Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 35
Das Pendel der Wahrheit
In Samuels Standuhr findet Lyra das versteckte Pergament, das Rosevils Fluch entlarvt: Die Rune ist ein Portal, der Mond ein gefütterter Spiegel, und Fenris der lebende Speicher der gestohlenen Lebenskraft. Mit der Wahrheit unter der Haut kehrt Lyra zur Kathedrale zurück, befreit Fenris im letzten Moment - und erkennt draußen, dass die Stadt ihr endgültig die Kulisse nimmt: Ihr Zuhause ist nur noch eine leere Ruine, als hätte es sie nie gegeben.
Lyra tritt vor die Standuhr, dieses hölzerne Skelett der Zeit, das seit Samuels Tod keinen Herzschlag mehr von sich gegeben hat. Die Schnitzereien an den Seiten - diese unheilvollen Windungen, die das Muster der Rune unter der Lichtung spiegeln - scheinen unter ihren Fingerspitzen zu vibrieren. Mit einem leisen, wehklagenden Quietschen öffnet sie die verglaste Tür.
Der Geruch von altem Öl und abgestandenem Metall schlägt ihr entgegen. Ihre Augen wandern fieberhaft über das dunkle Innere, tasten das ruhende Pendel ab, das wie ein schweigendes Richtbeil in der Tiefe hängt. Auf den ersten Blick wirkt alles gewöhnlich, eine Antiquität aus einer Epoche, in der Präzision noch eine Tugend war. Doch Lyra weiß, dass in Rosevil nichts so ist, wie es scheint. In dieser Stadt ist das Offensichtliche stets nur die Maske des Schreckens.
Sie beginnt, die Rückwand der Uhr abzutasten, gleitet mit den flachen Händen über das glatte Holz, sucht nach einer Unebenheit, einem Widerstand, dem Klicken einer verborgenen Feder. Ihre Runen brennen nun mit einer solchen Intensität, dass sie das Pochen in ihren Fingerspitzen spüren kann. Es ist, als würde die Markierung an ihrem Arm wie ein Wünschelrutengänger auf ein verborgenes Reservoir an Wissen reagieren.
Ihre Finger finden das schwere Gewicht des Pendels. Sie umschließt das kalte Messing, und plötzlich bemerkt sie es: Das Gewicht ist für seine Größe viel zu schwer. Es ist nicht massiv, sondern wirkt, als berge es in seinem Inneren einen fremden Kern.
Mit zitternden Händen untersucht sie die Unterseite der Pendellinse. Dort, fast unsichtbar im Schatten, befindet sich ein winziges Schlüsselloch, so klein, dass es keinem gewöhnlichen Schlüssel Platz bieten würde. Lyra begreift. Sie greift in ihre Tasche und holt das Medaillon mit dem Wolfskopf hervor. Sie betrachtet die Ohren des silbernen Tieres - sie sind spitz und scharf.
Vorsichtig führt sie eine der silbernen Spitzen in die Öffnung des Pendels. Ein trockenes, metallisches Knacken ertönt, das Mark und Bein erschüttert. Die Linse des Pendels klappt lautlos auf und gibt den Blick auf ein eng zusammengerolltes Bündel aus hauchdünnem Pergament frei, das mit einem roten Faden umwickelt ist, der verdächtig nach getrocknetem Blut aussieht.
„Da bist du ja“, haucht Lyra, und ein kalter Schauer der Vorahnung rinnt ihr über den Rücken.
Sie entnimmt das Bündel. Während sie es entrollt, fallen ihre Augen auf die ersten Worte, die in einer Handschrift verfasst sind, die weitaus hektischer und verzweifelter wirkt als alles, was sie bisher von Samuel gesehen hat. Es ist die Anatomie des Wahnsinns. Hier wird erklärt, warum der Mond in Rosevil niemals untergeht, ohne seinen Tribut zu fordern, und warum der Blütenstaub nicht nur den Körper, sondern die Zeit selbst im Inneren eines Menschen verbiegt.
Lyra entfaltet das hauchdünne Pergament mit der Ehrfurcht einer Totengräberin, die ein verbotenes Grab öffnet. Das Papier ist so fragil, dass es unter dem Zittern ihrer Finger zu weinen scheint. Im spärlichen Licht des Zimmers, das durch den fallenden Schnee draußen immer aschefarbener wird, springen ihr die Worte entgegen wie brennende Funken.
Samuel hat hier die Wahrheit niedergelegt - eine Wahrheit, die so monströs ist, dass sie das Fundament ihrer Realität erschüttert.
„Die Rune ist kein bloßes Symbol“, liest sie flüsternd vor, während ihre Stimme in der frostigen Luft bricht. „Sie ist ein Portal. Ein gieriger Schlund im Herzen der Lichtung.“
Ihre Augen fliegen über die Zeilen, während sich das Grauen in ihr ausbreitet. Die Rune unter den Wurzeln der Mondblume fungiert als eine Art okkulter Spiegel, ein metaphysischer Brennpunkt. Sie saugt die Lebenskraft der Stadt Rosevil auf - das Leid der Bewohner, die verblassenden Seelen in der Hecke und die pure Existenz derer, die hier gefangen sind - und projiziert diese geraubte Energie direkt hinauf in das kalte Licht des Mondes.
Der Mond über Rosevil ist kein Himmelskörper mehr; er ist ein bösartiger Satellit, eine Laterne, die mit dem Blut und dem Geist der Lebenden gespeist wird. Deshalb wird es hier niemals richtig Tag. Die Rune zwingt den Mond in eine ewige, unnatürliche Opposition zur Sonne, um die Lichtung in einem konstanten Bad aus korrumpierter lunarer Strahlung zu halten.
„Der Blütenstaub...“, keucht Lyra, während sie weiterliest.
Nun begreift sie die alchemistische Grausamkeit: Der Staub der Mondblume ist die physische Manifestation dieses gespiegelten Mondlichts. Wenn ein Mensch ihn einatmet, wird die geraubte, verzerrte Lebenskraft der Stadt in sein Innerstes geleitet. Sie bricht die menschliche Form auf, weil sie zu gewaltig und zu fremd für ein sterbliches Herz ist. Der Wolf ist keine Strafe - er ist das einzige Gefäß, das diese unnatürliche Energie kurzzeitig beherbergen kann, bevor sie den Geist endgültig zerschmettert.
