Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 34
Die Karte unter den Dielen
Lyra erreicht Samuels Wohnung wie eine letzte Hoffnung im Schneesturm. Zwischen zerstörten Papieren und kaltem Tabakgeruch sucht sie nach dem, was Morgana nicht kontrollieren kann: Samuels echte Wahrheit. Die Runen auf ihrem Arm führen sie zu einem verborgenen Fach unter den Dielen - und zu einer Karte, die Rosevil als präzise gebaute Falle entlarvt: Wald, Hecke, Lichtung, das Siegel im Zentrum. Doch je länger Lyra die Linien liest, desto klarer wird: Der Weg ist nicht das Rätsel. Die Quelle ist es. Und irgendwo im Raum wartet der Rest von Samuels Vermächtnis - vielleicht näher, als sie denkt.
Mit letzter, übermenschlicher Anstrengung schleppt sich Lyra über den Kirchplatz. Ihre Stiefel hinterlassen tiefe, unsichere Furchen im unberührten Weiß, bis sie schließlich die massiven Portale der Kathedrale erreicht. Sie wirft ihr gesamtes Gewicht gegen das schwere, kalte Holz. Mit einem tiefen, klagenden Grollen schwingt die Tür auf und gewährt ihr Einlass in die geheiligte Stille, die nach Weihrauch, altem Staub und dem herben Geruch von Wildnis schmeckt.
Sie taumelt in das Kirchenschiff. Ihr Blick, getrübt von Erschöpfung und Tränen, schießt wie ein Pfeil durch die Düsternis direkt zum Hochaltar.
Dort liegt er.
Die gewaltige Silhouette des Wolfes zeichnet sich gegen das schwache Glimmen der ewigen Lichter ab. Lyra stürmt voran, ihre Schritte hallen einsam auf dem Marmor wider, während ihr langer schwarzer Mantel wie die Schwingen eines nächtlichen Vogels hinter ihr herweht. Sie erreicht die Stufen des Altars und bricht beinahe vor ihm zusammen.
Einen unendlichen Herzschlag lang verharrt sie in stummer Betrachtung. Sie beobachtet das mühsame, aber stetige Heben und Senken seiner Flanken, das Zittern seiner Ohren im kalten Luftzug der Halle. Er lebt. Das Wissen darum durchströmt sie wie ein elektrischer Schlag und schenkt ihr jene Wärme zurück, die die Stadt ihr rauben wollte.
Ohne Zögern klettert sie auf die steinerne Erhöhung. Sie schert sich nicht um die Heiligkeit des Ortes oder die Kälte des Marmors. Sie schmiegt sich eng an seinen massiven Körper, vergräbt ihr Gesicht in dem dichten, schwarzen Fell seines Nackens. Die raue Textur unter ihrer Wange ist die einzige Realität, die sie noch anerkennen will. Sie spürt das tiefe, langsame Pochen seines Herzens - ein Rhythmus, der nun eins wird mit ihrem eigenen.
„Ich bin zurück, Fenris“, flüstert sie, und ihre Stimme ist ein sanftes Beben in der Stille.
Sie schließt die Augen und genießt die raue, wilde Nähe, die trotz der bestialischen Gestalt so unverkennbar er ist. Während sie ihn hält, beginnt sie zu erzählen. Mit leiser, brüchiger Stimme berichtet sie ihm von der Dunkelheit im Korridor, von der unsichtbaren Mauer und dem hämischen Lachen der Wächterin. Sie flüstert ihm von dem Buch, das nun schwer zwischen ihnen liegt, und von dem Schlüssel, der Rosevil erzittern ließ.
„Sie konnte mich nicht halten“, haucht sie gegen sein Ohr, während ihre Hand mit den schwarzen Runen sanft über seinen Kopf streicht. „Nichts kann mich halten, solange du hier bist. Wir sind die einzige Wahrheit in dieser Stadt aus Trugbildern, mein Liebster. Und ich werde nicht eher ruhen, bis du mich wieder mit deinen menschlichen Augen ansiehst.“
In der sakralen Stille der Kathedrale geschieht ein Wunder der Verbundenheit, das über die Grenzen von Spezies und Fluch hinausreicht. Als Lyra ihren geschundenen Körper an seine Flanke presst, antwortet das Tier. Es ist keine instinktive Bewegung der Bestie, sondern eine bewusste Regung der Seele, die tief im Inneren gefangen ist. Fenris drückt seinen massiven Schädel ganz leicht gegen ihre Schulter, ein erschöpftes, suchendes Drängen, als wäre sie das einzige Licht, das ihn im bodenlosen Ozean seiner Qual vor dem Ertrinken bewahrt.
Lyra schließt die Augen, während ihr die Tränen über die Wangen rinnen und im schwarzen Fell versinken. Sie beugt sich vor und drückt einen langen, ehrfürchtigen Kuss auf die Stirn des Wolfes, dorthin, wo unter dem dichten Pelz das Blut eines Mannes pocht, den die Welt vergessen hat.
„Ich liebe dich, Fenris“, flüstert sie, und die Worte wirken wie ein Exorzismus gegen die Schatten, die in den Winkeln der Kirche lauern. Ihre Stimme gewinnt an Schärfe, an einer neuen, gefährlichen Klarheit. „Ich hole uns hier raus. Ich verspreche es dir bei meinem Leben.“
Sie spürt das Beben, das durch seinen Körper geht, ein Echo ihres eigenen Zorns. Die Runen auf ihrem Arm glühen unter dem Stoff ihres Mantels in einem tiefen, warnenden Violett auf, als würden sie auf ihren Schwur reagieren.
„Ich durchschaue sie langsam“, fährt sie fort, und ihr Blick fixiert das ferne Dunkel des Portals, als könnte sie Morgana durch die Meilen von Schnee und Stein direkt in die Augen sehen. „Wir sind keine Marionetten mehr, die nach ihrem Takt tanzen. Diese Stadt ist ein Theater aus Staub und Lügen, und ich weigere mich, die Rolle zu spielen, die sie für uns vorgesehen hat. Wir sind nicht ihr Zeitvertreib. Wir sind keine Statisten in ihrem ewigen Albtraum.“
In ihrer Tasche wird das Medaillon plötzlich warm, ein pulsierendes Herz aus Silber, das gegen ihren Oberschenkel schlägt. Lyra weiß nun, dass ihre Liebe nicht nur ein Gefühl ist - sie ist eine Waffe. Eine Waffe, die die Architektur von Rosevil zum Einsturz bringen kann, weil sie die einzige Kraft ist, die nicht von der Wächterin erschaffen wurde.
