Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 32

Der Schild und der Käfig


In den vergessenen Tiefen des Hauses stößt Lyra auf die grausame Wahrheit hinter Fenris’ Fluch - und auf ein Medaillon, das Hoffnung verspricht, aber einen unbekannten Preis fordert. Doch Wissen allein reicht nicht aus: Während Morgana aus den Schatten heraus zusieht, wird Lyras größter Schutz zu ihrer bittersten Falle. Gefangen zwischen Macht und Ohnmacht muss sie erkennen, dass jeder Sieg in Rosevil einen neuen Verlust fordert.


Lyra lässt sich langsam an der kühlen, steinernen Wand herabsinken, bis sie auf dem staubigen Boden sitzt. Die Schwere des Augenblicks drückt sie nieder, doch in ihrem Inneren brennt ein unnachgiebiges Feuer. Sie platziert den silbernen Kerzenleuchter neben sich, sodass der Schein der drei Flammen direkt auf die zerbrechlichen Seiten des kleinen, ledergebundenen Buches fällt. Das Wachs rinnt träge herab, während sie den Einband mit ehrfürchtigem Zittern aufschlägt.

 

Die Schrift ist altmodisch, eine filigrane, fast schon gequälte Handschrift, die im Laufe der Jahrhunderte zu einem blassen Schatten verblasst ist. Einige Wörter sind von Feuchtigkeit und Zeit zerfressen, kaum mehr als dunkle Flecken auf dem spröden Pergament. Lyra muss ihre Augen zusammenkneifen und sich ganz dicht über die Seiten beugen, um den Sinn der Zeilen zu erfassen, die hier wie eine Beichte im Verborgenen ruhen.

 

Ihre Finger streichen über die ersten Seiten, und während sie liest, beginnt die Welt um sie herum zu verblassen. Die Notizen beschreiben kein Wunder, sondern einen Fluch, der mit wissenschaftlicher Präzision und okkulter Besessenheit dokumentiert wurde.

 

Es ist die Rede von der Lunae Flore - der Mondblume -, einer Pflanze, die nur in den tiefsten, vom Mondlicht geküssten Schatten von Rosevil gedeiht. Der Verfasser beschreibt mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination, wie der feine, silbrige Blütenstaub dieser Blume wirkt. Er ist keine bloße Substanz; er ist ein Träger uralter, instinktiver Magie. Wenn dieser Staub von einem Menschen eingeatmet wird, dessen Seele bereits einen Riss aufweist - einem „Auserwählten“ durch Schmerz oder Schicksal -, beginnt eine schleichende Metamorphose.

 

Der Staub setzt sich in den tiefsten Windungen des Geistes fest und weckt das schlummernde Tier, das in jedem Menschen verborgen liegt. Er zwingt das Fleisch, sich dem Willen der Nacht zu beugen, Knochen zu brechen und neu zu formen, bis die Menschlichkeit hinter einer Maske aus Fell und Reißzähnen verschwindet. Lyra liest von der Qual der ersten Verwandlung, von dem berauschenden und zugleich vernichtenden Ruf des Mondes, der das menschliche Herz in ein wolfsartiges Verlangen hüllt.

 

„Ein Käfig aus Fleisch...“, flüstert Lyra, während ihre Augen über die verblassten Zeilen fliegen.

 

Sie begreift nun, dass Fenris’ Schicksal kein Zufall war. Er wurde nicht einfach gebissen oder verflucht; er wurde durch die Natur dieser Stadt selbst vergiftet. Der Blütenstaub war der Samen, und seine eigene Einsamkeit war der nahrhafte Boden, auf dem die Bestie wachsen konnte.

 

Doch während sie weiterblättert, sucht sie fieberhaft nach dem Gegenmittel, nach dem Preis, der gezahlt werden muss, um diesen Prozess umzukehren. Die Runen auf ihrem Arm pulsieren im Takt ihrer hastigen Lektüre, als würden sie die Wahrheit in dem Buch erkennen. Inmitten der Erklärungen über den Wolfsfluch stößt sie auf eine skizzierte Zeichnung des Medaillons, das sie gerade erst gefunden hat.