Fenris ist nicht einfach verflucht. Er ist ein Akkumulator für die gestohlene Lebenskraft einer ganzen Stadt, gefiltert durch die Blüten der Lichtung.
„Morgana füttert den Himmel mit uns“, flüstert Lyra, und eine Träne der Wut verbrennt fast auf ihrer heißen Haut. „Sie hat die Stadt zu einer Batterie gemacht, und die Rune ist das Ventil.“
Sie blickt auf die Karte, die noch immer auf dem Schreibtisch liegt. Das Wissen brennt nun heißer in ihr als die Runen auf ihrem Arm. Wenn die Rune ein Portal ist, das Energie nach oben spiegelt, dann muss es einen Weg geben, den Spiegel zu zertrümmern. Doch das Pergament endet mit einer kryptischen Warnung: Wer das Portal schließt, muss das Licht selbst verschlingen.
Lyra presst die beiden Pergamente gegen ihre Brust, als wären sie das noch schlagende Herz einer Wahrheit, die man längst für tot erklärt hatte. Das Papier raschelt protestierend, ein trockenes Flüstern, das von Verrat und kosmischer Grausamkeit erzählt. Mit zitternden Fingern schiebt sie die kostbaren Dokumente unter ihren schweren Pullover, direkt auf die nackte Haut, und sichert sie fest in ihrem Hosenbund. Die Kälte des Papiers brennt wie Eis, doch die Hitze ihrer Runen scheint die Worte fast in ihr Fleisch zu brennen.
Sie darf keine Sekunde länger in diesem Haus verweilen, das nur noch aus Schatten und Erinnerungen an ein Leben besteht, das sie nie wieder zurückbekommen wird. Sie muss zurück zu ihm. Zurück zu Fenris.
In ihrem Kopf hämmert die Erkenntnis wie ein unerbittlicher Metronom: Die Wächterin weiß es. Morgana hat den Moment gespürt, als das Siegel der Standuhr brach, sie hat den Atemzug gerochen, mit dem Lyra das Geheimnis des Portals einsog. Die Stadt selbst scheint den Atem anzuhalten, während Lyra durch den schneebedeckten Flur zurück zur zertrümmerten Tür eilt. Jedes Knacken im Gebälk klingt nun wie das hämische Lachen der Frau, die den Mond als ihre Laterne benutzt.
Doch während sie ins Freie tritt und die eisige Nachtluft ihre Lungen wie tausend winzige Nadeln durchsticht, kreist die eine, alles entscheidende Frage wie ein Geier über ihrem Verstand: Wohin?
Wenn sie Fenris vom Altar der Kathedrale reißt, entzieht sie ihn dem einzigen Ort, der ihn bisher vor dem endgültigen Verfall bewahrt hat. Doch die Kirche ist ein goldener Käfig, ein strategischer Ankerpunkt in Morganas bösartigem Drehbuch. Sie kann ihn dort nicht lassen, nicht jetzt, wo sie weiß, dass seine tierische Form nur der Filter für die gestohlene Lebenskraft der Stadt ist.
Sie braucht ein Refugium, das außerhalb der gespiegelten Realität liegt. Einen Ort, den die Rune nicht erreicht und den das korrumpierte Mondlicht nicht finden kann. Gibt es in dieser modernen, verfluchten Welt überhaupt noch einen Quadratmeter Erde, der nicht Morgana gehört?
Lyra rennt fast, ihre Stiefel graben sich tief in den frischen Schnee. Die Kathedrale ragt in der Ferne auf, ein schwarzes Gebirge aus Stein, das Fenris wie ein Grabmal umschließt. Sie weiß, dass sie nicht nur ihn retten muss, sondern das Portal selbst zerstören muss. Aber eine Flucht ohne Ziel ist nur ein langsames Sterben in der Kälte.
„Denk nach, Lyra“, flüstert sie sich selbst zu, während ihr Atem in der Dunkelheit gefriert. „Wenn sie die Stadt wie eine Batterie nutzt... wo ist dann der tote Winkel? Wo bricht der Stromkreis?“
Lyras Körper begehrt auf gegen den gnadenlosen Befehl ihres Willens. Jeder Schritt durch den tiefen, unberührten Schnee ist ein mörderischer Kraftakt. Das Adrenalin, das sie eben noch wie flüssiges Feuer durch das Haus des Grafen und Samuels Wohnung trieb, beginnt zu verrauchen und lässt nur die nackte, grauenhafte Erschöpfung zurück. Ihr Magen zieht sich krampfhaft zusammen, ein brennender, hohler Schmerz, der sie daran erinnert, dass sie seit Äonen - oder waren es nur drei Tage? – nichts als das unheimliche Wasser des Fluchs zu sich genommen hat.
Die Welt um sie herum beginnt an den Rändern zu flimmern. Die Kälte Rosevils ist kein bloßes Wetterphänomen mehr - sie ist eine lebendige Entität, die nach ihrem Leben trachtet. Doch in dem wirren Nebel ihres Geistes brennt eine einzige, unumstößliche Priorität wie ein Leuchtfeuer: Fenris.
Er muss weg von diesem Altar. Er muss weg von Elias, dessen Loyalität wie ein brüchiger Zweig im Sturm schwankt, und er muss weg von Morgana, die ihn wie eine kostbare, schreckliche Trophäe hütet. Lyra begreift mit einer Klarheit, die nur der drohende Tod verleiht, dass Fenris das ultimative Druckmittel ist. Er ist der Anker, mit dem die Wächterin Lyra in dieser Zwischenwelt festgekettet hat. Solange er auf jenem Marmor liegt, ist er Morganas Spielzeug - und Lyra nur die Zuschauerin eines grausamen Spektakels.
Ich muss ihn verstecken, hämmert es in ihrem Kopf. Weg von den Augen der Stadt. Weg von dem gespiegelten Licht.