„Sie hat uns unterschätzt, Fenris“, haucht sie und streicht mit ihrer markierten Hand über seine Schnauze. „Sie dachte, der Hunger des Wolfes würde die Liebe der Frau besiegen. Aber sie hat vergessen, dass eine Frau, die nichts mehr zu verlieren hat, gefährlicher ist als jede Bestie.“
Das leise Quietschen der schweren Eichentür zur Sakristei zerschneidet die Intimität des Augenblicks wie eine kalte Klinge. Als Elias aus dem Schatten des Nebenraums tritt, erstirbt Lyras Flüstern augenblicklich. Die Weichheit in ihren Zügen gefriert zu einer Maske aus unnahbarem Onyx. Sie löst sich nicht von Fenris, doch ihre Haltung verändert sich; sie wird zur Raubkatze, die ihre Beute - oder ihren Gefährten - gegen jeden Eindringling verteidigt.
In ihrem Inneren ist ein Vorhang gefallen. Das Vertrauen, das sie einst in den gütigen Kirchendiener setzte, ist in den drei Tagen der Isolation und des Hungers zu Staub zerfallen. Sie betrachtet ihn durch einen Schleier aus kühler Berechnung. In dieser Stadt der Trugbilder ist Elias nicht länger nur ein Helfer - er ist eine Variable in Morganas Gleichung, ein Rädchen in dem Getriebe, das sie zermahlen soll.
Sie schweigt. Jedes Wort, das sie jetzt aussprechen würde, jedes Geständnis ihrer Entdeckungen oder ihrer Schwäche, empfindet sie als Munition, die man später gegen sie verwenden könnte. Sie sieht, wie Elias den Mund öffnet, um etwas zu sagen - vielleicht eine Entschuldigung, vielleicht eine falsche Sorge -, doch sie schneidet ihm den Weg mit einem Blick ab, der so scharf ist wie das Glas in den zerbrochenen Fenstern der Stadt.
Ihr werdet mich nicht mehr lesen wie ein offenes Buch, denkt sie, während ihre Finger unbewusst fester in Fenris’ Fell greifen.
Sie weiß nun, dass sie in diesem grausamen Spiel der Wächterin nur gewinnen kann, wenn sie die Regeln der Transparenz bricht. Wenn Elias und Morgana gehofft haben, ihr durch Beobachtung und Manipulation immer einen Schritt voraus zu sein, so haben sie die Rechnung ohne die Frau gemacht, die im Keller des Grafen ihre Unschuld verloren und eine dunkle Macht gewonnen hat.
Ab heute wird sie ihnen diese Macht nehmen. Sie wird zur Festung werden, zu einem Labyrinth, in dem sich ihre Feinde verirren sollen. Die Runen auf ihrem Arm scheinen ihre neue Kälte zu spüren - ihr Leuchten zieht sich tief unter die Oberfläche zurück, verborgen vor Elias’ neugierigen Augen, bereit, nur dann hervorzubrechen, wenn Lyra es befiehlt.
Elias bleibt im Halbdunkel des Kirchenschiffs stehen, sichtlich verunsichert von der eisigen Aura, die von der Frau auf dem Altar ausgeht. Lyra starrt ihn einfach nur an, unbeweglich, eine dunkle Göttin des Schweigens, die ihren sterbenden Wolf bewacht und darauf wartet, dass der Feind den ersten Fehler begeht.
Er wagt kaum zu atmen, während er über den kalten Marmor auf sie zutritt. Seine Schritte sind zögerlich, das Scharren seiner Sohlen wirkt in der sakralen Stille wie eine Entweihung. Er spürt die Veränderung, die von Lyra ausgeht, wie eine physische Last. Sie ist nicht mehr die verzweifelte Frau, die vor Tagen schluchzend die Kirche verließ. Eine dunkle Souveränität umgibt sie jetzt, eine Kälte, die selbst den Weihrauchgeruch der Kathedrale zu verdrängen scheint.
Er bleibt in gebührendem Abstand stehen, seine Augen wandern unruhig zwischen ihr und dem Wolf hin und her, unfähig, den stählernen Blick Lyras länger als einen Herzschlag zu ertragen.
Lyra bricht das Schweigen schließlich, doch ihre Stimme ist nicht mehr sanft. Sie klingt wie das Brechen von Eis auf einem tiefen, schwarzen See. Sie richtet sich auf dem Altar auf, eine Hand noch immer fest im Fell von Fenris verankert, während die andere unbewusst über den Ärmel ihres Mantels streicht, unter dem die Runen wie verborgene Glut pulsieren.
„Drei Tage, Elias“, sagt sie, und jedes Wort ist eine Anklage. „Drei Tage, in denen die Welt draußen stillstand, während ich in der Hölle dieses Hauses gefangen war. Sag mir: Hast du diese Zeit genutzt? Oder hast du nur darauf gewartet, dass der Vorhang endgültig fällt?“
Elias zuckt zusammen, als hätte sie ihn körperlich geschlagen. Er will ansetzen, sich zu rechtfertigen, doch Lyra schneidet ihm das Wort mit einer herrischen Geste ab. Sie fixiert ihn, ihre Augen glühen vor einem Wissen, das er nicht teilt.
„Lass die Ausflüchte. Ich will wissen, ob du in deinen staubigen Archiven etwas Reales gefunden hast. Wir wissen beide, wo die Antwort liegt. Im Feld der Mondblumen, dort, wo Morganas Gift seinen Ursprung nahm.“ Sie beugt sich ein Stück vor, und das Kerzenlicht wirft tiefe, dramatische Schatten in ihr bleiches Gesicht. „Wie durchquere ich das Feld, ohne dass der Blütenstaub auch meine Seele zerfrisst? Wie komme ich zum Zentrum der Macht, ohne als eine weitere leblose Marionette dieser Stadt zu enden?“
Sie beobachtet jede noch so kleine Regung in seinem Gesicht - das nervöse Zucken seiner Augenlider, das Zittern seiner Hände. Sie sucht nach dem Verrat, nach dem Zögern, das ihn als Werkzeug der Wächterin entlarven würde. In ihrer Tasche umschließt sie den Schlüssel und das Medaillon - sie ist bereit, ihm die Wahrheit aus den Rippen zu schneiden, wenn er versucht, sie erneut in die Irre zu führen.
Elias schluckt schwer, seine Kehle scheint wie zugeschnürt. Er blickt auf den Altar, wo Fenris nun ein tiefes, warnendes Grollen ausstößt, als spüre er das Misstrauen seiner Gefährtin.
