verborgener Lichtquellen glänzt wie die Oberfläche eines nächtlichen Sees. Die Wände reflektieren ihr erschöpftes Ebenbild in einer Weise, die fast schon schmerzhaft makellos ist. Wo einst Rost war, glänzen nun Armaturen aus schwerem, dunklem Messing.
In der Mitte des Raumes thront eine massive Badewanne, tief genug, um darin zu versinken und die Welt zu vergessen. Dampf steigt in sanften Kringeln von der Wasseroberfläche auf, und die Luft ist gesättigt mit dem berauschenden Duft von Sandelholz und nächtlichen Blüten. Auf den gläsernen Ablagen stehen kunstvolle Tiegel mit anthrazitfarbenen Badesalzen, kostbare Öle in geschliffenen Flakons und Cremes, die so weiß wie Elfenbein in ihren Gefäßen schimmern.
Es ist eine Einladung zur vollkommenen Hingabe. Das Haus, genährt durch die Kraft des Schlüssels, bietet ihr den Luxus an, den sie so lange entbehrt hat. Jede Faser ihres Körpers sehnt sich danach, in dieses warme Wasser zu gleiten, die Augen zu schließen und den Schmerz fortspülen zu lassen.
Doch während sie dort steht, den schwarzen Pullover an ihre Brust gepresst, mischt sich Misstrauen in ihre Sehnsucht. Diese Pracht ist zu perfekt, zu zeitlos. Ist es eine Belohnung für ihren Mut oder ein seidener Käfig, der sie davon abhalten soll, in den Keller hinabzusteigen? Die Wärme, die sie umgibt, fühlt sich fast wie ein lebendiges Wesen an, das sie sanft dazu überreden will, den Schlüssel zu vergessen und stattdessen in der Trägheit des Wohlgefühls zu verharren.
Mit zitternden Fingern schält sich Lyra aus ihrer Rüstung des Elends. Der Stoff ihres Shirts, verkrustet mit Fenris, ihrem, Samuels Blut und dem klammen Schweiß der Angst, fällt wie eine schwere, tote Haut zu Boden. Sie steht nackt inmitten der schwarzen Marmorpracht, eine zerbrechliche Gestalt, deren Blässe im Kerzenschein fast unwirklich wirkt. Doch als sie den Blick hebt, gefriert das Blut in ihren Adern zu Eis, noch bevor sie einen Fuß in die Wärme setzen kann.
Das Bad ist bereits eingelassen.
Dampfend und vollkommen ruhig liegt das Wasser im schwarzen Becken, die Oberfläche so glatt wie ein Spiegel, der darauf wartet, ihr Bild zu verschlingen. Kleine Schaumberge aus duftenden Ölen thronen am Rand wie weiße Grabbeigaben. Lyra hat keinen Hahn aufgedreht. Sie hat kein Rauschen vernommen.
Ein jähes Entsetzen durchfährt sie. Wer war das?
In diesem Haus, das eben noch eine kalte Ruine war, herrscht nun eine Präsenz, die so subtil wie ein Atemzug und so schwer wie ein Fluch ist. Sie ist nicht allein. Obwohl keine Dielen knarren, kein Schatten über die polierten Wände huscht und kein Seufzen die dampfgefüllte Luft zerreißt, spürt sie die unsichtbaren Augen in ihrem Nacken. Es ist, als würde das Gebäude selbst sie beobachten, als wären die Wände von einer bösartigen Intelligenz beseelt, die genau weiß, wann sie die Wärme am meisten braucht.
War es Morgana, die nun mit ihr spielt wie eine Katze mit einer verletzten Maus? Oder ist es der Geist des Grafen Lorcan, der durch den Schlüssel in ihrer Tasche wieder zum Leben erweckt wurde und nun seine gastgeberische Maske aufsetzt?
Lyra klammert sich an den Rand des Waschbeckens, ihre Knöchel treten weiß hervor. Die Stille im Badezimmer ist nun nicht mehr einladend, sondern drohend. Sie ist ein Eindringling in einem Palast, der für sie hergerichtet wurde, ohne dass sie um Erlaubnis gefragt wurde. Jemand - oder etwas - hat dieses Wasser für sie vorbereitet, hat die Temperatur genau abgepasst und die Essenzen gewählt, als würde es ihren Körper und ihre Erschöpfung besser kennen als sie selbst.