 

Lyra hält den Atem an, während das gelbe Licht der Kerzen über die grobe Skizze auf der vergilbten Seite tanzt. Es besteht kein Zweifel: Es ist die Kette, die sie gerade erst aus dem verborgenen Fach des Sarkophags geborgen hat. Die Zeichnung fängt die grimmige Entschlossenheit des Wolfskopfes mit einer Präzision ein, die Lyra erschauern lässt. Ihre Finger klammern sich fester um das kühle Silber des Amuletts, während sie hastig weiterliest, gierig nach der Erlösung, die dieses Buch verspricht.

 

Doch als ihre Augen die entscheidenden Zeilen erreichen, gerät ihr Herz ins Stolpern.

 

Die Tinte an dieser Stelle ist nicht nur blass - sie ist zerstört. Es sieht aus, als wären Tränen oder vielleicht Blut vor Jahrhunderten auf das Pergament gefallen und hätten die Worte in einen unleserlichen, dunklen Hof verwandelt. Die filigrane Handschrift des Grafen wird hier zu einem chaotischen Gespinst aus verwischten Schatten.

 

„Um den Bann der Mondblume zu brechen...“, liest sie flüsternd vor, wobei ihre Stimme in der Grabesstille der Bibliothek zittert, „...muss das Medaillon mit ... gefüllt werden. Nur die Essenz von .... kann die Bestie fesseln und den Menschen zurückrufen.“

 

Lyra starrt auf die Lücken, als könnte sie die fehlenden Wörter durch bloße Willenskraft aus der Struktur des Papiers erzwingen. „Verdammt!“, entfährt es ihr, ein leiser, verzweifelter Fluch, der wie ein Sakrileg gegen die heilige Stille des Raumes wirkt. Sie fährt mit der Fingerspitze über die zerstörte Stelle, spürt die Brüchigkeit des Papiers, doch die Wahrheit bleibt ihr vorenthalten.

 

Gerade das Wichtigste - das Herzstück des Rituals - ist der Vergessenheit anheimgefallen. Was verlangt dieses Relikt? Ist es das Blut eines Opfers? Die Tränen einer Liebenden? Oder vielleicht etwas weitaus Dunkleres, das selbst Lorcan kaum niederzuschreiben wagte?

 

In ihrer Tasche beginnt der Schlüssel wieder zu vibrieren, und die Runen auf ihrem Arm brennen mit einer plötzlichen, stechenden Intensität auf. Es ist, als würde Samuels Erbe auf ihre Unwissenheit reagieren. Sie blickt von dem verstümmelten Buch auf zu dem Wolfskopf in ihrer Hand. Das Medaillon wirkt plötzlich schwerer, hungriger. Es wartet darauf, gefüllt zu werden, doch die Antwort liegt verborgen im Nebel von Rosevil.

 

In diesem Moment hört sie es: ein leises, rhythmisches Scharren von oben, direkt aus dem Schlafzimmer. Es ist nicht das Geräusch von Schritten. Es klingt eher, als würde etwas sehr Großes und sehr Schweres langsam über die Dielen kriechen.

 

Das Scharren erstirbt so plötzlich, wie es begonnen hat, und hinterlässt eine Stille, die weitaus bedrohlicher ist als jeder Lärm. Lyra verharrt in vollkommener Reglosigkeit, den Rücken gegen den kalten Stein gepresst, das Kinn leicht gehoben. Ihr Atem geht flach und kontrolliert. Morgana. Der Name hallt wie eine Warnung in ihrem Geist wider. Die Wächterin ist wie eine Spinne, die darauf wartet, dass die Beute den entscheidenden Faden berührt - und mit dem Öffnen des verborgenen Fachs hat Lyra nicht nur ein Schloss entriegelt, sondern eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, deren Ausmaß sie nur erahnen kann.

 

Sie spürt, wie sich die Atmosphäre im Raum verändert hat. Das Licht der Kerzen wirkt nun fahl, fast krankhaft, als würde die Dunkelheit beginnen, das Gold der Flammen aufzufressen.

 

Mit flinken, beinahe instinktiven Bewegungen legt sie das kleine, verräterische Buch zurück in den Samt des Faches. Das Medaillon mit dem Wolfskopf, das eben noch so schwer in ihrer Hand lag, folgt ihm. Sie schließt das Fach mit einem trockenen Klicken; es ist ein Geräusch von Endgültigkeit. In dieser Kammer des Grafen, umgeben von dem Staub der Jahrhunderte, sind die Relikte vorerst sicher vor den gierigen Augen der Außenwelt.