Lyra fixiert Elias mit einem Blick, der keine Gnade kennt. Sie weiß, dass das Feld der Mondblumen nur der erste Kreis dieses irdischen Infernos ist. Dahinter wartet die Hecke - jenes monströse Geflecht aus schwarzen Dornen, das nicht aus Holz, sondern aus versteinertem Leid gewachsen ist. Sie hat die Legenden gehört: Die Dornen sind hohl, sie dürsten nach dem Lebenshauch derer, die es wagen, sie zu berühren. Jedes Mal, wenn der Wind durch Rosevil streift, hört man das Wehklagen der Seelen, die in diesem Dickicht gefangen sind, ewige Gefangene, deren Essenz die Barriere nährt.
„Die Lichtung“, presst sie hervor, und das Wort schmeckt nach Gift auf ihrer Zunge. „Dort liegt der Ursprung der Fäulnis. Alles, was wir durchleiden, jede Träne und jeder Tropfen Blut, fließt dorthin zurück, um den Kern dieser Stadt am Leben zu erhalten. Die Lichtung ist das Übel, das uns wie eine Spinne im Netz gefangen hält.“
Sie lässt ihre Hand langsam über Fenris’ Flanke gleiten, während ihr Verstand bereits die dunkle Topografie des Waldes vermisst. Um zur Mitte zu gelangen, um das Siegel zu brechen, das Fenris in dieser Bestiengestalt fesselt, muss sie durch das Fleisch der Hecke schneiden. Aber gewöhnlicher Stahl würde an diesen Dornen zerspringen wie Glas. Sie braucht etwas, das die Ordnung des Unnatürlichen außer Kraft setzt, etwas, das die gierigen Ranken dazu bringt, sich vor ihr zurückzuziehen, als wären sie vor dem Fegefeuer selbst.
„Was ist das Geheimnis, Elias?“, fordert sie, und ihre Stimme schwillt an zu einem drohenden Grollen, das dem des Wolfes in nichts nachsteht. „Womit bändigt man eine Hecke, die aus Seelen besteht? Es gibt ein Mittel, ein Relikt oder ein Opfer, das diese Mauer zum Erlahmen bringt. Sag es mir, bevor die Zeit uns beide holt.“
Sie spürt, wie der Schlüssel in ihrer Tasche plötzlich eiskalt wird, ein schmerzhafter Kontrast zu der Hitze der Runen auf ihrem Arm. Es ist ein metaphysisches Zerren, eine Resonanz zwischen dem Eisen und dem Geheimnis, das Elias hütet. Die Lichtung ruft sie, fordert den Schlüssel zurück, den sie ihr gestohlen hat. Lyra begreift: Sie muss nicht nur wissen, wie sie die Hecke durchquert - sie muss wissen, wie sie sie vernichtet, ohne selbst Teil des ewigen Wehklagens zu werden.
Elias weicht einen Schritt zurück, sein Gesicht bleich wie das Laken eines Toten.
Elias schluckt schwer, das ohnehin blasse Gesicht wirkt im flackernden Kerzenschein wie eine Totenmaske aus Pergament. Er weicht ihrem brennenden Blick aus und murmelt etwas Unverständliches von „alten Schriften“ und „vergessenen Versen“. Mit unsicheren Schritten eilt er in den Nebenraum, seine Gestalt verschwindet im tiefen Schatten der Sakristei, nur um kurz darauf mit einem wuchtigen, in staubiges Leder gebundenen Wälzer zurückzukehren.
Lyra beobachtet ihn mit einer Mischung aus Abscheu und kalter Faszination. Er legt das Buch auf ein hölzernes Pult, und das dumpfe Aufschlagen des schweren Papiers hallt wie ein Sargdeckel durch das Kirchenschiff. Seine knöchrigen Finger blättern fahrig durch die Seiten, suchen, deuten auf verblasste Illustrationen von dornigen Ranken und wehklagenden Fratzen.
Ein verächtliches Schnauben entfährt Lyras Lippen.
„Glaubst du wirklich, ich falle noch auf diese gedruckten Lügen herein?“, zischt sie, und ihre Stimme schneidet durch Elias’ nervöses Gemurmel. Sie tritt nicht näher an das Buch heran. Im Gegenteil, sie entzieht sich dem Sog der vergilbten Seiten. „Ich spüre es, Elias. Diese Bücher... sie sind lebendig, aber nicht auf die Weise, wie Wissen es sein sollte. Sie verändern sich. Jedes Mal, wenn ich blättere, scheinen die Worte zu kriechen, sich neu zu ordnen, nur um mich tiefer in dieses Labyrinth aus falschen Fährten zu locken.“
In ihrem Inneren zieht sich alles zusammen. Ein schrecklicher, kriechender Verdacht vergiftet ihre letzte Zuflucht: die Erinnerung an Samuel. Er war ihr Anker, der einzige Mensch - oder das einzige Wesen -, dem sie in diesem Albtraum ihr Herz und ihr Vertrauen geschenkt hatte. Doch während sie hier auf dem Altar neben dem Wolf kniet, fühlt sich Samuels Vermächtnis plötzlich wie eine perfekt konstruierte Falle an.
War er wirklich ihr Mentor? Oder war auch er nur eine weitere Marionette, ein sorgsam geschliffenes Werkzeug der Wächterin, erschaffen aus Nebel und Bedauern, um sie genau an diesen Punkt zu führen? Vielleicht war seine gesamte Existenz nur ein Kapitel in Morganas Drehbuch, geschrieben, um Lyra die Runen aufzuzwingen und sie zur Lichtung zu treiben. Die Vorstellung, dass selbst ihr Schmerz über seinen Tod nur Teil einer Inszenierung war, lässt sie innerlich erfrieren.
„Ihr wollt, dass ich diese Hecke mit Worten bekämpfe, während sie nach meinem Fleisch dürstet“, sagt sie leise, und das Schwarz der Runen auf ihrem Arm beginnt, wie flüssiges Pech unter ihrer Haut zu vibrieren. Sie spürt das Medaillon in ihrer Tasche - schwer, kalt und realer als jedes Buch in dieser Kathedrale.
Sie sieht Elias direkt in die Augen, und zum ersten Mal sieht er dort keine Verzweiflung mehr, sondern den blanken, mörderischen Willen einer Frau, die das Buch der Wächterin mit ihren eigenen Händen zerreißen wird.
In der sakralen Schwüle der Kathedrale liegt eine neue, gefährliche Elektrizität in der Luft. Lyra lässt ihren Blick nicht von Fenris weichen, dessen Körper sich unter ihrer Berührung anspannt. Seine Atemzüge sind nicht länger das rasselnde Echo eines Sterbenden - sie sind tief, rhythmisch und von einer dunklen Resonanz erfüllt. Er spürt die Veränderung in ihr - die Metamorphose von der verzweifelten Geliebten zur unerbittlichen Wächterin seiner Existenz. Die Leichtgläubigkeit, die sie einst wie ein zarter Schleier umhüllte, ist in den Feuern der letzten drei Tage verbrannt.
