Lyra & Fenris - Moonbound Kapitel 36

Die Münze des Grafen


Lyra entdeckt, dass selbst Lorcans Grab und das geheime Sanktuarium im Keller nur eine weitere Kulisse waren - die Stadt hat alles verschluckt und ihr „Zuhause“ in eine nackte Ruine zurückverwandelt. Am Nullpunkt, hungrig und ohne Ausweg, findet sie im Staub ein einziges Relikt: eine alte Silbermünze mit Lorcans Antlitz und dem Zeichen des zerbrochenen Schlüssels. Das Stück wirkt wie eine Eintrittskarte in vergessene Orte und lenkt ihren Blick zurück zur Krypta und den verbliebenen Edelsteinen. Als der eisige Regen sie zur Kathedrale treibt, spitzt sich die Lage zu: Morgana greift an - und ausgerechnet Elias stellt sich dazwischen.


Mit flatterndem Herzen und einem Atem, der wie gefrorenes Glas in ihrer Lunge brennt, stürzt Lyra auf die Kellertür zu. Sie reißt sie auf, das Holz kreischt in den verrosteten Angeln, und sie rennt die Steinstufen hinunter in die Tiefe. In ihrem Kopf flimmern noch die Bilder des geheimen Sanktuariums: die prunkvollen Aufzeichnungen Lorcans, der majestätische Sarkophag, der wie ein Altar der verbotenen Wissenschaft gewirkt hatte.

 

Doch als sie die letzte Stufe erreicht, bricht die Welt endgültig in sich zusammen.

 

Da ist nichts.

 

Der Raum, der einst von einer fast gemütlichen, geheimnisvollen Wärme erfüllt war, ist nur noch eine feuchte, schwarze Höhle. Die Wände sind von klebrigem Schimmel überzogen, der modrige Geruch von Fäulnis und jahrhundertealtem Staub schlägt ihr entgegen und raubt ihr die Sinne. Es ist kein Ort der Magie mehr, sondern ein gewöhnlicher, verwahrloster Kellerraum in einer Ruine. Kein Sarkophag. Keine Manuskripte. Nur die nackte, hässliche Realität eines Hauses, das längst hätte zu Staub zerfallen müssen.

 

„Nein...“, haucht sie, und das Echo ihrer Stimme wird von der feuchten Dunkelheit verschlungen.

 

Sie taumelt zurück, die Treppe hinauf, flieht vor der modrigen Wahrheit des Kellers. Oben angekommen, bricht sie fast über Fenris zusammen, der schwer atmend auf dem nackten, staubigen Boden des leeren Wohnzimmers liegt. Er wirkt wie ein gestrandetes Ungeheuer in einer Welt, die ihm selbst den letzten Rest Würde geraubt hat.

 

Lyra sinkt neben ihm nieder, die Knie auf dem kalten Holz, und schlingt ihre Arme um seinen massiven Nacken. Sie presst ihre Stirn gegen sein raues Fell und lässt ihren Gedanken freien Lauf, während die Worte wie ein unaufhaltsamer Strom aus ihr herausbrechen.

 

„Es ist alles fort, Fenris“, flüstert sie, und ihre Stimme zittert vor einer Mischung aus Entsetzen und Galgenhumor. „Das Haus hat uns ausgespien. Alles, was wir uns aufgebaut haben, jedes Kissen, jedes Buch, selbst Lorcans Grab... es war nur ein Trugbild. Morganas Gnade war die größte Lüge von allen. Sie hat uns in einem Puppenhaus spielen lassen, während wir in einer Ruine verrotteten.“

 

Sie lacht kurz auf, ein sprödes, freudloses Geräusch.

 

„Siehst du das nicht? Sie will uns weismachen, dass wir nichts besitzen, nicht einmal diesen Raum. Sie will, dass wir uns auflösen, dass wir glauben, wir seien selbst nur Schatten. Aber sie vergisst eines...“ Lyra hebt den Kopf und blickt ihm fest in die trüben Augen. „Mein Hunger ist echt. Dein Schmerz ist echt. Und diese Runen auf meinem Arm brennen mehr als jede ihrer Illusionen. Wenn sie uns alles nehmen will, dann soll sie es tun. Denn je weniger wir besitzen, desto weniger kann sie uns noch rauben.“

 

Sie streicht ihm über die Flanke, spürt das Zittern seiner Muskeln.

 

„Wir können hier nicht bleiben. Dieses Haus ist jetzt eine Falle aus Leere. Aber ich habe die Karten, Fenris. Ich habe die Rune unter der Mondblume gefunden. Wir werden dieses Portal finden und es in tausend Stücke reißen. Wenn diese Stadt uns keine Heimat bietet, dann werden wir sie eben dem Erdboden gleichmachen.“

 

Fenris antwortet mit einem tiefen, vibrierenden Seufzer, der ihren gesamten Körper erschüttert. Er scheint ihre Worte aufzusaugen, seine einzige Nahrung in dieser Einöde.

 

Lyra verharrt in der drückenden Stille des nackten Raumes. Das Haus atmet nicht mehr; es starrt sie nur noch aus leeren Augenhöhlen an. Die Kälte kriecht unerbittlich durch die dünnen Wände und setzt sich wie eine zweite, bleierne Haut auf ihre Glieder. In ihrem Kopf dreht sich das Karussell der Verzweiflung.