Ihre Haut prickelt vor Angst, während die wohlige Wärme des Raumes versucht, ihren Widerstand zu brechen. Das Wasser dampft verführerisch, eine dunkle Verheißung, die sie einlädt, alle Sorgen zu ertränken. Doch Lyra weiß: In Rosevil ist nichts umsonst, und jedes Geschenk der Finsternis fordert einen Tribut, den sie vielleicht nicht zu zahlen bereit ist.
Das Verlangen nach Erlösung ist am Ende stärker als das nackte Entsetzen. Die Verlockung des dampfenden Wassers, das wie flüssiger Onyx in der Wanne ruht, wirkt wie ein berauschendes Gift auf ihre geschundenen Sinne. Der Duft von Sandelholz und nächtlichen Kräutern legt sich wie ein betäubender Schleier über ihre Wachsamkeit.
Lyra gibt nach. Sie steigt in das Becken, und das heiße Wasser umschließt ihre Glieder mit einer Intensität, die weit über das Physische hinausgeht. Es ist keine bloße Berührung; es ist eine Umarmung, so fest und besitzergreifend, als wolle das Haus sie in sein steinernes Herz ziehen. Ein wohliger Schauer durchläuft sie, als die Hitze den Frost aus ihren Knochen vertreibt und das Blut Samuels von ihrer Haut löst, das nun in Schlieren wie dunkle Tinte im Wasser tanzt.
Sie lässt den Kopf an den kühlen Marmorrand sinken und schließt die Augen. Für einen Moment existiert kein Rosevil, kein blutiger Altar und keine Wächterin. Es gibt nur die Schwere ihres Körpers im Wasser und das rhythmische Pochen ihres Herzens.
Doch dann zerreißt ein Laut die Stille - ein Geräusch, so zart, dass es fast unter dem sanften Plätschern des Wassers verloren geht.
Es ist ein Flüstern. Ein Hauch von einer Stimme, der nicht von außen an ihr Ohr dringt, sondern direkt in ihrem Geist widerzuhallen scheint. Sie ist spröde, trocken wie altes Pergament und doch unverkennbar.
„Lyra...“, haucht die Stimme.
Ihr Herz setzt einen Schlag aus. Sie kennt diesen Tonfall, diese sanfte, mahnende Melodie. Es ist Samuel. Aber es ist nicht der sterbende Mann aus der Krypta; es ist die Stimme des Wissenden, des Mannes, der sie gewarnt hat, bevor die Schatten nach ihm griffen.
„Genieß nicht die Wärme der Schlange...“, flüstert das Echo seines Geistes. „Sie füttert dich nur, damit du tiefer schläfst. Der Schlüssel... Lyra... der Schlüssel ist nicht nur für die Tür.“
Lyra reißt die Augen auf, doch der Raum ist noch immer in das gleiche goldene Licht getaucht. Der Wasserdampf über ihr scheint sich für einen Moment zu verändern, Formen anzunehmen, die wie Samuels eingefallenes Gesicht wirken, bevor sie wieder im Grau zerfließen. Das Flüstern wird dringlicher, ein verzweifeltes Drängen in der Stille des prunkvollen Badezimmers.
„Sieh nicht auf das Licht... sieh in das Wasser... schau, was du mitgebracht hast...“
Erschrocken blickt Lyra an sich hinunter in das klare, heiße Wasser. Dort, auf dem Grund der Wanne, direkt unter ihrem schlagenden Herzen, beginnt sich etwas zu regen.
Lyra verharrt vollkommen reglos, während das heiße Wasser schwer an ihren Schultern zieht. Ihr Blick jagt durch den Raum, tastet die makellosen Marmorwände ab und sucht in den dunklen Winkeln hinter den massiven Säulen nach einer physischen Erklärung für Samuels Stimme. Doch da ist nichts. Keine verräterische Bewegung der Samtvorhänge, kein schwindendes Glimmen eines Geistes, nicht einmal der eisige Hauch, der Morganas Gegenwart ankündigen würde. Die Wächterin ist nicht hier - zumindest nicht in einer Form, die Lyra greifen könnte.
Die Stille im Badezimmer wird nun drückend, fast schon körperlich spürbar, als würde die Luft darauf warten, dass sie die Wahrheit erkennt.
„Samuel?“, haucht sie gegen den aufsteigenden Dampf, doch die einzige Antwort ist das ferne Knistern des Kamins aus dem Nebenzimmer.
Dann senkt sie den Blick. Das Wasser, das sie eben noch wie eine heilende Quelle umschlossen hat, beginnt sich zu verändern. Das geronnene Blut, das von ihren Armen, ihrem Gesicht und ihrem Dekolleté gewaschen wurde, löst sich nicht einfach in der Seifenlauge auf. Es vermischt sich nicht mit dem klaren Nass zu einem fahlen Rosa, wie es die Gesetze der Natur verlangen würden.