Doch das „Wohin“ bleibt eine klaffende Wunde in ihrem Plan. Rosevil ist eine Stadt ohne Ausgänge, eine geschlossene Schleife der Verdammnis. Jede Straße führt im Kreis, jedes Fenster starrt zurück. Wenn sie ihn aus der Kathedrale reißt, entzieht sie ihn der sakralen Obhut, die seinen Zerfall vielleicht verlangsamt hat. Sie braucht einen Ort, der so dunkel ist, dass selbst das korrumpierte Mondlicht ihn nicht findet. Einen Ort, der dem Zugriff der Wächterin trotzt, weil er bereits vergessen wurde.
Ihre Gedanken fliegen zurück zu den Pergamenten, die unter ihrem Pullover an ihrer Haut reiben. Wenn die Rune die Lebenskraft der Stadt absaugt, muss es einen Ort geben, der bereits leer ist. Ein Vakuum in der Machtstruktur.
Die Türme der Kathedrale schälen sich aus dem Schneegestöber, drohend und massiv. Lyra keucht, ihr Atem gefriert zu Kristallen auf ihren Lippen. Sie hat keine Zeit mehr für strategische Abwägungen. Sie muss ihn befreien, bevor Morgana die Fäden so fest zieht, dass das Herz des Wolfes aufhört zu schlagen. Sie wird ihn auf ihren eigenen Rücken laden, wenn es sein muss. Sie wird ihn durch den Schnee schleifen, bis sie jenen toten Winkel in diesem bösartigen Uhrwerk findet.
„Ich lasse dich nicht als ihr Pfand zurück“, presst sie zwischen blauen Lippen hervor. „Nicht heute. Nicht in dieser Nacht.“
Das Portal der Kathedrale ragt wie das Gebiss eines versteinerten Ungeheuers vor ihr auf, doch als Lyra die letzte Gasse durchquert, erstarrt sie. Die Welt um sie herum hat sich verwandelt. Zum ersten Mal, seit sie den Fuß in dieses Labyrinth aus Schatten und Verfall gesetzt hat, pulsiert Rosevil von einer gespenstischen Vitalität.
Die Straßen sind nicht mehr leer. Gestalten schälen sich aus dem wirbelnden Weiß des Schneesturms, Menschen in altmodischen Mänteln und modernen Daunenjacken, ein anachronistisches Gemisch aus Epochen, die hier friedlich nebeneinander zu existieren scheinen. Ein alter Mann, der mit einem hölzernen Besen den Neuschnee von seiner Schwelle fegt, hält inne, als Lyra vorbeiwankt. Er hebt die Hand, die Finger knöchern und bleich, und schenkt ihr ein freundliches Lächeln, das seine Augen jedoch nicht erreicht. Es ist die Art von Freundlichkeit, die man einem Lamm entgegenbringt, das man zur Schlachtbank führt.
Lyra erschaudert, doch es ist nicht die Kälte. Sie presst die Arme eng an ihren Körper, spürt das harte Pergament unter ihrem Mantel und das Pochen der Runen, die wie warnende Signallichter gegen ihre Haut schlagen. Sie traut dieser plötzlichen Menschlichkeit nicht. In Rosevil ist Leben kein Geschenk, sondern eine Tarnung.
„Ihr seid spät dran, Kind“, murmelt der Mann, während sie an ihm vorbeihastet. Seine Stimme klingt wie das Rascheln von vertrocknetem Laub.
Lyra antwortet nicht. Sie weiß, dass dies Morganas Werk ist. Die Wächterin hat die Statisten auf die Bühne gerufen, die Marionetten an ihren unsichtbaren Fäden tanzen lassen, um Lyra in Sicherheit zu wiegen oder sie mit einer Normalität zu verwirren, die es hier nicht geben darf. Morgana reagiert auf Lyras Fortschritte - sie spürt das Graben in Samuels Geheimnissen wie einen juckenden Schmerz unter ihrer eigenen Haut.
Jeder dieser Passanten ist ein Auge der Wächterin. Jedes freundliche Nicken ist eine stumme Frage, die direkt in Morganas Geist widerhallt. Was hast du gefunden? Wie weit wirst du gehen? Lyra spürt den Druck in der Luft, das elektrische Knistern einer Überwachung, die über das Visuelle hinausgeht. Morgana hört nicht nur ihre Schritte; sie hört das Echo ihrer Gedanken, das verzweifelte Hämmern ihres Herzens.
Sie erreicht die schweren Kirchentüren, während die Menschen um sie herum wie auf Knopfdruck ihre Tätigkeiten fortsetzen - ein sinnloses, mechanisches Ballett des Alltags in einer Stadt, die keine Zukunft hat. Lyra weiß nun: Das Portal in der Lichtung speist nicht nur den Mond, es projiziert auch diese Illusionen, um das wahre Grauen zu verdecken.
Sie drückt gegen das Portal der Kathedrale, die Flucht in die sakrale Dunkelheit suchend. Sie muss Fenris holen, bevor die Statisten draußen ihre Masken fallen lassen und das Stück in ein Blutbad umschlägt.
Das schwere Portal fällt hinter Lyra ins Schloss und schluckt das gespenstische Treiben der Straße, als würde eine Membran zwischen zwei Alpträumen zerreißt. In der staubigen Sakralität der Kathedrale brennt die Luft. Es ist kein Weihrauch mehr, den sie atmet, sondern der metallische Geruch von Elektrizität und heraufziehendem Zorn.
Ihr Blick jagt zum Altar, und das Herz setzt ihr für einen Schlag aus - nicht vor Entsetzen, sondern vor Ehrfurcht.
Fenris liegt nicht mehr da wie ein sterbendes Tier, das auf den Gnadenschuss wartet. Er kämpft. Sein gewaltiger Körper ist unter der schwarzen Last des Fluchs gespannt wie ein Bogen kurz vor dem Schuss. Ein tiefes, markerschütterndes Grollen vibriert in seinem Brustkorb und lässt die Flammen der Altar-Kerzen waagerecht flackern. Seine Krallen haben tiefe Furchen in den Marmor gegraben, während er versucht, sich aufzurichten. Er spürt den gewaltigen Umbruch, das tektonische Beben in der Machtstruktur von Rosevil, das Lyra mit jedem Schritt, mit jedem neu gewonnenen Wissen auslöst.