 

Sie geht ihre Möglichkeiten durch, doch jede Tür in ihrem Verstand scheint mit schweren Eisenketten verschlossen. Wo sollen sie hin? Rosevil ist in dieser Nacht kein Ort der Zuflucht mehr, sondern ein offenes Grab, das nur darauf wartet, dass sie hineinstolpern. Der Hunger ist kein dumpfer Schmerz mehr, er ist eine brennende Säure, die ihre Konzentration zerfrisst. Sie tastet mechanisch nach ihren Taschen, doch sie weiß es bereits: Die Münzen, das moderne Geld, das sie einst besaßen - alles ist fort, aufgelöst in der großen Illusion der Wächterin. Sie besitzen nicht einmal mehr den Gegenwert eines Stückes Brot. In dieser Stadt der Schatten ist Währung nur noch Blut und Wille.

 

Sie senkt den Blick zu Fenris. Der gewaltige Wolf hat den Kopf auf seine Pfoten gebettet, sein Atem geht schwer und rasselnd, während der Staub des kahlen Bodens sich auf sein Fell legt. Als er die Lider hebt, trifft sie sein Blick mit einer Wucht, die sie fast taumeln lässt.

 

In diesen trüben, smaragdgrünen Augen liest sie keine heldenhafte Entschlossenheit und keine verborgene Weisheit. Sie sieht die nackte, menschliche Ratlosigkeit eines Mannes, der in den Körper einer Bestie gesperrt wurde und nun zusehen muss, wie die Frau, die er liebt, in der Leere verhungert. Sein Blick ist ein Spiegel ihres eigenen Entsetzens. Er hat keine Antworten mehr. Er ist genauso verloren in diesem Labyrinth aus Stein und Schnee wie sie.

 

„Wir sind am Nullpunkt, nicht wahr?“, flüstert sie, und ihre Stimme hallt unheimlich in dem leeren Zimmer wider.

 

Fenris stößt ein tiefes, gebrochenes Wimmern aus, ein Laut, der so voller Scham und Hilflosigkeit ist, dass es Lyra das Herz zerreißt. Er möchte ihr Jäger sein, ihr Beschützer, doch er ist nur ein Gefangener seines eigenen Fleisches, unfähig, ihr auch nur einen Becher Wasser zu reichen.

 

Lyra presst die Lippen zusammen, bis sie weiß werden. Sie spürt das Pergament in ihrem Hosenbund, das gegen ihre Haut reibt. Es ist das Einzige, was Morgana ihnen nicht nehmen konnte - das Wissen um das Portal. Aber Wissen sättigt nicht, und Karten wärmen nicht in einer Nacht, die niemals zu enden scheint. Sie begreift, dass sie die Regeln dieses Spiels nun endgültig brechen müssen. Wenn die Stadt ihnen nichts gibt, müssen sie es sich nehmen.

 

„Wenn wir hierbleiben, werden wir Teil des Staubs“, sagt sie mit einer neuen, gefährlichen Ruhe. „Wir müssen zurück auf die Straße. Irgendwo in diesem Trugbild muss es einen Riss geben, eine Schwachstelle, die nicht nur aus Schatten besteht.“

 

Lyra weigert sich, die weiße Flagge vor der Leere zu hissen. Ihr Herz hämmert gegen die Rippen, ein trotziger Rhythmus in einem Haus, das den Tod atmet. Aufgeben wäre gleichbedeutend mit dem Verlöschen, und sie ist nicht den weiten Weg durch die Finsternis gegangen, um nun als namenlose Statue aus Eis in einem vergessenen Wohnzimmer zu enden.

 

Doch der Trotz allein füllt ihren Magen nicht. Das brennende Verlangen nach Aufbruch kollidiert mit der nackten, grausamen Realität ihrer körperlichen Verfassung. Sie braucht Nahrung, sie braucht Wasser - elementare Dinge, die in der Welt außerhalb von Rosevil selbstverständlich sind, hier jedoch zu heiligen Relikten werden. Ihr Magen zieht sich in einem schmerzhaften Krampf zusammen, und das Schwindelgefühl kehrt zurück, tückisch und schleichend wie der Nebel vor den Fenstern.

 

Sie blickt an sich herab. Ihr Mantel, einst ein Symbol für Schutz und Stil in der modernen Welt, wirkt hier wie ein Fetzen Papier gegen die urzeitliche Gewalt des Winters. Er ist nicht dafür gemacht, Nächte in einer Stadt zu überstehen, in der der Frost die Zeit selbst anhält. Ohne ein Feuer, ohne eine warme Mahlzeit wird ihr Körper in wenigen Stunden den Dienst versagen. Sie spürt, wie die Wärme langsam aus ihren Extremitäten weicht, während die Kälte des nackten Bodens gierig nach ihrer Lebensenergie greift.

 

„Wir können hier nicht auf das Ende warten, Fenris“, presst sie hervor, ihre Stimme ist nur noch ein raues Krächzen. „Wenn wir bleiben, werden wir zu den Möbeln, die Morgana uns weggenommen hat. Wir werden zu Requisiten in ihrem leeren Haus.“

 

Fenris hebt den Kopf, die Anstrengung ist ihm in jede Furche seines Gesichts geschrieben. Er beobachtet sie, wie sie zitternd versucht, die Karte unter ihrem Mantel zu ordnen. Er sieht ihre Blässe, die fast mit dem Weiß des Schnees draußen verschmilzt. Er weiß, dass sie recht hat: Rosevil hat ihnen den Krieg erklärt, indem es ihnen die Grundlagen des Überlebens entzieht.

 

Lyra blickt aus dem Fenster in das ewige, aschefarbene Zwielicht. Die Stadt draußen ist ein unendlicher Ozean aus Hunger und Kälte. Doch irgendwo in diesem Labyrinth muss es eine Quelle geben, die nicht unter Morganas Kontrolle steht. Irgendetwas Echtes. Vielleicht eine versteckte Vorratskammer in den Ruinen, vielleicht ein vergessener Brunnen.