Stattdessen ziehen sich die purpurnen Schlieren mit einer unheimlichen Eigenintelligenz zusammen. Lyra beobachtet mit geweiteten Augen, wie das Blut in der Tiefe der Wanne zu tanzen beginnt. Es formt scharfe Kanten, elegante Schwünge und komplexe Verzweiflungen. Direkt unter der Wasseroberfläche, über ihren bleichen Oberschenkeln schwebend, kristallisieren sich blutige Runen heraus.
Es sind Zeichen aus einer vergessenen Sprache, dieselben Symbole, die sie in den verbotenen Büchern des Grafen Lorcan gesehen hat. Sie leuchten in einem tiefen, pulsierenden Rubinrot und scheinen im Wasser zu atmen. Jede Rune ist ein Echo von Samuels Schmerz, ein Teil seines Lebenselixiers, das er ihr als letzte Botschaft hinterlassen hat.
Sie schwimmen um ihren Körper herum wie kleine, rote Fische aus reinem Schicksal. Lyra erkennt ein Symbol für Übergang, ein anderes für Verrat und ein drittes, das so komplex ist, dass es ihr schwindlig wird - das Siegel für die Ewigkeit. Das Blut ihres Mentors schreibt ihr die Warnung direkt ins Badewasser, eine Karte aus Opfern, die sie nun lesen muss.
Die Runen beginnen sich langsam zu drehen, ein blutiger Strudel, der sich direkt über der Stelle bildet, an der der Schlüssel in ihrer abgelegten Kleidung auf dem Boden liegt. Lyra begreift: Das Bad war keine Erholung. Es war ein rituelles Reinigen, um die Botschaft des Toten sichtbar zu machen. Das Blut hat eine Geschichte zu erzählen, die weit über den Tod hinausgeht.
In der trügerischen Stille des schwarzen Marmorbades beginnt das Wasser zu vibrieren. Die blutroten Runen, die eben noch schwerelos im Wasser tanzten, verändern ihre Flugbahn. Wie angelockt von einem Magneten, ziehen sie sich zusammen und steuern zielgerichtet auf Lyras rechten Unterarm zu.
Lyra keucht auf und presst ihren Rücken gegen den harten Rand der Wanne. Jede Faser ihres Seins schreit nach Flucht. Sie rechnet mit dem Schlimmsten - dass diese blutigen Zeichen wie Fesseln aus flüssigem Feuer um ihre Gelenke schnappen, sie in die dunkle Tiefe der Wanne hinabziehen und ihr die Luft rauben, bis das schwarze Wasser ihre Lungen füllt. Sie bereitet sich auf den letzten Kampf gegen ein Echo aus dem Jenseits vor.
Doch was dann geschieht, entzieht sich jeder menschlichen Logik.
Sobald die erste Rune ihre Haut berührt, färbt sich das Rubinrot in ein unnatürliches, tiefes Obsidian-Schwarz. Es ist kein bloßes Haften; die Zeichen scheinen Hunger zu haben. Mit einer grausamen Präzision bohren sie sich in ihre Poren.
Ein gellender Schmerz durchfährt Lyra, so unerwartet und scharf, dass ihr die Sicht verschwimmt. Es fühlt sich nicht an wie Magie, sondern wie reinstes Handwerk - als würde eine unsichtbare, glühend heiße Tattoonadel in rasender Geschwindigkeit Tausende von Malen in ihre empfindliche Haut stechen. Sie sieht zu, wie die schwarze Essenz unter die Epidermis dringt, wie die Tinte in ihren Adern zu fließen scheint und sich zu einem komplexen Geflecht aus dornenartigen Linien und arkanen Siegeln verbindet.
„Ah!“, presst sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während sie ihren Arm mit der anderen Hand umklammert. Das Wasser um sie herum peitscht auf, als ihr Körper vor Schmerz zuckt.
Der Schmerz ist archaisch und fordernd. Die Runen brennen sich tief in ihr Fleisch ein, werden eins mit ihrem Blut und ihren Knochen. Es ist eine gewaltsame Markierung, eine Weihe, die sie unwiderruflich kennzeichnet. Als die letzte Rune schließlich ihren Platz findet und das Stechen in ein dumpfes, fiebriges Pochen übergeht, starrt Lyra fassungslos auf ihren Arm.