 

Doch sie nimmt den Schlüssel nicht mit. Ein plötzlicher Impuls, geboren aus einer Mischung aus Paranoia und dunkler Vorahnung, lässt sie zögern. Wenn Morgana sie oben erwartet, wird sie als Erstes nach dem Schlüssel suchen. Lyra lässt ihren Blick über die unebene Steinwand gleiten, bis sie eine schmale, dunkle Ritze zwischen zwei massiven Blöcken findet, die tief in das Fundament des Hauses führt. Mit festem Druck schiebt sie das kalte Eisen hinein, bis es vollkommen im Schatten verschwindet.

 

Nun, nur noch bewaffnet mit dem silbernen Kerzenständer und dem brennenden Wissen auf ihrer Haut, erhebt sie sich.

 

Jede Faser ihres Körpers ist gespannt wie eine Bogensehne. Sie löscht zwei der drei Kerzen, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen, und schleicht zur Treppe. Die Stufen, die sie eben noch hinabgestiegen ist, wirken nun wie ein Aufstieg in das Maul eines Ungeheuers. In ihren Wollsocken gleitet sie lautlos über den Stein, die Hand schützend vor die letzte Flamme haltend, damit das flackernde Licht ihren Standort nicht vorzeitig verrät.

 

Oben angekommen, drückt sie sich flach gegen den Türrahmen des Kellers. Die wohlige Wärme, die sie vorhin noch empfangen hat, ist verschwunden. Stattdessen zieht ein eisiger Luftzug durch den Flur, der nach gefrorenen Rosen und dem herben Metall des Winters riecht. Das Haus ist still - zu still. Die prunkvolle Verwandlung scheint innezuhalten, als würde das Gebäude selbst den Atem anhalten, um zu sehen, wer als Nächstes den Boden betritt.

 

Lyra späht in den dunklen Korridor, das Herz ein rasender Hammer in ihrer Brust. Sie weiß, dass sie nicht mehr allein ist. Irgendetwas hat sich mit ihr in diesem Haus eingenistet, und es wartet nur darauf, dass sie das schützende Halbdunkel der Treppe verlässt.

 

Lyra tastet sich mit angehaltenem Atem durch den Korridor, die Flamme ihres Kerzenleuchters ein zitternder Stern in der erdrückenden Finsternis. Jeder Schritt auf den weichen Dielen fühlt sich an wie ein Verrat an ihrer eigenen Sicherheit. Das Wohnzimmer empfängt sie mit derselben unheimlichen Statik, die sie zurückgelassen hat: Der Kamin verzehrt knisternd die letzten Scheite, die schweren Samtvorhänge hängen wie Grabtücher vor den Fenstern und riegeln die Welt von Rosevil hermetisch ab.

 

Doch die Stille ist nicht friedlich; sie ist geladen, wie die Luft vor einem schweren Gewitter. Es ist die Ruhe eines Raubtiers, das sich so vollkommen reglos hält, dass man sein Atmen für den Wind hält.

 

Lyras Blick wandert zur Küchentür, die sie bisher in ihrer Hast gemieden hat. Mit klopfendem Herzen tritt sie über die Schwelle und hebt den Kerzenleuchter. Auch hier hat die dunkle Magie des Schlüssels - oder des Hauses selbst - ihr Werk vollbracht.

 

Wo zuvor zerbrochene Schränke wie skelettierte Rippen von den Wänden hingen und rostige Armaturen untätig in den Raum starrten, offenbart sich nun eine Kulisse von extravaganter Funktionalität. Die Küche wirkt wie das Laboratorium eines Alchemisten, gekreuzt mit dem Luxus einer vergangenen Epoche. Tiefschwarze Granitarbeitsflächen glänzen unter dem Schein ihrer Kerze, und kupferne Kessel hängen in perfekter Ordnung über einem Herd, der keine Flammen zeigt, aber eine unterschwellige Hitze ausstrahlt. Alles ist bereit, alles funktioniert - doch es ist eine Küche ohne Leben, ein Ort, an dem seit Jahrhunderten niemand mehr Brot gebrochen hat.