 

„Ich werde uns nicht beim Sterben zusehen“, sagt sie mit einer Härte, die sie selbst überrascht. Sie greift in das Fell des Wolfes, zieht sich mühsam hoch und zwingt ihre zitternden Beine in den Stand. „Wir gehen. Zurück in die Kälte. Es ist besser, auf dem Weg zu fallen, als hier im Staub zu erfrieren.“

 

In diesem Moment bemerkt sie ein schwaches Leuchten, das nicht von ihren Runen kommt. In der staubigen Ecke des Flurs, dort, wo früher ihr Telefon stand, schimmert etwas auf dem Boden - ein kleiner, metallischer Gegenstand, den die Stadt bei ihrer großen Säuberung offenbar übersehen hat.

 

Lyra tritt auf das schwache Glimmen zu, das wie ein einsames Auge aus dem Staub des kahlen Flurs zu ihr aufsieht. Sie beugt sich hinunter, ihre Finger zittern so sehr, dass sie das kalte Metall erst beim dritten Versuch greifen kann. Als sie sich wieder aufrichtet, liegt ein schweres Silberstück in ihrer Handfläche, dessen Kälte so intensiv ist, dass es fast schmerzt.

 

Es ist eine Münze, doch sie hat nichts mit der modernen Währung zu tun, die Lyra aus der Welt jenseits der Nebelwände kennt. Sie ist dick, unregelmäßig geschlagen und trägt das Gewicht von Jahrhunderten in sich. Mit dem Saum ihres Mantels wischt sie den grauen Staub von der Oberfläche und hält das Metall in das fahle Licht, das durch die Fensterlöcher fällt.

 

Ihr Atem stockt.

 

Auf der Vorderseite der Münze prangt das Profil eines Mannes, dessen Züge Lyra nur zu gut kennt. Es ist das Gesicht des Grafen Lorcan. Das Porträt ist mit einer grausamen Präzision gefertigt: die scharfe, aristokratische Nase, die tief liegenden Augen, die selbst in Silber gegossen eine unendliche Melancholie ausstrahlen, und das Haar, das wie eine fließende Kaskade bis auf die Schultern seines angedeuteten Umhangs fällt. Um sein Haupt windet sich ein Kranz aus dornigem Lorbeer, der eher wie eine Folterkrone als wie ein Ehrenzeichen wirkt.

 

„Lorcan...“, flüstert sie, und das Silber scheint auf ihren Namen zu reagieren, indem es ein schwaches, violettes Schimmern reflektiert.

 

Dies ist kein gewöhnliches Zahlungsmittel. Es ist eine Münze aus einer Zeit, in der Rosevil noch ein blühendes Reich war, bevor der Fluch die Sonne verschlang und die Wächterin ihren Schleier über das Land legte. Diese Münze ist ein Relikt der alten Ordnung, ein Überbleibsel aus Lorcans Regierungszeit. Dass sie ausgerechnet jetzt erscheint, in der Stunde ihrer größten Not und in einem Haus, das eigentlich leergefegt wurde, kann kein Zufall sein.

 

Lyra dreht die Münze um. Auf der Rückseite ist ein Symbol eingeprägt: ein zerbrochener Schlüssel, der von zwei Wolfsköpfen flankiert wird.

 

Ein Funke Hoffnung keimt in ihrer Brust auf, so hell und stechend, dass er den Hunger für einen Moment vertreibt. Samuel hatte in seinen Notizen erwähnt, dass die alten Münzen des Grafen mehr als nur Handelsgut waren; sie waren Schlüssel zu Orten, die Morganas Augen verborgen blieben - Notgroschen für eine dunkle Zeit.

 

Sie blickt zu Fenris, der das Silberstück mit einer Mischung aus Misstrauen und Wiedererkennen fixiert. Er stößt ein tiefes, kehliges Brummen aus, als würde er die Präsenz seines alten Herren in dem Metall wittern.

 

„Vielleicht hat er uns doch nicht ganz verlassen“, sagt Lyra mit festerer Stimme. „Vielleicht gibt es in dieser Stadt noch einen Ort, an dem dieses Silber Türen öffnet, die für die Wächterin verschlossen bleiben.“

 

Lyra starrt auf das kalte Antlitz des Grafen, während ihre Gedanken wie schwarze Raben durch die Leere des Raumes kreisen. Sie spürt das Echo von Samuels Geist in diesem Metall - es ist eine Botschaft, ein stummes Zeichen, das quer durch das Gefüge der Zeit zu ihr gesandt wurde. Doch was verlangt er von ihr? Ist dieses Silberstück ein Tribut für einen Fährmann der Schatten? Ein Schlüssel für ein Schloss, das sie noch nicht gesehen hat? Oder soll das melancholische Gesicht Lorcans sie an eine Pflicht erinnern, die sie in ihrer Erschöpfung fast vergessen hätte?

 

Plötzlich durchzuckt sie eine Erinnerung, scharf und schneidend wie ein Splitter aus dunklem Glas. Das Bild der alten Krypta schiebt sich vor ihr inneres Auge - jener Ort tief unter der Erde, an dem Fenris in den ersten Tagen ihrer Ankunft gearbeitet hat, umgeben von Moder, Staub und den Überresten einer Zeit, die Rosevil am liebsten vergessen würde.

 

„Die Edelsteine...“, haucht sie, und ihre Stimme zittert vor einer plötzlichen, brennenden Klarheit.

 

Der rote Stein, den sie bereits vernichtet haben, war nur ein Glied in einer Kette der Verdammnis. Es reicht nicht aus, einen einzigen Knoten im Netz der Wächterin zu zerschlagen. Die Rune unter der Mondblume, das Portal zum Mond und die unnatürliche Kraft der Stadt - all das wird von einem Netzwerk aus uralten, geschliffenen Steinen gespeist, die tief im Schoß der Erde verborgen liegen. Die Krypta ist nicht nur ein Ort der Toten - sie ist das mechanische Herz des Fluchs.