Die Stadt hat sich gegen sie gewandt. Das plötzliche, falsche Leben auf den Straßen war nur das erste Aufbäumen eines Organismus, der sich gegen einen Parasiten wehrt. Die Wächterin hat all ihre Ressourcen auf Lyra konzentriert, hat ihre Augen und ihre Bosheit wie ein Brennglas auf die Frau gerichtet, die es wagte, das Drehbuch zu stehlen. In ihrem blinden Eifer, Lyra zu stoppen, sie in den Wahnsinn oder in die Knie zu treiben, begeht Morgana einen fatalen Fehler: Sie lässt die Zügel bei Fenris locker.
Sie vergisst ihn über der Jagd auf sie.
„Erkennst du es, Fenris?“, ruft Lyra gegen das Brausen in ihren Ohren an, während sie auf den Altar zustürmt. Ihre Stimme ist ein helles Signal in der düsteren Halle. „Sie sieht uns nicht mehr als Einheit. Sie jagt mich - und lässt dir den Raum, den du brauchst!“
Fenris öffnet die Augen, und das trübe Gift scheint für einen Moment der glühenden Reinheit seines Willens zu weichen. Er fixiert Lyra, und in seinem Blick liegt eine wilde, archaische Freude. Er spürt, wie die unsichtbaren Fäden, die ihn an diesen Stein fesselten, dünner werden, weil die Puppenspielerin draußen im Schneesturm versucht, eine Revolution niederzuschlagen.
Lyra erreicht die Stufen und wirft sich fast über ihn. Die Runen an ihrem Arm leuchten so hell, dass sie das Gold der Altarwand überstrahlen. Sie greift nach dem Medaillon in ihrer Tasche und spürt, wie die Kraft der Stadt, die durch das Portal zur Rune fließt, hier in der Kirche zu flackern beginnt. Der Stromkreis ist instabil geworden.
„Wir gehen jetzt“, presst sie hervor, ihre Finger graben sich in sein dichtes Nackenfall. „Bevor sie merkt, dass sie die falsche Tür bewacht.“
Gerade als Lyra ihre Hände in das dichte, vibrierende Fell von Fenris gräbt, um ihm vom steinernen Altar zu helfen, zerschneidet ein Geräusch die Luft, das kälter ist als der Schneesturm vor den Toren. Ein langsames, rhythmisches Echo von Schritten nähert sich aus der Tiefe des Querschiffs.
Lyra erstarrt. Sie wirbelt herum, schützend den Arm über den gewaltigen Kopf des Wolfes legend, und ihr Atem stockt.
Dort, im fahlen Licht der ewigen Flammen, steht Elias. Doch der Mann, den sie zu kennen glaubte, ist in der Dunkelheit dieser Nacht verdampft. Der gebeugte, schüchterne Kirchendiener, der mit zitternden Fingern in alten Büchern blätterte, existiert nicht mehr. Vor ihr ragt eine Gestalt auf, die wie aus dem schwarzen Gestein der Kathedrale selbst gehauen wirkt.
Er trägt einen schweren, bodenlangen Umhang aus Mitternachtstuch, dessen Kapuze tief über sein Gesicht gezogen ist und ihn in ein permanentes Halbdunkel hüllt. Er verkörpert nun alles, was Rosevil ausmacht: die unnachgiebige Schwere der Geschichte, die mitleidlose Kälte der Architektur und das Grauen, das in den Winkeln der Seele lauert. Elias ist nicht länger ein Statist - er ist die Manifestation der Stadt, ein Hohepriester des Verderbens, der seine Maske endgültig fallen gelassen hat.
Sein Blick, der Lyra unter dem Schatten der Kapuze trifft, ist beinahe furchteinflößend. Die einstige Sanftheit ist einem Blick aus blankem, schwarzen Obsidian gewichen. Es ist ein Blick, der nicht mehr bittet, sondern richtet - ein Blick, der keine Gnade kennt, weil er die Unausweichlichkeit des Schicksals sieht.
„Du dachtest wirklich, es wäre so einfach, Lyra?“, seine Stimme hat sich verändert. Sie ist tiefer geworden, ein sonorer Bass, der wie eine Grabplatte auf ihre Hoffnung drückt. „Du dachtest, die Wächterin ließe dich gewähren, während ich hier die Wacht halte?“
Das Grollen in Fenris’ Brust schwillt zu einem donnernden Warnsignal an. Der Wolf spürt die Gefahr, die von dieser verwandelten Gestalt ausgeht. Elias tritt einen weiteren Schritt näher, und der Schatten seines Umhangs scheint über den Marmorboden zu fließen wie flüssiges Pech, das nach Lyras Füßen greift.
Lyra spürt, wie die Runen auf ihrem Arm schmerzhaft aufglühen, als würden sie vor der Präsenz warnen, die nun vor ihr steht. Elias ist kein Verbündeter, er war es vielleicht nie. Er ist der stumme Zeuge, der sicherstellt, dass die Opfer auf dem Altar bleiben, bis das Licht des Mondes sie vollends verzehrt hat.
„Tritt zur Seite, Elias“, zischt Lyra, und trotz der Angst, die wie Eiswasser durch ihre Adern schießt, bleibt ihre Stimme stählern. „Oder finde heraus, ob dein Umhang dich vor dem schützt, was ich aus Samuels Wohnung mitgebracht habe.“
Elias bewegt sich mit einer fließenden, beinahe raubtierhaften Anmut auf sie zu, die so gar nicht zu dem gebeugten Mann passen will, der er vorgab zu sein. Als er die Schwelle des Kerzenlichts überschreitet, gleitet die Kapuze wie von Geisterhand ein Stück zurück und gibt den Blick auf sein Gesicht frei.
Lyra stockt der Atem. Das unscheinbare, von Sorgen zerfurchte Antlitz des Kirchendieners ist verschwunden. Vor ihr steht ein Mann von einer so dunklen, makellosen Schönheit, dass sie beinahe schmerzhaft ist. Seine Züge sind scharf geschnitten, wie aus blassem Marmor gemeißelt, und seine Augen leuchten in einem unnatürlichen, tiefen Violett, das die Dunkelheit der Kathedrale aufzusaugen scheint. Er verkörpert die verführerische Eleganz des Verderbens, jene berauschende Melancholie, die Rosevil seit Jahrhunderten atmet.