 

Sie schleicht weiter, die Muskeln so fest angespannt, dass sie zu schmerzen beginnen. Ihr Blick jagt in jede Ecke, sucht nach einem Schatten, der sich nicht mit dem Licht bewegt, nach einem Saum von Morganas Gewand oder dem unnatürlichen Glühen ihrer Augen.

 

Nichts.

 

Das Haus scheint leer zu sein, doch Lyra spürt die Lüge in dieser Abwesenheit. Die Präsenz, die sie oben gehört hat, dieses schwere Scharren, kann nicht einfach verpufft sein. Die Runen auf ihrem Arm unter Fenris' Pullover beginnen nun, gegen ihre Haut zu drücken, ein dumpfes, warnendes Pochen, das ihr signalisiert, dass sie beobachtet wird - nicht von einer Person, sondern vom Haus selbst, das nun seine Fallen scharf stellt.

 

Lyra steht inmitten der unnatürlichen Perfektion der Küche, doch die Kälte, die nun in ihr aufsteigt, hat nichts mit der Außentemperatur zu tun. Es ist die Gewissheit des Gejagten, der den Jäger im Nacken spürt. Die Luft ist gesättigt von einer schweren, elektrischen Spannung, die ihre Nackenhaare aufstellen lässt. Morgana ist hier. Sie ist der Schatten im Schatten, der Atemzug im Windhauch, die bittere Note im Duft des Kamins.

 

„Warum spielst du dieses feige Theater, Morgana?“, bricht Lyras Stimme schließlich das Grabesschweigen. Sie tritt aus der Küche zurück in den dunklen Korridor, den Kerzenleuchter wie ein Schwert vor sich herhaltend. Ihre Stimme zittert nicht; sie ist schneidend und voller Verachtung.

 

Sie geht langsam auf das Wohnzimmer zu, dorthin, wo das Kaminfeuer nur noch als blutrotes Glimmen existiert. „Zeig dich!“, fordert sie, und ihr Ruf hallt unheimlich von den Brokattapeten wider. „Bist du zu feige, mir gegenüberzutreten, ohne dich hinter Illusionen und verwandelten Wänden zu verstecken? Ich habe dieses Haus gesehen, wie es wirklich ist - ein verfallenes Grab! Deine Magie ist nichts weiter als ein Leichentuch über einer Ruine.“

 

Lyra bleibt mitten im Raum stehen. Sie spürt, wie die Runen auf ihrem Arm unter der Wolle von Fenris’ Pullover heiß werden, als würden sie auf die Provokation reagieren. Sie lacht kurz auf, ein trockenes, freudloses Geräusch.

 

„Ich komme deinem dunklen Geheimnis auf die Schliche, Wächterin. Ich war im Keller. Ich habe das Medaillon. Ich weiß von der Mondblume und dem Staub, mit dem du Fenris vergiftet hast“, schleudert sie die Worte in die Leere, in der Hoffnung, Morganas Beherrschung zu brechen. „Du hast uns hierhergelockt, weil du ohne uns nur eine Herrscherin über Staub und Leere bist. Aber ich habe den Schlüssel - und ich fange gerade erst an, die Schlösser zu verstehen, die du so sorgsam verborgen hast.“

 

Die Stille, die auf ihre Worte folgt, ist anders als zuvor. Sie ist nicht mehr leer; sie ist erwartungsvoll. Das Flackern der letzten Kerze auf dem Tisch wirft einen langen, verzerrten Schatten an die Wand, der sich für einen Herzschlag nicht mit Lyras Bewegungen deckt.

 

Plötzlich beginnt das Haus zu antworten. Ein tiefes, grollendes Beben geht durch die Dielen, als würde ein gigantisches Herz unter dem Fundament einen Schlag aussetzen. Die schweren Samtvorhänge blähen sich auf, obwohl kein Fenster offen steht, und das restliche Feuer im Kamin erlischt schlagartig, als hätte jemand die Zeit zurückgedreht.

 

„Glaubst du wirklich, kleine Lyra, dass das Wissen dich rettet?“, flüstert eine Stimme, die nicht aus dem Raum, sondern direkt aus dem Holz der Wände zu kommen scheint. Sie ist klangvoll, uralt und so scharf wie eine Glasscherbe.