 

Ein tiefes, instinktives Gefühl beschleicht sie. Sie müssen dorthin zurückkehren. In die Finsternis, dorthin, wo Fenris seine Menschlichkeit Stück für Stück gegen das Fell des Wolfes eintauschen musste. Sie müssen das Werk vollenden, das sie damals unwissend begonnen haben. Solange die restlichen Edelsteine in der Dunkelheit der Gruft pulsieren, bleibt das Portal stabil, bleibt Morgana unbesiegbar und bleibt Fenris ein Gefangener seines eigenen Körpers.

 

Lyra blickt zu Fenris. Er hat sich mühsam auf seine Vorderläufe gestützt, sein Blick ist fest auf die Münze in ihrer Hand geheftet. In seinen Augen spiegelt sich ein Funke des alten Horrors wider, den die Krypta in ihm ausgelöst hat, doch er erkennt die Notwendigkeit. Er versteht, dass sie in das Herz des Terrors zurückkehren müssen, um die Freiheit zu finden.

 

„Wir müssen das Fundament einreißen, Fenris“, sagt sie, und ihre Stimme klingt nun fester, getragen von einer neuen, verzweifelten Autorität. „Wir müssen dorthin, wo alles begann. Die Münze... sie ist kein Geld. Sie ist unsere Eintrittskarte in das Allerheiligste des Grafen.“

 

Sie umschließt das Silberstück so fest, dass die Kanten in ihre Haut schneiden. Die Kälte ist vergessen, der Hunger für den Moment in den Hintergrund gedrängt.

 

„Kannst du gehen?“, fragt sie ihn leise. „Kannst du noch einmal in diese Dunkelheit hinabsteigen?“

 

Das Wissen um die Krypta liegt nun wie eine schwere, glühende Last zwischen ihnen, doch mit der Erkenntnis schleicht sich eine neue, eisige Furcht in Lyras Glieder. Wenn die Krypta das Ziel ist, bedeutet das unweigerlich eine Konfrontation mit der Instanz, die über die heiligen und unheiligen Stätten dieser Stadt wacht. Sie müssen an Elias vorbei.

 

Lyra presst die Lippen zusammen und starrt in das tanzende Zwielicht des leeren Flurs. Der Gedanke an Elias lässt ihren Puls unregelmäßig gegen ihre Handgelenke hämmern. Er ist nicht mehr der schüchterne, fast unsichtbare Mann, der in den Schatten der Bibliothek verschwand oder mit gesenktem Kopf die Kerzen in der Kirche entzündete. Jener Elias war eine Maske, ein mitleidiges Trugbild, das sie in falscher Sicherheit wiegen sollte.

 

Der Elias, der ihnen nun den Weg versperrt, ist die fleischgewordene Finsternis von Rosevil. In seiner jetzigen Gestalt -  dieser dunklen, überirdischen Schönheit und der alles verschlingenden Präsenz - ist er ein Hindernis, das sie nicht einfach mit Worten oder einem bittenden Blick aus dem Weg räumen können. Er ist kein Diener mehr - er ist der Wächter der Schwelle, der Architekt des Schweigens. Lyra erinnert sich an die violette Glut in seinen Augen, die keine Gnade kannte, sondern nur die unerbittliche Logik des Fluchs.

 

„Er wird uns nicht einfach passieren lassen, Fenris“, flüstert sie, während sie ihre Finger in das dichte Nackenfall des Wolfes gräbt. „Er hat uns zwar aus der Kirche entlassen, aber die Krypta... das ist sein Reich. Dort unten werden keine Geschenke verteilt.“

 

Sie sieht Fenris an, dessen Atem nun ruhiger, aber tiefer geht. Die Vorstellung, dass dieser geschundene, erschöpfte Wolf gegen die magische Übermacht eines Wesens wie Elias antreten muss, schnürt ihr das Herz zu. Elias besitzt die Eleganz einer Klinge und die Macht eines heraufziehenden Sturms. Er kennt jede Ritze in den Mauern der Krypta, jeden Atemzug, den Fenris dort unten in qualvoller Arbeit gelassen hat.

 

Lyra richtet sich auf, das Silberstück des Grafen fest in der geschlossenen Faust. Die Münze scheint gegen ihren Widerstand zu pulsieren, als würde sie die Nähe ihres Gebieters suchen. Wenn Elias die Dunkelheit der Stadt verkörpert, dann muss sie das Licht der Zerstörung sein. Sie darf sich nicht von seiner neuen, furchteinflößenden Gestalt blenden lassen. Attraktivität ist in Rosevil nur eine andere Form von Gefahr.

 

„Wir müssen schneller sein als sein Urteil“, sagt sie mit einer Härte, die sie selbst erzittern lässt. „Und wenn er sich uns in den Weg stellt, dann wird er erfahren, dass auch ein Gott bluten kann, wenn man ihm das Fundament unter den Füßen wegreißt.“

 

Sie tritt zur Tür, bereit, das leere Haus endgültig zu verlassen. Der kalte Wind von draußen drängt bereits durch die Ritzen und verkündet die Ankunft einer Macht, die keine Fehler verzeiht.

 

Lyra und Fenris treten hinaus in die gnadenlose Umarmung der Nacht. Jeder Schritt weg von der leeren Hülle ihres Hauses ist ein mühsamer Triumph des Willens über den sterbenden Körper. Der Weg in Richtung der Kirche, der einst nur ein kurzer Spaziergang durch die melancholischen Gassen Rosevils war, dehnt sich nun vor ihnen aus wie eine endlose Passage durch das Fegefeuer.