Einen Moment lang gerät Lyras Welt ins Wanken. Sie verliert sich in der Symmetrie seines Gesichts, in der aristokratischen Kälte seines Ausdrucks, die eine seltsame Sehnsucht in ihr weckt - ein Echo der Dunkelheit, die sie selbst in sich trägt. Es ist, als würde die Stadt sie durch ihn direkt ansprechen, sie locken, sich dem Unvermeidlichen zu ergeben und ihren Platz an der Seite dieses dunklen Monarchen einzunehmen.
Doch dann spürt sie das heftige Brennen an ihrem Arm. Die Runen Samuels pulsieren gegen ihr Fleisch, eine schmerzhafte Mahnung an die Realität. Die Wärme von Fenris’ Fell an ihrem Rücken wirkt wie ein Anker in der tosenden See dieser Illusion.
Mit einer gewaltigen Willensanstrengung reißt sie sich von seinem Anblick los. Sie lässt sich nicht blenden von der Ästhetik des Schreckens. Sie richtet sich zu ihrer vollen Größe auf, das Kinn trotzig gehoben, die Pergamente in ihrem Hosenbund wie eine geheime Waffe gegen ihre Haut gepresst. Sie stellt sich ihm direkt gegenüber, eine einsame Kriegerin zwischen dem Altar und dem Abgrund.
„Ein hübsches Gesicht für eine so hässliche Seele, Elias“, zischt sie, und ihre Stimme gewinnt ihre eisige Schärfe zurück. „Hast du diese Maske gewählt, um mich zu täuschen, oder ist das die wahre Gestalt deines Verrats? Du magst die Dunkelheit dieser Stadt verkörpern, aber ich trage ihr Ende unter meiner Haut.“
Elias bleibt stehen, nur wenige Schritte von ihr entfernt. Ein dünnes, rätselhaftes Lächeln spielt um seine perfekten Lippen, während er sie mustert, als wäre sie ein seltenes Kunstwerk, das er bald zu zerstören gedenkt.
Das Grollen, das nun aus der Tiefe von Fenris’ Brust emporsteigt, ist kein tierischer Laut mehr; es ist der hohle, bebende Klang eines herannahenden Erdbebens, das die Grundfesten der Kathedrale erzittern lässt. Er regt sich nicht auf dem Marmor. Er verharrt in einer trügerischen, tödlichen Statik, die Muskeln unter dem schwarzen Fell so fest gespannt, dass sie wie Drahtseile wirken.
Doch hinter seinen geschlossenen Lidern lodert ein Inferno. Er ist kein Häufchen Elend mehr, das auf Erlösung wartet. Er ist eine geladene Waffe, die nur auf den entscheidenden Funken wartet. Jede Faser seines Wesens ist auf Lyra fixiert - auf das Schlagen ihres Herzens und die Gefahr, die von dem Mann im schwarzen Umhang ausgeht.
Fenris sammelt seine Kräfte mit einer grausamen, fast mechanischen Präzision. Er kanalisiert den Schmerz seiner Wunden und das Gift der Mondblume in einen einzigen, brennenden Punkt der Entschlossenheit. Sollte Elias es wagen, auch nur eine Hand gegen sie zu erheben, sollte er versuchen, dieses Licht zu löschen, das Lyra in die Dunkelheit gebracht hat, wird es das Letzte sein, was dieser falsche Priester in seiner unheiligen Existenz vollbringt. In Fenris’ Geist gibt es nur noch ein Ziel: Die Distanz zwischen dem Altar und Elias’ Kehle in einem einzigen, blutigen Sprung zu überbrücken und die maskenhafte Schönheit dieses Verräters in Fetzen zu reißen.
Das Knurren, das nun über seine Lefzen rollt, ist eine unmissverständliche Warnung an die Mächte der Finsternis. Es ist das Versprechen einer Bestie, die nichts mehr zu verlieren hat außer der Frau, die sie liebt.
Elias hält in seiner Bewegung inne. Die violette Glut in seinen Augen flackert kurz auf, als er das Gewicht dieser Drohung spürt. Er weiß, dass er nicht nur einer Frau mit Runen gegenübersteht, sondern einem rachsüchtigen Gott in Wolfsgestalt, der bereit ist, die gesamte Kirche in Schutt und Asche zu legen, um seine Gefährtin zu schützen.
Lyra spürt die Hitze, die von Fenris ausgeht, wie einen brennenden Schutzwall in ihrem Rücken. Sie sieht Elias fest in die Augen, während das Grollen hinter ihr anschwillt.
„Hörst du das, Elias?“, flüstert sie, und ihre Stimme trägt den Triumph derer, die den Tod nicht mehr fürchten. „Das ist nicht das Geräusch einer Marionette. Das ist das Geräusch deines Untergangs, wenn du uns nicht ziehen lässt.“
Das Lachen, das Elias’ Kehle entweicht, ist kein menschliches Geräusch. Es ist ein dunkler, samtener Klang, der wie schwerer Wein durch die Kälte der Kathedrale fließt und an den steinernen Heiligenstatuen abprallt, als würde das Gebäude selbst über Lyras Hoffnung spotten. Er wirft den Kopf leicht in den Nacken, und die violette Glut in seinen Augen verstärkt sich, während er das donnernde Grollen des Wolfes mit einer Arroganz quittiert, die schlimmer ist als jeder offene Angriff.
„Glaubst du wirklich, Lyra“, setzt er an, und seine Stimme vibriert vor hämischem Vergnügen, „dass diese tragische Kreatur auf dem Altar mir etwas anhaben könnte? Er ist ein Relikt, ein verblasster Schatten einer Macht, die ich bereits vor Jahrhunderten in Ketten gelegt habe. Sein Zorn ist nichts weiter als das verzweifelte Kratzen eines gefangenen Vogels an den Gittern seines Käfigs.“
Er tritt noch einen Schritt näher, wobei sein schwarzer Umhang über den Marmor gleitet wie der Schatten eines Raubvogels. „Er ist mein Werkstück, Lyra. Und man wird nicht von seinem eigenen Meißel erschlagen.“
Doch Lyra rührt sich nicht. Die Verunsicherung, die er in ihr zu säen versucht, findet keinen Nährboden mehr. Ihr Herz ist ein verhärteter Diamant, geschliffen durch den Verrat dieser Stadt und die Einsamkeit im Haus des Grafen. Sie sieht nicht mehr den attraktiven Mann, sie sieht nicht mehr den schüchternden Elias - sie sieht nur noch die Matrix einer Lüge, die so groß ist, dass sie den Himmel verdunkelt.