 

Ein verächtliches Schnauben entweicht Lyras Kehle, ein Laut reinster Auflehnung, der die künstliche Sakralität des Raumes entweiht. Das Zittern ist aus ihrer Stimme gewichen; an seine Stelle ist eine stählerne Kälte getreten, die tiefer schneidet als der Winter draußen in Rosevil. Sie ist keine Beute mehr, die in der Dunkelheit kauert. Sie ist eine Frau, die zur Furie geworden ist, eine Kriegerin, deren Schild die Liebe und deren Schwert die Verzweiflung ist.

 

„Glaubst du, deine Stimme in den Wänden schreckt mich noch ab?“, zischt Lyra, und ihre Augen blitzen im fahlen Schein der letzten Kerze auf. „Ich habe Fenris’ Blut an meinen Händen gesehen, ich habe sein Leid gespürt. Wenn mein Herzblut der Preis ist, um ihn aus deinem Griff zu reißen, dann komm und hol es dir! Ich bin bereit, bis zum letzten Atemzug zu bluten, solange er lebt.“

 

Sie steht kerzengerade im Zentrum des Salons, die Runen auf ihrem Arm pulsieren nun so heftig, dass es sich anfühlt, als würde glühendes Blei durch ihre Adern fließen. Sie ist ein Leuchtfeuer des Widerstands in einem Haus aus Lügen.

 

„Zeig dich endlich, Morgana! Tritt aus den Schatten, wenn du noch einen Funken der Macht besitzt, die du so stolz vor dir herträgst!“

 

Doch der Raum antwortet nur mit einer bösartigen Unbeweglichkeit. Morgana materialisiert sich nicht. Keine Gestalt tritt aus dem Ruß des Kamins, kein Gewand raschelt über den Samt. Die Wächterin bleibt eine körperlose Präsenz, ein Parasit, der in der Bausubstanz dieses Albtraums nistet. Sie verweigert Lyra den direkten Kampf, denn in der direkten Konfrontation läge die Chance auf ein Ende - und Morgana nährt sich von der Ungewissheit.

 

„Wie rührend“, hallt die Stimme der Wächterin erneut durch den Raum, nun von überall gleichzeitig, als würden die Wände selbst atmen. Das Flüstern ist wie kriechender Frost, der sich auf Lyras Seele legt. „Du sprichst von Herzblut, kleine Sterbliche, aber du ahnst nicht, wie wenig dein Blut hier wert ist. Denkst du, das Medaillon im Keller macht dich zur Herrin? Du hast nur eine weitere Tür in einem Labyrinth geöffnet, das kein Ende hat.“

 

Ein hämisches Lachen, leise und trocken wie raschelndes Herbstlaub, vibriert im Gebälk. „Fenris ist bereits verloren. Mit jedem Herzschlag, den er als Tier verbringt, vergisst er den Klang deines Namens. Er wird dich nicht erkennen, wenn er zurückkehrt. Er wird nur den Hunger spüren, den ich ihm eingepflanzt habe. Willst du wirklich für ein Monster sterben, das dich als Erstes zerreißen wird?“

 

Die Worte kriechen wie Insekten über Lyras Haut, versuchen die Risse in ihrem Fundament zu finden. Morgana greift nicht nach ihrem Fleisch, sie greift nach ihrem Verstand, versucht den Zweifel zu säen, wo bisher nur Entschlossenheit war.

 

Lyra lacht laut auf, ein scharfes, hohnvolles Geräusch, das wie eine Peitsche durch die stickige Pracht des Salons knallt. Sie provoziert die Leere weiter, tritt einen Schritt auf die Wand zu, aus der die Stimme eben noch zu kommen schien.

 

„Du bist nichts weiter als eine Illusionärin, die sich hinter Staub und Tapeten versteckt!“, ruft sie, und ihre Stimme bebt vor Verachtung. „Wo ist deine Macht, Morgana? Wenn ich so unbedeutend bin, warum zerreißt du mich dann nicht einfach? Warum dieses endlose Geplapper? Du hast Angst vor mir!“

 

Wieder antwortet die Wächterin mit Drohungen, die wie giftiger Dunst durch den Raum wabern. Sie spricht von Qualen, die jenseits des menschlichen Vorstellungsvermögens liegen, von Fenris’ endgültigem Untergang und von der Ewigkeit, die Lyra in den Kerkern dieses Hauses verbringen wird. Doch während das Flüstern anschwillt und die Schatten an der Decke wie riesige Spinnenbeine zucken, geschieht etwas in Lyras Innerem.