 

Die Natur selbst scheint sich gegen ihre Rebellion verschworen zu haben. Mit jedem Meter, den sie dem sakralen Herzen der Stadt näher kommen, wandelt sich der Wind. Er heult nicht mehr nur; er kreischt wie eine Schar von Furien, die nach ihrem Fleisch trachten. Die Luft wird so eisig, dass Lyras Atem augenblicklich zu scharfkantigen Kristallen gefriert, die ihre Lungen von innen aufreißen.

 

Dann geschieht die unnatürliche Wandlung: Der ohnehin schon bittere Schnee verwandelt sich in einen bösartigen Eisregen. Die Tropfen fallen nicht einfach vom aschefarbenen Himmel; sie stürzen wie herabgeschleuderte Projektile herab. Es ist kein Wasser, es sind flüssige Dolche. Jedes Mal, wenn ein Tropfen Lyras Haut trifft, fühlt es sich an, als würde ein winziger Glassplitter mit chirurgischer Grausamkeit in ihr Fleisch schneiden.

 

„Sie sieht uns“, presst Lyra zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während sie versucht, ihr Gesicht tief im Kragen ihres Mantels zu vergraben.

 

Es ist kein Zufall, kein bloßes Kapriole des Wetters. Dieser Regen ist das physische Manifest von Morganas Zorn. Die Wächterin beobachtet sie durch den Schleier der Schatten, sie lässt den Himmel selbst zu einer Peitsche werden, um die ungehorsame Marionette und ihren Wolf zurückzutreiben. Jeder Nadelstich auf Lyras Wangen ist eine stumme Warnung, eine blutige Botschaft der Herrscherin dieser Stadt: Kehr um, oder ich werde dich Millimeter für Millimeter schinden.

 

Fenris leidet noch mehr als sie. Das Eis verfängt sich in seinem dichten Fell und bildet schwere, klirrende Krusten, die seine Bewegungen behindern. Er geht schwerfällig, der Kopf tief gesenkt, um seine Augen vor den schneidenden Tropfen zu schützen. Sein tiefes, erschöpftes Schnaufen mischt sich mit dem Klirren des Eises auf seinem Rücken. Doch trotz der Tortur, trotz der Glassplitter, die seine empfindliche Schnauze blutig reißen, weicht er nicht von ihrer Seite. Er ist ein Bollwerk aus Fell und Schmerz, das dem Sturm trotzt.

 

Lyra umschließt die Münze in ihrer Tasche so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortreten. Das Metall ist ihre einzige Verbindung zu einem Plan, der über das bloße Überleben hinausgeht. Die Kathedrale ragt in der Ferne auf, ein schwarzer Riese, der im peitschenden Eisregen fast unsichtbar wird, wären da nicht die violetten Lichter, die nun hinter den hohen Maßwerkfenstern aufzuglühen beginnen.

 

Morgana beobachtet sie nicht nur - sie erwartet sie. Und der Eisregen ist erst der Anfang ihrer Begrüßung.

 

Mit einer Kraft, die aus der reinen Verzweiflung ihres Überlebenswillens geboren ist, reißt Lyra das schwere Kirchenportal auf. Das Eisen kreischt auf dem Stein, ein schmerzhafter Laut, der in die feindselige Stille der Nacht schneidet. Sie stürzt in das Innere, die Muskeln bis zum Zerreißen gespannt, das Herz ein rasender Taktgeber in ihrer Brust. Sie ist gefasst auf alles: auf Elias’ violetten Blick, auf Morganas hasserfülltes Erscheinen oder die stummen Wächter, die aus den Schatten treten.

 

Doch das Kirchenschiff empfängt sie mit einer Leere, die schlimmer ist als jeder Angriff.

 

Lyra hält inne, den Atem anhaltend. Ihr Blick jagt durch das gewaltige Mittelschiff, sucht die Nischen der Heiligenstatuen ab, die Emporen und den dunklen Bereich hinter dem Altar. Nichts bewegt sich. Kein Schatten flackert unnatürlich, kein hämisches Lächeln hallt von den Deckengewölben wider. Die Kathedrale wirkt wie ein verlassenes Skelett, beraubt jeder Präsenz, sogar der von Elias.

 

„Wo seid ihr?“, flüstert sie, doch ihre Stimme wird von den kalten Steinen verschlungen.

 

Hinter ihr schließt Fenris zu ihr auf. Er betritt den sakralen Boden nicht mit der Erschöpfung eines Sterbenden, sondern mit der unterdrückten Elektrizität eines Jägers. Seine Nüstern beben, die Lefzen ziehen sich leicht zurück, und ein unruhiges, fast lautloses Knurren rollt tief in seiner Kehle. Er wittert etwas, das Lyras menschlichen Sinnen verborgen bleibt. Er fixiert nicht einen bestimmten Punkt, seine Augen wandern unstet umher, als wäre die Gefahr überall und nirgendwo zugleich. Die Luft im Inneren der Kirche ist nicht leer - sie ist gesättigt von einer schweren, süßlichen Fäulnis, dem Geruch von Macht, die sich wie ein Leichentuch über den Ort gelegt hat.

 

Für Lyra ist Fenris’ Unruhe das deutlichste Warnsignal. Die Stille ist eine Falle, eine sorgsam konstruierte Illusion von Sicherheit. Morgana ist hier. Sie ist in den Mauern, im Staub, im Licht der sterbenden Kerzen. Sie spielt mit ihnen, genießt ihre Verwirrung, während sie darauf wartet, dass Lyra unter dem Druck zusammenbricht.