Sie schenkt Elias keinen Blick mehr, der dort am Pult wie ein Relikt aus einer falschen Zeit verharrt. Ihr Misstrauen ist nun ihr Schild, härter als der Marmor des Altars.
Fenris stößt ein tiefes, kehliges Knurren aus - ein Laut, der die Vibrationen des Kirchenbodens aufgreift. Es ist kein Drohen gegen sie, sondern ein dunkles Einverständnis. In der Sprache der Bestien und der Verdammten sagt er ihr, dass sie recht hat: Traue niemandem. Zerreiße die Fäden. Sei das Messer, das die Kulissen zerschneidet.
Lyra streicht über seinen massiven Schädel, während ihr Verstand bereits die nächsten Züge in diesem tödlichen Spiel plant. Sie begreift die bittere Ironie ihrer Situation. Die Kirche ist kein Zufluchtsort; sie ist ein strategischer Ankerpunkt der Wächterin. Morgana benutzt Fenris als Bindemittel, als den grausamen Köder, der Lyra immer wieder an diesen geweihten, aber vergifteten Ort zurückkehren lässt. Solange er hier auf dem Altar liegt, bleibt sie im Bannkreis der Stadt gefangen.
„Ich hole dich hier raus“, flüstert sie, und ihre Stimme ist so scharf wie der Frost vor den Portalen. „Sie benutzen dich als Kette, Fenris. Aber jede Kette kann gesprengt werden.“
Doch während sie den Plan zur Flucht schmiedet, kriecht eine neue, kalte Frage in ihr Bewusstsein: Wohin?
Rosevil ist ein Labyrinth ohne Ausgänge, eine Welt, die an ihren Rändern in Nichts zerfließt. Wenn sie ihn vom Altar hebt, wenn sie ihn aus der vermeintlichen Obhut von Elias reißt, wohin soll sie ihn bringen? Er ist ein Wesen der Legende, ein Monstrum in den Augen der Moderne und eine Trophäe in den Augen der Wächterin. Sie braucht einen Ort, der jenseits von Morganas Zugriff liegt, ein Refugium, das weder von den Toten noch von den Trugbildern dieser Stadt beansprucht wird.
Ihr Blick fällt auf das Medaillon in ihrer Hand. Der silberne Wolfskopf scheint in der Dunkelheit zu leuchten. Vielleicht ist der Ort, den sie sucht, kein Punkt auf einer Karte, sondern ein Raum zwischen den Welten, den nur der Schlüssel öffnen kann.
Elias’ Stimme zittert, ein brüchiges Klagelied, das versucht, die eisige Distanz zwischen ihnen zu überbrücken. Er tritt einen Schritt vor, die Hände bittend erhoben, während er beteuert, dass sein Herz nur für ihr Wohl und das des Wolfes schlage. Er spricht von Loyalität, von den Jahren seines Schweigens unter Morganas Joch und davon, dass Lyras Misstrauen nur ein Gift sei, das die Wächterin in ihren Verstand gepflanzt habe.
Doch Lyra hört ihn kaum. Seine Worte sind für sie nur noch das hohle Klappern von Knochen auf trockenem Boden. Sie betrachtet ihn mit einer klinischen Kälte, ihre Augen zwei Saphire aus unnachgiebigem Eis. In dieser Stadt, in der selbst der Schnee eine Lüge sein kann, hat sie die Gabe verloren, an das Gute zu glauben. Jedes Lächeln ist eine Maske, jedes Hilfsangebot ein Fallstrick. Sie glaubt nicht an Elias’ Tränen, und sie glaubt nicht an die verstaubten Wahrheiten seiner Bücher.
„Spar dir deinen Atem, Elias“, unterbricht sie ihn, und ihre Stimme ist so scharf, dass der Kirchendiener unwillkürlich zurückweicht. „Deine Worte haben hier kein Gewicht mehr. In meiner Welt gibt es nur noch zwei Konstanten: Den Schmerz auf meiner Haut und das Atmen dieses Mannes auf dem Altar. Alles andere ist Nebel.“
Während Elias verstummt, beginnt Lyras Verstand fieberhaft zu arbeiten. Wenn es irgendwo eine Wahrheit gibt, die nicht von Morganas Feder korrigiert wurde, dann liegt sie an dem Ort, der Samuel am nächsten war. Seine Wohnung. Jener bescheidene, schattige Rückzugsort, der in der modernen Tristesse von Rosevil wie eine vergessene Kapsel der Vergangenheit wirkte.
Samuel war vorsichtig. Er wusste, dass die Wächterin selbst durch die Wände atmet. Wenn er Aufzeichnungen hinterlassen hat - echte Aufzeichnungen über den Ursprung der Hecke, die Anatomie der Lichtung und das wahre Wesen der Mondblume -, dann hat er sie nicht offensichtlich in einem Regal platziert. Er hat sie dort versteckt, wo nur jemand sie finden kann, der sein Blut und sein Erbe teilt.
Aber wo?
Sie lässt die Finger über die Runen an ihrem Arm gleiten. Samuel hat ihr diesen Schutz gegeben, diese dunkle Markierung, die nun unter ihrem Mantel wie ein Kompass zu pulsieren beginnt. Hat er vielleicht in den Dielen seiner Wohnung, hinter dem zerblätterten Putz oder im Inneren seiner alten Standuhr ein Geheimnis versiegelt, das nur mit dem Schlüssel oder der Resonanz ihrer Haut geöffnet werden kann?
Sie muss dorthin zurück. Sie muss in die Räume eindringen, die noch immer nach seinem Tabak und altem Papier riechen, und das Herz seiner Forschung freilegen. Nur dort wird sie erfahren, wie sie die Hecke zum Schweigen bringt und welchen Preis das Medaillon wirklich fordert.
„Ich gehe“, sagt sie kurz angebunden. Sie wirft Fenris einen letzten, schmerzerfüllten Blick zu, ein stummes Versprechen, dass sie bald mit der Wahrheit zurückkehren wird. „Rühr ihn nicht an, Elias. Wenn ich zurückkomme und sein Herzschlag hat sich verändert, wird kein Gebet dieser Welt dich vor mir retten.“
Inmitten der sakralen Stille der Kathedrale geschieht das, worauf Lyra und Elias seit Tagen gewartet haben. Als Lyra sich vom Altar abwendet und ihr Mantel wie ein Schattenwurf über den Marmor gleitet, durchbricht eine Regung die Agonie der Bestie. Es ist kein unkontrolliertes Zucken mehr, keine bloße Reaktion auf den Schmerz.