 

Die Runen auf ihrem Unterarm beginnen nicht mehr nur zu brennen - sie senden einen kühlen, klaren Impuls aus, der ihren Verstand schärft wie eine frisch geschliffene Klinge. Sie sieht durch den Nebel der Angst hindurch.

 

Plötzlich begreift sie es. Die Erkenntnis trifft sie mit der Wucht einer Offenbarung.

 

Lyra senkt den Kerzenleuchter ein Stück und sieht an sich herab. Ein sanftes, fast unsichtbares Flimmern umgibt ihre Gestalt, eine Aura aus blassem, silbrigem Licht, die genau dort beginnt, wo die schwarzen Runen in ihre Haut gebrannt sind. Die Wärme von Fenris’ Pullover, das Blut Samuels, das sie nun wie ein unsichtbares Kleid trägt, und der Kontakt mit dem Schlüssel im Keller haben ein Wunder vollbracht.

 

„Du kannst mir gar nichts anhaben“, haucht sie, und ein triumphierendes Lächeln umspielt ihre Lippen. „Deshalb bleibst du in den Wänden. Deshalb fauchst du nur, statt zuzuschlagen.“

 

Sie versteht nun, dass sie von einem Schutzschild umgeben ist, den keine dunkle Magie der Wächterin zu durchdringen vermag. Die Runen sind nicht nur ein Mal des Wissens; sie sind eine Barriere, eine heilige Grenze, die zwischen ihr und dem Verderben von Rosevil gezogen wurde. Solange sie diesen Schutz trägt, ist sie für Morgana unantastbar. Die Wächterin ist wie ein gefangener Sturm, der gegen eine gläserne Mauer rast - voller Zorn, aber völlig wirkungslos.

 

Morganas Stimme wird plötzlich schrill, das ruhige Flüstern schlägt in ein hasserfülltes Kreischen um. „Du bildest dir ein, sicher zu sein? Dieser Schutz ist ein Gefängnis, Lyra! Er bindet dich an dieses Haus, bis du zu Staub zerfällst!“

 

Doch Lyra lässt sich nicht beirren. Sie weiß nun, dass sie die Oberhand hat. Sie ist der einzige lebendige Faktor in diesem Spiel der Toten, den Morgana nicht kontrollieren kann.

 

Ein triumphierendes, fast sanftes Lächeln stiehlt sich auf Lyras Lippen und vertreibt für einen Moment die harten Linien der Erschöpfung aus ihrem Gesicht. Die Erkenntnis fließt wie flüssiges Gold durch ihren Verstand: Sie ist der Schild. Sie ist die unbezwingbare Barriere, nach der Fenris so verzweifelt gesucht hat. Die Runen, die sich wie schwarze Ranken in ihre Haut gegraben haben, sind das Versprechen einer ewigen Wacht. Solange sie an seiner Seite ist, solange ihr Atem den seinen streift, kann keine Finsternis, kein Fluch und keine Morgana ihn jemals wieder erreichen.

 

„Ich werde bei dir sein, Fenris“, flüstert sie in die schwere Luft des Korridors. „Vom ersten Licht des Morgens bis in die tiefste Nacht. Wir werden diesen Kerker gemeinsam niederreißen.“

 

Getrieben von einer neuen, brennenden Dringlichkeit, wendet sie sich ab. Sie will zurück in das Zimmer, das nun ihr Sanktuarium ist, sie will ihre Kräfte sammeln und dann den Weg zurück zur Kathedrale antreten, um ihn heimzuholen. Mit festem Schritt eilt sie auf die Schwelle des Schlafzimmers zu, die Hand bereits ausgestreckt, um den schweren Samtvorhang beiseite zu schieben.

 

Doch als sie die unsichtbare Linie des Türrahmens überschreiten will, prallt sie mit einer Wucht zurück, die ihr den Atem raubt.

 

Es gibt keinen Knall, kein Geräusch von berstendem Holz. Es ist, als wäre die Luft von einem Wimpernschlag auf den nächsten zu massivem Diamant erstarrt. Lyra taumelt, ihre Hände schlagen gegen eine Barriere, die so glatt und unnachgiebig ist wie polierter Stahl, obwohl ihre Augen nur den leeren Durchgang sehen.