 

„Ich weiß, dass du hier bist!“, ruft Lyra plötzlich, und ihre Stimme bricht mit schneidender Autorität durch das hohle Schweigen. Sie tritt mitten in den Gang, das Silberstück des Grafen wie ein Schutzschild in der erhobenen Faust. „Komm raus aus den Schatten, Wächterin! Hör auf, dich hinter deinen Marionetten und deinem falschen Wetter zu verstecken. Ich bin hier, um das Ende deines Spiels zu schreiben!“

 

Das Echo ihres Rufes verhallt in der Höhe, und für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Dann beginnt das Licht der violetten Kirchenfenster zu flackern, und die Schatten an den Wänden fangen an, sich unnatürlich in die Länge zu ziehen, als würden sie sich vom Stein lösen.

 

Die Atmosphäre in der Kathedrale verdichtet sich zu einer greifbaren Bosheit. Es ist, als besäße die Luft plötzlich Zähne. Morganas Präsenz ist nicht länger ein fernes Flüstern - sie ist das Fundament, auf dem diese Mauern ruhen.

 

Ihre Stimme bricht aus den steinernen Kehlen der Heiligenstatuen hervor, ein vielstimmiger, disharmonischer Chor, der von den Wänden abprallt und Lyra von allen Seiten zugleich bedrängt. Es ist ein kaltes, melodiöses Lachen, das wie flüssiges Blei in die Gehörgänge fließt. Die Statuen, deren Augen aus leeren Steinpupillen starren, scheinen sich im fahlen Licht zu verzerren, als würden sie unter der Last ihrer Worte zum Leben erwachen.

 

„Du suchst nach Wahrheit in einer Stadt aus Glas, Lyra“, hallt es von der Empore, während gleichzeitig ein Echo aus dem Querschiff antwortet: „Du suchst nach Rettung für eine Bestie, die bereits verrottet ist.“

 

Neben ihr gibt Fenris einen Laut von sich, der Lyra das Herz zerreißt. Es ist ein Knurren, tief und warnend, doch es zittert. Sein gewaltiger Körper, der einst wie aus Granit gemeißelt wirkte, schwankt gefährlich. Die Erschöpfung und das Gift des Fluchs fordern nun ihren endgültigen Tribut. Die silbernen Krallen finden auf dem glatten Kirchenboden kaum noch Halt, und sein Atem geht stoßweise, ein rasselndes Gebet an das Leben, das langsam aus seinen Adern flieht. Er ist eine Ruine von einem Wolf, ein Schatten seiner selbst, und doch bildet er den letzten, schwachen Schutzwall zwischen Lyra und dem Abgrund.

 

Doch Lyra steht aufrecht.

 

Die Angst, die sie in den ersten Nächten in Rosevil wie eine zweite Haut getragen hat, ist abgefallen. Übrig geblieben ist nur eine kalte, diamantene Entschlossenheit. Sie ist auf alles gefasst - auf Blut, auf Wahnsinn, auf den endgültigen Zusammenbruch dieser Welt. Morgana hat ihr das Haus genommen, ihre Kleidung, ihre Sicherheit und die Illusion einer Zukunft.

 

Wer nichts mehr besitzt, kann nicht mehr beraubt werden.

 

„Zeig dich!“, schreit Lyra gegen den vielstimmigen Lärm an. Sie ignoriert das Beben in ihren eigenen Knien und fixiert den leeren Raum vor dem Altar. „Hör auf, durch Steine zu sprechen! Ich habe Lorcans Silber in der Hand und seinen Zorn im Herzen. Deine Spielchen ziehen nicht mehr, Morgana. Ich habe nichts mehr zu verlieren - und das macht mich zu deiner größten Gefahr.“

 

In diesem Moment beginnt der schwere Weihrauchkessel über dem Mittelgang von Geisterhand zu schwingen. Der süßliche Qualm quillt nicht mehr weiß, sondern in einem giftigen Violett hervor und formt in der Luft eine Gestalt, die ebenso schön wie schrecklich ist.

 

Morgana materialisiert sich nicht als festes Fleisch, sondern als ein Wirbel aus bösartiger Eleganz. Sie gleitet durch die Luft, eine schemenhafte Gestalt in einem Gewand aus fließenden Schatten und violettem Dunst, und beginnt, Lyra zu umkreisen. Sie schwirrt wie ein Raubvogel um ihre Beute, die Bewegungen unnatürlich flüssig, fast schwebend, während ihr hasserfüllter Blick auf dem Mädchen ruht.

 

Doch da ist etwas, das die Wächterin innehalten lässt.

 

Immer wieder stößt Morgana in einer blitzschnellen Bewegung vor, die Krallen aus Dunkelheit bereits erhoben, nur um im letzten Moment zurückzuweichen, als liefe sie gegen eine unsichtbare Mauer aus gleißendem Licht. Sie hält einen respektvollen, beinahe instinktiven Abstand ein. So sehr sie sich auch danach verzehrt, ihre Finger um Lyras zerbrechlichen Hals zu legen und den Funken des Widerstands eigenhändig zu ersticken, sie kann es nicht.

 

Lyra ist von einer Aura umgeben, die wie ein lautloser Schutzwall zwischen ihr und der Verdammnis steht. Es ist keine Magie, die Lyra bewusst gewirkt hat; es ist das Echo von Samuels Opfer, kombiniert mit der archaischen Kraft der Münze und der schieren, reinen Frequenz ihres Opfers für Fenris. Diese Aura pulsiert in einem Rhythmus, den Morgana wie einen schmerzhaften Peitschenhieb auf ihrer geisterhaften Haut spürt. Jedes Mal, wenn sie die Grenze überschreiten will, zittert das Gefüge der Dunkelheit um sie herum.