Fenris öffnet die Augen.
Es ist, als würde die Finsternis selbst einen Spaltbreit aufbrechen, um das Licht des Bewusstseins hindurchzulassen. Die smaragdgrünen Iris sind noch immer von einem trüben Schleier des Giftes überzogen, milchig und gezeichnet von den Strapazen der Verwandlung, doch der Blick, der Lyra trifft, ist von einer erschütternden Klarheit.
Er hebt den massiven Kopf nur um Haaresbreite, eine Bewegung, die ihn sichtlich seine gesamte verbliebene Kraft kostet. In diesen trüben Augen liegt kein tierisches Flehen, keine Angst und kein Wahnsinn. Dort funkelt ein tiefer, unbändiger Stolz. Er sieht sie an - nicht als das schutzbedürftige Mädchen, das er einst in diese Stadt führte, sondern als die Frau, zu der sie geworden ist. Er erkennt die dunkle Hoheit in ihrer Haltung, die unnachgiebige Schärfe in ihrem Blick und das Brennen der Runen, die sie nun wie ein dunkles Banner trägt.
Dieser Blick ist sein Segen. Er sieht ihr nach, wie sie durch das Kirchenschiff schreitet, und in seinem stummen Einverständnis liegt mehr Macht als in allen Drohungen Morganas. Er spürt, dass sie bereit ist, die Fundamente von Rosevil zu erschüttern, und er ist stolz darauf, dass sie es für ihn tut - und noch mehr dafür, dass sie es aus eigener Kraft vollbringt.
Ein leises, tiefes Grollen vibriert in seinem Brustkorb, ein Laut, der wie ein fernes Gewitter klingt. Es ist kein Abschied, sondern ein Versprechen: Ich werde warten. Ich werde den Tod so lange zurückhalten, bis du mit der Wahrheit zurückkehrst.
Lyra spürt seinen Blick im Rücken wie eine körperliche Wärme, die den Frost der Stadt vertreibt. Sie dreht sich nicht noch einmal um. Sie darf nicht schwach werden, nicht jetzt, wo der Wolf selbst ihr seinen Stolz als Wegzehrung mitgegeben hat. Mit erhobenem Haupt und dem Wissen, dass Fenris’ Geist erwacht ist, verlässt sie die Kathedrale und taucht ein in das wirbelnde Weiß des Schneesturms, entschlossen, in Samuels Wohnung das letzte Puzzleteil ihres Schicksals zu finden.
Das schwere Portal der Kathedrale fällt mit einem endgültigen, hohlen Schlag hinter ihr ins Schloss und versiegelt die sakrale Stille gegen die tobende Außenwelt. Sofort stürzt sich der eisige Wind auf sie, eine unsichtbare Bestie mit messerscharfen Krallen, die ihr das Atmen raubt und die letzte Wärme von ihrer Haut reißt. Lyra keucht auf, als der Frost ihre Lungen füllt, doch sie weicht nicht zurück. Mit klammen Fingern zieht sie die schwere Kapuze ihres Mantels tief ins Gesicht, bis die Welt nur noch aus einem schmalen Spalt aus wirbelndem Weiß und bedrohlichen Schatten besteht.
Sie setzt sich in Bewegung, das Ziel vor Augen: Samuels Wohnung. Sie liegt wie ein vergessenes Relikt in einer der angrenzenden Gassen, nur einen Steinwurf von der Kirche entfernt und doch in dieser eisigen Ödnis eine gefühlte Unendlichkeit weit weg.
Jeder Schritt ist ein Verrat ihres eigenen Körpers. Die drei Tage der Entbehrung fordern nun ihren endgültigen Tribut. Ihre Knie zittern unter dem schweren Stoff des Mantels, und das Blut hämmert in ihren Schläfen wie ein dumpfer, unheilvoller Rhythmus. Die unnatürliche Kraft, die ihr das Haus des Grafen kurzzeitig verliehen hatte, ist verpufft und lässt nur eine gähnende Leere in ihren Gliedern zurück. Sie ist am Ende ihrer Kräfte, eine zerbrechliche Gestalt in einem Leichentuch aus Schnee.
Doch Lyra beißt die Zähne so fest zusammen, dass ihr Kiefer schmerzt. Sie schmeckt das Eisen ihres eigenen Blutes, als sie sich auf die Unterlippe beißt, um das Bewusstsein nicht an die schleichende Ohnmacht zu verlieren.
„Nicht hier“, presst sie hervor, und ihre Worte werden sofort vom Heulen des Windes davongetragen. „Ich werde nicht Teil deines Schnees, Morgana.“
Ihr Blick wandert kurz zum aschegrauen Himmel von Rosevil. Hier herrscht ein ewiger Zustand des Verfalls, ein unendliches Zwielicht, in dem es niemals richtig Tag wird. Die Sonne ist hier nur ein ferner Mythos, ein blasser Fleck hinter einer undurchdringlichen Wolkendecke, der es niemals wagt, das Dunkel dieser Gassen wirklich zu erhellen. Dieses permanente Grablicht zehrt an ihrer Seele, will sie davon überzeugen, dass es kein Draußen gibt, keine Welt, in der das Licht die Schatten vertreibt.
Doch die Erinnerung an Fenris’ stolzen Blick, das grüne Feuer in seinen trüben Augen, wirkt wie eine brennende Fackel in ihrem Geist. Sie will raus. Sie will die Farben des echten Lebens sehen, das Rauschen eines Waldes hören, der nicht aus gefangenen Seelen besteht, und die Wärme einer Sonne spüren, die nicht von einem Fluch verdunkelt wird.
Mit schmerzenden Lungen und brennenden Muskeln erreicht sie schließlich die baufällige Fassade von Samuels Haus. Die Fenster starren sie wie die leeren Augenhöhlen eines Totenschädels an. Lyra greift in ihre Tasche, ihre Finger schließen sich um das kalte Metall des Schlüssels. Sie ist bereit, in das Herz von Samuels Geheimnissen einzudringen, egal wie dunkel sie auch sein mögen.
Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend überschreitet Lyra die Schwelle. Die schwere Eingangstür hängt schief in den Angeln, ein zerfetztes Mahnmal des Sturms, der hier getobt hat. Das Holz ist gesplittert, gezeichnet von der rohen Gewalt der Wächterin und jener stummen, hünenhaften Gestalt, die wochenlang wie ein unbewegliches Denkmal des Unheils vor diesem Haus Wache hielt. Jetzt ist der Wächter fort, doch seine bedrohliche Aura klebt noch immer wie Pech an den Wänden.