 

„Was ist das?“, keucht sie und presst die flachen Hände gegen das Nichts.

 

Sie versucht es erneut, wirft sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den Widerstand, doch die Mauer rührt sich nicht. Es ist keine physische Wand, sondern eine raumgreifende Kraft, die den Korridor vom Rest des Hauses isoliert. Das silbrige Leuchten ihrer Runen flackert heftig auf, als es mit der Barriere in Berührung kommt, und ein hässliches, blaues Blitzen zuckt über die unsichtbare Fläche.

 

Ein trockenes, hämisches Lachen hallt aus dem Gebälk wider, tiefer und siegesgewisser als zuvor.

 

„Hast du es immer noch nicht begriffen, kleines Licht?“, raunt Morganas Stimme, die nun vor Bosheit fast zu vibrieren scheint. „Dein Schutz ist absolut. Er bewahrt dich vor mir - aber er bewahrt auch die Welt vor dir. Du hast dich selbst versiegelt. Du bist die Königin eines Reiches, das aus zwei Metern Flur besteht. Du kannst ihn schützen, ja... aber nur, wenn du ihn erreichen kannst.“

 

Lyra hämmert mit den Fäusten gegen die unsichtbare Mauer, Tränen der Wut und des Schreckens schießen ihr in die Augen. Sie sieht das warme Licht des Kaminfeuers im Zimmer, sie sieht Fenris' Kleiderständer nur wenige Meter entfernt - und doch ist es eine Unendlichkeit. Der Schutzschild, ihr größter Triumph, ist in den Händen der Wächterin zu ihrer grausamsten Fessel geworden.

 

Das schluchzende Echo von Lyras Verzweiflung bricht sich an den unnachgiebigen Wänden des Korridors. Sie sinkt in sich zusammen, die Kraft in ihren Beinen weicht einer lähmenden Schwere, bis sie auf den kalten Dielen kniet. Ihre Stirn ruht gegen die unsichtbare Barriere, die sie von ihrem Ziel trennt. Es ist ein jämmerliches Bild: Eine Frau, gezeichnet von den schwarzen Runen der Macht, gefangen in einem goldenen Käfig aus Stille und Seide. Tränen, heiß und brennend, graben sich Pfade durch den Staub auf ihren Wangen und tropfen auf den schwarzen Strick von Fenris’ Pullover.

 

Über ihr, aus der Tiefe der prunkvollen Deckenbalken, schwillt Morganas Gelächter an - ein hasserfülltes Orchester, das keine Gnade kennt.

 

„Weine nur, Sterbliche“, gellt die Stimme der Wächterin durch den Raum, jedes Wort eine geschliffene Klinge, die tiefer in Lyras offene Seele schneidet. „Deine Tränen sind das Einzige, was in diesem Haus noch echt ist. Du dachtest, du hättest mich besiegt? Du dachtest, ein paar Tropfen Blut und ein alter Schlüssel würden die Ordnung von Rosevil stürzen?“

 

Das Haus scheint sich um Lyra herum zu verengen. Die Schatten an den Wänden blähen sich auf wie schwarze Lungen, die ihr den Sauerstoff rauben wollen. Obwohl Morgana durch den Schutzschild physisch zurückgehalten wird, webt sie aus Lyras Schmerz ein Gespinst aus reinem Grauen.

 

„Sieh dich an“, spottet Morgana, und das Licht der Kerzen flackert im Rhythmus ihres Hohns. „Du bist der Schild, ja. Aber ein Schild ohne einen Krieger ist nur ein Stück totes Metall. Während du hier am Boden kriechst und den Staub meiner Vorfahren küsst, schwindet Fenris’ Verstand in der Kathedrale. Er wartet auf dich, Lyra. Er wartet darauf, dass du ihn erlöst, während du nicht einmal in der Lage bist, diese Türschwelle zu übertreten.“

 

Morgana streut das Salz der Wahrheit mit sadistischem Vergnügen in Lyras Wunden. Sie macht ihr unmissverständlich klar, dass dies keine Schlacht ist, die man mit Mut allein gewinnt. In Rosevil ist die Hoffnung die grausamste Form der Folter.