Sie fixiert ihn mit einem Blick, der so leer und doch so scharf ist wie eine Winterlandschaft bei Nacht. „Gibt es überhaupt irgendetwas in dieser Stadt, das echt ist, Elias?“, fragt sie, und ihre Stimme ist so ruhig, dass sie das triumphale Lachen des Mannes im Keim erstickt. „Oder bist du nur eine weitere Projektion dieses Portals? Eine hübsche Maske, die Morgana oder die Rune selbst erschaffen haben, damit das Publikum nicht merkt, dass das Theater eigentlich leer steht?“
Sie macht eine Geste, die den gesamten Raum einschließt - die massiven Säulen, den blutenden Altar, den Schnee vor den Türen. „Sind diese Steine echt? Ist dein Schmerz echt? Oder sind wir alle nur Farbpigmente auf einem Gemälde, das längst verrottet ist?“
In ihrer Tasche umschließt sie das Medaillon, und das kalte Silber erinnert sie daran, dass zumindest die Schwere in ihrer Hand real ist. Sie wartet nicht auf seine Antwort, denn sie weiß nun, dass die Wahrheit nicht in seinen Worten liegt, sondern in dem, was er so verzweifelt zu verbergen versucht.
Elias’ Lächeln gefriert. Die Gleichgültigkeit in Lyras Tonfall scheint ihn härter zu treffen als Fenris’ Drohung. Es ist das Ende der Täuschung, das Ende der Macht, die er über ihre Sinne ausübt.
In der Tiefe seiner violetten Augen flackert für einen flüchtigen Moment etwas auf, das beinahe wie menschliche Wärme anmutet. Im Stillen, verborgen hinter der unnahbaren Maske des dunklen Architekten, betrachtet Elias die Frau vor sich mit einer Empfindung, die er längst für verloren hielt: Bewunderung. Er sagt es nicht; seine Lippen bleiben fest verschlossen, geformt zu jenem rätselhaften Lächeln, das keine Schwäche preisgibt. Doch in seinem Inneren hallt ihr Mut wider wie ein Glockenschlag in einer leeren Halle.
Sie hat ihn vom ersten Tag an beeindruckt, seit jenem Moment, als sie mit staubigen Stiefeln und diesem suchenden, verlorenen Blick die Stadtgrenze von Rosevil überschritt. Er hat viele Seelen kommen und gehen sehen, hat beobachtet, wie sie an den Lügen der Wächterin zerbrachen oder in der Apathie des ewigen Zwielichts versunken sind. Doch Lyra ist anders.
Diese Entschlossenheit, die sie nun wie eine brennende Standarte vor sich herträgt, ist von einer Reinheit, die in der korrumpierten Luft dieser Stadt eigentlich nicht existieren dürfte. Elias sieht, wie sie dort steht - schwach vor Hunger, gezeichnet von den dunklen Runen, die ihr Fleisch wie schwarze Brandmale zeichnen - und dennoch nicht einen Millimeter weicht. Sie ist bereit, sich der gesamten Finsternis entgegenzustellen, bereit, das Fundament der Welt aus den Angeln zu heben, nur um diesen einen Mann auf dem Altar zu retten.
Es ist eine Liebe, die so absolut und so verzweifelt ist, dass sie selbst Elias’ steinerne Seele erzittern lässt. Für ihn, der seit Jahrhunderten nur noch in Kategorien von Macht, Portalen und Marionetten denkt, wirkt Lyras Kampf wie ein Sakrileg gegen die Hoffnungslosigkeit. Sie kämpft nicht nur gegen ihn oder Morgana; sie kämpft gegen die Naturgesetze von Rosevil selbst.
„Du bist ein faszinierendes Paradoxon, Lyra“, denkt er, während er ihren harten, klaren Blick erwidert. „Ein Funken Leben in einem Meer aus Asche.“
Doch sein Bewundern macht ihn nicht gnädig. Im Gegenteil, es macht sie in seinen Augen nur noch gefährlicher - und kostbarer für das große Spiel, das er spielt. Er weiß, dass diese Art von Entschlossenheit entweder die Erlösung bringt oder die totale Vernichtung. Und während Fenris hinter ihr erneut die Krallen in den Marmor schlägt, fragt sich Elias, ob Lyras Liebe stark genug ist, um das Gewicht der Wahrheit zu tragen, die er ihr noch vorenthält.
Er breitet die Arme leicht aus, sein schwarzer Umhang bläht sich auf wie die Schwingen eines nächtlichen Dämons. „Mut ist eine bewundernswerte Tugend, Lyra. Aber in einer Stadt, die aus Lügen gebaut ist, ist er oft nur der schnellste Weg ins Grab.“
Lyra spannt jeden Muskel an, bereit für das Bersten von Stein, für den Einschlag dunkler Magie oder das Zischen von Schattenfesseln, die sie in die Knie zwingen wollen. Sie erwartet ein Inferno, doch was stattdessen folgt, ist eine Stille, die so zerbrechlich ist wie dünnes Eis.
Elias rührt sich nicht. Die bedrohliche Aura, die ihn eben noch wie ein schwarzer Panzer umgab, scheint für einen Wimpernschlag weicher zu werden, als würde die Maske des unnahbaren Architekten Risse bekommen. Er fixiert Lyra, und das violette Glühen in seinen Augen weicht einem tiefen, menschlichen Grau, das sie an den Elias erinnert, den sie zu kennen glaubte.