 

Lyra bemerkt diesen unsichtbaren Käfig nicht. In ihrer Wahrnehmung ist sie nur eine verzweifelte Frau in einem zerschlissenen Mantel, die gegen den Schwindel und den Hunger ankämpft. Sie sieht nur die bedrohliche Silhouette der Wächterin, die sie wie ein Raubtier belauert, und deutet Morganas Zögern als bloßen Sadismus - als ein Hinauszögern des Unvermeidlichen.

 

Nur Morgana spürt das Brennen. Nur sie erkennt, dass Lyra durch ihren absoluten Verlust eine Reinheit erlangt hat, die für das Gift dieser Stadt undurchdringlich geworden ist. Die Wächterin fletscht die Zähne, ein groteskes Verzerren ihrer  Schönheit. Sie ist die Herrscherin über Rosevil, doch vor diesem einen Mädchen, das nichts mehr zu verlieren hat, ist sie plötzlich machtlos.

 

„Du denkst, du bist sicher, weil du das Silber des Toten hältst?“, zischt Morganas Stimme, die nun direkt in Lyras Gehörgang zu vibrieren scheint, obwohl sie physisch auf Distanz bleibt. „Du bist nur eine Kerze in einem Hurrikan, Lyra. Ich brauche dich nicht zu berühren, um dich zu vernichten. Ich muss nur zusehen, wie dein Wolf unter der Last seiner eigenen Sünden zerbricht.“

 

Fenris stößt ein gequältes Jaulen aus und bricht auf die Vorderläufe zusammen. Die unsichtbare Mauer schützt Lyra, doch sie umschließt nicht den Wolf. Morgana erkennt die Schwachstelle sofort und richtet ihre ganze bösartige Konzentration auf den geschundenen Körper des Tieres.

 

In dem Moment, als Morgana die Schatten wie schwarze Dolche formt, um Fenris den letzten Stoß zu versetzen, zerreißt eine neue Präsenz die drückende Atmosphäre der Kathedrale. Mit einer Schnelligkeit, die das menschliche Auge überfordert, tritt Elias aus dem Dunkel des Altarraums. Er bewegt sich nicht wie ein Mensch, er erscheint wie eine Klinge, die sich in den Stoff der Realität schneidet.

 

Er stellt sich direkt vor den zitternden Fenris, seinen gewaltigen Körper schützend deckend. Elias hebt die rechte Hand, die Finger gespreizt, und eine unsichtbare Schockwelle aus absoluter Autorität schlägt Morgana entgegen.

 

„Genug“, spricht er, und sein Bass hallt nicht nur durch das Kirchenschiff, sondern scheint in den Fundamenten der Stadt selbst zu vibrieren.

 

Morgana wird in ihrem Flug jäh gestoppt. Sie taumelt in der Luft, ihre schattenhafte Gestalt flackert wie eine sterbende Kerzenflamme. Ein Schrei der Wut entfährt ihrer Kehle - ein hässlicher, kreischender Laut, der das Glas der hohen Fenster klirren lässt. Sie windet sich, das Gesicht zu einer Fratze der Raserei verzerrt, während sie versucht, gegen den unsichtbaren Wall anzukämpfen, den Elias mit einer einzigen Geste errichtet hat.

 

„Wie kannst du es wagen!“, gellt ihre Stimme durch das Gewölbe. „Du bist mein Geschöpf! Du bist der Wächter meines Reiches!“

 

Lyra starrt mit weit aufgerissenen Augen auf den Rücken des Mannes im schwarzen Umhang. Die Überraschung lähmt sie fast mehr als die Kälte. Dieser Elias, der hier mit der Macht eines dunklen Gottes gebietet, hat nichts mehr mit dem schüchterne Bibliothekar gemein, dem sie einst vertraute. Doch sein Verhalten verwirrt sie zutiefst: Warum schützt er ausgerechnet das Wesen, das er zuvor noch als sein „Werkstück“ bezeichnet hat? Warum riskiert er den Zorn der Frau, der er scheinbar diente?

 

Elias rührt sich nicht um einen Millimeter. Seine Präsenz ist nun so gewaltig, dass Morganas Violett dagegen verblasst. Er weist die Wächterin in ihre Schranken, als wäre sie nicht mehr als ein ungehorsames Kind.

 

„Du hast die Grenzen überschritten, Morgana“, sagt er mit einer eisigen Ruhe, die furchteinflößender ist als jeder Schrei. „Rosevil ist ein Gefängnis, ja. Aber kein Schlachthof für Seelen, die sich bereits außerhalb deiner Gerichtsbarkeit befinden. Der Wolf gehört der Krypta, und die Frau gehört der Wahrheit. Du hast kein Recht mehr an ihnen.“

 

Er tritt einen Schritt auf Morgana zu, und mit jedem Zentimeter, den er gewinnt, schrumpft ihre Aura. Die Dunkelheit weicht vor ihm zurück, als erkenne sie ihren wahren Herrn an.

 

„Zieh dich zurück in deinen Garten aus Glas und Tränen“, befiehlt er. „Bevor ich mich daran erinnere, wer die Schlüssel zu diesem Portal wirklich geschmiedet hat.“

 

Lyra verharrt in einer schrecklichen Unbeweglichkeit, während ihr Verstand versucht, das Unbegreifliche zu fassen. Ihr Blick schwankt zwischen dem massiven Rücken des Mannes in Schwarz und dem erschöpften Wolf zu ihren Füßen.

 

Ein ungläubiges Zittern durchläuft ihren Körper. Elias - der dunkle Architekt, der Hohepriester der Schatten, vor dessen Kälte sie eben noch zurückgewichen ist - hat sich schützend vor sie gestellt. Er hat seine Hand gegen die Frau erhoben, die dieses gesamte Schreckensreich regiert.