Der Wind hat den feinen, pulverigen Schnee weit in den Flur hineingetrieben. Er liegt wie ein weißes Leichentuch auf dem dunklen Parkett und dämpft Lyras Schritte, während sie tiefer in das Innere vordringt. Die Stille im Haus ist unnatürlich - sie ist nicht leer, sondern gefüllt mit dem Echo von Samuels letztem Atemzug.
Sie steuert direkt auf sein Arbeitszimmer zu - das Allerheiligste dieses Hauses. Hier, inmitten von wirren Bücherstapeln und dem Geruch nach altem Pergament und kaltem Tabak, hat Samuel sein Leben verbracht. Hier hat er die Anatomie des Fluchs seziert und versucht, die Regeln von Rosevil zu entschlüsseln.
Lyra bleibt in der Tür stehen. Das Zimmer wirkt im fahlen Licht, das durch die Fenster dringt, wie ein gestrandetes Wrack. Überall liegen Papiere verstreut, einige vom Schnee durchnässt, andere von der Zeit vergilbt. Sie betrachtet den massiven Eichenschreibtisch, an dem er so oft saß, den Kopf in die Hände gestützt, während er gegen den Wahnsinn dieser Stadt anschrieb.
Ein Schauer läuft über ihren Rücken. Sie weiß, dass sie keine Zeit für Sentimentalitäten hat, doch die Frage hämmert in ihrem Kopf: Wo soll ich anfangen?
Samuel war ein Meister der Verschleierung. Er wusste, dass Morganas Augen überall sind, dass sie durch die Schatten lugt und im Knacken des Gebälks lauscht. Alles, was hier offensichtlich herumliegt, ist höchstwahrscheinlich nur eine Finte, ein Köder für die Wächterin. Sie muss nach etwas suchen, das sich echt anfühlt - nach einer Wahrheit, die so tief vergraben ist, dass sie den Gestank von Rosevils Lügen nicht angenommen hat.
Ihre Augen wandern über die vollgestopften Regale, über die Standuhr, die vor drei Tagen stehen geblieben ist, und zurück zu dem Sessel, in dem er zuletzt saß. Die Runen auf ihrem Arm beginnen plötzlich heftig zu pochen, ein brennender Rhythmus, der direkt auf den Dielenboden unter dem Schreibtisch zu reagieren scheint. Es ist keine Einbildung; die Markierung an ihrem Körper erkennt etwas in diesem Raum wieder.
„Hilf mir, Samuel“, flüstert sie, während sie sich mühsam hinkniet und mit den Fingerspitzen über das kalte Holz des Bodens tastet. „Zeig mir, was sie vor mir verbergen wollen.“
In der klaustrophobischen Enge von Samuels Arbeitszimmer beginnt die Luft zu gefrieren. Es ist kein gewöhnlicher Frost, der durch die zerbrochene Tür hereinweht - es ist eine bösartige, unnatürliche Kälte, die sich wie unsichtbare Finger um Lyras Kehle legen will. Die Wächterin hat bemerkt, dass ihre Beute nicht länger nur im Trüben fischt, sondern die Wurzeln der Wahrheit freilegt. Morgana schleicht ihr nach, ein gestaltloser Schatten im Schatten, ein Raubtier, das den Verlust seiner Vormachtstellung wittert.
Lyra verharrt in ihrer knienden Position, doch sie zuckt nicht zusammen. Sie spürt den eisigen Hauch in ihrem Nacken, das Prickeln auf ihrer Haut, das Morganas Anwesenheit ankündigt wie der Gestank von Verwesung ein herannahendes Grab.
„Was willst du, Morgana?“, fragt Lyra schroff, ohne den Kopf zu wenden. Ihre Stimme ist trocken, bar jeder Ehrfurcht, und sie schneidet durch die unheimliche Stille wie eine Sense durch verdorrtes Gras.
Sie richtet sich langsam auf, ihre Bewegungen trotz der körperlichen Schwäche voller Stolz. Sie wirbelt nicht herum, sie sucht nicht panisch nach einer Gestalt. Sie weiß, dass die Wächterin da ist, lauernd am Rande ihrer Wahrnehmung. Doch die lähmende Angst, die Lyra einst bei jedem Knacken im Gebälk befiel, ist verflogen. An ihre Stelle ist eine bittere, dunkle Souveränität getreten.
Die Wächterin zögert in der Dunkelheit des Flurs. Sie spürt es. Die Frau, die vor ihr steht, ist nicht mehr das zerbrechliche Opferlamm, das sie in Rosevil willkommen hieß. Lyra trägt nun eine Rüstung, die nicht aus Stahl geschmiedet, sondern aus Schmerz, Blut und uralter Magie gewebt wurde. Die Runen auf ihrem Arm pulsieren in einem tiefen, abgründigen Violett und bilden ein unheiliges Bündnis mit dem silbernen Wolfskopf in ihrer Tasche. Samuels Aufzeichnungen, die Lyra nun in ihrem Geist trägt, haben die Lügenmaske der Stadt zerrissen.
Es ist ein unsichtbarer Schutzwall, eine Barriere aus reiner Entschlossenheit und arkaner Macht, die Lyra umgibt wie ein flimmerndes Kraftfeld. Morgana faucht in der Finsternis, ein Laut wie das Bersten von trockenem Holz, doch sie wagt es nicht, die Schwelle zum Zimmer zu überschreiten. Sie erkennt, dass sie Lyra nicht mehr physisch oder psychisch brechen kann, ohne selbst Schaden zu nehmen. Die Machtverhältnisse in Rosevil haben sich verschoben; die Marionette hat die Fäden in die Hand genommen und droht nun, das gesamte Theater in Brand zu setzen.
„Du hast keine Macht mehr über das, was ich finden werde“, setzt Lyra nach, nun direkt in die Schwärze des Flurs blickend. Ihre Augen leuchten mit einem unheimlichen Feuer. „Verschwinde in deine Wände, Wächterin. Ich suche nicht mehr nach Erlaubnis. Ich suche nach dem Ende deiner Geschichte.“
In der bedrückenden Enge des Arbeitszimmers scheint die Dunkelheit plötzlich an Masse zu gewinnen. Morgana manifestiert sich nicht als Fleisch und Blut, doch ihre Präsenz bläht sich auf wie ein schwarzes Gewitter, das die Wände zu erdrücken droht. Das Holz der Regale ächzt unter einer unsichtbaren Last, und das Glas der gerahmten Bilder bekommt feine, spinnenwebartige Risse.