„Ich gehe jetzt“, spricht er, und seine Stimme ist beunruhigend ruhig, frei von dem Hohn und der Kälte der letzten Minuten. „Ich werde die Sakristei aufsuchen und die Siegel für einen Moment schwächen. Wenn ich zurückkehre, seid ihr beide nicht mehr hier. Das ist eure einzige Chance, Lyra. Die einzige, die ich euch gewähren kann. Nutzt sie.“
Sein Blick ruht einen Moment zu lange auf ihr, erfüllt von einer Wehmut, die fast wie ein Abschied von sich selbst wirkt. Lyra traut ihren Ohren nicht; sie sucht nach der Falle, nach dem doppelten Boden in seinen Worten. Doch Elias’ Augen sind nun von einer Sanftheit, die in dieser grausamen Stadt eigentlich keinen Platz haben dürfte. Es ist ein Blick, der Anerkennung zollt - einer Liebe, die er selbst nie besitzen wird.
Sie zögert nicht. Das Schicksal bietet in Rosevil keine Geschenke an, und sie wäre eine Närrin, diesen Moment der Gnade verstreichen zu lassen. Ohne ein weiteres Wort dreht sie sich zu Fenris um. Der Wolf hat das Knurren eingestellt, doch seine grün-trüben Augen bleiben fest auf den Mann im schwarzen Umhang geheftet, bereit, jede Täuschung mit dem Tod zu bestrafen.
Elias wendet sich ab. Sein schwerer Mantel rauscht über den Boden, als er langsamen Schrittes in die Dunkelheit des Seitenschiffs verschwindet. Er versteht sich in diesem Augenblick selbst nicht - er, der die Fäden so akribisch gesponnen hat, zerreißt sie nun mit eigener Hand. Lyras unbändiger Wille, ihre Weigerung, eine Marionette zu sein, hat etwas in seinem jahrhundertealten, kalten Herzen berührt, das er längst für versteinert hielt.
„Lauf, Lyra“, denkt er, während der Schatten ihn verschlingt. „Lauf, bevor ich mich daran erinnere, wer ich eigentlich bin.“
Lyra spürt, wie die unsichtbare Last im Raum nachlässt. Sie greift nach Fenris’ massiver Schulter und presst ihr Gesicht kurz an seine Flanke. „Jetzt, Fenris. Wir müssen weg, bevor der Morgen - oder das, was sie dafür halten - über uns hereinbricht.“
Das dumpfe Aufschlagen von massiven Pfoten auf dem Marmorboden hallt wie ein Paukenschlag durch das verlassene Kirchenschiff. Fenris gleitet vom Altar, sein Körper ein zitterndes Monument aus Schmerz und unbändigem Willen. Für einen qualvollen Moment scheint sein Gleichgewicht zu versagen - die muskulösen Läufe geben nach, und seine Flanke schrammt am kalten Stein entlang. Doch bevor er stürzen kann, krallen sich seine Nägel tief in die Fugen der Bodenplatten. Mit einem unterdrückten, kehligem Grollen stemmt er sich hoch, das silbergraue Fell gesträubt, während der Schweiß wie flüssiges Silber von seinen Flanken perlt.
Er sieht Lyra an. In seinen Augen brennt ein Feuer, das stärker ist als das Gift der Mondblume - es ist die nackte Entschlossenheit, ihr zu folgen, bis ans Ende dieser Welt oder in den Abgrund der nächsten.
Lyra schenkt ihm ein Lächeln, das so zerbrechlich und doch so strahlend ist wie der erste Frost auf einer Rose. Es ist ein Lächeln voller Stolz und tiefer, schmerzhafter Liebe. Sie streckt ihre Hand aus, und für einen Wimpernschlag berühren ihre Fingerspitzen die raue Textur seines Fells, eine stumme Versicherung, dass sie eins sind in diesem Chaos.
„Komm“, haucht sie, und ihre Stimme ist ein seidener Faden in der Dunkelheit.
Doch während sie sich in Bewegung setzt und ihre Stiefel lautlos über den Marmor gleiten, beginnt in ihrem Hinterkopf ein zerstörerisches Echo zu hämmern. Ein Gedanke, so kalt und unerbittlich wie der Schneesturm draußen: Wohin?
Rosevil ist kein Ort, es ist ein Zustand. Jede Gasse, jeder Platz und jedes Gebäude ist ein Teil von Morganas Albtraum. Wenn sie die schützenden, wenn auch verräterischen Mauern der Kathedrale verlassen, treten sie hinaus in ein Weiß, das keine Orientierung bietet. Es gibt keinen Grenzstein, der das Ende dieser Stadt markiert, keinen Pfad, der nicht wieder zurück zum Haus des Grafen oder zum Portal auf der Lichtung führt. Sie sind wie zwei Sterne, die aus ihrer Umlaufbahn geschleudert wurden, aber noch immer im Gravitationsfeld eines schwarzen Lochs gefangen sind.
Samuel ist tot. Elias ist im Schatten verschwunden. Und sie beide sind gezeichnet - sie durch die Runen, er durch die Bestie. Lyra presst die Pergamente unter ihrem Mantel fester gegen ihre Haut, als könnten die Worte ihr den Weg weisen. Sie braucht einen Ort, der nicht existiert; einen Ort, an dem die Rune unter der Erde keine Macht über den Mond am Himmel hat.
„Ich werde uns finden, Fenris“, flüstert sie, eher zu sich selbst als zu ihm, während sie das Seitenportal erreichen. „Ich werde einen Winkel in dieser Hölle finden, den sie vergessen hat zu bewachen.“
Der Weg zurück zu ihrem Haus fühlt sich an wie ein Trauermarsch durch eine Welt aus zerberstendem Glas. Die Kälte Rosevils ist nun nicht mehr bloß ein Wetterphänomen, sondern eine physische Last, die sich auf Fenris’ geschundene Flanken legt. Lyra sieht, wie jeder Schritt für ihn zur Agonie wird. Seine Pfoten hinterlassen schwere, unsichere Abdrücke im Schnee, und sein Atem bildet dichte, gehetzte Nebelwolken in der gefrorenen Luft. Es ist eine Tortur, ein stilles Sterben auf Raten, doch der Wolf blickt nicht zurück. Er folgt ihr mit der blinden Loyalität eines verbannten Königs.