Das schwarze Muster reicht nun von ihrem Handgelenk bis hinauf zum Ellenbogen. Es wirkt alt, als wäre es schon immer dort gewesen, verborgen unter der Oberfläche ihres Bewusstseins. Die Haut darum ist gerötet und heiß, doch die Runen selbst strahlen eine seltsame, kalte Autorität aus.
Samuel hat sie nicht angegriffen. Er hat sie gewappnet. Er hat ihr sein Wissen und seinen Schutz direkt in den Körper tätowiert - ein dauerhaftes Siegel, das sie nun als rechtmäßige Trägerin des Schlüssels ausweist. Sie spürt, wie eine neue, dunkle Kraft durch ihren Arm strömt, eine Resonanz, die direkt mit dem Schlüssel in ihrer Tasche korrespondiert.
Sie ist nun nicht mehr nur eine Besucherin in diesem Haus. Sie ist die lebende Waffe, die Samuel aus seinem eigenen Untergang geschmiedet hat.
Das Wasser in der schwarzen Marmorwanne ist inzwischen abgekühlt und hat jene unheimliche, ölige Stille angenommen, die Lyra schon im Wald gespürt hat. Sie erhebt sich langsam, während das schwere Nass an ihrer Haut reißt. Die neuen Runen auf ihrem Arm wirken im fahlen Kerzenlicht wie schwarze Narben, die pulsieren, als würde ein zweites Herz unter ihrem Fleisch schlagen.
Mit bedächtigen Bewegungen trocknet sie sich ab. Das Handtuch ist flauschig und weiß, ein krasser Kontrast zu der Dunkelheit, die sie umgibt. Jeder Tupfer auf ihrer Haut fühlt sich an wie eine Vorbereitung auf ein rituelles Opfer. Dann greift sie nach der Kleidung, die sie sich bereitgelegt hat.
Sie gleitet in Fenris’ schwarzen Pullover. Der grobe Strickstoff ist viel zu groß für ihre zierliche Gestalt, er schluckt ihre Konturen und hüllt sie in eine schwere, schützende Schicht. Als sie den Kragen nach oben zieht, schlägt ihr sein Geruch entgegen - eine berauschende Mischung aus Regen, kühler Erde und jenem wilden, metallischen Unterton, der ihm eigen ist. Es ist der Duft von Freiheit und Gefahr zugleich.
Lyra schließt die Augen. Ein Zittern läuft über ihre Schultern. Sie hebt die Hände und streicht sich mit den Handflächen über die Ärmel des Pullovers, lässt ihre Finger über die Maschen wandern, als würde sie nicht Wolle, sondern seine nackte Haut berühren. In dieser Geste liegt eine verzweifelte Zärtlichkeit, ein stilles Gebet an den Mann, der in der fernen Kathedrale als Tier um sein Leben ringt. Für einen flüchtigen Moment kann sie sich einbilden, dass er hinter ihr steht, dass seine starken Arme sie umschließen und er seinen Kopf in ihren Nacken legt.
„Ich hole dich zurück“, flüstert sie in das dunkle Zimmer hinein. „Egal, was dieses Haus von mir verlangt.“
Sie zieht die schwarzen Wollsocken über ihre kalten Füße und fühlt sich nun endlich gewappnet. Der weiche Stoff von Fenris’ Kleidung ist ihr Anker in dieser Welt aus Trugbildern und Blutmagie. Die Runen auf ihrem Arm unter dem Ärmel brennen noch immer mit einer dumpfen Hitze, eine ständige Mahnung an die Aufgabe, die vor ihr liegt.
Das Licht der Kaminflammen im Nebenraum flackert unruhig, und Lyra weiß, dass die Zeit der Ruhe abgelaufen ist. Die Metamorphose des Hauses hat ihren Höhepunkt erreicht, und die Kellerstiege wartet wie ein offener Rachen darauf, sie zu empfangen.
Die Entschlossenheit ist nun ein kalter Stahl in Lyras Rückgrat, der das Zittern ihrer Glieder unterdrückt. Sie hat der Versuchung der Wärme nachgegeben, hat sich vom Wasser die Sünden der Nacht abwaschen lassen, doch jeder Herzschlag, den sie in der Wanne verbracht hat, war eine Sekunde, in der Fenris dem Abgrund ein Stück näher rückte. Die Zeit des Zögerns ist mit dem Erlöschen der letzten Badewannendämpfe vergangen.