Die Wächterin weigert sich, den Thron ihres Schreckens zu räumen. Mit der Arroganz einer gefallenen Gottheit krallen sich ihre unsichtbaren Finger in die Atmosphäre des Raumes. Sie würde niemals die Schwäche eingestehen, die Lyras neuer Schutzwall in ihr hervorruft - für Morgana ist Macht kein Privileg, sondern ein Naturgesetz, und sie ist nicht bereit, das Drehbuch ihres Lebenswerkes von einer sterblichen Frau umschreiben zu lassen.
„Du bildest dir viel ein auf deine kleine Verkleidung, Lyra“, hallt Morganas Stimme durch das Zimmer, nun tief und vibrierend wie das Grollen der Erde. Das Flüstern ist verschwunden, ersetzt durch einen Tonfall von eisiger Endgültigkeit. „Du denkst, diese schwarzen Male auf deiner Haut machen dich zur Herrin über Rosevil? Du bist nur eine geschmückte Leiche, die sich weigert, umzufallen.“
Lyra spürt, wie die Kälte versucht, durch die Ritzen ihres Schutzschildes zu dringen, doch sie bleibt unbeweglich wie eine Statue aus Obsidian.
„Wenn du glaubst, dass du mich besiegst, indem du in Samuels Staub wühlst, dann hast du vergessen, wer das Herz des Wolfes in den Händen hält“, höhnt Morgana. Ein plötzlicher Schattenwurf an der Wand zeigt die Umrisse einer knöchernen Hand, die sich langsam zur Faust ballt. „Wage noch einen Schritt tiefer in meine Geheimnisse, und ich werde die Fäden so fest ziehen, dass Fenris’ Genick bricht. Ich werde das Tier in ihm entfesseln, bis nichts mehr von dem Mann übrig ist, den du zu lieben glaubst. Ich werde ihn ausschalten, Lyra - endgültig. Er wird zu einem hohlen Balg aus Fell und Wahnsinn, den du eigenhändig wirst erlösen müssen.“
Es ist eine unverhohlene Drohung, ein letzter verzweifelter Versuch, die Kontrolle über die Marionette zurückzugewinnen, die gerade lernt, ohne Schnüre zu tanzen. Morgana setzt alles auf eine Karte: Lyras Angst um Fenris. Sie will, dass Lyra vor lauter Sorge erstarrt, dass sie das Graben abbricht und schutzsuchend zur Kathedrale eilt, um dort in die nächste Falle zu tappen.
Doch Lyra sieht die Verzweiflung hinter der Drohung. Die Wächterin bellt, weil sie nicht mehr beißen kann.
„Du drohst mit dem, was du ohnehin vorhast, Morgana“, erwidert Lyra mit einer Ruhe, die beängstigender ist als jeder Schrei. Sie wendet sich wieder dem Boden zu, ihre Finger finden eine Kante im Holz. „Aber du vergisst: Ein Jäger, der seine Beute bereits im Visier hat, lässt sich nicht von einem sterbenden Sturm ablenken.“
Lyra fixiert die Dunkelheit im Türrahmen, genau jene Stelle, an der die Schatten dicker und bösartiger zu fließen scheinen. Sie hebt das Kinn, und das fahle Licht der Wintersonne, das durch die verkrusteten Fenster bricht, lässt ihre Züge wie eine in Elfenbein gehauene Maske des Zorns erscheinen. Die Kälte, die Morgana aussendet, prallt an ihr ab, als wäre Lyra selbst aus ewigem Eis geformt.
„Verzieh dich, Morgana“, sagt sie, und ihre Stimme schneidet durch die bedrückende Atmosphäre wie ein Skalpell durch totes Gewebe. Es ist kein Schrei, kein verzweifeltes Flehen mehr. Es ist der ruhige Befehl einer Herrscherin, die ihr Territorium markiert. „Du verschwendest deinen Atem. Du hast keine Macht mehr über mich, und noch weniger über die Angst, mit der du mich einst gefüttert hast.“
Die Runen auf ihrem Unterarm beginnen zu glühen, ein pulsierendes, unheilvolles Violett, das den Schattenrauch der Wächterin mit purer, arkaner Autorität zurückdrängt. Lyra tritt einen Schritt auf die Schwärze zu, ihre Stiefel knirschen auf dem eingewehten Schnee, doch ihr Blick bleibt unnachgiebig.
„Ich werde jedem einzelnen Geheimnis dieser Stadt auf die Schliche kommen“, fährt sie fort, und ein kühles, fast grausames Lächeln umspielt ihre Lippen. „Ich werde das Drehbuch finden, das du dir in deiner jahrhundertelangen Einsamkeit zurechtgesponnen hast. Ich werde die Seiten finden, auf denen du unsere Leben als bloßen Zeitvertreib skizziert hast, und ich werde sie auslöschen. Ich bin nicht mehr deine Statistin, Morgana. Ich bin diejenige, die die Bühne zum Einsturz bringt.“
Ihre Worte lassen keinen Raum für Zweifel. Es ist die absolute Entschlossenheit einer Frau, die bereit ist, die Realität selbst zu zerreißen, um die Wahrheit zu finden. Die Wächterin antwortet mit einem hasserfüllten Zischen, das wie das Reiben von Glas auf Stein klingt, doch der Schatten im Flur beginnt zu flackern und sich zurückzuziehen. Lyras Wille ist in diesem Moment eine physische Barriere, ein Bollwerk aus Liebe und Hass, das Morganas Einfluss einfach verdampfen lässt.
„Du fürchtest dich vor dem Ende deiner Geschichte, nicht wahr?“, setzt Lyra nach, während sie sich wieder dem Boden zuwendet, ihre Finger fest um die Kante einer losen Diele gekrallt. „Du solltest es auch. Denn wenn ich fertig bin, wird von Rosevil nichts übrig bleiben als Asche und das Schweigen derer, die du zu lange gequält hast.“
Mit einem kraftvollen Ruck reißt sie das Holz nach oben. Staub wirbelt auf, und für einen Moment herrscht eine atemlose Stille, als das Haus selbst über Lyras Frevel erschrickt.
Das hasserfüllte Zischen der Wächterin verebbt, bis es nur noch wie das ferne Klagen eines sterbenden Winters in den Ritzen der Wände widerhallt. Lyra spürt den Moment, in dem der Druck im Raum nachlässt - die Kälte weicht nicht der Wärme, sondern einer neutralen, fast ehrfürchtigen Stille des Hauses vor seinem Schicksal. Morgana hat sich zurückgezogen, geschlagen von der unnachgiebigen Aura der Frau, die einst ihre Beute war.