 

„Du hast den Schlüssel gefunden, aber ich besitze das Schloss“, flüstert die Wächterin nun fast zärtlich, ein Tonfall, der weitaus schrecklicher ist als ihr Schreien. „Dies ist mein Haus, mein Fluch und mein Spiel. Du darfst die Figuren bewegen, Lyra, aber ich habe die Regeln geschrieben, lange bevor dein erster Ahne geboren wurde. Du wirst zusehen, wie das Licht in seinen Augen erlischt, und du wirst nichts tun können, als gegen diese Mauer zu starren, bis auch deine Seele zu Stein wird.“

 

Lyra presst die Hände auf die Ohren, um die Stimme auszusperren, doch Morganas Worte dringen direkt durch ihre Haut, tiefer als die Runen, mitten in ihr zerbrochenes Herz. Sie ist unantastbar - und gerade deshalb ist sie die einsamste Frau der Welt.

 

Das hämische Lachen der Wächterin ebbt langsam ab, bis es nur noch wie das ferne Rauschen von vertrocknetem Laub in den Winkeln des Hauses nachklingt. Dann tritt eine Stille ein, die so schwer und absolut ist, dass sie Lyra fast das Gehör betäubt. Die Dunkelheit im Korridor scheint sich zu verdichten, als hätte Morgana mit ihrem Verschwinden auch den letzten Rest an Licht mit sich genommen.

 

Lyra bleibt am Boden gekauert zurück. Das einzige Geräusch, das die Grabesstille durchbricht, ist ihr eigenes Schluchzen - ein rhythmisches, gebrochenes Beben, das ihre schmalen Schultern unter dem schweren Stoff von Fenris’ Pullover erschüttert. Sie gibt sich ihrem Schmerz hin, lässt ihn wie eine kalte Flut über sich zusammenschlagen. In diesem Moment der absoluten Isolation gibt es keine Runen, keine Schlüssel und keine Magie mehr; es gibt nur noch das nackte Grauen einer Frau, die um die Seele ihres Geliebten bangt.

 

Hinter ihren geschlossenen Lidern sieht sie ihn vor sich. Nicht den Wolf, nicht das Tier mit den gefletschten Zähnen, sondern den Mann. Sie sieht das sanfte Licht in seinen Augen, wenn er sie ansah, das zögerliche Lächeln, das er nur für sie reserviert hatte, und die Wärme seiner Hände, die ihr einst Sicherheit schenkten. Sie klammert sich an diese Bilder wie an Treibgut in einem stürmischen Ozean. Die Erinnerung an seine Menschlichkeit ist das Einzige, was ihr in dieser verfluchten Stadt noch heilig ist.

 

Ihre Finger graben sich in die weichen Wollmaschen des Pullovers, suchen nach dem Halt, den nur Fenris ihr geben konnte. Doch inmitten der Tränen beginnt sich etwas in ihr zu wandeln. Der Schmerz brennt aus, und zurück bleibt eine kalte, unnachgiebige Glut.

 

Sie hebt den Kopf. Ihre Augen, gerötet vom Weinen, blitzen in der Dunkelheit auf. Sie starrt gegen die unsichtbare Mauer, die sie noch immer gefangen hält, doch ihr Blick ist nicht mehr gebrochen.

 

„Hörst du mich, Fenris?“, flüstert sie, und ihre Stimme ist nun fest, ein seidener Faden aus purer Entschlossenheit, der durch die Finsternis schneidet. „Ich gebe nicht auf. Hörst du? Niemals.“

 

Sie presst die flache Hand gegen die Barriere, und für einen Moment scheint das Schwarz der Runen auf ihrem Arm im Takt ihres Pulsschlags aufzuglühen. „Morgana mag die Regeln geschrieben haben, aber sie hat die Rechnung ohne mich gemacht. Ich werde einen Weg finden. Ich werde dieses Haus niederreißen, wenn es sein muss, Stein für Stein, bis ich wieder an deiner Seite bin.“

 

Ein leiser Windhauch streift ihr Gesicht, als würde das Haus auf ihren Schwur reagieren. In der Stille des Korridors beginnt der Schlüssel, den sie unten in der Wandritze verborgen hat, leise zu singen - ein hoher, metallischer Ton, der nur für sie hörbar ist und ihr mitteilt, dass die Verbindung zwischen ihr und dem Keller noch immer besteht.