Sie tritt in den Flur, ihre Schritte in den Wollsocken vollkommen lautlos auf den luxuriösen, dunklen Dielen. Mit einer festen Hand greift sie nach einem schweren, silbernen Kerzenleuchter, der auf einer Konsole bereitsteht. Die drei Flammen tanzen nervös, als sie sich der schweren Holztür nähert, die wie ein dunkles Siegel den Weg in die Tiefe versperrt.
Lyra legt die Hand auf den metallenen Knauf. Das Eisen ist so kalt, dass es an ihrer Haut zu kleben scheint - ein krasser Gegensatz zu der künstlichen Hitze, die das restliche Haus durchflutet. Sie verharrt einen Moment, die Stirn gegen das kühle Holz gelehnt. In diesem Holz atmen die Geheimnisse von Generationen, der Wahnsinn Lorcans und der Schmerz Samuels. Sie spürt, wie die Runen auf ihrem Unterarm unter Fenris’ Pullover zu pulsieren beginnen, ein rhythmisches Brennen, das im Takt mit dem Pochen hinter der Tür schlägt.
Sie atmet tief durch, füllt ihre Lungen mit der letzten reinen Luft des Obergeschosses und dreht den Knauf.
Die Tür schwingt mit einem langgezogenen, klagenden Ächzen auf, das wie das Seufzen einer verlorenen Seele durch das prunkvolle Haus hallt. Dahinter gähnt eine Schwärze, die das Licht ihrer Kerzen gierig zu verschlingen droht.
Lyra setzt den ersten Fuß auf die steinerne Treppe. Ein Schwindelgefühl erfasst sie. Die Stufen, die sie schon einmal hinabgestiegen ist, wirken heute fremd, verzerrt durch eine Raumkrümmung, die nicht von dieser Welt sein kann. Der Abstieg erscheint ihr unendlich; die Treppe windet sich tiefer in die Eingeweide der Erde, als es die Architektur des Hauses erlauben dürfte. Jede Stufe führt sie weiter weg von der modernen Welt, weiter weg von der trügerischen Wärme, hinab in ein Reich, in dem die Zeit stillsteht und nur das Blut eine Währung ist.
Die Kälte da unten ist anders. Sie riecht nach feuchtem Stein, nach Eisen und nach etwas sehr Altem, das hungrig darauf wartet, dass der Schlüssel endlich sein Schloss findet. Mit jedem Schritt, den sie tiefer in den Schlund des Kellers dringt, scheint das Flüstern aus der Tiefe lauter zu werden - ein Chor aus Schatten, der ihren Namen kennt.
Lyra nähert sich dem Herzen des Untergrunds, jenem verborgenen Sanktuarium, das sie vor Tagen gemeinsam mit Fenris entdeckte. Schon damals wirkte dieser Ort wie eine Anomalie im Gefüge der Zeit, ein Geheimnis, das tief unter dem Fundament des Hauses atmet. Auch heute, während die Schatten der Welt draußen immer länger werden, erfasst sie eine tiefe Ergriffenheit, als sie die Schwelle überschreitet.
Der Raum gleicht einer vergessenen, gemütlichen Bibliothek aus einer Ära, in der Wissen noch mit Blut und Tinte besiegelt wurde. Hohe Regale aus dunklem Mahagoni, deren Regalbretter unter der Last jahrhundertealter Buchrücken ächzen, säumen die Wände. In der Mitte des Raumes thront, unverrückbar und schwer wie das Schicksal selbst, der Sarkophag aus schwarzem Marmor.
Mit dem silbernen Kerzenleuchter in der Hand schreitet Lyra durch den Raum und entzündet nacheinander die massiven Stumpenkerzen, die überall auf kleinen Tischen und zwischen den Büchern stehen. Das warme, goldene Glimmen vertreibt die feindselige Schwärze und offenbart die Schätze des Grabmals: Hier liegen vergilbte Schriften mit Siegeln aus purpurnem Wachs, dort glänzen seltsame Artefakte aus Messing und Obsidian. Und da, auf dem Deckel des Sarkophags, ruht sie noch immer - die verwelkte schwarze Rose. Ihre Blätter sind trocken und brüchig, doch sie bewahrt eine morbide Eleganz, die von einer Liebe erzählt, die den Tod überdauern wollte.
„Wo versteckst du dich?“, flüstert Lyra, und ihre Stimme wird von den weichen Buchrücken verschluckt.