Mit zitternden, aber zielstrebigen Fingern greift Lyra in die Dunkelheit unter dem Dielenboden. Ihr Tastsinn findet raues, altes Pergament, das sich unter ihren Fingerspitzen fast wie getrocknete Haut anfühlt. Sie zieht eine eng zusammengerollte Karte hervor, die mit einem schwarzen Seidenband gesichert ist.
Als sie das Band löst, strömt ihr ein Geruch von Zedernholz, getrocknetem Eisen und dem Staub der Jahrhunderte entgegen.
Sie entrollt das Pergament auf dem staubigen Schreibtisch und fixiert die Ecken mit zwei schweren Buchstützen. Im fahlen, bläulichen Licht der Dämmerung offenbart sich ihr das wahre Antlitz ihres Gefängnisses. Es ist keine gewöhnliche Landkarte; die Linien scheinen in der Dunkelheit schwach zu pulsieren, als wären sie mit Tinte gezeichnet worden, die aus den Adern der Stadt selbst stammt.
Dort, im Zentrum der Zeichnung, liegt Rosevil - ein Labyrinth aus wirren Gassen und gotischen Spitzen, das wie ein bösartiges Geschwür auf dem Papier ruht. Doch Lyras Blick wird magnetisch von dem Bereich angezogen, der die Stadt wie ein Würgegriff umschließt.
Ein gewaltiger Kreis markiert den Wald, dessen Bäume auf der Karte wie drohende Skelettfinger skizziert sind. Und innerhalb dieses Waldes, präzise und mit einer fast schmerzhaften Deutlichkeit eingezeichnet, befindet sich ein zweiter, kleinerer Kreis. Es ist die Lichtung.
Lyra beugt sich tiefer über das Dokument. Um die Lichtung herum hat Samuel mit tiefschwarzer Feder eine Hecke gezeichnet - ein undurchdringliches Geflecht aus Dornen, das auf dem Papier so lebendig wirkt, dass sie fast das Wehklagen der darin gefangenen Seelen zu hören glaubt. Inmitten dieses Kreises, im Herzen des Übels, prangt eine einzelne Rune, die sie nur zu gut kennt: Es ist das Siegel der Ewigkeit, das Zentrum von Morganas Macht und Fenris’ Verdammnis.
„Hier bist du also“, flüstert sie, und ihre Stimme ist nun so kalt wie der Schnee draußen vor dem Fenster.
Die Karte zeigt mehr als nur Geografie; sie zeigt die Anatomie eines Fluchs. Samuel hat Markierungen hinterlassen, kleine, blasse Punkte, die den einzigen Pfad andeuten, der nicht sofort in den Wahnsinn führt. Lyra erkennt nun, dass die Stadt kein Zufall ist, sondern ein sorgsam konstruierter Mechanismus, um die Lichtung vor der Welt zu verbergen. Und sie hält nun den Bauplan in den Händen, um diesen Mechanismus zu zertrümmern.
Sie rollt die Karte hastig wieder zusammen und presst sie gegen ihre Brust. Die Runen an ihrem Arm reagieren auf die Nähe des Pergaments mit einer brennenden Hitze. Der Weg ist nun vorgezeichnet, das Ziel ist definiert.
Lyra hält inne. Ein ungutes Gefühl, eine kalte Vorahnung, lässt sie das Pergament erneut über das dunkle Holz des Schreibtischs spannen. Ihre Finger zittern leicht, als sie die Linien mit dem Blick abwandert, tiefer in die Symbolik eindringt, die Samuel dort hinterlassen hat.
Ihre Augen weiten sich. Die Rune - jenes komplexe, bösartig verschlungene Zeichen, das sie für das Siegel der Ewigkeit hielt - liegt auf der Karte nicht einfach im Zentrum der Lichtung. Sie ist direkt unter dem Wurzelwerk der Mondblumen gezeichnet, als wäre sie das Fundament, auf dem dieses grausame Gewächse gedeiht. Samuel hat feine, haarfeine Linien von der Rune zu den Blütenkelchen gezogen, wie Kapillaren, die ein unheiliges Gift transportieren.
„Sie nährt sie“, haucht Lyra in die staubige Luft. „Die Rune ist die Quelle... aber was speist die Rune?“
Sie versteht es noch nicht. Wie kann ein in Stein oder Erde geritztes Zeichen die kosmische Ordnung so sehr krümmen, dass es den Mond selbst beeinflusst? Warum reagiert der Himmelskörper auf dieses winzige Fleckchen Erde in Rosevil? Und die schrecklichste Frage von allen: Welcher alchemistische Prozess sorgt dafür, dass ein Mensch, sobald er den silbrigen Blütenstaub einatmet, seine Menschlichkeit wie ein altes Gewand abstreift und zum Tier wird? Es ist keine bloße Verwandlung; es ist eine Umpolung der Seele.
Hektisch wirft sie sich wieder auf die Knie. Ihre Hände tasten erneut in die dunkle Nische unter den Dielen. Sie kratzt mit den Fingernägeln über das morsche Holz, hofft auf ein weiteres Geheimfach, eine versteckte Phiole oder wenigstens einen Fetzen Papier mit einer Erklärung. Doch die Nische ist leer. Nur Staub und das Echo von Samuels Angst sind dort unten geblieben.
„Das kann nicht alles sein!“, presst sie hervor.
Sie erhebt sich, die Karte bleibt wie ein stummes Urteil auf dem Schreibtisch liegen. Lyra beginnt, das Zimmer mit einer neuen, fast besessenen Energie zu durchkämmen. Sie reißt die verbliebenen Bücher aus den Regalen, prüft die Buchrücken auf Hohlräume, wirft die Sitzkissen des alten Sessels zu Boden. Irgendwo muss Samuel die Antwort auf das Warum versteckt haben. Er muss gewusst haben, warum die Rune den Mond korrumpiert und das Blut der Menschen in das eines Wolfes verwandelt.
Ihr Blick fällt auf das Medaillon, das sie kurzzeitig auf die Tischplatte gelegt hat. Im Schein ihrer Kerze wirkt der Wolfskopf fast so, als würde er die Rune auf der Karte beobachten. Ein schrecklicher Gedanke durchzuckt sie: Was, wenn die Rune nicht die Blume nährt, sondern die Blume nur der Filter ist, um die Macht der Rune in die Lungen der Menschen zu leiten?
„Samuel, wo ist der Rest?“, fleht sie leise. „Warum hast du mir nur den Weg gezeigt, aber nicht die Anatomie des Fluchs?“
Sie tritt an die Wand, hinter der sich die Standuhr befindet, und bemerkt ein seltsames Detail: Das Gehäuse der Uhr ist mit Schnitzereien verziert, die exakt dieselben Windungen aufweisen wie die Rune auf der Karte.