 

Warum? Die Frage hämmert gegen ihre Schläfen wie ein unermüdlicher Schlag. Vor wenigen Augenblicken noch war sie davon überzeugt, in ihm ihren ultimativen Widersacher gefunden zu haben. Sie sah in seinem violetten Blick den Untergang und in seinem Schweigen das Ende jeder Hoffnung. Doch nun steht er dort, ein unbezwingbarer Fels in der Brandung aus Morganas Hass, und hat sie und Fenris vor der endgültigen Vernichtung bewahrt.

 

Morgana stößt ein letztes, giftiges Zischen aus. Ihre schattenhafte Gestalt scheint unter Elias’ autoritärer Geste zu zerfasern. Mit einem Blick voller ungesagter Drohungen und brennendem Verrat weicht sie zurück, verschmilzt mit den tanzenden Schatten der Seitenschiffe und verschwindet schließlich ganz, als hätte die Dunkelheit sie verschluckt.

 

Augenblicklich verändert sich die Atmosphäre in der Kathedrale. Die bleierne Schwere, die Lyra fast das Atmen unmöglich gemacht hat, löst sich auf. Die unnatürliche Kälte, die wie flüssiger Stickstoff durch das Kirchenschiff kroch, zieht sich in die tiefsten Winkel zurück. Es ist immer noch kühl, doch der eisige Griff, der nach ihrer Seele verlangte, ist gewichen. Die Luft schmeckt nicht mehr nach Grabesruhe, sondern nach staubigem Stein und altem Wachs - fast schon menschlich.

 

Lyra wagt es, einen Schritt auf Elias zuzugehen, doch sie hält respektvollen Abstand. Ihre Hand umklammert die silberne Münze in ihrer Tasche so fest, dass das Metall warm wird.

 

„Warum tust du das, Elias?“, flüstert sie, und ihre Stimme bricht in der hallenden Stille. „Vorhin in der Sakristei... da warst du die Stadt selbst. Du warst die Dunkelheit. Warum rettest du uns vor ihr, wenn du doch Teil von ihr bist?“

 

Elias rührt sich nicht sofort. Sein Umhang liegt nun schwer und ruhig um seine Schultern. Als er sich langsam zu ihr umdreht, ist sein Gesicht wieder diese makellose, attraktive Maske aus Marmor, doch in seinen Augen liegt ein Schatten von unendlicher Müdigkeit. Er sieht an ihr vorbei zu Fenris, der mühsam den Kopf hebt und den Mann beobachtet, der eben sein Leben rettete.

 

„Vielleicht“, sagt Elias leise, und seine Stimme klingt wie das Echo eines fernen Gewitters, „habe ich einfach zu lange zugesehen, wie die Schönheit an der Hässlichkeit zerbricht. Und vielleicht bin ich es leid, nur der Wächter eines leeren Theaters zu sein.“

 

Er blickt sie an, und für einen flüchtigen Moment droht die unerschütterliche Maske des unsterblichen Wächters zu zerbrechen. Was er ihr verschweigt, was er niemals in Worte fassen darf, ohne das Gefüge dieser verfluchten Realität endgültig zu zerreißen, ist das brennende Echo von Gefühlen, die in seiner versteinerten Brust erwacht sind. Er liebt sie. Es ist eine dunkle, hoffnungslose Liebe, die wie ein Fremdkörper in seinem Dasein pulsiert und ihn mit einer gefährlichen Schwäche infiziert.

 

Jeder Schlag seines Herzens, der eigentlich der Kälte Rosevils gehören sollte, gehört nun ihr. Er spürt das beinahe schmerzhafte Bedürfnis, ihr beizustehen, ihr den Weg zu ebnen und die Dornen beiseite zu räumen, die ihre zarten Hände zerfetzen. Er will ihr Licht sein, während er selbst in der Finsternis versinkt. Doch er ist ein Meister der Schatten und weiß um die grausame Mathematik des Schicksals: Diese Liebe ist eine Totgeburt, eine Tragödie, die bereits vor dem ersten Kuss besiegelt wurde.

 

Er weiß, was Lyra noch nicht ahnt. Wenn sie ihr Werk vollendet, wenn sie die Edelsteine in der Krypta zertrümmert und das Herz der Stadt zum Stillstand bringt, wird Rosevil nicht einfach nur aufhören zu existieren. Die Stadt wird in das Nichts kollabieren, aus dem sie einst hervorgebrochen ist. Und mit ihr wird alles vergehen, was aus ihrem schwarzen Blut erschaffen wurde.

 

Die Wächterin wird zu Asche zerfallen, ein bitterer Hauch in der Ewigkeit. Doch auch er, Elias, ist untrennbar mit den Steinen dieser Kathedrale verwoben. Wenn Lyra gewinnt, wenn sie ihre Freiheit und die Seele ihres Wolfes zurückfordert, wird von ihm nichts bleiben als ein fernes Echo in ihrem Gedächtnis. Er opfert sich selbst, indem er ihr hilft, das Ende seiner eigenen Existenz herbeizuführen.

 

„Geh jetzt, Lyra“, sagt er, und seine Stimme ist belegt von der Last des Unausgesprochenen. Er wendet den Blick ab, damit sie nicht sieht, wie sehr ihn die Sterblichkeit seiner Zuneigung entstellt. „Die Zeit der Worte ist vorbei. Die Krypta wartet nicht, und mein Schutz ist ein geliehenes Gut, das mit jeder Sekunde schwächer wird.“

 

Er spürt ihr Zögern, die stumme Frage in ihrem Blick, die er niemals beantworten wird. Er lässt sie ziehen, wohlwissend, dass jeder Schritt, den sie nun in die Tiefe macht, ihn der totalen Auslöschung näherbringt. Es ist die reinste Form der Hingabe: Die Zerstörung des eigenen Ichs für das Überleben des geliebten Wesens.