Sie hält den Schlüssel Samuels fest umschlossen. Die Runen auf ihrem Unterarm beginnen unter dem schwarzen Strick des Pullovers intensiv zu brennen, als wollten sie sie in eine bestimmte Richtung lenken. Ihr Blick wandert suchend über die Oberflächen. Sie prüft die verzierten Schnitzereien an den Regalen, tastet die kühle Oberfläche des Sarkophags ab und sucht an den Wänden nach einer verborgenen Öffnung.
Ein Raum wie dieser, erfüllt von Wissen und Relikten, existiert nicht ohne Grund. Er ist ein Tresor der Erinnerungen, und der Schlüssel in ihrer Hand ist das einzige Werkzeug, das in der Lage ist, die Stille zu brechen. Lyra spürt, dass die Antwort nicht in den Büchern liegt, sondern in einem Mechanismus, der so subtil ist, dass nur die Verzweiflung einer Liebenden ihn finden kann.
Plötzlich fällt ein Schatten des Kerzenlichts auf eine kleine, unscheinbare Erhebung an der Seite des Sarkophags - eine Verzierung, die wie der Kopf einer Schlange geformt ist, deren Maul genau weit genug geöffnet ist, um etwas aufzunehmen.
Lyra hält den Atem an, während sie den geschwärzten Schlüssel zentimeterweise in das steinerne Maul der Schlange führt. Es gibt kein lautes Krachen, kein dramatisches Beben; stattdessen vernimmt sie nur das feine, ölige Klicken eines perfekt gearbeiteten Mechanismus, der seit Äonen auf diesen einen Moment gewartet hat. Mit einem sanften Schleifen gleitet ein verborgenes Fach aus der massiven Flanke des Sarkophags hervor, als würde der Stein selbst ein Geheimnis preisgeben, das er zu lange hinuntergeschluckt hat.
Lyra tritt näher, das Licht ihres Kerzenleuchters zittert in ihrer Hand und wirft tanzende Schatten in die kleine Vertiefung. Ihr Herz klopft in einem hohlen Rhythmus gegen ihre Rippen.
Dort, auf einem Bett aus verblasstem, schwarzem Samt, liegen die Relikte eines verlorenen Lebens. Es ist keine Truhe voller Gold, kein mächtiges Zauberbuch, das sie erwartet. In dem Fach ruht ein kleines, in dunkles, rissiges Leder gebundenes Buch, dessen Kanten vom Alter geschwärzt sind. Es wirkt unscheinbar, fast zerbrechlich inmitten dieser monumentalen Krypta.
Doch es ist der zweite Gegenstand, der Lyra den Atem raubt.
An einer schweren Kette aus angelaufenem Silber hängt ein Medaillon in Form eines Wolfskopfes. Die Handwerkskunst ist von einer erschreckenden Detailtreue; jede Furche im Fell, das Fletschen der Zähne und die herrische Form der Ohren zeugen von einer tiefen Verehrung - oder einer tiefen Furcht - vor der Bestie. Die Augen des Wolfes bestehen aus winzigen, schwarzen Steinen, die das Kerzenlicht einfangen und es mit einer dunklen Intensität zurückwerfen.
Vorsichtig lässt Lyra den Schlüssel los und streckt die Finger nach dem Metall aus. Sobald ihre Haut das kühle Silber berührt, durchfährt sie eine Vision, so scharf wie eine Klinge.
Ihre Gedanken wandern augenblicklich zu Fenris. Sie sieht ihn vor sich, nicht als den sterbenden Wolf auf dem Altar, sondern als den Mann, der er war, als sie sich zum ersten Mal begegneten - voller ungebeugter Kraft und einer Melancholie, die tiefer war als jeder Ozean. Sie spürt die Verbindung zwischen diesem Amulett und seinem Blut. Es ist, als würde die Kette in ihrer Hand im selben Takt pulsieren wie das Herz des Tieres in der fernen Kathedrale.
Dieses Schmuckstück ist kein bloßer Zierrat. Es ist ein Anker, ein Stück gebundene Identität. Lyra begreift, dass der Wolfskopf der Schlüssel zu Fenris’ Menschlichkeit ist, das fehlende Glied, das ihn davor bewahren kann, endgültig in der Finsternis der Bestie zu versinken.
Sie presst das Medaillon gegen ihre Brust, über den schwarzen Pullover, der noch immer nach ihm riecht. Die Runen auf ihrem Arm glühen unter dem Stoff in einem schmerzhaften Rhythmus auf. Samuel hat sie nicht hierher geschickt, um Schätze zu finden; er hat sie hierher geschickt, um Fenris’ Seele aus dem Schlund der Vergangenheit zu bergen.