Sie erreichen die vertraute Fassade, die im fahlen Zwielicht wie ein hohler Zahn aus dem Gebiss der Stadt ragt. Mit zitternden Fingern kramt Lyra nach ihrem Schlüssel. Das Metall ist so kalt, dass es an ihrer Haut festzukleben droht. Sie will nur ein paar Habseligkeiten greifen - Decken für Fenris, die wenigen Reste an Vorräten, alles, was ihnen in der Wildnis jenseits der Mauern ein Minimum an Menschlichkeit bewahren könnte.
Das Schloss klickt. Die Tür schwingt auf.
Lyra tritt über die Schwelle und erstarrt. Der Schrei, der in ihrer Kehle aufsteigt, stirbt als lautloses Entsetzen. Sie taumelt einen Schritt zurück und klammert sich am Türrahmen fest, während Fenris schwer atmend hinter sie tritt und leise, warnend knurrt.
Das Haus ist eine Leiche.
Die prunkvollen Möbel, die schweren Samtvorhänge und die glänzenden Antiquitäten, sind spurlos verschwunden. Es gibt keine Spur mehr von dem Luxus, der vorhin noch da war. Stattdessen starrt sie in die nackte, skelettartige Struktur des Gebäudes. Die Wände sind kahl, der Putz blättert in großen, grauen Fladen ab, und auf dem Boden liegen nur noch Staub und die Trümmer dessen, was sie einst als ihr Leben bezeichneten.
Es sieht exakt so aus wie an dem Tag, an dem sie es gekauft haben - eine kalte, leblose Ruine.
„Es war nie echt“, flüstert Lyra, und ihre Stimme bricht in der hallenden Leere des Flurs.
Ein eisiger Luftzug streift ihre Knöchel. In diesem Moment begreift sie die bittere Endgültigkeit von Morganas Rache:
Die Wächterin hat ihnen nicht nur die Zukunft genommen, sie hat nun auch ihre Vergangenheit in Rosevil ausgelöscht. Jedes Kissen, jedes Buch, jedes Bild, das sie gemeinsam berührt hatten, war Teil des großen Trugbilds gewesen, genährt von der Rune auf der Lichtung. Nun, da Lyra das Geheimnis kennt, hat die Stadt aufgehört, für sie zu lügen.
Die Kälte im Inneren ist schneidender als draußen. Es gibt hier nichts mehr zu packen. Keine Decken, keine Wärme, keine Sicherheit. Das Haus ist nur noch eine steinerne Hülle, ein Zeugnis ihrer naiven Hoffnung.
Fenris hebt den Kopf und sieht sie aus trüben Augen an. Er scheint das Nichts um sie herum weniger zu fürchten als sie - für ihn war die Realität schon lange nur noch Schmerz und Fell. Doch Lyra spürt, wie die letzte Illusion ihrer Existenz in Rosevil zerfällt. Sie stehen in einem leeren Grab.
Lyra wandelt wie eine Untote durch die skelettartigen Überreste ihres Zuhauses. Jeder Schritt auf den nackten, staubigen Dielen hallt in der Leere wider und klingt wie das Klopfen auf einen Sargdeckel. Sie stößt die Tür zum Badezimmer auf, jenen Ort, den sie einst mit der Hoffnung auf Reinheit und einen Funken Alltag geschmückt hatte.
Das Entsetzen schnürt ihr die Kehle zu. Die Duschwanne, die sie so mühevoll poliert hatte, ist wieder von fressendem, rotbraunem Rost überzogen, als hätte das Metall seit Jahrzehnten kein sauberes Wasser mehr gesehen. Der Spiegel, in dem sie eben noch ihre Entschlossenheit suchte, ist nun blind, zerkratzt und unter einer dicken, öligen Schicht aus Dreck und Alter begraben.
Es ist, als hätte die Zeit selbst einen hasserfüllten Rückwärtssprung vollzogen.
„Nichts... es ist nichts mehr übrig“, krächzt sie.
Sie taumelt zurück in den Flur. Der Kleiderständer, den sie so stolz aus einem alten Friedhofstor gefertigt hatten - ein Symbol für ihre Liebe zum Morbiden -, ist spurlos verschwunden. Wo einst das prunkvolle, schwere Bett des Grafen Lorcan stand, in dessen Seidenkissen sie geschlafen hatten, klafft nun eine gähnende Leere auf dem staubigen Boden.
Sogar die Schränke sind fort. Ihre Kleidung, diedunklen Stoffe, die sie mit der Außenwelt verbanden, sind wie von einem schwarzen Loch verschlungen worden. Alles, was sie an persönlichem Besitz, an Wärme und an Identität in diese Räume getragen hatten, wurde ausgelöscht. Das Haus hat die Erinnerung an sie ausgespien.
Es ist wieder der erste Tag. Der Tag, an dem sie voller naiver Träume die Schwelle überschritten, ohne zu wissen, dass sie ein Grab kauften.
Fenris steht im Türrahmen, seine gewaltige Gestalt wirkt in der kargen Ruine fast grotesk. Er senkt den Kopf und stößt ein leises, klagendes Winseln aus. Er spürt es deutlicher als sie: Das Haus ist nicht einfach nur leer, es ist feindselig. Es ist nun der nackte Ausdruck der Wahrheit von Rosevil. Alles Schöne, alles Kostbare war nur eine Leihgabe der Wächterin, ein ästhetisches Gift, um sie ruhigzustellen. Nun, da sie gegen die Regeln des Drehbuchs verstoßen hat, wurde die Kulisse abgerissen.
Lyra steht in der Mitte des kahlen Zimmers, die Arme fest um ihren eigenen Körper geschlungen. Sie trägt nur noch das, was sie am Leib hat - ihren Mantel und die Kleidung aus Samuels Wohnung. Sie besitzt nichts mehr außer ihrem Wissen, ihren Runen und dem Wolf, der sie aus trüben Augen ansieht.
„Sie will uns zeigen, dass wir nichts sind“, flüstert sie in die eisige Stille. „Dass wir hier niemals existiert haben.“
Sie begreift nun die bittere Ironie: Die Stadt hat sie nicht nur gefangen genommen, sie hat sie bereits aus der Geschichte der Welt gestrichen. Wenn sie jetzt hier sterben würden, gäbe es keinen einzigen Gegenstand, kein Möbelstück und kein Kleidungsstück, das beweisen könnte, dass Lyra und Fenris jemals hier waren.